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M 163.
Donnerstag den 16. Juli.
1874.
Tagesschau.
— Berlin, 15. Juli. Se. Majestät der Kaiser und König sind gestern Nachmittags 23/* Uhr in Begleitung Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph, Allerhöchstwelcher Seinem Hohen Gaste bis Strobl entgegengefahren war, in Ischl eingetroffen. Der Kronprinz Rudolf in preußischer Uniform empfing mit dem Oberst-Hofmeister Fürsten Hohenlohe und dem Oberst-Hofmeister der Kaiserin, Freiherrn Nopcsa von Felsoe, die beiden Kaiser im Hotel Elisabeth, das mit Blumen und Fahnen geschmückt war. Der Kaiser Franz Joseph und der Kronprinz geleiteten Se. Majestät den Kaiser sodann in die für den Allerhöchsten Gast bestimmten Appartements, wo der Graf und die Gräfin von Wimpfen Se. Majestät begrüßten. Eine außerordentlich zahlreiche Volksmenge harrte seit mehreren Stunden in der Umgebung des Hotels und den angrenzenden Straßen der Ankunft der Kaiser und empfing Aller- höchstdieselben mit enthusiastischen Kundgebungen. R. u. St.-Anz.
— Dem Reichskanzler Fürsten v. Bismarck sind aus Veranlassung seiner Errettung aus Lebensgefahr zahlreiche Kundgebungen der Theilnahme und Beglückwünschungs-Telegramme aus dem Deutschen Reiche und dem Auslande zugegangen.
— Die ultramontanen Blätter äußern sich nur ganz kurz über das Vergeheu. Sie geben zumeist nur den ersten telegraphischen Bericht über das Attentat. Von süddeutschen klerikalen Blättern sagt u. A. die „Au g s b. Postztg.": „Bad Kissingen war gestern der Schauplatz eines ruchlosen Attentates, welches auf den Fürsten Bismarck verübt wurde, und das bei Feind wie Freund das strengste verdammende Urtheil herausfordert." Das „Mainzer Journal", dem man Beziehungen zu Bischof Ketteler zufchiebt, äußert sich in einer kurzen Bemerkung zu den Telegrammen: „Wir verurtheilen auf das Entschiedenste den fraglichen Mordversuch, weil er unerlaubt, gegen das Gewissen und gegen das Gebot Gottes ist; aber ebenso entschieden verurtheilen wir auch den Versuch, das Attentat in tendenziöser Weise auszubeuten." Gelegentlich der Mittheilung, Kullmann sei Gesellenvereinsmitglied in Salzwedel (an der unteren Elbe gelegen) gewesen, fügt das „M. I." die Bemerkung hinzu: „Weder in der Statistik der Gesellenvereine in der Diözese Paderborn, noch in den Wanderbüchlein des katholischen Gesellenvereins, in welchen die Namen sämmtlicher Gesellenvereine verzeichnet sind, findet sich Salzwedel." Auch das „Fränkische Volksblatt" verurtheilt das Attentat, indem es sagt: „Das gegen Bismarck verübte Attentat wird jeder rechtliche Mann, und wenn er gleich sein erbittertster politischer Gegner ist, als ein schmachvolles Verbrechen verabscheuen, und dies um so mehr, als es nicht blos mit den Gesetzen der Moral im Widerspruch steht, sondern noch dazu unter Umständen verübt wurde, welche die persönliche Sicherheit des Fürsten doppelt zu verbürgen schienen. Im Uebrigen glauben wir, daß für Bismarck noch keine Kugel gegossen, sondern daß er von der Vorsehung zu Höherem bestimmt ist, wie die Zukunft zeigen wird." Bei dem sonst üblichen Gedankengang des „Fränk. Volksbl." scheint der dem „Volksbl." vorschwebende Gegensatz der Kugel der Strick zu sein. — Die „G e r- mania" ist äußerst vorsichtig. Sie sagt: „Ganz Deutschland, ohne Unterschied der Parteien, wird einig sein in der tiefsten Entrüstung über den nichtswürdigen Verbrecher, der seine Hand zum schnöden Meuchelmord erhebt. . . . Und erst recht darf man über ein solches Unter- sangen entrüstet sein, wenn Jemand, der anscheinend auf dem Boden des Christenthums steht und vielleicht sich sogar einbildet, für Glauben und Kirche wirken zu wollen, von Leidenschaft oder Ehrgeiz sich so weit läßt, daß er alle Rücksichten auf die Lehren feines Glaubens mißachtet und zu dem schwersten Verstoß gegen die göttliche Weltordnung hingerissen wird. ... Es ist nicht undenkbar, daß durch die großartige Verfolgung^unserer Partei und unserer Kirche sich in einzelnen Individuen eine summe von Leidenschaft, Haß und Wuth ansammelt, dre schließlich in der gröbsten Auflehnung gegen alles göttliche und menschliche Recht zum Ausbruch kommt; aber undenkbar ist es, daß ein ruhig denkender Mann ohne Weiteres einer Partei den Exceß
"^ch klüger Individuen, die sich zu dieser Partei zählen, . it legt; denn daß unter vierzehn Millionen Katholiken sich vieler ein Rasender oder ein mit herostratischem Größenwahnsinn ver
sehener Narr befindet, wird dem Fürsten Reichskanzler selbst wohl nicht so ungeheuerlich erschienen sein". «iw. Ztg.
