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M 241. Freitag den 16. Oktober. 1874.

T a g es s Ä a u.

Berlin, 14. Okt. Von verschiedenen Seiten wird die Nach­richt colportirt, daß der gegen den Grafen Arnim angestrengte Prozeß nicht vor der Oeffentlichkeit, sondern im Geheimen zum Austrag ge­bracht werden würde. Nach unseren darüber eingezogenen Informatio­nen ist diese Auffassung der Sachlage eine durchaus irrige, da Nieman­dem mehr als dem Reichskanzler und den Leitern unserer Politik daran gelegen ist, den klaren Sachverhalt vor aller Welt offen dargelegt zu wissen. Von Seiten des Untersuchungsrichters wird Alles beschleu­nigt, um gegen den Grafen Arnim den öffentlichen Prozeß einleiten zu können. (Sri--)

Dem Reichskanzler Fürsten von Bismarck ist nachträglich eine Adresse derSüdaustralischen Protestantenassociation" durch ihren Sekre­tär, Herrn John Griffiths, d. d. Adelaide, 13. August, zugegangen, in welcher Se. Durchlaucht zu dem Mißlingen des Kullmannschen At­tentats in theilnehmenden Worten beglückwünscht wird.

Berlin, 15. Okt. Der General-Intendant der Königlichen Schauspiele, Kammerherr von Hülsen, begibt sich heute Abend in Folge Ablebens des Königlichen Theater-Intendanten von Carlshausen, nach Cassel.

DieNordd. Allg. Ztg." wendet sich in scharfer Weise gegen die protestantischen Geistlichen in den alten preuß. Provinzen, welche wie früher gegen das Cwilehègesetz, so neuerdings gegen die vom evang. Oberkirchenrath ergangenen Erlasse wegen Abänderungen der kirchlichen Trauungsordnung agitiren. Sie sagt u. a.: In den alten Provinzen scheint die böse Aussaat derKreuzz." auf der vor einigen Tagen ge­haltenen Gnadauer Konferenz einen empfänglichen Boden gefunden zu haben. Sind hier, wie dieKreuzz." berichtet, in der That zahlreiche Geistliche zu einer Organisation des Ungehorsams gegen die formell und materiell unanfechtbaren mit königlicher Ermächtigung ergangenen An­ordnungen der obersten Kirchenbehörde geschritten, so glauben wir uns versichert halten zu können, daß über dieses frivole Gebühren energische und rasche Zucht ergehen wird. Die verhätschelten Kinder einer frühe­ren Epoche müssen es endlich erfahren, daß sie Diener, nicht Herren in der Kirche sind. Das Beispiel der Ueberwindung eines gleichartigen Ungehorsams und geistlichen Hochmuths in der Provinz Hessen wird auch für die alten Provinzen unverloren sein.

Berlin, 13. Okt. Der zweite Punkt der Tagesordnung der gestrigen Sitzung des Bäcker-Kongresses umfaßte die Stellung des Bäckergewerks zum Gewerbegesetz. Bezüglich des §. 73 der Gewerbe­ordnung, welcher den Ortspolizeibehörden das Recht gibt, die Bäcker und Verkäufer von Backwaaren zur Auèhängung von Taxen zu zwingen, wurde beschlossen, daß jede einzelne Innung beim Reichstage um Auf­hebung desselben petitioniren solle; das Gesellen und Lehrlingswesen wurde dem Centralverbande zur Vorbereitung überwiesen, die Einfüh­rung von Kontrolbüchern für die Gesellen sowie die Errichtung von Lehrlingsschulen als wünschenswerth bezeichnet und die Regelung der Kündigungsfrist im Arbeitsverhältniß der Gesellen dem Ermessen jeder einzelnen Korporation überlassen. In der heutigen Sitzung wurde einstimmig beschlossen, einen Central-Verband der gewerbtreibenden Bäcker Deutschlands zu gründen und demselben den NamenGermania", Ver­band gewerbetreibender Bäcker in Deutschland", zu geben. Zweck des Verbandes sind^ Hebung des Gewerbes und Förderung gemeinsamer Interessen; insbesondere gegenseitiger Schutz und Gemeinschaft bei Re­gelung des Arbeitsverhältnisses zwischen Meistern, Gesellen und Lehr­lingen; Abhaltung von Verbandstagen; Gemeinsame Stiftungen und Preisausschreibungen ; Erlaß von Petitionen, Gutachten und Vorstel­lungen an die Gesetzgebungsfaktoren, an Staats- und Kommnnalbehör- den; Durchführung einer einheitlichen Kontrole über die Gesellen und Lehrlinge in Deutschland ; Benutzung der Presse bei periodischer Heraus­gabe von statistischen Berichten und Aussätzen an die zum Verbände ge­hörenden Innungen und Vereine; Gründung einer Centralkasse und ei­nes Centralarchives.

Posen, 13. Okt. Die Regierung in Bromberg hat, wie die T. N." melden, die Schließung der Kleinkinder-Bewahranstalt in Gnesen, welche von barmherzigen Schwester n geleite t wurde, angeordnet.

Eine nochmalige Untersuchung wegen Unordnungen in der Kasse der barmherzigen Schwestern in Gnesen ist höheren Orts angeordnet.

