anwalt, daß aus der geführten Voruntersuchung folgende Thatsachen hrrvorgchm:
§. 1. Am 4. Juli d. I. traf der deutsche Reichskanzler, Fürst v. Bismarck, zum Kurgebrauche in Kissingen ein und nahm dort {eint Wohnung in dem am rechten Ufer der Saale, nördlich von der ibes diesen Fluß führenden Brücke gelegenen Hause les praktischen Arztes Dr Edmund Diruf jun. In den zu diesem Hau'e gehörigen Hofraum gelangt man von der Straße durch eine Einfahrt. Mittags zwischen 1 und 2 Uhr fuhr der Fürst regelmäßig nach dem Salinenbade, und tu dieser Zeit versammelte sich vor dem Hause täglich eine große Menge von Kurgästen unb anderen Leuten, um den Fürsten zu sehen und zu begrüßen. Dies war auch am Montag den 13. Juli der Fall. An diesem Tage verließ Fürst Bismarck gegen halb 2 Uhr in offenem Wagen seine Wohnung. Der Wagen war ebcndurch die Einfahrt auf die Wtraße gelangt und halte in der Richtung nach rechts gegen die Brücke eingebogen, als aus dem versammelten Publikum heraus ein junger Mann hnfé an den Wagen hinsprang und aus einer Entfernung von 1—14 Schritten, nach dem Kopfe des Fürsten zielend, eine Pistole abschoß. Glücklicherweise verfehlte zwar der Schuß sein Ziel, der Fürst hatte jedoch in äußerster Lebensgefahr geschwebt, denn die zweifellos scharfe Ladung war hart an dessen Kopf vorübergefahren und hatte seine zum Gruße erhobene, nach dem Hute greifende rechte Hand gestreift. An dieser, und zwar an der inneren Fläche der Handwurzel, zwei bis drei Cmtimeter von einander entfernt, fanden sich bei der im Verlaufe des Nachmittags vorgenommcnen Wundbeschau zwei Verletzungen, von denen die eine nach übereinstimmendem ärztlichen Gutachten offenbar von einem Projektil hrrrührte, und es darf nicht unerwähnt bleiben, daß selbst diese Streifwunde, sofern sie nur £ bis 4 Linie tiefer emgedrungen, für den Fürsten sehr vcrhängnißvoll ge- worden wäre, daß in diesem Falle eine Verletzung der Pulsader stattgcstmdrn hätte. Die andere Wunde war durch den Anprall des brennenden Schießpfropfens verursacht. Außerdem zeigte sich noch, vermuthlich durch Streifen eines Pfrep'en hervorgebracht, eine leichte Verletzung an der linken Seite der Nasenspitze deS Fürsten und weiter im Gesichte waren an einigen Stellen schwarze Pünktchen — Pulverkörner — bemerkbar. Die beiden erstbezeichneten VerlcKun- gen machten eine mehrwöchentliche wundärztliche Behandlung nöthig und von deren Folgen war der Fürst selbst bei seiner Abreise von Kissingen am 12. August noch nicht völlig wieder hcrgcsteltt.
§ 2. Nach abgegebenem Schusse eilte der Attentäter rückwärts um den Wagen heâmr und suchte auf der rechten Seite desselben zu entkommen, wobei er die Pistole von sich warf. Während er an dem auf dem Bocke gebliebenen Hofkutscher Sebastian Schmid Vorüberspranz,, versetzte ihn; dieser einen derben Peitschenhieb. Darauf wurèc er von mehreren der in hohem Grade entrüsteten und erbitterten Augenzeugen des ruchlosen Attentats festgehalten und durch die herScigekoMmenen DicherhcitSorgane in das laudgerichtliche Ec- fängniß zu Kissingen abgesührt Dort gab er sich sofort als der Böttchergeselle Eduard Franz Ludwig Kullmann aus Neustadt- Magdeburg zu erkennen. Er ist am 14. Juli 3853 geboren und der Sohn eines ganz unbemittelten Fischhändlers. Nach seiner Entlasstmg aus der Volksschule erlernte er bei dem Meester August Welsch zu Neustadt-Magdeburg das Böttcher- Handwerk. Im Januar 1872 begab er sich in die Fremde und arbeitete an verschiedenen Orten, namentlich in Tangermünde, Berlin, Charlottenburg, Lüneburg, Walzwedei und in Sudenburg Magdeburg. Der Ausemhalt