1104
kanntlich dem Budget gegenüber auf dem äußersten linken Flügel der Opposition stehen. Als Anhaltspunkt für diese Opposition wird die schon vor mehreren Tagen von den ultra montanen Blättern colportirte Nachricht angenommen, daß im Reichstage eine Vorlage, Behufs Aufnahme einer Anleihe für die Marine eingebracht und von dem Chef der Admiralität, General v. Stosch, begründet werden soll.
Patent-Ertheilung.
Dem Königlichen Hauptmann â la suite des Magdeburger Fuß- .Artillerie-Regiments Nr. 4 Herrn Gaede in Hannover unter dem 7. October 1874 auf einen Dampfkessel für Minenboote in der durch Zeichnung und Beschreibung nachgewiesenen Zusammensetzung, ohne Jemanden in der Anwendung bekannter Theile zu beschränken auf drei Jahre, für den Umfang des preußischen Staats.
— Köln, 6. Okt. Die klerikale Partei hat, nach dem „Franks. Jl.", einen großen Verlust zu beklagen, denn heute Abend starb der Reichstagsabgeordnete Fritz Baudri. Geboren zu Elberfeld im Jahre 1808, widmete er sich der Malerei und zog später nach Köln, wo sein Bruder Weihbischof geworden. Hier kultivirte er die Glasmalerei und erwies sich nebenbei in größeren Versammlungen entschieden als Volksredner. Damals existirten die heutigen religiösen Gegensätze noch nicht, weßhalb man ihn auch in das Stadtverordnetenkollegium wählte. Bei dem Ausbruch des religiösen Konfliktes nahm er so entschieden Stellung auf der klerikalen Seite, daß die liberalen Parteien gegen ihn Front machten und seine Wiederwahl zu vereiteln wußten. Baudri fehlte nun in fast keiner Versammlung und entfaltete eine Rednergabe, die ihn an die Spitze der Partei stellte, ihn zum Vorstandsmitglied des Mainzer Katholikenvereins beförderte und zur Folge hatte, daß er bei den letzten Wahlen in den Reichstag in die Centrumspartei gewählt wurde.
— Der Kapitular Thissen zu Limburg ist wegen eines am 24. Aug. d. Js. in Balduinstein gehaltenen Gottesdienstes in Anklagestand versetzt und am 3. d. M. vor dem Amtsgericht in Diez gegen ihn verhandelt worden. ^.Interessant ist dieser Fall insofern, als hier über die Frage zu entscheiden ist, ob die jüngst publizirten Ministerialerlasse über geistliche Funknonen durch benachbarte Pfarrer auch auf einen Domherrn Anwendung finden.
— D armstad t, 8. Oktober. Die Zweite Kammer hat heute die Gesetzentwürfe über die religiösen Orden und Kongregationen, sowie über Besteuerung der Kirchen- und Religionsgemeinschaften angenommen.
— Mainz, 9. October. Bei den gestrigen Wahlen zum Gemeinderath sind 19 Kandidaten der katholischen Volkspartei und 17 liberale Kandidaten gewählt worden.
— Augsburg, 8. Okt. Herr Bischof v. Haneberg ist, der „N. Augsb. Z." zufolge, gestern hier angekommen und bei Herrn Bischof v. Dinkel abgestiegen. Der hochw. Herr setzte heute die Reise nach Hohenschwangau fort. Wir brauchen kaum beizufügen, daß diese Reise durch die bevorstehende Konversion Ihrer Majestät der Königin- Mutter veranlaßt ist.
— München, 7. Okt. Gestern sind, nach dem „Schw. Merk.", . hier eine Anzahl Unteroffiziere von der preußischen Garde und Linie eingetroffen, welche in die hiesigen bayerischen Regimenter übertreten. Der Umstand, daß die bayerischen Unteroffiziere sich nicht zum Weiterdienen entschließen können, gibt den preußischen Gelegenheit zu rascherem Avancement, wird aber auch zur Folge haben, daß binnen wenigen Jahren nur mehr preußische Unteroffiziere in der bayr. Armee dienen werden.
