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merkte Bismarck dem französischen Unterhändler Jules Favre, als dieser erklärte, eine Gebietsabtretung verbiete Frankreich seine Ehre — die Franzosen glaubten wohl eine von der Ehre anderer Nation ganz verschiedene Ehre zu besitzen. Die Richtigkeit dieser Bemerkung wird auch durch den unerhörten Rechtszustand aufgedeckt, welchen wir bezüglich der Kapitulation hier hervorgehoben haben. Andere Heere können kapituliren, ein französisches Heer kapitulirt nie; deßhalb bestraft man alle Kapitulationen ; das klingt gewaltig groß, aber hinten herum geht ein Schleichweg, auf dem die begünstigten Kapitulationen entschlüpfen, und den man dem Nichtbegünstigten verschließt. Unter diesen Umständen erscheint Bazaiue, der letzte Soldat des gestürzten Kaisers, vor seinen Richtern, und erst an der Hand einer solchen Gesetzgebung tritt die Prozedur in ihr wirkliches Licht vor den Augen Europas, die in der That nicht ohne Verwunderung darauf blicken können. Dem Leser wird es vielleicht erwünscht sein, die entsprechenden Bestimmungen des deutschen Reichs-Militärstrafgesetzes vom Jahre 1872 zu vergleichen. Der 66. Paragraph dieses Gesetzes bedroht mit dem Tode: 1) den Kommandanten eines festen Platzes, welcher denselben dem Feinde übergibt, ohne zuvor alle Mittel zur Vertheidigung des Platzes erschöpft zu haben; 2) den Befehlshaber, welcher im Felde mit Vernachlässigung der ihm zu Gebote stehenden Vertheidigungsmaßregeln den ihm anvertrauten Posten verläßt, oder dem Feinde übergibt; 3) den Befehlshaber, der auf freiem Felde kapitulirt, wenn dies das Strecken der Waffen für die ihm untergebenen Truppen zur Folge gehabt und er nicht zuvor Alles gethan hat, was die Pflicht von ihm fordert. Hierzu ist einem Beschlusse des Reichstages entsprechend die Bestimmung gefügt worden: „In minder schweren Fällen der Nummern 2 und 3 tritt Festungshaft nicht unter 5 Jahren oder lebenslängliche Festungshaft ein." In diesen Strafbestimmungen wird Niemand die nöthige Strenge vermissen können, aber sie lassen den Fall einer Kapitulation offen, die zulässig ist, wenn alle Mittel der Vertheidigung erschöpft sind. Wenn Bazaine nach den Gesetzen der Sieger, statt nach denen der Besiegten gerichtet würde, hätte er wenigstens die Möglichkeit einer Freisprechung; in Frankreich war er verurtheilt, noch ehe er gehört war.
— Paris, 14. Dez. Bazaine's Familie erhielt die Erlaubniß des Mitaufenthaltsrechts am Deteusionsorte.
— Havre, 14. Dez. Das Bankhaus Sulzer Ward u. Com. hat in Folge Verluste bei der amerikanischen Krisis fallirt. Der Chef ist flüchtig. Activa angeblich 7, Passiva 9 Millionen, Activa schwer realisirbar.
— London, 12. Dez. Anderweitigen Zeitungsnachrichten gegenüber wird von unterrichteter Seite hier mitgetheilt, daß Baron Reuter seinen Verpflichtungen gegen die persische Regierung und den Bestimmungen des ihm ertheilten Konzessionsbriefes strikt und buchstäblich nachgekommen sei. Derselbe habe sich aber geweigert, auf verschiedene Modifikation der ihm ertheilten Konzession einzugehen, die von der persischen Regierung verlangt worden seien. Die Verhandlungen hierüber seien noch in der Schwebe.
