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ar 17.

28. April 1874.

SchluH des ReichsLagss am 26. April 1874.

Thronrede Sr. Majestät des Knesers.

Geehrte Herren!

Die Session, an deren Abschluß Sic stehen, reiht sich durch die tiefgreifende Wichtigkeit ihrer gesetzgeberischen Ergeb- niste den bedeutsamsten Sessionen der früheren Reichstage an.

Das hervorragendste, unter Ihrer Mitwirkung zu Stande gekommene Gesetz soll, nach den Absichten der verbündeten Regierungen, dem deutschen Heere diejenige Organisation dauernd sichern, in welcher die Gewähr für den Schutz un­seres Vaterlandes und für den Frieden Europa's beruht.*

Um die Stetigkeit der Entwickelung unserer Verfassung sicher zu stellen und um für die Fortbildung unserer neu­gewonnenen nationalen Einrichtungen die Grundlage allseitigen Verständnisses zu gewinnen, haben die verbündeten Regierun- Sm eingewilligt, die von ihnen vorgeschlagcnc und nach ihrer Ueberzeugung nothwendige definitive gesetzliche Regelung der Friedensstärke des Heeres der Zukunft vorzubehalten.

Sie haben dieses Zugeständniß in der festen Zuversicht machen können, es werde die regelmäßige Berathung des Militär - Etats und die fortschreitende Entwickelung des Ver- fassungslebcns dem Lande und den künftigen Reichstagen die Ueberzeugung gewähren, daß die Sicherstellung der nach- haltigen gleichmäßigen Ausbildung der nationale;; Wehrkraft und die Herstellung einer gesetzlichen Unterlage für die jähr- liehen Budgetberathungen nothwendig sei, um dem deutschen Heere eine seiner Bedeutung für das Reich entsprechende Festig- krit der Gestaltung zu sichern.

Mit patriotischer Bereitwilligkeit haben Sie Ihre Mitwir- kung geliehen zur Beseitigung der in der Erfahrung hervor­getretenen Mängel der gesetzlichen Bestimmungen über bu Ver­sorgung der Invaliden des Reichshcercs und der Marine. Ich sage Ihnen Meinen Dank für die Fürsorge, welche Sie von Neuem für die Interessen derer bethätigten, die im Waffen- bimste für das Vaterland Kraft und Gesundheit geopfert haben.

Die Regelung des Papiergeld - Umlaufs in Deutschland fand große Schwierigkeiten in bem von der Vergangenheit überkommenen Ergebniß einer vielgestaltigen Entwickelung. Unter Ihrer Mitwirkung ist es gelungen, durch bundesfreund- liche Ausgleichung der Verschiedenheiten eine Regelung herbei­zuführen, welche durch Herstellung eines einheitlichen Papier- gelbes innerhalb der durch die Rücksichten strengster Vorsicht gebotenen Grenzen, so wie durch Beseitigung der mit der Natur deS Landespapiergeldes verbundenen Hemmungen allen VerkchrSkrriscn zur Befriedigung gereichen wird.

Auch auf anderen Gebieten haben Sie, im Verein mit dem Bundesrathe, die Gesetzgebung und die Institutionen des Reiches weiter ausgebildet. Die Förderung und Unterstützung, welche die von Mir in Gemeinschaft mit den verbündeten Re­gierungen befolgte Politik in Ihren letzten Beschlüssen gefunden hat, befestigen in Mir die Ueberzeugung, daß das deutsche Vaterland unter dem Schutze der gemeinsamen Institutionen einer gedeihlichen Zukunft entgegengebe und daß Europa in der sorgsamen Pflege, welche die geistigen, sittlichen und mate­riellen Kräfte Deutschlands finden, ein Pfand des Friedens und der gesicherten Fortbildung seiner Kultur erblicken werde.

Ich entlasse Sie, geehrte Herren, mit Dank gegen Gott, dessen Gnade Mir gestattet hat, na* ernster Krankheit Sie heute um Mich zu versammeln.

Des Kaisers Zuversicht.

Kaiser Wilhelm hat es sich nicht versagen wollen, den Reichstag, welchen er bei der Wiedervereinigung nach den Neuwahlen nicht alsbald hatte persönlich begrüßen können, jetzt beim Schlüsse der Session uni.sich zu versammeln, um so mehr, als diese Sessiondurch die tiefgreifende Wichtigkeit ihrer gesetzgeberischen Ergebnisse sich den bedeutsamsten Sessionen der früheren Reichstage anreiht".

