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beiden Seiten forderte sie Entäußerung von alten Vorurtheilen und einen freien, offenen Blick für die Thatsachen und für die Ansprüche des Jahrhunderts. Sie brach mit den lebendigen Traditionen der Geschichte und mit den populären Leidenschaften, welche dem noch mitlebenden Geschlechte schwere Opfer auferlegt hatten. Aber diese Verbindung vollzog sich unter dem heiligen Banner des Friedens, des Friedens nicht nur für die beiden Reiche, die in heißem Völkerstreite seine Segnungen erkannt hat­ten, sondern des Friedens für Europa. Als Bürgschaft dieses Friedens ist das neue Verhältniß zwischen den beiden Reichen zugleich mit jener Anziehungskraft für die benachbarten Staaten erfüllt worden, welche der europäischen Lage heute größere Sicherheit gewährt, als seit langer Zeit. Der jede gewaltsame Störung ausschließende und abwehrende, der erhaltende und wahrhaft konservative Gedanke hat eine bleibende Stätte gefun­den. — In diesem Sinne heißen wir den erhabenen Gast un­seres Kaisers willkommen. Mögen die politischen Zwecke auch außerhalb der unmittelbaren Motive seines Besuches liegen, po­litische Konsequenzen sind naturgemäß mit demselben verknüft. Jedenfalls aber scheint es uns sich dem österreichischen Sinne zu ziemen, dem greisen Monarchen und Freunde unseres Kaiser­lichen Herrn mit patriotischem Gefühle den Ausdruck unserer ehrerbietigen und warmen Sympathien darzubringen."

— Paris, 17. Oct. Das „Journal de Paris" sagt: „Das große Ereigniß ist vollzogen! Chambord und die parla­mentarischen Vertrete haben sich über die Bedingungen der Wiederherstellung der Monarchie geeinigt. Das Oberhaupt des Hauses Bourbon, welches in einigen Tagen König sein wird, gibt den Bedürfnissen und Wünschen des modernen Frankreichs volle, vollständige Befriedigung. Ueber die Fahnen- und Ver- sasfungsfrage, sowie in den Fragen der politischen, bürgerlichen und religösen Freiheit erhält die Nation Alles, ohne daß der König etwas opfert. Heinrich V. zeigte sich als würdiger Erbe dieses Geschlechtes tief politischer Könige, welchem Frankreich seine Unabhängigkeit, Einigkeit und Größe verdankt. Die Zu­sammenkünfte in Frohsdorf hatte die königliche Familie, die Zu­sammenkunft in Salzburg hat die Monarchie wredergeschaffen.,,

— Trianon, 18. Oktbr. Prozeß Bazaine. Verhör über den Kriegsrath vom 24. Oktbr. und die Mission Changarniers und Cisfeys. Bazaine sagt, daß, als er die von den Deutschen gestellten harten Bedingungen erfahren habe, ein Ausfall unthun- lich gewefen sei. Er leugnet, daß er demoralisirende Nachrichten habe verbreiten lassen, er habe vielmehr im entgegengesetzten Sinne gehandelt. Das Kriegsmaterial habe er aus Besorgniß vor der Rache des Feindes nicht zerstört. Der Präsident fragt, ob man noch größere Härte habe fürchten können. Bezüglich der Fahnen sagt Bazaine, daß er öffentlich und in förmlicher Weise dem Ge­neral Soleille den Befehl ertheilt habe, dieselben zu verbrennen. Die Nachlässigkeit der Offiziere sei allein zu tadeln. Nach eini­gen anderen kurzen Fragen wird das Verhör geschlossen. Die Vernehmung der Zeugen beginnt Montag. cN-ue Franks. Pr.)

— London, 18. Oktbr. Die Bank von England hat ihren Discont auf 7 pCt. erhöht.

— Die „Neue Frftr. Pr." schreibt unterm 18. Oktober aus Frankfurt a. M.: Dem Vernehmen nach ist seitens der Herren Minister für Handel rc. und für die landwirthschaftliche Ange­legenheiten die Genehmigung ertheilt, daß in den Jahren 1874, 1875 und 1876 und zwar in der Zeit vom Med. Juli hierfelbst an zwei, höchstens drei, von dem hiesigen Königl. Polizei-Prä­sidium alljährlich zu bestimmenden Tagen ein Wollmarkt abge­halten werde. Nach Ablauf der drei Jahre wird fernere defini­tive Bestimmung getroffen. — Bei Aufstellung des diesjährigen Budgets für die Stadt war eine Aepfeleinfuhr von ca. 70,000 Malter angenommen worden, leider hat sich diese Annahme nicht bewährt, denn noch nicht ganz 15,000 Malter gingen ein, die Stadtkasse hat dadurch einen Ausfall von ca. 40,000 fl.

Lokales und Provinzielles.

Hanau, 19. October.

