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Mittwoch den 25. November.

1874.

Den Herrn Ortsvorständen dient zur Nachricht, daß die hiesige Waisenhausbuchdruckerei die Formulare für Klassensteuer-Listen, Zu- und Abgangs-Beläge und dergleichen in der Steuerverwaltung erfor­derlichen Papiere nicht mehr vorräthig hat und ein etwaiger Bedarf von jetzt ab direct von der Hof- und Waisenhaus-Buchdruckerei in Cassel zu beziehen ist.

Hanau, am 19. November 1874.

Gefunden: Ein Sack mit Kartoffeln. Zwei Charivari von Gold (Schippe und Bickel vorstellend.) Ein Portemonnaie, enthaltend 2 st. 47 kr. Ein Strickzeug. Ein Kinderhandschuh. Ein Muff.

Verloren: Eine Pferdedecke.

Hanau, am 25. November 1874.____________________________

Tagesschau.

Berlin, 24. Nov. In der heutigen (16.) Sitzung des Deutschen Reichstags stand die erste Berathung der Justizgesetze als einziger Gegenstand auf der Tagesordnung. Vor dem Eintritt in die­selbe wurde ein Schreiben des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck verlesen, daß das bei dem Appellationsgerichte zu Hamm wider den Abg. Franssen schwebende Strafverfahren für die Dauer der gegenwär­tigen Session eingestellt sei, und mitgetheilt, daß an Stelle des ausge­schiedenen Abg. Dr. Lasker der Abg. Gumbrecht zum Mitgliede der Budgetkommission gewählt worden sei. Hierauf legten der Justiz- Minister Dr. Leonhardt, der württembergische Staats-Minister v. Mitt- nacht und der bayerische Justiz-Minister Dr. V. Fäustle in eingehender Weise die Gesichtspunkte dar, welche die verbündeten Regierungen bei der Ausarbeitung der zur Berathung stehenden Gesetzentwürfe geleitet haben Alsdann erhielt Abg. Dr. Lasker das Wort zu einem Vor­trage, der bei Schluß des Blattes noch fortdauerte. (». u. ®t. «a

Der Abg. Prosch (Mecklenburg) hat, unterstützt durch 121 Reichstagskollegen, darunter Chevalier, Elben, Frisch, Gaupp, Mayer (Heilbronn), Müller (Stuttgart), einen Antrag beim Reichstag einge­bracht, worin derselbe ersucht wird, einem Gesetzentwürfe von folgenden 2 §§. seine Zustimmung zu ertheilen: §. 1. Das Alter der Großjährig­keit beginnt im ganzen Umfange des D. Reiches mit dem vollendeten 21. Lebensjahre. §. 2. Dieses Gesetz tritt mit dem 1. Jan. 1876 in Kraft. In den Motiven wird hervorgehoben, daß von allen deutschen Staaten nur noch beide Mecklenburg und Lippe dem genannten Groß­jährigkeitstermin sich widersetzen, und daß bei der Eigenthümlichkeit der dortigen Zustände einereichsgesetzliche Nöthigung" sehr wohl am Platze sei.

Ein Feuilletonist derSchl. Ztg." erzählt in seinem Berichte über das dem Kaiser und dem Kronprinzen zu Ehren veranstaltete Diner zu Ohlau, der Kronprinz sei guter Laune gewesen und habe verschiedene witzige Bemerkungen gemacht. Mit einem Herrn in einem Gespräch über Ventilation begriffen, wandte er sich plötzlich an einen geift^ lichen Herrn mit der Frage:Wie denken Sie über Ventilation? Ein frischer Luftzug kann auch der Kirche nicht schaden."

Wien, 21. Nov. Ein ebenso lehrreiches, als pikantes In­termezzo, welches sich dieser Tage zwischen Minister und Abgeordneten abspielte, verdient in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Es handelt sich um das diesjährige Erforderniß für den Bau der beiden Häuser des Reichsrathes. Der Referent in dieser Sache, Abg. Dr. Kuranda, erklärte, er habe vom Bauleiter erfahren, daß für den Bau die bewilligten 8 Millionen nicht genügen würden, sondern daß derselbe auf fünfzehn Millionen zu stehen kommen werde. Dr. Kuranda machte hierüber der Regierung Vorwürfe, was den Minister, Freih. v. Lasser, aus der Kontenance zu bringen schien, und er bemerkte unter Anderem, er werde den betreffenden Beamten wegen jener Indiskretion zur Ver­antwortung zu ziehen wissen. Diese Aeußerung gefiel wieder dem Ab­geordneten nicht, welcher mit Entschiedenheit gegen eine solche Drohung gegen den Beamten protestirte. Dr. Kuranda bemerkte beiläufig, er wolle annehmen, daß der Minister die Drohung nur im Eifer der Diskussion ausgesprochen habe. Ein Amtsgeheimniß könne in solcher Beziehung nicht vorliegen, und sonst sei jeder Beamte des Staates ver­pflichtet, dem Referenten des Abgeordnetenhauses die gewünschte Aus­

