zweideutige Thatsachen die Hoffnung entwurzelt hatten, daß es gelingen werde, einen Umschwung in der Regierungspolitik herbcrzuführen und die neuen Gesetze rückgängig zu machen.
Das Hauptorgan unserer Ultramontanen, die „Germania", trat sofort mit eifrigster Entschiedenheit der Vorstellung ent- gegen, daß in Fulda und in Rom Besonnenheit und Friedens- liebe die Oberhand gewinnen könnten/ sie hatte Nichts als Spott und Hohn für die Nachricht, daß die ultramontane Geistlichkeit sich mit dem Gedanken beschäftige, den erbitterten Kampf gegen die Staatsgewalt einzusteucn, und aus den jüngsten Erfahrungen erhellt, daß die „Germania" über die Stimmung im Lager ihrer Gesinnungs- genoffcn vollkommen richtig geurtheilt hat. Der von Rom aus befohlene Widerstand gegen Gesetz und Obrigkeit dauert in unverminderter Schroffheit fort, und die Geistlichkeit scheint entschlossen, ohne Rücksicht auf die Verwirrung der kirchlichen Verhältnisse und die Gewisscnsbcdrängnisse der katholischen Bevölkerung, den Krieg bis zum Aeußersten treiben zu wollen. Dazu kommt, daß die ultramontane Presse, deren Haltung unmittelbar von den Eingebungen der geistlichen Oberen bestimmt wird, bet Gelegenheit des Kissinger Mord, anfalls einen Geist offenbart hat, welcher nicht blos die Pflich- ten der Vaterlandsliebe, sondern eben so sehr die Anforderungen sittlichen und religiösen Ernstes verleugnet. Zn dieser Presse hat der Ausdruck des Abscheus gegen die ruchlose That entweder überhaupt keine Stelle gefunden, oder derselbe Warin Formen gekleidet und von Bemerkungen begleitet, welche voll- berechtigten Zweifel an der Aufrichtigkeit der Kundgebung auf. kommen ließen. Dagegen warfen die Zesuitenblätter, wie nach allgemeiner Losung, sich auf den Kunstgriff, die Beweggründe des Anfalls auf den Reichskanzler zu verdunkeln oder gar die mörderische Absicht des Thäters in Abrede zu stellen.
Der Frevel Kullmann's scheint dazu berufen, die öffentliche Meinung über den Geist des Ultra- montanismus vollends aufzuklären und dem deut- schenVolk zu offenbaren, welch unversöhnlicher Haß gegen die nationale Politik und deren Träger im römischen Lager gâhrt.
sGlückwunsch-Zuschriften an den Reichskanzler.) Ueber die Kundgebungen der Theilnahme und Verehrung, welche dem Fürsten Bismarck bei Gelegenheit des Kissinger Mordanfalls zugegangen sind, bringt die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« folgende Angaben:
Abgesehen von den Telegrammen, deren mehr als Tausend eingegangen sind, und den geradezu zahllosen PrivaMMiben, stellt die Zahl der an den Fürsten gerichteten Adressen von deutschen Städten, städtischen Behörden und Vereinen sich auf 132. Hierunter sind fast sämmtliche Staaten des Deutschen Reiches und dessen namhafteste Städte vertreten. Die Adressen sind zum Theil äußerst geschmackvoll aus estattet (hierin steht Bruchsal obenan) und wahre Kunstwerke der Kalligraphie. Der Zahl nach steht die Rhcinprovinz voran/ cs sind von da 24 und allein von den Ufern des noch unlängst als »katholisch- bezeichneten Stromes 15f mit mehreren Tausend Unterschriften Angegangen, z. D. aus Düsseldorf 2 Adressen, die eine seitens der städtischen Behörden, die andere von fast 1500 Privatpersonen unterzeichnet.
Aus der Provinz Sachsen sind 18, aus Westfalen lv, aus Schlesien 20 Adressen hcrvorgegangcn, und zwar meist aus Obcrschlesicn. Da heißt cs in einer, von 400 Männern unterzeichneten Adresse aus Beuchen:
»Je schroffer hier an den Grenzen des Reiches die Stellung der Parteien, je leidenschaftlicher die Erregung der Gemüther ist, desto lebhafter empfinden wir das Glück, in Ihnen den Mann erhalten zu sehen, welcher uns in dem großen Kampfe für Deutschlands Ehre und Freiheit gegen seine zahlreichen und mächtigen äußeren und inneren Feinde vorangcht. Mit neuer Zuversicht sehen wir der Zukunft entgegen, die sich um so glücklicher gestalten wird, je kräftiger jetzt Alles beseitigt wird, was die gedeihliche Entwickelung unserer Nation hemmen könnte.«
Auch die entgegengesetzte Reichsgrenze ist durch eine Adresse aus Hadcrslebcn vertreten, in welcher gesagt ist: »Die Vertreter einer fernen Stadt, welche durch die Größe und Einigung unseres Vater- landes dem Deutschen Reiche für immer verbunden ist, stimmen mit in den allgemeinen Glückwunsch ein.«
Eine Adresse aus Rakel, Provinz Posen, mit 100 Unterschriften, welche einem Beglückwünschungs-Telegramm nachfolgte, enthält die Worte: »Uns bewegt diese Frcvclthat um so tiefer, als wir Deutsche im fernen Osten doppelt die Segnungen Ihrer großen Thaten für unser theures deutsches Vaterland empfinden.«_______________________
Verantwortlich: Dr. Friedrich Dörr.
