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â 243. Montag den 20. Oktober. 1873.
Tagesschau.
— Berlin. Seit den bekannten Verhandlungen in der preußischen Kammer während der vorigen Session, die durch Herrn Lasker's Vorgehen gegen hochgestellte sogenannte Gründer veranlaßt wurden, sind mancherlei Anklagen gegen Mitglieder des Hauses erhoben worden, die ihrerseits Unternehmungen zweifelhafter Solidität nicht fern geblieben sein sollten. Ob diese Beschuldigungen überall der Wahrheit entsprechen, könnte nur eine eingehende Untersuchung in jedem einzelnen Falle darlegen. Inzwischen scheinen solche Gerüchte auch die Wahlkreise zu beunruhigen, und namhafte Abgeordnete erhalten zahlreiche Zuschriften, die Erkundigungen über diesen und jenen Kandidaten in dem bezeichneten Sinne einziehen. Wie es in der Natur der Sache liegt, werden solche Anfragen großentheils an Herrn Lasker gerichtet, der auf eine derselben mit einem Schreiben geantwortet hat, das in der „Köln. Ztg." veröffentlicht wird. Herr Lasker erklärt sich außer Stande, diese Anfragen zu beantworten, da er eine so umfangreiche Korrespondenz in Angelegenheiten, „welche die persönliche Ehre betreffen und besonders sorgfältig zu behandeln sind, beim besten Willen nicht bewältigen könnte." Aus Mangel der erforderlichen Materialkenntniß und Vertrautheit mit dem Börsenverkehr lehnt er es daher ab, auf die Anfragen einzugehen. Dagegen nimmt er keinen Anstand, zu erklären: „Ich halte die allgemeinen Wahlen für eine rechtmäßige .Gelegenheit, die Mandatsbewerber um thatsächliche Aufklärung zu ersuchen, wenn ihnen specialisirte Vorwürfe einer unsoliden Theilnahme an unsoliden Gründungsspekulationen gemacht werden. Wer als Abgeordneter in das öffentliche Leben eintreten oder in demselben verbleiben will, muß vorbereitet sein und soll die Gelegenheit gern benutzen, sich von jedem Vorwurf der bezeichneten Art zu reinigen, sofern derselbe in Form genauer thatsächlicher Angaben auftritt und nicht in allgemeinen Redensarten sich bewegt. Auf angeblich „notorische" Anschuldigungen lege ich eben so wenig Werth wie auf eine „Rechtfertigung", welche auf genau specialisirte Anschuldigungen mit vornehmem Schweigen antwortet. Die Wähler werden gewiß jede rechtfertigende Klarlegung mit Freuden annehmen, und, wo es nöthig ist, werden sie mit Unparteilichkeit den legitimen Geschäftsverkehr und Unternehmungssinn von der bewußten Theilnahme an dem System der Ausbeutung zu unterscheiden wissen. Dagegen halte ich es im gleichmäßigen Interesse aller Parteien, daß solche Personen, welche thatsächlich bezeichnet und benannten Vorwürfen gegenüber sich nicht reinigen können, von der Vertretung des Volkes im Parlament fern gehalten werden. (aug§6. swg).
— Die Conferenzen, welche der Handelsminister behufs Erforschung der Gründe über die häufigen Unfälle auf den Eisenbahnen und Feststelluug von Maßnahmen zu deren Abhülfe anberaumt hat, werden in den letzten Tagen dieses Monats beginnen. Den Mitgliedern ist ein sehr umfassender Fragebogen zugegangen, der ihnen einerseits über Inhalt und Anfang der Berathungen Aufschluß gibt, andererseits eine vollständige Information über die wünschenswerthen Vereinbarungen gestattet.