B rauns ch weig, 14. Okt. Staats-Minister von Campe ist heute Nachmittag in Folge einer Operation gestorben.

S chri mm, 14. Okt. Vor dem hiesigen Kreisgericht fanden heute b:e Verhandlungen in der Untersuchungssache wegen der in Xions bei Uebergabe der dortigen Propstei an Kubeczak vorgekommenen Ruhe­störungen statt. Von den 8 Angeschuldigten wurden 7 zu 14 Tagen bis 3 Monaten Gefängniß verurthellt und einer freigesprochen.

Straßburg, 13. Oktbr. DasEls. Journ." schreibt: In unserer Sonntagsnummer haben wir die im Umlauf befindlichen ziem­lich bestimmten Gerüchte erwähnt, nach welchen die Rede davon wäre, Elsaß-Lothringen eine Landesvertretung zu gewähren. Diese Gerüchte gewinnen täglich mehr Bestand und wir glauben heute die Richtigkeit unserer ersten Erkundigungen behaupten zu können. Wir konstatiren mit Vergnügen, daß die Nachricht von diesem ersten Schritt in dec Bahn der Selbstständigkeit von allen unseren Mitbürgern, die sich auf­richtig für die Zukunft unseres Landes interessiren, mit lebhafter Be­friedigung ausgenommen wurde.

Darmstadt, 13. Oktbr. DieMain-Ztg." schreibt: Das Land und die liberale Partei sind von einem schweren Verluste betroffen worden. Advokat-Anwalt Weber in Alzey ist gestern ganz unerwartet gestorben. Der Verewigte war ein achtundvierziger Patriot im besten Sinne, nicht von der verbissenen, rechthaberischen und unfehlbaren Sorte, sondern von echtem Schrot und Korn. Seinen Idealen treu bleibend, die ihm nach der in Gießen verbrachten Studienzeit im Jahre 1849 den Freiheitskämpfern in der Pfalz zuführten, duldete er standhaft und ohne Verbitterung die ihm widerfahrene Verfolgung. Glücklicherweise wurde das in Bayern gegen ihn gesprochene Todesurtheil nicht vollzo­gen. Er konnte später seine gesegnete Praxis antreten und hat sich als tüchtiger Jurist und wackerer Fortschrittsmann, der treu und freu­dig zu Kaiser und Reich stand, einen wohlverdienten Ruf erworben.

Paris, 10. Okt. Gestern Abends und heute Morgens war Paris in höchster Aufregung. Mit Blitzesschnelle hatten zwei Nach­richten die Runde durch die Stadt gemacht, welche mit den nöthigen Zuthaten der Aengstlichen ganz geeignet waren, die leichtblütigen Fran­zosen in Unruhe zu v.rsetzen. Der Vertreter Spaniens hat tm Namen seiner Regierung dem Duc Decazes eine neue Note überreicht, und der Großfürst Konstantin hat vom Czar den telegraphischen Auftrag erhal­ten, Paris sogleich zu verlassen. Diese beiden Nachrichten genügten der Phantasie der Pariser, um die schwärzesten Unglückebotschaften zu er­sinnen. Die spanische Note, welche neue Klagen der Madrider Regie­rung wegen nachlässiger Üeberwachung der Pyrenäengrenze zum Gegen­stände hat, verwandelte sich bald in ein Ultimatum, das Bismarck mit eigener Hand verfaßt und dem spanischen Minister des Auswärtigen, Ulloa, nur in Kommiision gegeben hat. Daß diese Schreckensnachricht geglaubt wurde und bald auf der Börse Verbreitung fand, braucht wohl nicht betont zu werden. Um das Maß voll zu machen, wurde auch die überstürzte Abreise des Großfürsten Konstantin bekannt. Der Bruder des Czars wollte (wie schon erwähnt) der morgigen Vorstel­lung im Opernhause, welche zum Besten derjenigen Elsaß-Lothringer veranstaltet wurde, die für die französische Nationalität optirt haben, beiwohnen. Eine telegraphische Ordre aus Petersburg befahl ihm je­doch, Paris sogleich zu verlassen, um dadurch der Nothwendigkeit, jener Vorstellung beizuwohnen, enthoben zu werden. Die Pariser, welche glanben, Bismarck habe überall die Hände im Spiel, lassen es sich nicht nehmen, daß die Abberufung des Großfürsten Konstantin in Folge Reklamation des deutschen Reichskanzlers erfolgt sei. (Sie werden sich vielleicht wieder etwas beruhigen, wenn sie hören, daß die Großfürstin Marie jener Opernvorstellung beiwohnte und daß der Großfürst Kon­stantin für denselben wohlthätigen Zweck 10,000 Frcs. schickte).

Paris, 12. Okt. Die große Wallfahrt der katholischen Ge­sellenvereine, der Bruderschaften u. s. w. nach dem Grabe des heiligen Dionysius und seinen Mitbrüdern hat gestern Morgen stattgefunden. Um 8 Uhr war die große Halle der Nordbahn gänzlich angefüllt. Außer den Mitgliedern jener Vereine befanden sich in dem nur aus Wagen 3 Klasse