— München, 9. Okt. Der protestantische Pfarrer Rodde hat sich heute nach Hohenschwangau begeben. — Zwischen der Königin- Mutter und dem Könige von Preußen hat in den letzten Wochen ein lebhafter Briefwechsel stattgefunden. (Augsb. mztg.)
— Die Konvention über die anderweite Abgrenzung der bischöflichen Diözesen von Metz und Siraßburg, nach weicher die seither unter dem Bischof von Nancy stehenden beiden Kreise Chateau-Salins und Saarburg dem Bisthum Metz unterstellt werden, wahrend das bisher zum Bièthum Metz gehörige französische Arrondissement Brie dem Bisthum Nancy zugetheilt wird, und wonach ferner die Bischöfe von Metz und Straßburg nicht mehr ihren seitherigen Metropolitanbischöfen untergeordnet sind, sondern künftig direkt ihm päpstlichen Stuhle untergeordnet werden, ist, „W. T. B" zufolge, gestern Abend von den deutschen und französischen Kommissarien unterzeichnet worden.
— Die Verhaftung des Grafen v. Arnim hat nach der „Köln. Ztg" in den offiziellen Kreisen zu Paris eine gewisse Unruhe erweckt, da Graf Arnim beim Sturze des Herrn Thiers die Hauptrolle )pulte und man daher befürchtet, daß bei den Haussuchungen, die Statt fanden, Papiere aufgefunden sein könnten, welche auf den 24. Mai 1873 zu helles Licht werfen. Die Pauser Blätter geben fast alle ihre Sympathie für den Exboischafter kund, den sie, da er „Feind Bismarck's und des Deutschen Reiches", sehr hoch halten.
— Wie der „Moniteur" erfährt, wird der Gesetzentwurf deS Kriegsministers über die Bildung der Aim e-Cadres wahrscheinlich die Bestimmung enthalt.«, daß die O ficiere unter 35 Jahren und unter dem Hauptmannsgrade sich nicht verhnrathen dürfen.
— Die von der Zuchtpolizeikammer zu Graffe verurtheilten Gefängnißwärter Plontin und Gigoux, die in die Flucht Bazaines verwickelt sind, haben gegen das Urtheil appellirt. Man glaubt nun, daß vor dem Appellhofe von Aix sich Oberst Billette entschließen werde, die ganze Wahrheit zu sagen, die weit davon entfernt sein soll, mit der im Urtheil beschriebenen Flucht übcreinzustimmen. Billette soll überhaupt geneigt sein, den ganzen Schleier zu zerreißen, der den wichtigsten Theil der Flucht immer noch bedeckt.
— Madrid, 9. Oktober. Die Regierungstruppen unter General Laserna haben gestern Morgen ihre Bewegungen gegen la Guardia (am Ebro), in dessen Nähe die Carlisten sich konzentrirt haben, begonnen. — Es bestätigt sich, daß der diesseitige Gesandte in Paris der dortigen Regierung neuerdings eine Note überreicht und über die Begünstigung der Carlisten an der französischen Grenze nochmals Beschwerde geführt hat. ot u. st. A.)!
— Glasgow, 8. Oktober. Bei dem gestern hier abgehaltenen protestantischen Meeting beantragte Begg die erste Resolution und begründete dieselbe in längerer Ausführung. Der Antragsteller hob besonders hervor, die Durchführung des von dem Ultramontanismus vertretenen Grundsatzes, daß jeder Katholik alle Interessen des öffentlichen Lebens den Gesichtspunkten der römischen Kirche unbedingt unterzuordnen habe, würde zu einer Zerstörung aller politischen Freiheiten führen, da Rom keine Toleranz kenne. Durch eine ruhmreiche Reformation sei dies System niedergeworfen und sei es eine patriotische Pflicht, diese Errungenschaft den Nachkommen unversehrt zu erhalten. Der Redner führte ferner aus, der Krieg des Jahres 1870 sei unzweifelhaft in der Absicht begonnen, den Protestantismus, und zwar gerade in seiner stärksten kontinentalen Feste, in Deutschland, zu erdrücken. Letzteres habe aber den Sieg davon getragen. Der Vatikan verfolgte jetzt das Ziel, seine frühere Machtstellung wiederzugewinnen, und sei es vorauszusehen, daß der Versuch gemacht werden würde, die päpstliche Sou- veränetät mit Waffengewalt wiederaufzurichten, sobald die Wiederherstellung der Monarchie in Frankreich und vielleicht selbst in Spanien gelungen sein würde.