in Saüwcdel insbesondere fiel in die Zeit von Mitte März bis 9. Juli 1873, jener in Sudenburg in die Zeit von August 1873 bis 26 Mai 1874. Der Leumund des An- aeèla^tm ist keineswegs ungetrübt Schon von Jugend auf zeigte er sich roh, frech, trotzig, widerspenstig, heimtückisch, rachsüchtig, und ohne Sinn für Relig-on Schon als Lehrling ging er gern mit Schußwaffen um, kaufte sich damals schon ein Terzerol und schoß häufig mit solchem. Dasselbe wurde ihm später von seinem Meister abxe- nommen. Als Geselle führte er ein Dollhuukscr, sogenannten Genickfänger- er bedientcsich dessen bei seinen häufigenRaufcreien. Dieses wurde später gerichtlich einaezogm. Seine rachsüchtige Gemüthsart gab Kullmann schon als Lehrling kund, indem er iur Zorn nach seinem Rebengesellen Gustav Weiss einen scharfen Böttchrifchnitzer warf. Zu Charlottenburg versetzte Kullmann im Juli 1872 seinem Sulin- gesellen Karl Otto aus geringfügigem Anlasse mit seinem Taschenmesser zwei beträchtliche Stiche in den Rücken. Seine Bestrafung deswegen unterblieb, weil Otto bcn von ihm gestellten Strafantrag noch in der Gereckt Verhandlung zurückzog. In Salzwcdcl griff Kullmann den Böttchcrgeselten Friedrich Günther ebenfalls mit feinem Messer an und Letzterer wurde nur durch das Dazwischentreten eines Ulanen aus der drohenden Gefahr befreit, worauf aber Kullmann den Ulanen mit feinem Messer am Munde verwundete
, Im September 1873 überfiel Kullmann zu Neustadt-Magdeburg den Bruder leinte früheren Lehrmeisters, Philipp Welsch, aus reiner Rachsucht und brachte diesem mit seinem erwähnten Dolchmcsscr vcr- schledene Stiche bei, weshalb er nach dem Urtheile des Stadt- und Kreesgerechtes vom 7. Okiobcr v. I. mit dreimonatlichem Gefängniß bestraft wurde. Sein Rachegrfühl gegen die Brüder Welsch wurde durch diese strafe nur gesteigert Roch im Februar 1874 insuitirte er auf einem Batte der Böttchergcs-llen zu Neustadt - Magdeburg
seinen Lehrmeister August Welsch. Er wurde deshalb von den Gesellen Schüle und Ierich mit Gewalt aus dem Lokale entfernt, wobei Letzterer bemerkte, daß Kullmann in seiner Tasche eine Pistole führte. Später nahm Kullmann dafür an dem Gesellen Ierich dadurch Rache, daß er denselben in der Wirthschaft zur »Tonhalle« ebenfalls mißhandelte.'
§. 3 Während seines Aufenthalts zu Salzwedel wurde Kull- mann Mitglied des dortigen katholischen Männerver- eins. ES könnte auffallen, wie Kullmann bei seinem schon geschilderten Mangel an Religion nun plötzlich in diese anscheinend religiöse Strömung gcrieth. Den ersten Reiz, dem genannten Vereine bei- zutrctcn, mag für Kullmann wohl der Umstand geübt haben, daß man dort billiges Bier und wohlfeile Cigarren haben konnte. Nachdem er aber einmal Mitglied des Vereins geworden, lebte er sich mehr und mehr in diese scheinbar religiöse Richtung hinein, der indessen jeder sittliche Ernst umsomebr gebrach , als gerade vor seinem Aufenthalte in Salzwedel feine Rachsucht und Rauflust in verstärktem Maße zu Tage trat. Die aufreizenden Vorträge des Pfarrers Stormann, welche Kullmann im Vereine gehört haben mochte, die dort zur Verbreitung gelangten Flugblätter, das Lesen von Zeitungen verschiedener Richtung und Tendenz mit ihrer gegenseitigen Polemik über das Iesuitcngesetz und eie späteren preußischen Kirchenzesetze, dazu die Regie- rungsmaßregein gegen einzelne Bischöfe und Geistliche riefen aber nach und nach in Kullmann eine Stimmung hervor, die ihn gegen alle Acte der Staatsgewalt in der verbissensten Weise Partei nehmen lief. Bon solchen Gesinnungen erfüllt, betrachtete er mit der Zeit den Reichskanzler Fürsten Bismarck als den ärgsten Feind der katholischen Kirche, er schimpfte über denselben, wo er Gelegenheit dazu hatte, und es sind insbesondere fol- gende Äußerungen aktenmäßig: »Biömarck ist ein liberaler Schuft, ein liberaler Philister/ von oben herab wird gewühlt und Bismarck ist der Wühler/ Bièmarck mit seinen drei Haaren hat die Jesuiten aus dem Lande vertrieben, wenn er sich noch drei Haare wachsen läßt, wird er sie wieder herein holen/ das nützt ihm Alles nichts.