Vereinsfreiheit zu schützen. Für die Beantwortung dieser Frage ist es Vorbedingung, daß die vorhandenen gesetzlichen Vorschriften nachdrücklich in Anwendung gebracht werden, damit sich fcststellen lasse, in wie weit sie sich gegen die ultramontancn Wühlereien auf dem Gebiete der Presse und des Vcreinslebens wirksam erweisen.
Die Staatsregierung hat diesem Gegenstände ihre ernste Fürsorge zugewendet und die nöthigen Weisungen ertheilt, damit alle zuständigen Behörden das Treiben der Ultramontanen auf beiden Gebieten unter strenge Aufsicht nehmen.
Der unheilvolle Einfluß der Iesuitenbläkter, welche sich bei Besprechung der kirchcnpolitischcn Fragen in offene Feindschaft gegen Gesetz und Obrigkeit stellen, ist hinlänglich bekannt. Namentlich haben die seit Krmem erheblich vermehrten kleinen Lokalorgane der ultra- montanen Partei cs sich zur Aufgabe gemacht, die Leidenschaften der Volksmasse in gehässigster und bedrohlichster Weise aufzuregen. Es ist daher dringende Pflicht der Behörden, solchen Hetzereien, welche den Frieden des Landes in Gefahr setzen, nach Möglichkeit Einhalt zu thun und gegen Prcßerzeugnissc, welche den Thatbestand einer strafbaren Handlung enthalten, mit unnachsichtlicher Strenge cinzuschrciten.
In neuester Zeit hat die ultramontane Partei besonders dem katholischen Vercinswesen eine große Verbreitung gegeben und darauf hingewirkt, dasselbe durch sorgsame Gliederung und straffe Leitung für den Krieg gegen die Staatsgewalt nutzbar zu machen. Die katholischen Vereine haben unter verschiedenen, oft harmlosen Namen einen Boden für ihre Wirksamkeit gesucht,' aber sie haben in der Mehrzahl einen politischen Charakter angenommen und sind vielfach zu Heerden staatsgefährlicher Wühlereien geworden. Sind) auf diesem Gebiete sind die Behörden verpflichtet, strenge Aussicht zu üben und die volle Schärfe des Gesetzes zur Anwendung zu bringen. Nach dem Dercinsgcsetze unterliegen der Polizei-Aufsicht alle Vereine, die eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecken. Wenn dieser Zweck auch nicht ausdrücklich in den Statuten ausgcstwochcn ist, so greift die lleberwachungspflicht der Behörde dennoch Platz, falls ein Verein durch sein thatsächliches Verhalten erkennen läßt, daß er eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten auszuüben sucht. Ganz besonders wirb darauf zu achten sein, daß die Bestimmung des Vercinsgesetzes, welche den Vereinen von politischem Charakter jede Verbindung untereinander untersagt, zur vollen Geltung komme. Eine Umgehung des Gesetzes, wie dies von Seiten des Mainzer Katholikenvereins und anderweitig versucht worden ist, kann nicht geduldet werden. Vielmehr stehen sogenannte lokale Vereinigungen von Mitgliedern eines Ccntralvcreins auf gleicher Linie mit eigentlichen Lokalvcrcincn und fallen unter die Vorschrift des Gesetzes.
Alle aufrichtigen Vaterlandsfreundc können nur wünschen, daß cs der Staatsobrigkcit gelingen möge, durch strenge Handhabung der Gesetze dem verwerflichen Treiben der ultramontanen Blätter und Vereine heilsame Schranken zu setzen.
Kissinger Nachrichten.
Die Rettung des großen deutschen Staatsmannes aus drohendster Lebensgefahr ist tn allen Theilen des Vaterlandes und weit über die Grenzen desselben hinaus mit lebhaftester Freude begrüßt worden.
