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Freitag den 6. März.
Tagesschau.
— Berlin, 5. Marz. Zur morgigen 13. Plenarsitzung des deutschen Reichstages liegt nach dem „R. u. St.-A." folgende Tagesordnung vor: 1) Antrag des Abg. Windthorst und Genossen (die Sistirung des gegen den Abg. v. Ludwig eingeleiteten Strafverfahrens betreffend). 2) Zweite Berathung des Gesetzentwurfs über den Impfzwang. 3) Wahlprüfungen. 4) Erster Bericht der Kommission für Petitionen. 5) Zweiter Bericht der Kommission für Petitionen.
— Berlin, 5. März. Dem Reichstage ist Seitens des Reichskanzlers die dritte Uebersicht über die in Elsaß-Lothringen erlassenen Gesetze und allgemeinen Anordnungen sowie über den Fortgang der Verwaltung, welche in Ausführung des die Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem Deutschen Reiche betreffenden Gesetzes vom 9. Juni 1871 aufgestellt ist, vorgelegt worden.
— Die „Nat.-Ztg." schreibt: Mit dem im Justizausschusfe des Bundesraths ausgesprochenen Rücktritt von dem Vorschläge, in die deutsche Strafprozeßordnung allgemein, und also auch zum Ersatz für die Geschwornen, Schöffengerichte einzuführen, haben die preußische Staatsregierung und die Regierung des deutschen Kaisers wieder einen starken Beweis der Rücksichtnahme gegeben, welche sie auf die politischen Stimmungen der süddeutschen Bevölkerungen und Regierungen überall da zu nehmen bereit sind, wo dies nach ihrer gewissenhaften Ueberzeugung irgend mit den Reichsintereffen vereinbar erscheint. ... Es ist außer Frage, daß bei der Entscheidung über die Ordnung der Gerichtsbehörden das politische Element des Vertrauens der Bevölkerung einen wesentlichen Faktor gbzugeben hat und von diesem Standpunkte aus halten wir Angesichts der in weiten Kreisen, namentlich Süddeutschlands hervorgetretenen Vorliebe für die Beibehaltung der Schwurgerichte die neuerliche Zuwendung der preußischen und kaiserlichen Regierung an diese Einrichtung für sehr angemessen. Wir erwarten davon eine wesentliche Förderung aller auf die Justizgesetzgebung des Reichs bezüglichen Arbeiten des Bundesraths, da die Annahme nicht unberechtigt ist, daß die Resignation, welche die preußische Regierung in einem so hervorragenden Punkte geübt hat, auch von den übrigen Bundesregierungen -nicht ohne Nachfolge werde gelassen werden.
— Von Memel, aus dem nördlichsten Kreise Deutschlands, wie sie selbst bemerken, erlassen dreizehn Großgrnndbesitzer, im Gegensatz zu den Anschauungen, die in dem landwirthschaftlichen Kongreß hervorgetreten sind, die Erklärung, daß sie, sämmtlich Fortschrittsmänner, das Gesetz über die obligatorische Civilehe für eine so weise Institution halten, daß sie, falls es von ihnen verlangt wird, auch gern bereit sein werden, die Opfer zu bringen, welche das Gesetz fordert.
1 —■ Die Altkatholiken in München haben, vertreten durch den Prof. Cornelius und den Oberstceremonienmeister Grafen V. Moy, an den Magistrat das Gesuch gerichtet, daß ihnen die schöne gothische Kirche in der Vorstadt Haidhausen überlassen werde. Ein ultramontanes Blattt begleitet diese Nachricht mit folgendem Wuthausbruch : „Die Haidhauser werden sicherlich weder vor gräflichen Ansprüchen noch vor einem magistratischen Machtspruche sich beugen, sondern mit aller Entschiedenheit und mit allen Mitteln fordern und durchzusetzen wissen daß ihre
Kirche auch ihre Kirche bleibe und nicht fremdes Geschmeiß sich einnifte."
— München, 2. März. Die bayerischen Staatsbahnen haben nach der im Drucke fertig gestellten 21. Nachweisung über den Betrieb der Königlich bayerischen Verkehrsanstalten pro 1872 einen Reinertrag von 4,so °/o, im Jahre 1871 4«g %, im Jahre 1870 einen solchen von 9so °/o geliefert.
— Leipzig, 4. März. Nach dem jetzt vorliegenden offiziellen Resultate der Reichstagswahl im hiesigen Landkreise ist * Dr. Carl Heine mit 7836 Stimmen gewählt worden. Der Gegenkandidat Wilhelm Bracke jun. erhielt 5676 Stimmen.
— In Mecklenburg hat die beabsichtigte Einführung einer Verfassung bisher wenig Glück gehabt. Der Widerstand der Ritterschaft gegen die Aufhebung des ihr lieb gewordenen ständischen Princips ist so hartnäckig, daß an eine Verständigung zwischen ihr und der Landschaft über die neue.Vorlage nicht zu denken ist. Einstweilen ist die Sache vertagt und man erwartet eine neue Proposition der Regierung. Dieselbe wird sich indeß von der ersten vermuthlich nur durch die Erklärung unterscheiden, daß falls die Ritterschaft bei ihrem Widerstand beharrt, die Reform auch ohne sie durchgeführt werden würde. Der Großherzog soll über die Opposition seiner ehemals Getreuen sehr aufgebracht sein. Allein wenn der anerkannte Führer der Feudalpartei unter Verhältnissen, wie die heutigen sind, ungestört an der Spitze des Ministeriums verbleibt, so kann man es den Junkern kaum verdenken, wenn sie in diesem Verfassuiigs- kampf nur eine Komödie und keineswegs eine ernsthafte Action der Regierung erkennen wollen. (Trib).
— Schwerin, 4 März. In der Standesversammlung der Ritterschaft wurden verschiedene, einen Beschluß in der Vertretungsfrage anbahnende Dictamina mit 105 gegen 96 Stimmen abgelehnt und darauf der den betreffenden Theil der Regierungsvorlage rein ablehnende Beschluß der Ritterschaft vom 24. Febr. mit 110 gegen 101 Stimmen aufrecht erhalten.
• — Bern, 3. März. Der Regierung ist von der Regierung des Kantons Baselland die Mittheilung gemacht worden, daß den dahin geflüchteten Geistlichen aus dem Berner Jura der fernere Aufenthalt im Kanton Baselland untersagt worden ist.
— London, 4. März. Des Berliner Dankschreiben an das hiesige Protestanten-- ßomité langte gestern, begleitet von einer Uebersetzung der Mai-Gesetze, hier an. Graf Münster lud das Comité ein, sich am 16. d. zur Entgegennahme der Schriftstücke in das deutsche Botschaftsgebäude zu bemühen. Eine zahlreiche Deputation an Kaiser Wilhelm reist am 8. April, an der Spitze vermuthlich der Herzog von Manchester und Sir Robert Peel, nach Berlin und überreicht ein prachtvolles Album, enthaltend Adresse und Copieen des Kaiserbriefes, des Berliner Dankschreibens, der Mai-Gesetze u. s. w. Duplicate werden der Königin Victoria, dem deutschen Kronprinzen und dem Fürsten Bismarck übergeben. Neue Franks. Pr.
— London, 5. März, Mittags. Der „Times" wird aus Paris ein Schreiben aus der Umgebung von Don Carlos mitgetheilt, wonach derselbe beabsichtigt, sich sofort nach der Einnahme von Bilbao in der Dortigen Kathedrale zum König krönen zu lasfen und den feierlichen Schwur auf die alten Freiheiten des Königreichs und auf die Fueros der baskischen Provin-