720
— München, 14. Juli. Die Schwurgerichtsverhandluiig gegen Adele Spitzeder und Genossen begann heute Vormittag 8 Uhr. Vor und in dem Justizgebäude waren mehrfache Militär- und Polizeimaßregeln zur Erhaltung der Ordnung getroffen. Der Andrang des Publikums ist bisher nicht bedeutend. Vorsitzender des Gerichtshofs ist Appellrath Müller, die Staatsanwaltschaft vertritt Staatsanwalt Barsch. Die Verlesung der Anklageschrift dauerte zwei Stunden. Die Angeklagten Spitzeder und Ehring waren in schwarzer Kleidung und beantworteten die Personalsragen deutlich. Von der Staatsanwaltschaft wie von den Vertheidigern wurden je vier Geschworne abgelehnt. Wegen der längeren Dauer der Verhandlungen sind zwei Ergäuzungs- geschworne beigezogen. Neue Franks. Pr.
—. Augsburg, 11. Juli. Geschäftslosigkeit scheint an der Börse in Permanenz erklärt zu sein. Die Spekulation hat enorme Verluste erlitten und muß, gesenkten Hauptes, ruhig zusehen, wie das Agio ihrer Lieblingspapiere täglich mehr und mehr schwindet. Jedem Anlauf zur Besserung, folgt regelmäßig eine Reaktion, welche neue und größere Opfer auf bisher verschont gebliebenen Gebieten fordert. In Wien sind die schlechten Sachen werthlos geworden und die besseren Effektengattungen haben einen Kurs erreicht, der zum „Fallen" keinen großen Spielraum mehr läßt. Berlin hat in den letzten Wochen mit der Eutwerthung der dort notirten Papiere Riesenfort- fchritte gemacht und durfte nun bald ebenfalls am „Anfänge vom Ende" angelaugt fein. — Unter solchen Verhältnissen möchten wir den Besitzern solider Werthe, wozu wir auch Aknen gut situirter Banken rechnen, empfehlen, ihre Papiere nicht zu verschleudern, sondern für eine bessere — hoffentlich nahe — Zukunft zu reserviren. Das Geschäft an unserem Platze machte natürlich keine Ausnahme von der allgemeinen Regel und wir haben von einer großen Stille zu berichten. Nur Anlagewerthe setzten ihre steigende Richtung fort und namentlich haben 4Us Prozent, bayer. Staatspapiere aus Anlaß der Kündigung der 59er Militäranleihe bedeutend im Preise angezogen. Auch der Wechfelverkehr war beschränkt; Amsterdam^ Paris und London sind höher, Wien etwas schwächer. Augsb. Abztg.
— Altbreifach, Montag, 14. Juli. Die feierliche Eröffnung der Rheinbrücke bei Markolsheim fand gestern in Gegenwart des Ober-Präsidenten V. Möller und des Staats-Ministers Dr. Jolly aus Karlsruhe statt. Der Feierlichkeit wohnte •eine zahlreiche Menschenmenge aus den benachbarlen Ortschaften be der Rheinufer bei. Bei dem darauf stattfindenden Festmahle im Stadthause zu Markolsheim brachte der Staats-Minister Dr. Jolly den Trinkspruch auf den Kaiser, Ober-Präsident v. Möller den auf den Großherzog von Baden aus. Beide Trinksprüche wurden mit großer Begeisterung ausgenommen.
— Metz. Wie sehr die Gesinnung der Lothringer in den letzten 18 Monaten sich geändert hat, zeigte das in diesen Tagen hier stattgehabte Examen zur Aufnahme von Lehramtskandidaten in das kaiserl. Lehrerseminar. Bei der Uebernahme dieser Lln- stalt durch die deutsche Verwaltung meldete sich von den damaligen Zöglingen nur ein einziger. Die übrigen zogen es vor, auszutreten ober sich in ein französisches Seminar anfnehmen zu lassen. Auch während des ersten Jahres meldeten sich nur wenige Zöglinge. Hieran anknüpfend prophezeihten die französischen Zeitungen das Hinsiechen der Metzer Ecole normale. Zu der diesjährigen Prüfung nun meldeten sich gegen 70 geborene Lothringer. So wird nun das hiesige Seminar, die einzige derartige Anstalt Lothringens, über 70 Zöglinge zählen, d. h. so viele, als die Räumlichkeiten aufzunehmen gestatten, überhaupt mehr, als je unter französischer Herrschaft.
— Oesterreich. Nach uns zukommenden verläßlichen Mittheilungen ist im dalmatinischen Bezirke Macarsca vor Kurzem eine Entdeckung von großer Tragweite gemacht worden, indem daselbst Lager von Steinkohlen, Erz, Asphalt und Eisen vorgefunden wurden, von denen namentlich die Eisenlager glänzende Resultate ergeben werden. Ein in einer Entfernung von ungefähr 4 Meilen von Macarsca angelegtes Bergwerk hat bereits mit einer Eisengießerei Kärntens einen Vertrag auf Lieferung einer namhaften Qnautitäk Eisenerze abgeschlossen.