Unser Kaiser erhielt während seines Aufenthaltes in München beim König von Bayern durch ein von dem Fürsten Bismarck selbst abgesandtes Telegramm .Kunde von dem frevelhaften Unternehmen und zog, wie auch König Ludwig, sofort auf telegraphischem Wege Erkundigung über das Befinde» des Reichskanzlers ein. Unmittelbar darauf richtete der Kaiser ein in den herzlichsten Ausdrücken abgcfaßtcs Handschreiben an den hochverdienten Staatsmann, welcher durch ähnliche huldreiche Kundgebungen von Seiten der Kaiserin Augusta und des Kronprinzen erfreut worden ist.
Unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Mordversuches hat auch der König von Italien dem Fürsten Bismarck einen telegraphischen Glückwunsch übersandt, dem sofort auf demselben Wege eine dankende Rückäußerung folgte. Ebenso haben der Kaiser von Oesterreich und der Kaiser und die Kaiserin von Rußland dem Fürsten Glückwunschtelegramme übersandt. Auch der König und die Königin von Württemberg haben dem Reichskanzler ihre aufrichtige Freude über seine Errettung telegraphisch ausgesprochen. Aehnliche Telegramme sind von den anderen deutschen Fürsten cingc- gangcn. Auch der Präsident der französischen Republik, Marschall Mac Mahon, hat auf telegraphischem Wege seinen Glückwunsch übersandt.
In Berlin machten sämmtliche anwesende Mitglieder des diplomatischen Corps, theils im Auftrage ihrer Regierung, theils aus eigenem Antriebe, dem Staatssekretär von Bülow ihre Aufwartung, um ihrer Theilnahme Ausdruck zu geben.
Den Glückwünschen aus den Regierungskreisen haben sich zahlreiche Kundgebungen herzlicher Theilnahme und begeisterter Verehrung von Seiten städtischer Behörden, öffentlicher Korporationen u. s. w. aus allen Theilen des Vaterlandes unb aus fremden Ländern ange- schlosscn. Die Kommunalbehörden der RcichShauptstaot Berlin richteten an den Fürsten Bismarck folgendes Telegramm:
»Ihrem großen Bürger, dem aus äußerster, von ruchloser Mördcrhand drohenden Todesgefahr erretteten Kanzler dcs Deutschen Reiches sendet ihre innigsten Glückwünsche die Stadt Berlin.«
Verantwortlich: Dr. Friedrich Dörr.
Leber das Befinden des Reichskanzlers liegen günstige Nachrichten vor; die Heilung der Wunde geht regelmäßig von Stätten und derselbe hat bereits vor mehreren Tagen seine Badekur wieder aufnehmen können.
Uebrigens stellt sich aus näheren Berichten heraus, daß der Schuß, wenn auch an dem Kopfe selbst vorbeigehend, das Leben des Fürsten in sehr ernste Gefahr setzte und daß die Verwundung an der Hand nicht unbedenklicher Natur war.
Die »Nordd. Allg Ztg.« berichtet darüber folgende Einzelnheitcn:
»Der Mörder stand beim Schießen am linken Hinterrad des Wagens und feuerte aus so unmittelbarer Nähe, daß «»verbrannte Pulverkörner noch am folgenden Tage in der linken Wange, dem unteren Augenlid und der Rase des Fürsten bemerkbar waren, das Gesicht auch an zwei Stellen durch glimmende Papierfetzen leicht verbrannt war. — Nach diesen Anzeichen und nach dem Sitz der beiden Wunden an der Daumwurzel und dem inneren Handgelenk muß der Schuß, gerade als der Fürst die Hand am Hut hatte, zwischen Gesicht und Hand durchgehend, letztere gestreift haben. Der eine Anschlag auf der oberen Ecke des Röhrknochens vom Vorderarm schien zunächst wegen stärkerer Geschwulst bedenklicher, erwies sich aber später als die leichtere Verletzung. Beide Wunden befinden sich unmittelbar an der großen Pulsader zu beiden Seiten derselben.«
