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M 288.

Donnerstag den 10. Dezember.

1874.

Die Herren Bürgermeister werden hier noch ausdrücklich auf die Polizeiverordnung Königlicher Regierung vom 18. v. D!ts. über das An- und Abmeldewesen, welche mit Nr. 284 dieses Blattes publizirt wurde, aufmerksam gemacht.

Hanau, am 8. December 1874.

L a g e s s ch L u.

— Berlin, 9. Dec. In der heutigen (27.) Sitzung des Deutschen Reichstags stand zunächst die dritte Berathung des von den Abgeordneten Dr. Baumgarten und Genossen vorgelegten Gesetzentwur­fes, betreffend die Volksvertretung in den Buadeèstaaten, auf der Ta­gesordnung. Nachdem der Antragsteller seinen Antrag in längerer Rede befürwortet hatte, wurde derselbe angenommen. Hierauf folgten bis zum Schluffe des Blattes Wahlprüfungen. <R. u. st. st.)

— Der „Schw. Merk." schreibt: Die Ultramontanen können die beiden Reichstagssitzungen vom 4. und 5. Dez. nur zu ihren allerun­glücklichsten Tagen rechnen. Sie hatten geglaubt, sich für schwere Schläge, welche ihre Politik soeben erlitten — die Einziehung des deutschen Gesandtschaftspostens beim päpstlichen Stuhl, die Zurdisposi­tionstellung eines preuß. Oberbeamten, der nicht nachdrücklich genug die Maigesetze gehandhabt — ein wenig revanchiren zu können, indem sie den Versuch machten, den Reichskanzler durch Hohn und Spott zum Aenßersten zu reizen. Und nun ist die Sache so ganz zu ihrem Scha­den ausgefallen! Die Hoffnung auf praktische politische Erfolge hatten sie ja wohl aufgegeben, obgleich sie eben noch für politische Kinder das Märchen von eitlem Annäherungsversuch Bismarcks an den Vatikan, an das sie selbst nicht glaubten, verbreiteten. Dafür suchten sie, da sie den Lauf der Dinge doch nicht äufhalten konnten, wenigstens ihr Müth- chen zu kühlen an dem Manne, der ihnen der verhaßteste auf dem Er­denrunde. Und das wurde so plump und ungeschickt als möglich ange­griffen! Man muß die Widerwärtigkeit auf sich nehmen, Jörgs Rede im Wortlaut nachzulesen, wenn man sich überzeugen will, wie dieser Redner das Kissinger Attentat auf die gewaltsamste Weise, ohne irgend einen Anlaß oder nothwendigen Zusammenhang, in seine Ausführungen hineinverflocht: „Zu der Zeit, als wegen des verwegenen Verbrechens eines halbverrückten Menschen ein guter Theil der Deutschen geradezu in's Delirium gerathen war, fiel die spanische Jnterventionsfrage vom Himmel" . . . Nun, Bismarck ist ihm auf die Anspielung eine recht deutliche Antwort nicht schuldig geblieben, und er erklärte sich überdies bereit, „das Gespräch über dieses Thema, sofern Sie es wünschen, je­derzeit wieder aufzunehmen; ich fürchte dasselbe nicht." Die Herren hatten bei ihrem Angriff vergessen, daß es in Bismarcks Gewohnheit liegt, gegen seine Feinde immer noch einen Pfeil im Köcher bereit zu halten, wenn diese längst das letzte Geschoß versendet haben. So trat er denn mit der ganz neuen Enthüllung hervor, daß Kullmann die Zentrumsfraktion im Reichstag „seine Fraktion" genannt; dazu fügte er den ausdrücklichen Hinweis, daß der Attentäter sich mit Redensarten getragen, die er nur „irgendwo in Vereinen aufgeschnappt" haben konnte, und nannte den Pfarrer, der Kullmann „gehetzt." Da konnten freilich Windthorst's Witze nichts mehr helfen, und die Hinweisung auf eine so alltägliche und klägliche Sache, wie erhaltene Drohbriefe, auf welche sich Windthorst berief, um die Gefahren geringer erscheinen zu lassen, welche Bièmarck'S Leben schon mehrfach so nahe bedroht haben, war erne Redewendung, die in ihrer Wirkung sticht verfehlter sein konnte. Bismark bat aber in der nächstfolgenden Sitzustg von der schon ancst- führten Gewohnheit, immer noch ein kräftiges Argument für seirie Geg­ner aufzusparen, einen noch erfolg- kicheren Gebrauch, als im ersten Fall gemacht durch die Enthüllungen über den Zusammenhang des Kriegs- ausbluchs im Jahre 1870 mit den jesuitischen Planen und durch die wcrttherluttg dessen, was einer der höchsten kirchlichen Würdenträger, em ^Nuntius, über die geheimen Plane und Hoffnungen der päpstlichen

ewsmals aus der Schule geplaudert. So deutlich und von so autorrstrter Stelle war der wahre Hutung des Kriegs gegen Deutsch-

nic bezeichnet, und ein so schlagendes Beispiel für die hier- archilchen Anschauungen über däs Wesen der Revolution war noch nicht aufgestellt worden! — In dieser gründlichen Weise ist am 4. und 5.

ber Angriff der Ultcamontauen auf Den Leiter der deutschen Reichr- h ^M gescheitert; des Schadens gar nicht zu gedenken, oen sich die klerikalen Führer dadurch zugefügt haben, daß eine Menge

ihrer eigenen Konfessions- und selbst Parteigenossen durch diese Vor­gänge ohne Zweifel ernüchtert worden sind und eingesehen haben, von wem sie sich seither haben leiten lassen.