« Allmälig wurde Kullmann auch mit dem Gedanken an Mord veriraut. So äußerte er zu feinem Mitgescllcn Pieper in Sudenburg: »Wenn es einmal dahin käme, daß ihr Pastor ein Wort zu zu viel sagte und er abgeführt werden sollte, dann würde der, welcher ihn abführe, fallen und er mit.« Schon in Salzwede! hatte Kullmann sich eine neue einläufige Pistole gesaust, dieulbe, welche ihm bei dem Attentate gegen den Fürsten Bismarck als Mordwaffe diente, und mit fol&er übte er sich zum Oeficrn im Schießen nach Vögeln und anderen Gegenständen. Von dem Aufenthalte in Salzirrdel datieren ferner auch die vorn aufgesührten Aeußerungen Kullmann's, die sich im weitern Verlaufe zu bestimmten Mordgedanken gegen den Fürsten Bismarck ausprägten. Er gesteht selbst zu, daß er bereits um Ostern d. I. den Entschluß gefaßt habe, den Fürsten zu tödten. Um jene Zeit äußerte er denn auch zu dem Zeugen Ernst Meisner mit Bezug auf feine Pistoic: »Das Ding hat seinen Zrveck und wird ibn auch erreichen.« Ferner gc^cn den Böt!chergescllen Karl Dörr: »Ehe ich sterbe, mirb noch ein Anderer satten.«
§ 4. Um sein Vorhaben, den Fürsten Bismarck zu tödten, auè- zuführcn, reiste Kullmann, mit der in Salzwedel gekauften Pistole versehen, am 29. Mai d. I. von Sudenburg auf der Eisenbahn nach Berlin ab. Vor der Wcgfahrè schoß er seine Pistole nochmals im Garten seines Meisters Wick ab, um sich zu vergewissern, ob dieselbe nickt versage. Im Bahnhöfe ließ er sich damals gegen den Döttcher- gefrllcn Bruskorrus verlauten: »er wolle nach Berlin, um den Bismarck aufjufuchen«. In Berlin kaufte sich SuHmann bald nach seiner Ankunft die nöthige Schirßmunition für die Ausführung des geplanten Mordes, inèbesoirdcic sechs Rehposten. Alleindamals verfehlte Kullmann feinen Reisczwcch denn Fürst Bismarck reiste wenige Tage später, am 31 Mai, Morgens nach Varzin ab. Eine B-gcgnung mit dem Fürsten war hierdurch für Kullmann vereitelt. Er trat nun, ohne übrigens seine MordgMnM arifzugeben, und um einigen Verdienst zu haben, zunächst bei dem Böltchermeistcr Geisler in Berlin und dann bei dem Meister Satubl zu Potsdam in Arbeit. In letzterer Stadt, auf der sogenannten christlichen Herberge, ließ Kullmann nach Angabe deS Zeugen Kanncbei im Gespräch die Aeußerung fallen: »Mein« Hand ist zu ehraS Anderem bestimmt und ich führe es auch aus.« Mit hem Bötickcrgesellcn Siufluh Schulze wanderte Kullmann am 19. Juni von Potsdam weg nach Sansershausen, wo Beide vom 23. Juni an bei dem Böttcher Dascler in Arbeit traten. Bei dem Besuche der am Johannistage dort üblichen ZohamüSfeier schoß er mit Schulze auch aus feiner Pistole. erwiderte aber auf das Verlangen des Schulze, nochural« tu schief m, daß er das Pulver zu anderen Ziveckcir gebrauchen könne. In einem Tischkasten in der Schiafkammcr, welche Kullmann mit Schuize und dem Sohne deS Börtchers Daseler gemeinsam benufte ( lagen einige größere Rehposten. Ueber diese tut Vergleiche zu den von Berlin mitgebrachten äußerte Kullniann, jene seien schon groß genug, um Einem damit das Lebenslicht auszu- blafen' übrigens nahm Kullmann die in dem Tischkasten vorgefun-