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M 193.
Donnerstag den 20. August.
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1874.
Tagesschau.
— Im Schooße der preußischen Regierung ist man seit längerer Zeit mit der Feststellung der Frage beschäftigt, wie weit aus der neueren Gesetzgebung mit Recht Gründe für die Handelskrisen hergeleitet werden können, welche in der letzten Zeit zu so gewaltigen Erschütterungen geführt haben. Es liegt daher im Plane, zunächst Erhebungen über die Gründe des besonderen Aufschwunges und andererseits des Herabsinkens des Handels in einem längeren Zeitraum aufzustellen, und es ist nur zu wünschen, daß diese schwierige Arbeit die volle Unterstützung der betheiligten Behörden finden möchte. (Trib.)
— Voraussichtlich werden die Arbeiten der pharmazeutischen Enquete-Kommission in acht Tagen schließen. Die Berathungen sollen nach ausdrücklichem Wunsch des Reichskanzleramtes einen vertraulichen Charakter haben und sind deshalb die Mittheilungen über Einzelheiten derselben ausgeschlossen. Die Subkommission zur Aufstellung des Prü- fungs Reglements hat ihre Aufgabe gelöst und dem Plenum der En- quète-Kommission den Entwurf vorgelegt. Die von einer Seite beantragte Vorbedingung der Absolvirung des Abiturienten-Examens fand nicht die Zustimmung der Subkommission, man blieb vielmehr dabei stehen, wie bisher die Reife für den einjährigen Freiwilligen-Dienst als ausreichend für Studium und Prüfung der Pharmaceuten zu erachten, jedoch den Abgang von einer Lehranstalt zu fordern, an welcher der Unterricht im Lateinischen obligatorisch betrieben wird. (Sert sagest)
— Der Minister des Innern macht, nach der „Trib." in einem an die sämmtlichen Polizeibehörden gerichteten Circularerlaß dieselben auf eine von Norwegen signalisirte Zigeunerbande aufmerksam, über deren Reiseziel zwar nichts Näheres bekannt, die sich jedoch höchst wahrscheinlich über Dänemark nach Deutschland begeben wird. Um zu verhindern, daß dieselbe im Lande vagabondirend umherzieht, ist angeordnet, daß diesen Zigeunerfamilien Legitimationsscheine zum Gewerbebetriebe im Umherziehen nicht ertheilt werden ■ dürfen, selbst dann nicht, wenn sie sich zum Nachweise ihrer Subsistenzmittel auf ihren etwaigen Erwerb durch den Betrieb des Kesselflickens berufen. Der Aufenthalt foll ihnen überhaupt nur in dem Falle gestattet werden, wenn sie den Besitz ausreichender Reisemittel nachzuweisen vermögen. Es scheint sonach, als wenn an maßgebender Stelle endlich einmal der Versuch gemacht werden soll, uns von dieser Landplage zu befreien.
— Darmstadt, 18. August. Prinz Ludwig ist gestern zur Uebernahme des Divisions-Kommandos hierher zurückgekehrt und zu seinen Hohen Eltern auf die Rosenhöhe gezogen. Die Prinzessin Ludwig ist zu weiterem Gebrauch der Seebäder in Blankeuberghe einstweilen verblieben.
— Bezüglich des Zeitpunktes, von welchem an die Reichsmark- Rechnung auch in Bayern beginnen soll, haben jüngsthin in München höheren Orts eingehende Berathungen stattgefunden, insbesondere darüber, ob dieser Zeitpunkt schon auf den 1. Januar 1875 fixirt werden kann; ein definitiver Beschluß scheint indessen hierüber noch nicht gefaßt worden zu sein.
— Aus der bayrischen Rheinpfalz, 15. August. Dem „Schw. Merk." wird geschrieben: Vom Militärbezirksgericht Germersheim wurde in voriger Woche der Hauptmann v. Freyberg-Eisenberg zu 6 Wochen Festungshaft verurtheilt; derselbe hatte einen Soldaten beim Einrücken vom Exerzieren nach gemachtem Laufschritt mit der Faust in die Seite gestoßen, in Folge davon mußte der Soldat, nachdem er noch einige Schritte gemacht hatte, austreten und sich sofort zu Bette legen, das er mehrere Tage nicht verlasien konnte. — Was für ein dicker Aberglaube unter unsern Bauern im Westrich noch mitunter herrscht, davon gab ein kürzlich beim Bezirksgericht Zweibrücken verhandelter Hexenproceß Zeugniß. Eine Bauersfrau von Trulben hatte einem 22- jährigen Mädchen von da nachgesagt, sie sei eine Hexe und habe ihr Kind, das schon geraume Zeit krank ist, verhext. Die ganze Nachbarschaft glaubte steif und fest daran und die Sache wurde so bunt, daß das beschuldigte Mädchen jene Frau wegen Beleidigung vor Gericht laden ließ. Dieses erblickte in der gedachten Nachrede mit Rücksicht auf die unter der dortigen Bevölkerung leider noch stark verbreitete Anschauung eine Ehrenkränkung und verurtheilte die übrigens gut beleu
mundete Angeklagte zu 5 Tagen Haft. Ob sie in ihrem Hexenglauben, an dem sie noch vor Gericht entschieden festhielt, erschüttert wird? Schwerlich.