Als die hervorragendste unter den zu Stande gekom­

menen Arbeiten bezeichnet der Kaiser von Neuem das Gesetz, welches die Organisation des deutschen Heeres dauernd sichern soll. Die Thronrede betont einerseits die Gründe, aus welchen die verbündeten Regierungen, ungeachtet der Noth­wendigkeit einer allseitig festen und dauernden Heeres-Organisa- tion, doch das Zugeständniß einer vorläufig siebenjährigen Be­stimmung der Friedensstärke des Heeres mit Zuversicht machen konnten, andererseits die feste Erwartung, daß diese Ueberganas- zeit demnächst zurnothwendigen definitiven gesetzlichen Re- gelung" auch in Bezug auf diesen Punkt führen werde.

Die verbündeten Regierungen habendie Stetigkeit der Ent­wickelung der Reichsverfâssung" nicht gefährden, vielmehrfür die Fortbildung unserer neugewonnenen nationalen Einrichtungen die Grundlage allseitigen Einverständnisses gewinnen" wollen.

Durch' diese Worte der Kaiserlichen Thronrede wird voll­kommen bestätigt, daß die verbündeten Regierungen, indem sie bcm Ausgleich in der Militärfrage zustimmten, ihren Blick eben auf die gesammtc Lage und Entwickelung der Reichspolitik und auf die Befestigung der Grundlagen derselben richteten und einen parlamentarischen Sieg in der Militärfrage nicht auf Kosten des wetteren erfolgreichen Zusammenwirkens mit dem Reichstage erkaufen wollten.

Die Zuversicht des Kaisers für die Zukunft beruht aber vor Allem auf der fortschreitenden Entwickelung des Ver- sassungslebens, sowie auf der im Lande zur Geltung gelangen­den Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der nachhaltigen gleichmäßigen Ausbildung der nationalen Wehrkraft.

Der Verlauf dieser jüngsten Session war in der That geeignet, das Vertrauen des Kaisers und der verbündeten Re­gierungen auf die weitere politische Entwickelung im Reiche zu rechtfertigen und zu stärken/ denn weit bedeutsamer noch als die einzelnen Früchte der Session, ist der politische Sinn und Geist, aus welchem die Reihe wichtiger Vereinbarungen der drei letzten Wochen hervorgegangen ist, der Geist einer wahr­haft vertrauensvollen und thatkräftigen Einigung zwischen den Bundesregierungen und dem Reichstage.

Die Bedeutung und die Kraft dieser Gemeinschaft ist während des Verlaufs der jüngsten Session dadurch noch er­höht worden, daß der Geist der Reichstagsmehrheit sich an der eigentlichen Quelle seiner Kraft, in dem Bewußtsein des deut­schen Volkes selber erfrischt und gestärkt hat.

Die Bewegung aus den Tiefen der Nation heraus, welche den Reichstag mit unerwarteter Kraft und Entschiedenheit auf das Zusammenwirken mit dem Kaiser und den verbündeter! Regierungen hinwieS, war von einer mächtigen und wirksamen Bedeutung nicht blos für die Militärfrage, sondern für die ge­jammte Stellung und Thätigkeit des Reichstages. Durch jene unumwundenen Kundgebungen des Volksgeistes sah sich die nationale Mehrheit in ihrem patriotischen Geist und Streben bestärkt und angefeuert und schloß sich fester als zuvor zu förderlichem Wirken und Schaffen für des Reiches Wohl und Gedeihen mit den verbündeten Regierungen zusammen.'

Diese jüngsten Vorgänge im deutschen Volke und in der Reichsvertretung sind gewiß dazu angethan, die Zuversicht des Kaisers auf die weitere Entwickelung des Reiches zu starten; denn sie geben Zeugniß davon, daß in weiten Volksschichtem und besonders'auch in solchen Kreisen, welche früher zumeist von den Eingebungen des Mißtrauens und der Zweifelsucht gegenüber der Regierung geleitet wurden, sich unter dem Tin- flusse ver-großen Thatsachen der letzten Jahre ein Umschwung zu vollen! freudigen Vertrauen gegen dre Regierung und zugleich zu einer richtigeren Würdigung der Bedürfnisse und Erfordernisse des Staatswesens vollzogen hat.

Es wird die gemeinsame Aufgabe aller Patrioten fein, diese Stimmungen und Gesinnungen im deutschen Volke sorg­sam zu pflegen und zu nähren, auf daß eine ächte und that­kräftige Begeisterung für Kaiser und Reich immer mehr die Grundlage unseres politischen Lebens werde und somit des Kai­sers Zuversicht sich erfülle,daß das deutsche Vaterland unter dem Schutze der gemeinsamen Institutionen einer gedeihlichen Entwickelung entgegensetze."