— Amerika. Der vom Bürgerkrieg her wohlbekannte General A. V. Steinwehr stellt in den von ihm bearbeiteten „Centennial Ga- zetteer of the United States“ auch Berechnungen und Forschungen über die Stärke -er verschiedenen weißen Bevölkerungs-Elemente in den Ber. Staaten an und gelangt dabei' zu folgenden Schätzungen: Die Zahl der Angelsachsen in den Vereinigten Staaten beträgt etwa 8,340,000; die der Deutschen aus allen deutschen Ländern 8,930,000, die der Holländer und Scandinavier 728,000. Dies gibt zusammen 17,998,000 Germanen. Die celtische und zwar meist irisch-celtische Bevölkerung der Vereinigten Staaten beläuft sich auf ungefähr 10,255,000; den romanischen Nationalitäten gehören ungefähr 1,006,000 an, und alle anderen Nationalitäten 4,326,000; also nicht germanische Nationalitäten zusammen 15,597,000. Da somit die weiße Gefammtbevöl- kerung 33,595,000 (nach dem Census von 1870) beträgt, haben die germanischen Nationalitäten über die anderen eine absolute Mehrheit von 2,401,000. Zwischen diesen verschiedenen Nationalitäten finden immer mehr Uebergânge und Mischungen statt. In Prozenten ausgedrückt kommen auf den angelsächsischen Stamm: 25, den deutschen: 27, den holländisch-scandinaviichen: 2, den irischen: SOVs, den romanischen: 3°/o. 12Va °/o repräsentiren Mischungen unter diesen.
— Die „Neue Frftr. Pr." schreibt unterm 9. Oktober aus Frankfurt a. M.: Dem Vernehmen nach beabsichtigen die Maurer und Zimmerleute, sich mit einer Petition um Ausdehnung des für die Eisenbahnen, Berg- und Hüttenwerke rc. bestehenden Haftpflichtgesetzes auf das Baugewerbe, an den Reichstag zu wenden, damit sie selbst resp, ihre Angehörigen bei Unglücksfällen in Ausübung ihres Gewerbes von ihren Arbeitgebern eine Schadloshaltung zu gewärtigen haben. — Die Steuerexpedition an der Bockenheimer Warte wird, laut Bekanntmachung der Provinzial-Steuer-Direction in Cassel, mit dem 1. Januar 1875 eingezogen und gehen von dem gedachten Zeitpunkte ab die Geschäfte, welche derselben als Specialhebestelle des Bezirks Bockenheim oblagen, auf das Hauptsteueramt zu Frankfurt a. M., beziehungsweise das Wechselstempelamt und die Postfteuer-Expedition daselbst über.
Lokales und Provinzielles.
Hanau, 9. October 1874.
—o— Wenn je ein Orgelconcert andächtige Zuhörer gehabt hat, so war eS gew ß das am 7. Oct. zu Ehren der hessischen Lehrer veranstaltete. Die Orgel wird das Nationalinstrument der Deutschen genannt, eS verdient aber gewiß noch viel mehr die Bezeichnung Instrument der Volksschulleher, denn welcher Volkslehrer wäre nicht einigermaßen in die Mysterien deS Orgelspieles eingeweiht, daher auch dagroße Interesse, mit welchem>fichllich alle Anwesenden den Borträgen, die ebenso wie das Instrument vollste Aufmerkiamkeit verdienten, folgten. Herr Seminarlehrer Davin auS Schlüchtern trug mit großer Präcision die Fantasie eroica in F-moll von F. Kühmstedt vor,