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J» 170.
Freitag den 25. Juli. 1873.
Tagesschau.
— Darmstadt, 21. Jnli. Semper's Kostenvoranschlag für den Wiederaufbau des neuen Hoftheaters ist hier eingetroffen und ist die erforderliche Summe auf 1,200,000 fl. veranschlagt. Eine darauf bezügliche Vorlage wird Seitens des Finanzministeriums demnächst an die Stände gelangen.
— Vom Bodensee. Die Witterung ist seit einiger Zeit fortwährend gut und den Wünschen des Landmannes entsprechend. Die Tage sind sehr freundlich und äußerst warm, Nachts kommt von Zeit zu Zeit ein warmer Regen, der das Gedeihen der Gewächse außerordentlich befördert. Die Heuernte ist sowohl bezüglich der Menge, als Güte trefflich ausgefallen, und die früher gehegten Befürchtungen haßen sich als nichtig erwiesen. Gegenwärtig stehen wir mitten in der Getreideernte, deren Ergebniß ebenfalls ausgezeichnet zu werden verspricht. Die Kartoffeln stehen allenthalben sehr hübsch. Die Reben, welche verblüht haben, entwickeln sich bei gegenwärtiger günstiger Witterung rasch.
— Münche n, Donnerstag, 24. Juli. Die Stadt Cham in der Ober-Pfalz ist, einer hier eingegangenen Meldung zufolge, durch eine Feuersbrunst fast völlig zerstört worden. (R. u. st. A.)
— Der „Dresdner Anzeiger" vom 21. Juli konstatirt, daß die eingetretene kühlere Witterung auf den Krankheitsstand von Dresden günstig eingewirkt zu haben scheint. Zu dem Bestände an 5 Cholerakranken, die in ärztlicher Behandlung geblieben, ist ein neuer nicht hinzugekommen; wohl aber sind von 5 Cholerakranken 4 geheilt entlassen worden und nur 1 ist in ärztlicher Behandlung (im Krankenhause) verblieben. Nach den neuesten dem „Dresdner Journal" zugegangenen Meldungen scheinen die Choleraerkrankungen auch im Bezirke des Gerichtsamtes Dresden an Intensität abzunehmen. Bis zum 19. Juli belief sich die Zayl der Erkrankungsfälle auf 306, diejenige der Todesfälle auf 111, d. i. etwas über 33 Proz. In den letzten Tagen ist die Zahl der neuen Erkrankungen in Abnahme begriffen.
— Sondershausen, 21. Juli. Das Fürstliche Ministerium hat in richtiger Erkenntniß der großen Gefahren, welchen vielfach die Kinder vor dem schulpflichtigen Alter wegen jeglichen Mangels an Aufsicht ausgesetzt sind, zur Errichtung von Kinderbewahranstalten besonders auch in den Landgemeinden neue Veranlassung geben.
— Königsberg, 24. Juli. Die „OstpreußischeZeitung" meldet, daß die Domherren zu Frauenburg das am 1. Juli fällige Gehalt noch nicht empfangen haben. Bekanntlich soll jetzt jedem Einzelnen das Gehalt gegen eine Spezialquittung von der Regierung ausgezahlt werden. Doch weigern sich die Domherren, wie es heißt, in Folge höherer Weisung, die Specialquittungen auszustellen.
— Wie dem „Prager Abendbl." mitgetheilt wird, hat der Schah von Persien von dem Berichte eines nach Wien gesendeten englischen Arztes seinen Besuch in Wien abhängig gemacht.
— Bern, 23. Juli. Pater Hyacinth hielt seinen Vortrag in der Münsterkirche vor einem zahlreichen Auditorium. Der Redner entwickelte, daß es zur Bekämpfung der römischen Theo- cratie, der größten Feindin der Freiheit und des Friedens, drei Mittel gäbe, nämlich die Ausrottung durch Anwendung von Gewalt oder Sophistik, Trennung der Kirche vom Staat, und drittens Errichtung einer Nationalkirche. Keines dieser Mittel sei
.zweckmäßig, nur durch eine innere Reform der Kirche gelange man zu dem erwünschten Ziel. (N-ue grants. Pr.)
