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M 203.Mittwoch den 3. September.1873.

Tagesschau.

Berlin, 1. September. Der heute Vormittags statt­gehabten Grundsteinlegung des Kadettenhauses von Lichterfelde wohnten der Kaiser, die Kaiserin, das Kronprinzenpaar, Prinz Friedrich Karl, der Ministerpräsident, Graf Moltke, Sinison, Benningsen, Oberbürgermeister Hobrecht und viele Generale bei. Der Kaiser sprach bei Führung der drei Hammerschläge:Der Kriegerjugend zur Bildung, der Armee zum Heil!" Am Schlüsse der Feierlichkeit dankte Graf Roon im Namen der Armee, welche die gesammte Nation umspanne, und sagte: Was die Armee im Kriege und Frieden vollbringe, sei der Ausdruck des mit ihr innig verwachsenen Volkes. Die heutige Feier sei ein neues Zeugniß der Liebe des Landesvaters zur Armee, zum ganzen Volke. Roon schloß mit einem Hoch ans den Kaiser. Der Kaiser reichte Roon die Hand und sprach:Was die Armee erreicht hat, dankt sie größtentheis auch Ihnen" und dankte mit einem Händedruck darauf auch dem Grafen Moltke, sprach dann mit Simson und richtete schließlich einige Worte an die Kadetten. Fürst Bismarck ist gestern Abends hier einge­troffen.

Die Kinder des Kronprinzen sind am Sonnabend Mor­gen glücklich einer schweren Gefahr entronnen. Als dieselben gegen 8 Uhr mittels Extrazuges von Potsdam nach Berlin rei­sten, kam, wie dieSt.-B.-Z." meldet, dem in voller Fahrge­schwindigkeit befindlichen Zuge auf demselben Geleise an der Steglitzer Curve eine Draisine, die mit Eisen schwer beladen war und auf der sich eine Anzahl Arbeiter befanden, entgegen. Zum großen Glück sah der Wärter von Bude 10, Namens Heinrichs, die entsetzliche Gefahr und gab sofort das Haltesignal. Der aufmerksame Locomotivführer nahm dasselbe sofort wahr und vermochte den Zug noch dicht vor dem Hinderniß zum Hal­ten zu bringen. Die Draisine wurde von den Schienen gehoben und der Zug konnte sodann seine Fahrt fortsetzen. Die bereits eingeleitete Untersuchung wird ergeben, wer die Schuld an die­ser groben Fahrlässigkeit trägt; so viel steht schon jetzt, fest, daß die Draisine deshalb nicht früher abgehoben wurde, weil bei dem ihr zunächst gelegenen Telegraphen das Signal, daß ein Zug kommen solle, nicht gegeben war. Andernfalls hätte der Wärter das Weiterfahren der Draisine nicht gestatten dürfen, auch würden die auf derselben befindlichen Arbeiter sich kaum selbst in die offene Todesgefahr begeben haben. Die Folge des durch die Aufmerksamkeit des Heinrichs so glücklich verhüte­ten Zusammenstoßes wäre nach dem Urtheile Sachverständiger ohne Zweifel die Entgleisung des Zuges gewesen, die um so gefährlicher war, als der Zug, wie fchon bemerkt, sich grade auf einer Curve befand.

Dem Fabrikanten Albert von Szâbel zu Wien ist un­ter dem 29. August d. J. ein Patent auf eine durch Zeichnung und Beschreibung nachgewiesene Typendruckvorrichtung an Schreib­maschinen, soweit dieselbe als neu und eigenthümlich anerkannt ist, und ohne Jemanden in der Benutzung bekannter Theile zu beschränken, auf drei Jahre von jenem Tage an gerechnet, und für den Umfang des preußischen Staats ertheilt worden.