— Einen sehr komischen Eindruck hat es im Publikum gemacht, daß in der „Germania" der Nachweis über die Richtigkeit des päpstlichen Satzes, daß Jeder, der getauft ist, irgendwie dem Papst angehört, angeblich — von einem Protestanten ge- I
führt wird. Gewöhnlich hält man den alten Appellationsgerichtspräsidenten v. Gerlach für den üblichen Paradeprotestanten des Jesuitenblattes. In diesem Falle spricht denn doch zu viel gegen eine solche Annahme, da der ganze Artikel so sehr zu einer bloßen Verherrlichung der katholischen Kirche sich zuspitzt, daß der Verfasser, wenn er ein Protestant ist, sich unter allen Umständen blamirt: denn entweder mußte er bei gesundem Menschenverstände mit solchen Anschauungen selbst längst Katholik sein, oder aber er durfte seiner Confession und seiner Person nicht ein so glänzendes Armuthszeugniß ausstellen, welches ihn gleichzeitig dem gerechten Spott der Katholiken und der verdienten Verachtung der eignen Glaubensgenossen aussetzt.
— Bis zum 27. September d. J. sind in den Münzstätten des Deutschen Reichs in Zwanzigmarkstücken 805,004,680 Mark und in Zehnmarkstücken 130,067,130 Mark ausgeprägt worden. In der Woche vom 28. bis 4. Okt. sind ferner geprägt in Zwanzigmarkstücken: in Frankfurt a. M. 2,278,040 Mark, in Dresden 1,793,000 Mark, und in Darmstadt 375,000 Mark; sowie in Zehnmarkstücken: in Berlin 3,230,720 Mark, in Hannover 1,601,360 Mark, in München 1,093,440 Mark, in Stuttgart 301,320 Mark und in Karlsruhe 250,760 Mark.
Die Gesammt-Ausprägung stellt sich daher bis zum 4. Okt. d. J. auf 945,995,450Mark, wovon 809,450,720 Mark in Zwanzigmarkstücken und 136,544,730 Mark in Zehnmarkstücken bestehen.
— Regensburg, 14. Oktbr. Was die hiesigen Altkatholiken längst ersehnt und erstrebt haben, was in andern Städten Deutschlands lange schon Thatsache ist, ist auch in Regensburg Wahrheit geworden. Da nämlich durch die edle Gesinnung der Protest. Wohlthätigkeitsstiftung dahier den Altkatholiken Regensburgs die Bruderhauskapelle zur Abhaltung gottesdienstlicher Handlungen überlassen worden ist, so findet am Sonntag 19. Oktober der erste altkatholische Gottesdienst hier statt, den Universitätsprofessor Herr Dr. Friedrich celebriren wird.
— Wien, 17. Oktober. Die „Wiener Abendpost" schreibt anläßlich der Ankunft des Deutschen Kaisers:
„Die Bevölkerung Wiens begrüßt heute den Deutschen Kaiser und König von Preußen als Gast ihres Monarchen in den Mauern der Reichshauptstadt. Der KaiserWilhelm schließt sich der Reihe jener Souveräne an, welche die Ausstellung in unsere Mitte führte; aber sicherlich bedurfte es feines' äußeren Anlasses, um diesen Entschluß des Kaisers hervorzurufen. In dem Besuche Wilhelms I. an unserem Kaiserhofe erhält nur dasjenige einen leuchtenden und gewissermaßen symbolischen Ausdruck, was sich zwischen den beiden Nachbarstaaten und ihrer Völkern selbst vollzogen hat; er bekräftigt jene Beziehungen wechselseitiger Freundschaft und Sympathie, die zum Heile der beiden Reiche an die Stelle alter Gegnerschaften und abgethaner Gegensätze getreten find, und besiegelt ein Verhältniß, das Oesterreich-Ungarn und Preußen-Deutschland ebenbürtig und gleichberechtigt neben einander stellt, aber in der Gemeinsamkeit ihrer Interessen und Bedürfnisse, ihres Strebens und ihrer civilisatorischen Aufgaben ein festes, dauerndes Band ihrer inneren Zusammengehörigkeit zu knüpfen vermochte. Nicht leicht ist eine große Völkerverbindung auf edleren Grundlagen errichtet worden, nicht leicht hat sie edleren Zwecken gedient; von