— Bern, 24. Juli. Der Ständerath hat dem Handelsund Niederlassungsvertrage mit Rußland die Ratifikation ertheilt
— Frankreich ist jetzt, so schreibt die „Trib." in ihrer Tagesschau, das Eldorado des Clerus. Aber man möchte beinahe glauben, daß es Mac Mahon und Broglie bereits angst und bange vor den Excessen wird, zu denen sich diese siegestrunkene Schaar Hinreißen läßt. Es wird aber zu spät sein. Die Jesuiten haben sich überall einzunisten gewußt. Nächstens mehr davon.
Eine Interpellation Jules Favre's hat am Montag stattgefunden, ist aber — und eben so die Antwort Broglie's, der sich offenbar nicht compromitticen wollte — ziemlich schwach ausgefallen. Favre führte in seiner, oft von dem Wuthgeschrei der Rechten und namentlich der von ihm scharf gegeißelten Bonapartisten, unterbrochenen Rede aus, daß das Land wissen solle, wohin die Regierung es führen werde, und welches ihre Bestrebungen in Hinsicht auf die legitimistischen, orleanistischen und bonapartiftischen Prätenden seien, und warf der Regierung vor, die Republikaner von der Verwaltung auszuschließen. Der Herzog von Broglie erwidert hierauf, daß Jules Favre nicht eine einzige ernstliche Thatsache angeführt habe. Er könne darauf nur antworten, daß die Regierung ihrem am 24. Juni aufgestellten Programm Genüge geleistet habe, nämlich: Waffenstillstand zwischen den Parteien, Achtung vor der Nationalversammlung und Vorbehalt der Regierungsform. Bevor eine definitive Regierungsform hergestellt werden könne, sei zunächst eine festere Basis für dieselbe zu schaffen. Es handle sich jetzt nicht darum, der Partei, welche die Majorität bilde, zu gefallen. Je mehr die Linke unter sich gespalten sei, um so weniger sei es der Regierung möglich, sie zufrieden zu stellen. „Behalten wir also unser Programm bei, welchem Jeder wohl zustimnien kann, nämlich : Einigung aller legalen und conservativen Kräfte". Hiernach wurde die von der Rechten beantragte Tagesordnung, durch welche die Versammlung ausspricht, daß sie der Politik der Regierung vertraue, mit 400 gegen 270 Stimmen angenommen.
— Paris, 22. Juli. Der „Generalrath der Wallfahrten in Frankreich" veröffentlicht heute durch sein Amtsblatt „Polerin" ein Dekret, durch welches er die Vertheilung der Pilgerkreuze, die Einsegnung derselben rc. genau festgesetzt und sich selber das ausschließliche Vorrecht der Anfertigung beilegt, fo wie den Handel damit und den Verkauf verbietet. Die Kreuze sind sehr einfach — ein rothes Kreuz auf weißem Flanell mit der Inschrift: „Domino Christo servire“ — und kosten 12 Fr. 50 Cent, (erste Qualität) und 9 Fr. (zweite Qualität) die hundert Stück. Bemerkenswerth ist die Milde des Generalraths; er setzt nämlich keine Strafe für die an, welche ihm Konkurrenz machen, und bestraft auch nicht die Geistlichen, welche die falschen Kreuze einsegnen. Die Wallfahrten nach den hiesigen Kirchen haben bereits heute Morgen begonnen. Unter den Pilgerinnen, die sich m der Kirche St. Genovefa einfanden, waren viele hochgestellte Damen, darunter die Marschallin Mac Mahon, die Herzogin von Broglie, die Schwiegertochter des Herzogs von Broglie und die Fürstin Czartoriska, die Tochter des Herzogs von Nemours.
— Paris, 23. Juli. Laut Frantzais werden Handelsver-