kunft nach bestem Wissen und Gewissen zu geben. Referent hoffte des­halb, es sei dem Minister mit jener Drohung nicht ernst gewesen, und daß er mithin wohl keine Disziplinaruntersuchung gegen jenen Beamten einleiten werde. Wirklich versuchte Herr v. Lasser hierauf dem Vorfälle eine scherzhafte Wendung zu geben. Der Minister meinte, da die Jour­nale ohnedies mit solcher Genauigkeit alles dem Publikum erzählten, was in den Ausschüssen vorgehe, so werde auch jener Beamte diese Vorgänge erfahren, und sich im Bewußtsein seiner Schuld selbst stellen. Das ist zwar bis nun, so viel ich erfahren, nicht erfolgt, aber das Ab­geordnetenhaus hat auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege kleiner Mittheilungen die Erfahrung gemacht, daß es zu den bewilligten 8 Millionen, noch weitere 7 Millionen, und später vielleicht noch mehr, zum Bau der beiden Häuser des Reichsraths wird hergeben können.

(Schw. Merkur.)

St. Petersburg, 22. Nov. Das Budget pro 1875 wird nach zuverlässigen Mittheilungen mit einem bedeutenderen Ueberschuß, als bisher erwartet worden, abschließen. Dasselbe wird eine recht gün­stige Finanzlage konstatiren. Die auswärtigen Zeitungsmittheilungen über eine angeblich entdeckte Verschwörung erregen hier Verwunderung; Niemand bis in die höchsten Gefellschastsschichten hinauf weiß etwas, was solchen Nachrichten irgend zu Grunde liegen könnte; nirgends ver­lautete etwas von Verhaftungen aus derartigen politischen Anlässen. Die Widersetzlichkeiten der Zöglinge der medicinischen Akademie haben aufgehört; aus dem technologischen Institut sind 20 Schüler ausge­schlossen und ist auch dort damit das für den Unterricht erforderliche Verhältniß hergestellt.

London, 21. Nov. DerSchw. Merk." schreibt: Ein Un­glück kommt selten allein und so haben sich nach dem alten Sprüchworte 3 Unglücksfälle zu gleicher Zeit ereignet. Der erste ereignete sich auf der Clyde, wo der Dampfer Duke of Leicester ein zu dem Kriegsschiffe Aurora gehöriges Boot in den Grund bohrte. Trotz aller Anstrengung gelang es nur 14 von den 29 Menschenleben zu retten. Glücklicher, was den Verlust an Menschenleben betrifft, ist der Zusammenstoß auf dem Mersey abgelaufen. Doch sanken dort beide Schiffe, die zusam- mengerathen waren, ein Dampfer und eine Barke. Die Mannschaften wurden zum größten Theile gerettet, doch werden bis jetzt noch mehrere Matrosen vermißt. Am gräßlichsten ist das Unglück, welches die Kohlen­grubenexplosion bei Rotherham angerichtet hat. Von den 30 Männern und Knaben, die in der Abtheilung arbeiteten, in welcher die Explosion erfolgt ist, sind nur 4 mit dem Leben davongekommen, und von diesen sind zwei so stark verletzt, daß ihr Auskommen bezweifelt wird. Die Ursache dieses Unglücks ist noch unbekannt.

London, 24. Nov. In einer Vorlesung, welche Sir Tho­mas Chambers gestern in Exeter Hall über die englische Konstitution hielt, hob derselbe den protestantischen Charakter der englischen Verfas­sung hervor, und nahm dabei Veranlassung, auszusprechen, daß der Deutsche Kaiser und Fürst Bismarck wegen ihrer unerschrockenen Ver­theidigung der staatlichen Rechte deutscher Bürger gegen die Anmaßungen Roms die herzlichsten Sympathien aller Protestanten verdienten.

Rom, 23. Nov. Heute wurde die Kammer eröffnet. In der Thronrede dankt der König zunächst für die Beweise der Anhäng­lichkeit gelegentlich seines 25jährigen Regierungsjubiläums, spricht so­dann die Hoffnung aus, die neue Legislatur werde eifrig das Werk der Reorganisation des Staates fördern und kündigt die Vorlage eines neuen Strafgesetzes an, ferner eines Gesetzes über Handelsgesellschaften und eines andern zur Förderung der öffentlichen Sicherheit in einigen Provinzen. Der König bespricht mit Interesse die Organisirung der Armee und Marine, kündigt Reorganisirungs-Gesetzentwürfe für mehrere Steuern an und betont die Nothwendigkeit bloß die dringlichen Aus­gaben zu machen und Maßnahmen zur Bestreitung derselben zu treffen; auf solche Weise werde das Gleichgewicht des Budgets erreicht und die edle Opferwilligkeit des Volkes erleichtert. Der König betont die gu­ten Beziehungen zu den auswärtigen Mächten, welche der Mäßigung und Festigkeit des italienischen Volkes zu danken seien.Freiheit mit Ordnung verbunden vermag die schwierigsten Aufgaben zu lösen." Fer­ner erwähnt der König seiner beständigen Sorgfalt für die minder be-