—d. Der restaurirte Saal der Centralhalle, welcher gestern

Abend vom Verein „Frohsinn" mit einem Balle eingeweiht wurde, wird morgen Abend mit einem großen Concerte der verstärkten Stadttheater-Kapelle, unter Leitung des Herrn Poppelsdorf, für das Publikum eröffnet und ist der Eintrittspreis zu demsel­ben billigst gestellt. Anerkennenswerth ist, daß der jetzige Restau­rateur der Centralhalle, Herr Gerlach, eine Ausnahme von der Regel macht und während des Concertes außer Wein „auch Bier" verabreicht, was Vielen den Besuch desselben eher ermög­lichen dürfte. Hierbei sei erwähnt, daß Herr Maler Köchlin hier die geschmackvollen Arbeiten im Saale geliefert hat und machen wir ganz besonders auf die von demselben an der Decke angebrachten Rosetten und die Bordüren aufmerksam, welche für den Beschauer im ersten Augenblick erhabene Arbeit zu sein scheinen.

—d. Wenn man, wie hier und da angenommen wird, in dem Erscheinen der Kraniche (Schneegänse) einen baldigen Winter erblickt, so dürfen wir uns heuer darauf gefaßt machen, weil ver­gangenen Samstag mehrere Ketten solcher Wandervögel über un­sere Stadt hin nach Südwesten zu zogen.

— Wasserstand des Main-Pegels heute früh 7 Uhr 0,26 Meter.

— Das „Schulbl." für Hessen-Nassau schreibt: Bezüglich der Leistungen einer bürgerlichen Gemeinde für die Ortsschulen verschiedener Confesionen ist neuerdings in einem Specialfalle seitens des Cultusministeriums dahin entschieden, daß eine poli­tische Gemeinde, welche die Elementarschulen der einen Confes- sion unterstützt, gehalten ist, in entsprechender Weise auch die der anderen zu unterstützen. (Für die Kasseler und Hanauer Schu­len wichtig. Die Red.)

— Die „Berl. Trib." schreibt: Eine Probe seiner Standhaftig­keit wird der Staat bei der Neubesetzung der Fuldaer Bischofsstelle zu bestehen haben, die durch den Tod des Herrn Kött erledigt ist. Nach den canonischen Vorschriften muß das Domcapitel da­für Sorge tragen, daß innerhalb Monatsfrist der Landesfürst von den Namen der zum Diöcesanclerus gehörigen Candidaten, welche zur Nachfolge würdig und tauglich befunden werden, in Kenntniß gesetzt wird. Unter den heutigen Verhältnissen wird selbstverständlich keinem Candidaten die landesherrliche Geneh­migung ertheilt werden, der die Gültigkeit der neuen Kirchenge­setze bestreitet. Setzt das Capitel also immer nur staatsfeindliche Candidaten auf die Liste, so bleibt in Folge des Verwerfungs­rechts der Regierung der bischöfliche Stuhl von Fulda unbesetzt, wie dies seit Jahren mit demjenigen von Freiburg der Fall ist, der von einem Weihbischof verwaltet wird. Das aber wäre auch schon vor den kirlichen Gesetzen möglich gewesen. Bei der jetzigen gesetzlichen Lage entsteht nun ferner für das Domcapitel die Verpflichtung, im Falle es zu keiner Bischofswahl kommt, dem Oberpräsidenten die Person des Bisthumsverwesers zu be­zeichnen, gegen dessen Wahl innerhalb dreißig Tagen Einspruch erhoben werden kann. Geschieht dies nicht — und bisher ist die Anzeige wohl noch in keinem Falle gemacht worden — so ist auch diese Wahl null und nichtig und die Fuldaer Diö- cöse gänzlich hirtenlos. Ob die römische Partei die Sache auf die Spitze treiben wird, ist abzuwarten; die einzige Alternative aber ist: Gehorsam den Gesetzen oder Preisgabe der geist­lichen Bedürfnisse der Diöcesanen, mit andern Worten: biegen oder brechen, —

— Fulda. An dem am 17. ds. stattgehabten Leichenbegängniß des Bi'chofs Kött haben die Bischöfe von Mainz, Würzburg, Freiburg und Paderborn theilgenommen. Der Bischof von Paderborn hielt die Grabrede, der Bischof von Mainz vollzog die Einsegnung.

— Melsungen, 16. Oktbr. Das Brandunglück, welches unsere Stadt innerhalb Jahresfrist jetzt zum zweitenmale hack betroffen hat, ist, wie versichert wird, durch eine übel berüchtigte Frauensperson veranlaßt worden. Dieselbe hat noch vor weni­gen Tagen geäußert, daß sie die Wohnung ihres Miethgebers in Brand stecken werde, bevor sie ihren Umzug bewirke. Das In­dividuum ist bereits heute Mittag durch den Staatsanwalt beim Kreisgerichte Rotenburg vernommen und dann hinter Schloß und Riegel gebracht worden. Das Feuer brach heute Nacht gegen 12 Uhr hinter dem Hilgenberg'schen Wohnhause aus. 16 zwischen