In der Adresse, die vom Magistrat und der Stadtverordneten- Versammlung von Bielefeld ausgegangen ist, heißt cs:
»Mußten wir cs auch tief beklagen, daß die Hand eines Deutschen sich waffncn konnte gegen den rühm- und siegreichen Führer und Vorkämpfer des Reiches, so ist erhebend für uns dic Wahrnehmung des einmüthigcn Vertrauens, der Liebe und Verehrung, mit mclchcr unser Volt zu dem Manne aufblickt, der in gewaltigem Ringen um die höchsten Güter der Nation die Treue bis zuin Tode bewährt hat.»
Die Stadtvcrordnetcn-Versammlung von Haèpe im westfälischen Kreise Hagen sagt:
»Wir können nicht Worte genug finden, um die unheilvolle Saat zu verdammen, von welcher solche Früchte geistiger und sittlicher Verkommenheit die traurigen unausbleiblichen Folgen sind. Das große Werk, die Einigung und Unabhângkeit Deutschlands, wofür Ew. Durchlaucht Leben und Gesundheit aufs Spiel setzen, kann nur auf dem Boden deutscher Treue und deutschen Strebens gedeihen. Es wird nur befestigt durch Förderung der Volksbildung, von der wahre Religiosität untrennbar ist.«
»In diesem Bewußtsein und dem dadurch bedingten Streben wissen wir uns Eins mit Eurer Durchlaucht. Ein Attentat auf unseren Reichskanzler betrachten wir als ein Attentat auf das deutsche Volk und seine edelsten Güter.«
Das Königreich Bayern ist durch die Städte München, Regensburg, Ingolstadt, Memmingen, Trostberg (Altbauern) und Landau vertreten/ das Königreich Sachsen durch Leipzig, Döbeln, Bernstadt, Schöneck. Das Großherzogthum Baden durch Offenburg, Bruchsal, Kehl und Waldkirch. Das Großherzogthum Hessen durch Darmstadt, Worms, Alzey und Pfeddersheim.
Bei der großen Zahl der vorliegenden Adressen müssen wir cs miß versagen, alle die Städte und Vereine namhaft zu machen, die dazu beigetragcn haben, den neuen Beleg dafür zu liefern, in wie weiten Kreisen die glückliche Errettung des Fürsten einen freudigen Wieder- Hall gefunden hat.
(Brüsseler Konferenz.) Die durch Einladung deö russischen Kabinets einberufene diplomatische Konferenz zur Berathung der auf das Kricgüvölker recht bezüglichen Fragen ist am 27. d. Mts. zu einer Sitzung zusammcngctretcn. In dieser ersten Versammlung waren, außer Rußland, Deutschland, Oesterreich - Ungarn, England, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande, Spanien, Porlugal, Schweden, die Schweiz, Griechenland und die Türkei durch Abgeordnete vertreten.
Von Seiten des Deutschen Kaisers war sämmtlichen deutschen Regierungen, die Einladungen erhalten hatten, anhcimgegcbcn worden, sich durch Vertreter bei dce Konferenz zu bcthciligm. Nicht alle Re- Störungen sind darauf cingcgangen, sondern nur Bayern, Königreich Sachsen, Württemberg und Baden. Die fünf Vertreter Deutschland?' sind: 1) der preußische General v. Voigts-Rhetz, 2) der bayrische General -Major Freiherr v. Lconrod, 3) der sächsische Major Freiherr v. Welk, 4) der württcmbcrgische Geheime Legationsrath v. Soden, 5) der badische Geheime Rach Professor llr.Bluntschli.
Sämmtliche fünf Vertreter Deutschlands sind mit kaiserlicher Vollmacht versehen/ der Erstgenannte ist mit der Stimmführung betrau?.
Der von der russischen Regierung befürwortete Plan , den Geboten der Menschlichkeit in btr_ heutigen Kriegführung durch völkerrechtliche Vereinbarungen umfassende Geltung zu verschaffen, hat somit den ersten Schritt auf der Bahn der Verwirklichung gethan und verdient unstreitig allseitige Förderung. Den Vertretern Deutschlands ist der Auftrag ertheilt, ihre Anstrengungen dahin zrs richten, daß die hochherzigen Absichten des Kaisers Alexander in Erfüllung gehen und durch die Verhandlungen die Bahnen prakiischer Ergebnisse im Sinne einer humanen Kriegführung angebahnt werden.
Unser Kaiser erfreut sich in Gastein des erwünschten Wohlseins und hat selbst bei der vorherrschenden unfreundlichen Witterung seine Kur regelmäßig fortsctzcn können. Auch den Rcgicrungsarbciten widmet er sich mit gewohnter Pünktlichkeit.
Die Kur des Monarchen geht am 6. August zu Ende. Nach den bisher getroffenen Anordnungen wird derselbe am 7. Gastein verlassen und die Rückreise über Salzburg und Regensburg unvcrweilt fort- setzen, so daß die Ankunst in Berlin am Abend des 9. zu erwarten wäre.
Die Kaiserin Augusta ist am 25. d. M. zum Besuch der Großherzoglich badischen Familie auf Schloß Mainau cingetroffen.
Das Befinden des Reichskanzlers ist im Allgemeinen befriedigend und die Heilung der Wunde steht nahe bevor. Doch ist noch eine gewisse Schwäche im verwundeten Arm zurückgeblieben, und nach ärztlichem Ausspruch sind zum Gelingen der wieder aufgenommenen Kur große Schonung und nach Möglichkeit Fcrnhalten von den Rcgierungsgcschâstcn erforderlich. __________________
. Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).