— Aus dem Reichskanzleramt wird Folgendes veröffentlicht: „Berlin, den 14. Juli 1874. Das Reichskanzler-Amt bringt hierdurch zur öffentlichen Kenntniß, daß dem Reichskanzler während seines Aufenthaltes in Kissingen der schriftliche Verkehr, und namentlich der geschäftliche, ärztlich untersagt ist. Wenn nichts destoweniger zahlreiche Schreiben unter der persönlichen Adresse des Reichskanzlers an denselben gerichtet werden, so werden die Absender hierdurch benachrichtigt, daß alle recommandirten Sendungen unter Verweigerung der Annahme an den Absender zurückgehen, die übrigen aber uneröffnet dem Auswärtigen Amte in Berlin zugehen, welches dieselben öffnet, und soweit nöthig, ressortmäßig vertheilt. Dienstliche Mittheilungen werden während der Abwesenheit des Reichskanzlers jederzeit, je nach ihrem Inhalte, an das Reichskanzler-Amt oder an das Auswärtige Amt zu richten sein. Für Privat-Angelegenheiten des Fßxsten von Bismarck ist der Herr Justizrath Drews in Berlin, Friedrichsstraße 62, mit Vollmacht versehen.— Das Reichskanzler-Amt. Eck."
— Das Edict des Kaisers Wilhelm betreffs des Duellirens wird von dem Londoner „Telegraph" freudig begrüßt und das Blatt hofft, daß die Ehrengerichte, da der Kaiser deren Einführung nunmehr förmlich genehmigt hat, sich vermehren und an Einfluß gewinnen werden. Duelliren, schreibt er, kann nach der Natur der Dinge nicht mehr eine Nothwendigkeit in der kaiserlich deutschen Armee sein, als es unter unseren eigenen Ofsicieren ist und die practische Abschaffung der Duelle wird ein reiner Gewinn im Interesse der Menschlichkeit und der Civilisation sein. Was England anbetrifft, so haben Ehrengerichte, die hier jedoch nicht unter diesem Namen bekannt sind, dem Unwesen des Duellirens seit dreißig oder vierzig Jahren so gut wie, man kann sagen, ganz ein Ende gemacht. Beim Militär wird jeder Streit einem oder zwei älteren Officieren zur Entscheidung überlassen, und deren Urtheil ist durchaus bindend; eine Abbitte wird dictirt, gethan und sofort angenommen, oder der Schuldige hat den Dienst in der Armee aufzugeben. In bürgerlichen Kreisen fällt die Rolle der älteren Officiere zwei vertrauten Freunden der beiden Parteien zu. Das Urtheil derselben ist bindend; in vielen Fällen übernehmen die Clubcomit6's die Entscheidung, und daß diese Gebräuche sich gut bewährt haben, weiß Jedermann.
Patent-Ertheilung.
Dem Ingenieur Albert Knust zu Braunschweig unterm 10. Juli 1874 auf eine durch Beschreibung und Zeichnung nachgewiesene Eisenbahnwagen-Kuppelung, soweit dieselbe für neu und eigenthümlich erachtet ist, ohne Jemanden in der Anwendung bekannter Theile zu beschränken,
auf drei Jahre, und für den Umfang des preußischen Staats.
— Braunschweig, 15. Juli. Durch herzogliche Verordnung wird die Reichsmarkrechnung im Herzogthum Braunschweig mit dem 1. Januar 1875 eingeführt.
— Bischof Hefele hat wieder einmal gezeigt, daß er mit den ultramontanen Feueressern durchaus nicht einerlei Meinung ist. Der Führer dieser Hetzpartei, der Stadtpfarrer Schwarz in Ellwangen, ist kürzlich von den Pfarrern der dortigen Diözese zum Dekan gewählt worden; es verlautet aber mit Bestimmtheit, daß Bischof Hefele die Wahl jenes Herrn nicht bestätigt. Das wird dem Bischof in Rom, wo er immer noch als Schmerzenskind der Kurie gilt, übel vermerkt werden. (Serl. Tagbl.)
— Viel bemerkt wird heute, so schreibt die „Trib.", in den politischen Kreisen eine Rede, welche der katholische Pfarrer Leutgeb aus der Diöcese St. Pölten in der Versammlung eines deutsch-patriotischen Vereins nahe bei Wien über das Verhältniß des niederen Clerus zum Episcopat gehalten. „Bisher, sagte der Pfarrer, sind wir Priester mundtodt gewesen, wir können auch heute noch nicht nach unserer Ueberzeugung sprechen, sonst hängt uns der Bischof den Brodkorb höher. Wenn die Priester heraussprechen dürften, so wäre der Friede zwischen Staat und Kirche bald hergestellt." In diesem Tone beklagte der Redner die Unfreiheit des Curatclerus, den Bischöfen gegenüber, welche