— London, 15. Dez., Morgens. Auf die Auslassung Bowyers, der sich gegen die Abhaltung des Meetings ausgesprochen, das der Sympathie des englischen Volkes für die preußische Regierung in deren Kampfe mit den katholischen Bischöfen Ausdruck geben soll, veröffentlicht Earl Russel ein Schreiben. In demselben erklärt Earl Ruffel wiederholt, daß er den Vorsitz in dem gedachten Meeting gern übernehme. Es sei die schon von Lord Peel vorausgesehene und vorausgesagte Zeit gekommen, wo die katholische Kirche sich nicht mehr damit begnüge, daß sie andern Kirchen gleichgestellt sei, sondern wo sie allein herrschen wolle. Er könne eine Gewalt des Papstes, die, wie offen ausgesprochen worden, alle Getauften umfasse, eine Gewalt, die sich auch über die Königin, die Glieder des Königlichen Hauses, die Bischöfe und die Geistlichkeit der anglikanischen Kirche erstrecken würde, nicht anerkennen. Ebenso müsse er sich entschieden gegen die autonomische Stellung erklären, welche der Papst für Irland in Anspruch nehme und durch die er seine Weltmacht zu erweitern trachte. „Daily Telegraph" bespricht gleichfalls die kirchlichen Verhältnisse in Preußen und meint, die Forderungen der
preußischen Regierung seien durchaus billige und es könne keinem Zweifel unterliegen, daß die katholische Kirche sich schließlich fügen müsse. Der Kampf, der in Preußen und anderen Ländern gegen die Ausdehnung der Gewalt des Klerus geführt werde, sei in Wirklichkeit ein Kampf für die Freiheit des Volks, ein Kampf für die Verfassung. (R. u. ®t. rm
— Aus Rom wird der „D. A. Ztg." geschrieben: Gegen den Kardinal Fürsten Hohenlohe werden nächstens dieselben Maßregeln ergriffen werden, wie gegen weiland Kardinal Andrea, weil er den mehrfachen Aufforderungen, sich nach Rom zu begeben, nicht Nachkommen mag. Auch über den König von Bayern ist der Stellvertreter Christi auf Erden in hohem Grad: aufgebracht, weil er einen „exkommunizirten Ketzer", den Stiftsprobst Döllinger in München, zu seinem Jubiläum mit einem Glückwunschschreiben erfreut hat. Die „Unita cattolica" hat in Folge dessen die Unverschämtheit gehabt, über den König von Bayern sich in den stärksten Schimpfworten zu ergehen. Zu verwundern bleibt nur, daß die italienische Regierung solche grobe Beleidigungen eines deutschen Königs ungeahndet laßt, noch mehr aber, daß die bayerische Gesandtschaft in Rom dafür noch keine Genugthuung verlangt hat.
— Die „Neue Frftr. Pr." schreibt unterm 15. Dezbr. aus Frankfurt a. M.: Der Herzog von Nassau ist mit Familie und einem aus einigen sechzig Personen bestehenden Hofstaate gestern nach Wien abgereist. In Wien ist für die Dauer der Anwesenheit des Herzogs das Fürstlich Obrenowitsch'sche Palais gemiethet. — Der Bau- und Sparverein ist nunmehr in der Lage, von den auf dem Vereins-Grundstück bei Bornheim in der Nähe des Louisenhofs errichteten Häusern einige käuflich abzugeben, und hat er dieserhalb ein Circular an seine Mitglieder gerichtet und diese aufgefordert, sich binnen 8 Tagen zu erklären, ob das eine oder andere Mitglied auf ein solches Haus reflectirt. — Wie wir vernehmen, wurde der Aufenthalt des im August von hier verschwundenen Dr. L. in einem Kloster bei Brüssel entdeckt.
Lokales und Provinzielles.
Hanau, 16. Dezember.
R—. Einige Burschen im Alter von 14—16 Jahren fanden es am letzten Sonntag gegen 12 Uhr Morgens für gut ein auf dem israelitischen Friedhofe anwesendes recht geachtetes Ehepaar, alte Leute, welche dort gemeinschaftlich ein Gebet verrichteten, nicht allein auf gemeine Weise zu verspotten, sondern auch mit Sand und sogar mit Steinen nach denselben zu werfen. Schade, daß diese Bengel nicht gekannt wurden, um ihnen für die Rohheit eine wohlverdiente, derbe Züchtigung verabfolgen zu können.
— Wass erstand des Main-Pegels heute früh 9 Uhr 0,32 Meter.
— Dem Polizeidirektor Albrecht zu Cassel wurde der rothe Adlerorden 3. Classe mit der Schleife verliehen.
— Der bisherige Baumeister Carl Krockow zu Waldkappel, Regiernngsbezirk Cassel, ist als Königlicher Eisenbahn-Baumeister bei der Stargard-Posener Eisenbahn mit dem Wohnsitze zu Stargard i/Pomm., sowie der Lehrer Dr. Ernst Gerland zu Cassel zum Gewerbeschullehrer ernannt und an der Königlichen Gewerbeschule zu Cassel angestellt worden.
— Die Amtsentsetzung ist jetzt im Ganzen über folgende 13 renitente niederhejsische Pastoren ausgesprochen worden: Vilmar zu Melsungen, Hoffmann zu Felsberg, Rausch zu Rengshausen, Grau zu Lichtenau, Neuber zu Reichensachsen, Hartwig zu Waldkappel, Zülch zu Hombressen, Witzel zu Schemmern, Vilmar zu Asbach, Abäe zu Asbach, Wolff zu Schwebda, Thamer in Nordshausen und Grentzebach zu Rodenberg.
— Fulda, 13. Dez. Dem heutigen „Schulblatte" ist das Programm des vom 1. Januar 1874 an dahier im Verlage der „Fuldaer Actiendruckerei" erscheinenden Blattes „Fuldaer Zeitung" beigelegt.
— Marburg, 10. Dez. Die Universität wird im nächsten Jahre durch eine werthvolle permanente Ausstellung wahrhaft bereichert werden. Die Regierung wird nämlich die Anordnung treffen, daß sämmtlichen in Kurhessen bestehenden Vereinen für hessische Geschichte und Landeskunde, denen es meist an ange-