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M 221.
Mittwoch den 23. September.
1874.
Bekanntmachungen Köngl. Landrathsamts dahier.
In Gemäßheit der Bestimmung zu §. 279 der Strafprozeß-Ordnung wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Urliste der Geschworenen für das Jahr 1875 vom 23. bis 30. d. M. im Geschäftslokal des Unterzeichneten zur Einsicht ausgelegt sein wird und daß etwaige Einwendungen gegen die Liste bei Vermeidung späterer Nichtberücksichtigung innerhalb genannter Frist dahier anzumelden sind. • Hanau, am 21. September 1874.
Dem Schweiuehändler Constantin Schilling zu Oberrodenbach ist ein gelber Metzgerhund, männlichen Geschlechts zugelaufen.
Hanau am 21. Sept. 1874.
Tagesschau.
— Die Ernennung des Landraths a. D. Dr. Friedenthal zum Minister für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten ist vom Kaiser am 19. d. M. in Hannover vollzogen worden. Gestern (Sonntag) führte der Vicepräsident des Staatsministeriums, Camphausen, den neuen Minister in das Staatsministerium ein, und heute übergab ihm der Handelsminister, Dr. Achenbach, der bislang das Ressort der Landwirthschaft interimistisch geleitet hatte, dasselbe. Der erste Chef dieses Ressorts war der Geh. Rath v. Manteuffel, Bruder des damaligen Ministerpräsidenten, diesem folgten Graf Pückler, Herr v. Selchow und Graf Königsmarck. Mit dem Eintritt des Dr. Friedenthal in das Staatsministerium zählt dasselbe unter zehn Mitgliedern sechs bürgerliche: die Minister Achenbach, Camphausen, Delbrück, Falk, Friedenthal und Leonhardt, und vier adelige: den Fürsten Bismarck, den Grafen zu Eulenburg und die Herren v. Kameke nnd v. Stosch. (Srü.)
— Es ist neuerdings verfügt worden, daß Wahlen von Gast- oder Schankwirthen zu Gemeindevorstehern oder Stellvertretern derselben der Regel nach nicht zu bestätigen sind, und in den Füllen, in welchen etwa eine Ausnahme von diesem Grundsätze für gerechtfertigt erachtet wird, soll, unter Darlegung der besonderen Gründe, die Genehmigung der vorgesetzten Bezirksregierung hierzu eingeholt werden. — Nach einer andern ministeriellen Verfügung sind auch die zu Gastwirthschaften conces- sionirten Räume einer von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Revision zu unterwerfen, und wenn sich dabei ergeben sollte, daß die Einrichtungen, auf Grund deren die Concession ertheilt worden, nicht mehr vorhanden sind, oder zu anderen Zwecken benutzt werden, so ist das Verfahren auf Concessionè-Entziehung einzuleiten.
—- Aus der Kaiser-Wilhelm-Stiftung sind den deutschen Invaliden im vorigen Jahre Unterstützungen im Betrage von 119,Q00 Thalern gewährt worden, 11,000 Thaler Wehr als das Jahr zuvor. Von den Gesuchen um Unterstützung haben nach einer Mittheilung der „N. A. 3 " besonders zugenommen die der Brustkranken und Schwindsüchtigen, deren Leiden sich erst nach Beendigung des Krieges mehr und mehr entwickelt haben, und welche deshalb den Beweis der Dienstbeschädigung, wie er von den Militärbehörden, dem Gesetze entsprechend, verlangt werden muß, nicht zu führen vermögen. Auch die Zahl der vom Staate nur als „Halbinvalide" anerkannten und deshalb ihrer beschränkten Erwerbsfähigkeit ungeachtet ohne Pension verbliebenen Militärs hat sich vermehrt.
— Berlin, 22. Sept. Nachdem von den fünf durch die deutschen Bundesregierungen zur Beobachtung des Venusdurchganges ausgerüsteten astronomischen Expeditionen drei, nämlich die nach der Kergueleninsel, der Auslandsinsel und nach Tschifu in China entsandten, bereits im Juni, Juli und Angust Deutschland verlassen hatten, ist am Abend des 20. September die nach Jspahan bestimmte Expedition von hier über Astrachan nach Persien abgereist. Dieser Expedition, deren Hauptaufgabe astronomisch-photographische Aufnahmen des Phänomens bilden werden, gehören folgende Mitglieder an: Als Astronom Dr. Reefer, erster Assistent der hiesigen Sternwarte, ferner der bekannte Forschungsreisende in Südafrika, Professor Dr. Fritsch von der hiesigen Universität, als Leiter der Expedition und Photograph, so wie Dr. o- Stolze aus Berlin und H. Buchwald aus Breslau, ebenfalls als Photographen. — Die fünfte der Expeditionen, nach der Insel Mau
ritius bei Madagaskar bestimmt, wird sich am 27. September in Marseille einschiffen, um über Port-Said, Suez und Aden sich nach ihrem Bestimmungsorte zu begeben. — Diese Expedition besteht aus zwei Astronomen, Dr. Löw, Assistent des Königlichen geodätischen Instituts. in Berlin, Dr. Pechüle, Assistent der Sternwarte in Hamburg, und1 zwei technischen Gehülfen, Dölter, Mechaniker in Straßburg, und Heidorn aus Göttingen.