Stuttgart, 29. August. Der auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzte Minister v. Wächter war früher lange Jahre würtembergischer Gesandter in Paris. Als die Ereignisse

des Jahres 1870 diesen Posten hinwegschwemmten, kam der Gesandte hieher zurück. Nach Barnbüler's Rücktritt übertrug man Herrn v. Wächter das Ministerium des Auswärtigen in Verbindung mit dem Ministerium des k. Hauses und der Lei­tung der Verkehrsanstalten. Diese Last ist dem ziemlich betag­ten Manne zu schwer geworden, und man hat sie nun proviso­risch den tragfähigen Schultern des Herrn v. Mittnacht aufge­laden, der hiedurch noch mehr als bisher zum einflußreichsten Mitgliede des Kabinets geworden ist. Vielleicht bleibt es auch bei diesem Interimistikum bewenden, entsprechend dem Wunsch der Kammer, welcher dahin ging, daß das Ministerium des Aeußern, gemäß seiner nunmehr eingetretenen minderen Bedeu­tung, zwar nicht aufgelöst, was erst einer Verfassungsänderung bedürfte, aber dauernd mit einem andern Ministerium verbun­den werden solle. (Köln. Ztg.)

Aus Straßburg, 28. Aug., schreibt man dem Schw. M.": Ich habe Ihnen bereits einmal mitgetheilt, daß sich in Frankreich eine seltsame Gereiztheit gegen die dorthin eingewan­derten Elsässer kuudgibt. Jetzt hat dieses Symptom eine bestimmtere Gestalt angenommen; es hängt mit den gegenwärtigen politischen Vorgängen in Frankreich zusammen. Einige Thatsachen sollten statt weiterer Erörterungen gelten. Die Briefe von nach Frank­reich ausgewanderten Elsässern, welche über die ihnen dort wider­fahrende Behandlung klagen, mehren sich. In einem derselben wird eine peinliche Scene erzählt, wie Franzosen sich gegen den Schreiber äußerten, er und seine Mitoptanten sollen doch in ihr Schwobeländle" heim gehen; in Frankreich seien sie überflüssig; sie seien Schuld, daß Frankreich 5 Milliarden habe zahlen müssen und jetzt eine so unerträgliche Steuerlast auf sich liegen habe, denn ohne die Elsässer wäre früher Frieden geschlossen worden. Welchen Elsässern das Alles nun eigentlich gilt, geht weiter aus deu schlimmen Erfahrungen hervor, welche Hu. Schneegans, der frühere Redacteur desNiederrh. Kur." zur Franzosenzeit, in letzter Zeit hat machen müssen. Er konnte wahrlich deutscher Sympathieen nicht verdächtig sein. Hatte er doch für Frankreich optirt, zuerst in der Schweiz dieHelvetie" herausgegeben, ein Blatt, in welchem glühender Haß gegen Deutschland die Feder führte, und dann die Oberleitung desJournal de Lyon" über­nommen, das wahrlich auch keine Ablagerungsstätte deutschfreund­licher Gedanken ist. Dennoch erfuhr er in Lyon allerhand An­fechtungen als Protestant und Liberaler, die so weit gingen, daß er wohl nicht ungerne einen mehrwöchentlichen Urlaub zu einer Reise in seine Heimath Straßburg und zu seinen dortigen nahen Verwandten nahm. Das war nun Wasser auf die Mühle der jetzt in Frankreich herrschenden Parteien. In einem wirklich von Gemeinheit strotzenden Artikel sagte derUnivers" Herrn Schneegans nach, er habe vom deutschen Kaiser eine lukrative Anstellung angenommen, werde seine Option zurücknehmen und als Candidat für den deutschen Reichstag auftreten. Darüber dürfte man sich übrigens nicht wundern, sei doch Schneegans elsässischer Protestant und Liberaler. Er sei, was alle ;eine libe­ralen und protestantischen Landsleute, d. h. mit kurzen Wor­ten ein Verräther. Im Elsaß hat dieser Artikel desIto Vers" ungeheuren Staub aufgeworfen, und man braucht nicht weit umher zu suchen, um von politisirenden Elchßern in Bezug auf die Franzosen Ausdrücke zu hören, die beim landesüblichen