— Schweiz. Der Arenberg wird täglich immer stärker von Gästen ans Frankreich besucht. Die Exkaiserin äußerte sich gegen einen Vertrauten: „Das Kaiserreich wird Wiedererstehen. Es ist nur die rechte Stunde abzuwarten. Ein Staatsstreich oder Revolution soll hiezu nicht führen. Der junge Prinz macht in die Umgegend Ausflüge, zeigt sich gegen Jedermann freundlich und unterhält sich gerne mit älteren Leuten, die seinen Vater ass Prinz kannten. <Neue Franks. Pr.)
— B er n, 10. Juli. Laut einer offiziellen Mittheilung der Bundeskanzlei liegen in Sachen der Beschlüsse der Baseler Diözesankonsereuz vom 29. Januar 1873, betreffend Absetzung des Bischofs Lachat u. s. w., bei den Bnndesbehörden 8 Rekurse und Proteste vor, welche auf Wunsch der Rekurrenten mit einander zur Entscheidung gelangen sollen; ferner zwei gestern eingegangene Rekurse von katholischen Bürgern des Kantons Genf gegen das dortige Verfassungsgesetz vom 9. Februar 1873, betreffend die Organisation des katholischen Kirchendienstes, und gegen die Answeisung Mermillods und eine Beschwerdeschrift der ultramontanen jurasischen Mitglieder des Großen Rathes von Bern gegen die Amtsentsetzung der renitenten Geistlichen des Jura, gegen die Absetzung Lachats und gegen die Einführung der Civilehe.
— Madrid, 10. Juli. Die „Köln. Ztg." schreibt: Heute sind erschreckende Nachrichten aus Alcoy eingetroffen. Diese bedeutendste Fabrikstadt der Provinz Alicante mit ihrer Bevölkerung von ungefähr 20,000 Seelen hat stets ein unruhiges Temperament knndgegeben, in ollen Revolutionen wurde ihr Name genannt. Kein Wunder, daß die jetzige aufgeregte Zeit nicht ohne böse Folgen an ihr vorübergeht. Vorgestern hielten 3000 Arbeiter eine Versammlung ab, in welcher sie zuerst eine allgemeine Arbeitseinstellung beschlossen und Drohungen gegen die Besitzer und die Behörden laut werden ließen. Man konnte eine Störung der Ordnung voraussehen; die Behörden aber ließen es, wie es Brauch geworden, bei halben Maßregeln bewenden. Und halbe sind bekanntlich verderblicher als gar keine. Tags darauf, also gestern, setzten die Arbeiter auf eigene Faust ihre „sozialistischen Reformen" in's Werk, indem sie die Kommune ausriefen und, wie berichtet wird, mehrere Fabriken und öffentliche Gebäude 'einäscherten, sowie das Rathhaus, in welchem einige Vertheidiger der Ordnung, Gendarmen und Freiwillige festen Fuß gefaßt hatten, in Brand zu stecken suchten. Auch sollen sie den Bürgermeister gelobtet und mehrere Beamte verwundet haben. Der Gouverneur von Valencia schickte sofort Truppen ab; auch von Madrid kam ein Zug Soldaten, doch wurde die Ankunft in Alcoy leider durch einen Zusammenstoß auf der Eisenbahn verzögert. Mit Sorge aber^ieht man auch dem Verhalten des Militärs entgegen; denn nach manchen Vorkommnissen kann man nicht sicher sein, daß die Soldaten nicht gemeinschaftliche Sache mit den Aufrührern machen. Ueber die große Niederlage der republikanischen Truppen bei Ripoll im nördlichen Katalonien sagt ein carlistischer Bericht: „Alpens 9. Juli. Wir haben über die Kolonne Cabrinetty einen glänzenden Sieg erfochten. Die ganze Kolonne wurde von den königlichen Truppen unter dem Kommando von Don Alfons und Saballs gefangen genommen. Cabrinetty und mehr als 100 seiner Leute blieben todt. 800 Gefangene, 3 Kanonen und alles Gepäck fielen in unsere Hände. Gezeichnet: Der Oberst des Generalstabs, Domingo de Garalt." Ein Zweifel an dem wesentlichen Inhalte dieser Nachricht ist nicht mehr möglich. Wie es heißt, ist die Ursache der Niederlage wieder der Mangel an aller Subordination unter den republikanischen Truppen gewesen, die sich ohne großen Wiederstand ergeben haben sollen.
Lokales und Provinzielles.
— d. Hanau, 15. Juli. Vom Großsteinheimer Sängerfeste ist noch nachzutragen, daß der größte Theil der Säugergäste auch für den zweiten Tag (gestern) in Steinheim verblieb und sich am Aussluge betheiligte. Der Nachmittag vereinigte die Sänger und Gesaugfreuude nochmals auf dem Festplatze und Toaste und Lieder wechselten mit einander ab; in der heitersten Stimmung wurde manches. Glas über den Durst getrunken und war für