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Donnerstag den 1L Dezember.

1873.

Tagesschau.

— Am 18. December ist ein parlamentarisches Jubiläum zu feiern. Es wird dann 25 Jahr, daß Dr. Eduard Simson, damals 38 Jahre alt, zum Präsidenten des deutschen Reichsta­ges erwählt wurde, welche Stelle er auch gegenwärtig bekleidet. Damals saß der Reichstag in der Paulskirche zu Frankfurt am Main. Simson war Tribunalsrath und Universitätsprofessor in Königsberg. Er hatte sich von Frankfurt eine kurze Zeit beur­laubt. Während dessen war Heinrich von Gagern Minister- Präsident geworden. An seine Stelle wählte man den abwesen­den Simson, welcher bis dahin die Stelle des ersten Vicepräsi­denten bekleidet hatte, zum Präsidenten des Reichstages. Es war am 18. December 1848. Am 22. December kehrte Simson zurück und eröffnete den Reichstag mit folgenden Worten: „Die Sitzung ist eröffnet. Meine Herren! Bei meinem Wiedereintritt in diese hohe Versammlung bitte ich um die Erlaubniß, Ihre Aufmerksamkeit auf wenige Augenblicke für mich in Anspruch nehmen zu dürfen. Die Fortentwickelung der Geschicke Deutsch­lands, untrennbar an das Dasein und die Wirksamkeit dieser hohen Versammlung gebunden, hat einen unersetzlichen Mann von demjenigen Platz abberufen, den er seit dem Beginn unserer Arbeiten zu unserer hohen Befriedigung unausgesetzt eingenom­men hat (Bravo!), und die unwillkommene Nothwendigkeit her­beigeführt, die leer gewordene Stelle zunächst für wenige Tage anderweit auszufüllen. Es hat der hohen Versammlung nach einer mehrfach schwankenden Wahl gefallen, in meiner Abwesen­heit meinen Namen aus der Urne hervorgehen zu lassen. Ich glaube, mich dieser ehrenvollsten Bestimmung in Betracht der eigenthümlichen Lage unserer Gegenwart und in Erwägung des guten und freudigen Muthes, den ich von meiner Mission zu­rückbringe (Bravo!), nicht entziehen zu dürfen. Ich trete sie, meine Herren, in dem oft erprobten Vertrauen auf Ihre Nach­sicht für diese wenigen Tage an. (Bravo!) Mit dem Beginne des neuen Jahres werden Sie zu einer neuen Wahl schreiten. Möchte der Genius unseres Vaterlandes bis dahin abermals einen Theil der Wolken schadlos vorübergeführt haben, die von Zeit zu Zeit unsere hohe Aufgabe vor unseren eigenen Blicken zu verdunkeln drohen; möchten wir uns dann Alle in dem Be­streben vereinigt finden, diese Aufgabe, wie wir begonnen haben, im Sinne der Freiheit, der Ordnung, der Einigung, der Gliede­rung unseres Vaterlandes zn lösen! (Lebhaftes Bravo!) — Die Hoffnungen, welche Simson in seiner Antrittsrede aussprach, haben sich damals nicht verwirklicht. Dafür hatte Heinrich von Gagern durch seinen „kühnen Griff", mittels dessen er einen österreichischen Erzherzog an die Spitze der Centralgewalt stellte, von vornherein gesorgt; auch ließ er sich später noch von dem listigen Wiener von Schmerling übertölpeln. Die Gagern'schen Pläne scheiterten vollends, als Friedrich Wilhelm IV. die Kai­serkrone aus legitimistischen Gründen zurückwies. Zwischen heute und damals, welch ein Unterschied! Der Reichstag ist nicht mehr in Frankfurt a. M., sondern in Berlin versammelt. Die Ausgabe, welche am 18. December 1848 Simson stellte, ist heute wirklich „im Sinne der Einheit, Freiheit und Ordnung" gelöst. Das Vaterland ist organisch gegliedert und zum „Deutschen Reiche" vereinigt. Die Centralgewalt ruht in den treuen und festen Händen des Kaisers, und auf dem Präsidentenstuhle des^

Reichstages sitzt wieder derselbe Eduard Simson, welcher 1848 darauf saß und der sich während dieses Vierteljahrhunderts stets als Staatsmann und als politischer Charakter bewährt hat. Ein erfreuliches Bild, welches uns auf's Neue bestätigt: „Was man sich in der Jugend wünscht, das hat man im Alter in Fülle!" (Trib).