— Berlin, 8. Dez. Der Beschluß, das deutsche Reich fortan nicht mehr beim päpstlichen Stuhle vertreten zu lassen, hat, wie die „Weser Ztg." hört, unter den liberalen bayerischen Reichstagsabgeord­neten den Vorsatz angeregt, auch auf die Entfernung des entsprechenden Postens aus dem bayerischen Etat zu dringen. Bayern ist der einzige deutsche Staat, welcher noch immer eine Gesandtschaft im Vatican un­terhält, deren Chef der Graf Tauffkirchen ist. Es muß in Anbetracht des herrschenden Verhältnisses zwischen dem deutschen Reiche und dem päpstlichen Stuhle als eine Sache des politischen Anstandes betrachtet werden, daß ein Partikularstaat nicht eine Vertretung aufrecht erhält, welche das Gesammtreich nicht mehr glaubt sortieren zu können. Selbstverständlich ist jedoch das Verhalten der bayerischen Regierung in dieser Angelegenheit lediglich ihre Sache und zu einem Zwange oder auch nur einer Einwirkung auf ihre Entschlüsse in der Reichsverfassung kein Anhalt gegeben. Das diplomatische Corps im Vatican ist übrigens nachgerade auf ein äußerst bescheidenes Maß herabgesunken, nachdem neuerdings auch England seinen officiösen diplomatischen Agenten Mr. Gervoise abgerufen hat, und Rußland, wie bereits mehrfach angedeutet wurde, diesem Beispiel bald zu folgen gedenkt. Faktisch und officiell sind jetzt nur Frankreich, Oesterreich, einige kleinere katholische Staaten, wie Belgien und Portugal, und eine Anzahl südamerikamscher Repu­bliken im Vatican vertreten. (St»)

— Es bestätigt sich, so schreibt das „Berl. Tagebl.", daß die Dienstenthebung des Herrn von Nordenflycht von einer anderen Stelle als der ihm unmittelbar vorgesetzten beantragt worden ist. Das Ver­hältniß des bisherigen Oberpräsidenten zum Minister des Innern hat bis zum letzten Augenblicke auf gegenseitigem Einvernehmen beruht, während der Kultusminister Dr. Falk bereits seit längerer Zeit schon auf die bedenkliche Haltung des hohen Beamten dem katholischen Klerus gegenüber hinwies. Daß die jetzt erfolgte Entscheidung nicht schon früher eintrat, soll darin seinen Grund haben, daß man Herrn von Nordenflycht keine eigentliche Abneigung gegen den Inhalt der Mai­gesetze zugetraut habe, sondern habe abwarten wollen, ob seine laxere Handhabung derselben wirklich besänftigend auf den Widerstand deS Klerus wirken werde. Erst nachdem die Erfahrung das Gegentheil er­wiesen, habe sich die Nothwendigkeit her ausgestellt, die Zügel des Ver­waltungsregiments in Schlesien in andere Hände zu legen. Wie sehr aber Hr. v. Nordenflycht vom Klerus hochgeschätzt worden, ergibt sich noch daraus, daß der Fürstbischof von Breslau gleich nach seiner Znr- Disposition-Stellung mehrere Stunden in vertraulicher Unterredung mit ihm zugebracht hat.

Patent-Erthetlung.

Der Deutschen Werkzeugmaschinenfabrik (vormals Sondermann und Stier) zu Chemnitz unter dem 6. Dezember 1874 auf eine Mut­terdrehbank in der durch Zeichnung und Beschreibung nachgewiesenen Zusammensetzung und ohne Jemanden in der Anwendung bekannter Theile zu behindern,

auf drei Jahre, für den Umfang des preußischen Staates.

— Stuttgart, 6. Dec. Diesen Nachmittag fand das Leichen- begängniß des am Donnerstag verstorbenen RMèanwalts Dr. Gottlob Täfel, des Seniors der Würtrembärgrschest Bdlkspartei, langjährigen Abgeordneten zur 2 Kammer, der 3 verfassungsberathenden Landes­versammlungen, des Frankfurter Parlaments und des Zollparlaments statt. Der endlose Zug derer, die dem Manne des Volks die letzte Ehre erwiesen, gehörte zu den seltenen, wie sie nur ganz hervorragen­den und von der allgemeines! Achtung getragenen Männern zu Theil wurden. Man sah dabei Männer aller politischen Parteien, die Kö- ryphäen der Partei seiner polit schen Gegner, die doch nicht umhin konnten, dem Ehrenmann und Patrioten Tafel die letzte Ehre zu er­weisen. Er war unter allen Umständen konsequent Volksmann und Demokrat geblieben und hätte si h nie durch augenblickliche Stimmungen zu einer Aenderung bequemt. E. war Mitglied des Vorparlaments, der Frankfurter Nat onalversammlung und des Rumpfparlaments in Stuttgart. Als sein alter Freund Römer das letztere sprengte, brach er, sowie Uhland und andere, mit Römer. 1833 nicht in die Kammer