Der »Kölnischen Zeitung« wird aus Ki singen vom 18. Juli geschrieben : »Das Auf- und Abreiten eines bayerischen Gendarmen vor dem DiSmarckschen Hotel hatte auf eine bevorstehende Ausfahrt des Fürsten aufmerksam gemacht, und dies hatte zur Folge, daß sich ein Spalier junger Damen bildete, die, alle mit Rosen-Bouquets be- waffnet, den stursten bei der um H Uhr erfolgenden Abfahrt zur Saline förmlich darunter begruben. Unter dein Ausrufe: Schon wieder ein Attentat! grüßte er freundlichst und reichte sogar denjenigen Jungfrauen, die sich bemühten, die über Bord gefallenen Bouquets dem rasch bavonrollcnben Wagen nachzutragen und hincinzu- reichen, freundlichst dankend die linke Hand. Dies war das erste Bad nach der unglücklichen Affaire — also doch fünf Tage Waffenstillstand in der Kur. Sein rechter Arm ruht in der Binde. Polizei-Präsident v. Madai begleitete Bismarck bei dieser ersten Ausfahrt, und der Fürst soll erst nach langem Bitten seiner Familie das Gefolge eines berittenen Gendarmcir bewilligt haben.«
Nach den amtlichen Ermittelungen in Salzwedcl bat Kullmann während seines dorckgen Aufenthaltes im vorigen Jahre dem damals unter Leitung des katholischen Missionspfarrers Stoer- mann stehenden ka holischen Männervercin angehört und dessen Ver- ämmlungcn j sowie die Kirche regelmäßig besucht. Sein Name steht n der Mitgliederliste. Er giebt dies auch selbst zu. Seit dem Beuch dieses Vereins ist, Wie sein Meister an ihm wahrgenommen hat, alsbald eine völlige Aenderung mit ihm vorgegangen, und er aus einem sonst religiös und politisch indifferenten Menschen zu einem religiösen Fanatiker geworden. Er hat am liebsten von Rcligions- sachen, namentlich von Verfolgungen der Katholiken, gesprochen und einen alsbaldigen Religionskrieg herbeigewünscht.
Unser Kaiser ist am 16. d. Mts. wohlbehalten in Gastein angekommen, nachdem er bei seiner Durchreise durch Bayern von dem König Ludwig begrüßt worden war und der Kaiserin von Oesterreich einen Besuch in Ischl abgestattet hatte.
Die Zusammenkunft des Kaisers mit dem König von Bayern trug einen überaus herzlichen Charakter an sich. Der nationale Sinn des Königs Ludwig, welcher aus hochherzigem Antrieb zur Ausrichtung des Deutschen Reiches die Hand bot, hat sich in allen Prüfungen bewährt und giebt volle Bürgschaft dafür, daß Bayern sich immer bereit finden wird, die Ausgaben der deutschen Politik zu fördern.
Der Besuch unseres Kaisers in Ischl trug, wie immer, das Gepräge innigen verwandtschaftlichen Verkehrs.
^Brüsseler Kongreß.^ Vor einiger Zeit ist bekanntlich von Seiten des russischen Kabinets die Einladung zu einem Kongreß ergangen , der am 27. d. M. in Brüssel zusammcntretcn soll, um die seit einiger Zeit vielfach angeregten Fragen beS Kriegs-Völkerrechts tn Berathung zu nehmen. Zugleich hatte die russische Regierung eine Denkschrift ausarbcitcn lassen, in welcher die auf diesen Gegenstand bezüglichen Vorschläge näher entwickelt waren. Der vom Kaiser Alexander mit wärmster Theilnahme aufgefaßte Gedanke, die Schrecken des Krieges durch völkerrechtliche Vereinbarungen nach Möglichkeit zu begrenzen und zu mildern, hat sich im Allgemeinen einer beifälligen Aufnahme zu erfreuen gehabt. Auch die englische Regierung hat die menschenfreundlichen Absichten des Kaisers Alexander gewürdigt, aber ihre Theilnahme an der Konferenz von der Bedingung abhängig gemacht, daß auf derselben keine den Seekrieg berührende Erörterung zugclasscn werde.
Auf diese Eröffnungen soll aus Petersburg eine Rückäußerung erfolgt sein, in welcher Fürst Gortschakoff sich bemüht zeigt, die Bedenken der britischen Staatsmänner zu beseitigen' und der von ihm vorgeschlagenen Konferenz die Mitwirkung Englands zu sichern.
Berlin/ Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hosbuchdruckerei (R. v. Decker).