— Berlin, 10. Dezember. Der erste Gegenstand der heutigen Tagesordnung (16. Sitzung des Hauses der Abgeord­neten) war der zur dritten Berathung stehende, von dem Abg. Bernards eingebrachte Gesetzentwurf, dessen einziger Artikel also lautet: „Die von Kalendern, Zeitungen, Zeitschriften und An- zeigeblättcrn bisher entrichtete Stempelsteuer wird vom 1. Ja­nuar 1874 an nicht ferner erhoben." Dieser Gesetzentwurf wurde ohne Diskussion mit überwiegender Mehrheit genehmigt.

— Berlin. Im deutschen Gewerbe-Museum hierselbst, Königsgrätzerstr. 120, sind die kunstgewerblichen Gegenstände ausgestellt, welche im Auftrage des Königlichen Handels-Mini­steriums auf der Wiener Weltausstellung angekauft sind. Die­selben enthalten Proben der hervorragendsten Arbeiten aller Länder und Völker, welche auf der Ausstellung vertreten waren, besonders reich ist die Sammlung an guten orientalischen Stü­cken, Teppichen, Seidenstickereien und Metallarbeiten. Mit Gold- und Silberschmuck sind Indien, die Türkei, Rußland, Italien und Portugal reich vertreten, von England sind die glänzendsten Fayence-Malereien, von Frankreich Bronze-Arbeiten, Gobelius und Möbel angekauft. Die Gegenstände werden, bevor sie in die betreffenden Abtheilungen eingereiht werden, eine Zeit lang in einem besonderen Saale ausgestellt bleiben. Am Dienstag haben Ihre Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin die Ausstellung mit ihrem Besuche beehrt.

(Das Museum ist an den Wochentagen mit Ausnahme des Montags von 10 bis 3 Uhr, Sonntags von 10 bis 2 Uhr ge­öffnet.)

— Mitte dieses Monats werden im Reichs-Eisenbahnamt eine Anzahl Regierungs-, Bau- und Eisenbahnbeamte zu Kon­ferenzen zusammentreten, um über die Einführung eines einheit­lichen Eisenbahn-Polizei-Reglements, sowie über die Einführung einer gemeinschaftlichen Bremsvorrichtung und einer gemeinsamen Signalordnung für die sämmtlichen Eisenbahnen des deutschen Reiches zu berathen. Man wird sich entsinnen, daß zur Be­rathung dieser selben Angelegenheiten im Oktober d. I. eine Konferenz von Eisenbahn-Betriebsbeamten der hervorragenden preußischen Eisenbahnen stattgefunden hat, welche in dem Sitzungs­saale des hiesigen Architekten-Vereins tagte. Die Beschlüsse und Gutachten dieser Versammlung hat das Reichs-Eisenbahn-Amt nunmehr in gesetzliche Formen gebracht, die in der bevorstehen­den Versammlung von den betreffenden Beamten der sämmtlichen deutschen Staaten durchberathen werden sollen.

— Der„R. u.St.-A." schreibt: „Dresden, 10. Dez. Im Befin­den Ihrer Majestät der Königin Elisabeth von Preußen, Aller- höchstwelche bereits vor vier Wochen an einem akuten Lungen­katarrh, der sich bis in die feinsten Luftröhrenverzweigungen er­streckt, erkrankt sind, ist in vergangener Nacht plötzlich eine we­sentliche Verschlimmerung aller Krankheitserscheinungen eingetre­ten. — Insbesondere haben die Athemuoth und der _ Husten beträchtlich zugenommen und sind diese Symptome um so mehr