— Paderborn, 22. Sept. Das Kreisgericht verurtheilte gestern den Bischof Martin wegen seines Hirtenbriefes vom 14. März zu viermonatlicher Festungshaft. Die in Höxter und Wiedenbrück erkannte dreimonatliche Strafe wurde in die viermonatliche eingerechnet.
— Bremen, 17. Sept. Die Leichenverbrennung ist hier gegenwärtig in ein offizielles Stadium getreten. Nachdem sie wiederholt durch Hrn. E. Pavenstedt in der Bürgerschaft angeregt und von dieser auch schon einmal, bei Gelegenheit einer Bewilligung für neue Friedhöfe, dem Senat zur Erwägung gestellt worden, hat nun die Sanitätsbehörde, eine sehr selbständig vorgehende Körperschaft unter Senator Pfeiffers Vorsitz, einen Ausschuß mit näherer Prüfung der Frage beauftragt. Dem Ausschuß gehören an: der mit der Leitung betraute praktische Arzt Dr. Pletzer, der Naturforscher Prof. Buchenau und der Fabrikbesitzer C. Waltjen. Ein mehr zufälliger lokaler Umstand stellt hier dem neuen Bestattungsverfahren, wenn nur eine halbwegs befriedigende Form ausgemittelt werden kann, eine verhältnißmäßig rasche Einbürgerung in Aussicht. Die alten städtischen Gottesäcker haben nämlich wegen der raschen Ausdehnung der Stadt geschlossen werden müssen; neue haben aus demselben Grunde nicht näher gefunden werden können, als fast eine Stunde vom Mittelpunkte der Stadt entfernt. Dadurch ist eine ganz veränderte Bestattuugsweise, ohne größeres Leichengefolge bis zum Grabe selbst, ohnehin geboten; es kann dem Publikum also nicht so viel kosten, noch einen Schritt zweiter zu gehen und der bisher üblichen langsamen Verwandlung des Leichnams in Asche die rasche durch eine passende Verbrennungsart zu substituiren.
— Würzburg, 20. Sept. Nachdem die Voruntersuchung gegen den Attentäter Kullmann am Bezirksgerichte in Schweinfurt beendigt ist, wurde Kullmann vorgestern Abend aus dem Schweinfurter Gefängniß in das Würzburger übergeführt. Unterdessen werden in Würzburg Anstalten getroffen, bei der Kullmann'schen Verhandlung dem gewiß großen Andrang des Publikums Rechnung zu tragen, und sind zu diesem Behufe Unterhandlungen mit dem Stadtmagistrate angeknüpft um Ueberlaffung des großen Schrannensaales, da der eigentliche Schwurgerichtssaal sich schon für die gewöhnlichen Verhandlungen als unzureichend erweist. — In dieser Woche findet vom 25. bis 27. Sept, dahier der deutsche Anwaltstag statt, zu welchem Behufe einige Gesellschaften für die fremden Gäste größere Festlichkeiten veranstalten werden. — Vor einigen Tagen übergab ein mit der Bahn dahier anlangender Fremder seine mit 1200 fl. belastete Reisetasche einem Burschen zum Tragen. Plötzlich war derselbe jedoch sammt Tasche verschwunden und wurde seither nicht mehr ausfindig gemacht. (Schw. Merkur.)
— Thiengen, 19. September. In Folge Ueberweisung hiesiger Stadtkirche an die Altkatholiken wird, nach dem „Mannh. Tagbl.", die dreitägige Frist statt zur Vereinbarung über die gemeinsame Mitbenützung, zur Ausplünderung der Kirchengeräthschaften durch die Römlinge benützt. (So berichtet wörtlich die „Badische Landeszeitung.")
— Königsberg i. Pr., 22. Sept. Das Erkenntniß der ersten Instanz gegen den Bischof Crementz von Ermland, welches denselben wegen widerrechtlicher Anstellung des Geistlichen Seeburg in Wuhsen zu einer Geldbuße von 200 Thalern event, zu einer Gefängnißstrafe von 6 Wochen verurtheilt, ist vom ostpreußischen Tribunal heute bestätigt worden. .
— Kiel, 20. Sept., Nachmittags. Der Kaiser nahm an Bord der Grille die Revue über das vor Anker liegende Geschwader ab, in- spicirte dann das klar zum Gefecht liegende Panzerschiff Kronprinz und nahm darauf auf der Schiffswerft in Ellerbeck selbst die Taufe des Panzerschiffs Friedrich der Große vor. Des Kaisers Taufspruch lautete: „Ich taufe dich auf den Namen des großen Königs, trage ihn in Ehren in ferne Meere und fremde Welttheile !" Bei der hiernach folgenden