— München, 19. August. Mit dem soeben, ^26 Uhr Morgens, angelangten Wiener Eilzuge sind Se. Maj. der Kaiser und Se. k. k. Hoh. der Konprinz von Oesterreich hier eingetroffen. Prinz Leopold und Prinzessin Gisela empfingen dieselben im Bahnhöfe und geleiteten dieselben in ihr Palais. Wie es heißt, wird der Kaiser und der Kronprinz zwei Tag hier verweilen, jedoch das strengste Inkognito bewahren.
— München. Das Lokalfestkomite des deutschen Sängerbundesfestes hat folgende Danksagung veröffentlicht: „Der unterfertigte Ausschuß fühlt sich verpflichtet, seinen verehrten Mitbürgern, den Bewohnern Münchens, öffentlich den tiefgefühltesten Dank kund zu geben für die Ehrung, welche sie allen Gästen des II. deutschen Sängerbundesfestes angedeihen ließen. Das königliche Wort, daß München durch dieses Fest um eine schöne Erinnerung reicher wurde, hat sich erfüllt. Wir verdanken dies in nicht geringerem Maße der Gastlichkeit, Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer Mitbürger, insbesondere aber der wahrhaft aufopfernden Betheiligung der freiwilligen Feuerwehr und der Turnerschaft Münchens. Gerne theilen wir mit diesen die errungene Ehre, und hoffen, daß unserer lieben Vaterstadt aus diesem schönen nationalen Feste nur Segen erwachsen werde."
— Landau, 17. August. Gestern Abend zwischen 9 und 10 Uhr wollte die Familie Lichti von Duttweiler, bestehend aus dem V^er, 2 in den 30er Jahren stehenden Söhnen mit deren Frauen, und einem etwa 12jährigen Mädchen auf einem mit Pferden bespannten Wagen über die Bahn an der Station Maikammer-Kirrweiler fahren. In demselben Momente wurde der Wagen von einer von Neustadt kommenden Locomotive erfaßt und zusammengefahren. Die beiden Söhne, welche auf dem Borderwagen saßen, wurden sofort getödtet, die eine Frau erlitt einen Armbruch, Pferde und Wagen sind vernichtet, dagegen sollen der Vater, die andere Frau und das Mädchen unverletzt sein. Die beiden Frauen haben in der Mitte, der Vater und das Mädchen auf dem Hinterwagen gesessen. Als Ursache dieses schrecklichen Unglücks wird angegeben: die Barrière war nicht gesperrt, der Bahnwärter soll geschlafen haben.
— Backnang, 16. August. Württemberg hat nun auch seinen Perpente: Der Kassier der hiesigen Gewerbebank, Kaufmann Müller, hat die ihm anvertraute Kasse um 300,000 fl. geschädigt. Nachdem Müller Entdeckung befürchten mußte, entwich er, wurde aber in Mailand ergriffen und hierher zurückgebracht. Die Kasseneingriffe sollen seit 6 Jahren vorgekommen sein.
— Wie das „Fränkische Volksblatt" mittheilt, wurde dessen Redakteur vor den Untersuchungsrichter gerufen und am 14. d. bezüglich eines im genannten Blatte enthaltenen Artikels, in welchem behauptet wird, daß das Attentat auf Bismarck, noch ehe es verübt worden, in Schweinfurt als bereits geschehene Thatsache erzählt worden sei, eidlich als Zeuge vernommen.
— Der in Cr e feld versammelte volkswirthschaftliche Kongreß beschäftigte sich vorgestern (17.) mit der Frage der Arbeiterversorgungskassen und erledigte dieselbe durch Annahme einer Resolution, welche empfiehlt, diese Kassen in Gemäßheit der reichsgesetzliche» Vorschriften über die Genossenschaftskasfen einzurichten und von der Konstituirung eines Beitrittszwanges für gewisse Arbeitsbranchen oder Bezirke Abstand zu nehmen. Gegenstände der heutigen Tagesordnung waren „die Berechnung der Kosten des Eisenbahnbaues und Betriebes und ihres Verhältnisses zu einander", sowie ferner „die Eisenbahntariffrage." Die Diskussion über den ersten Gegenstand wurde einstweilen ausgesetzt und derselbe einer Kommission zur Vorberathung überwiesen; hinsichtlich der Eisenbahntarife sprach sich der Kongreß für die Gewährung möglichster Tarifirungsfreiheit aus und erklärte zugleich die gesetzliche Regelung der Frage für wünschenswerth, inwieweit dritten Personen eine Mitbenutzung der Eisenbahneinrichtungen eingeräumt werden könne.
(R. K. St. A.)
— Cö ln, 19. August. Bazaine ist gestern Mittag von hier