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— Der Cultusminister hat, so schreibt die „Hess. Morgztg.", bei den jüngsten Berathungen wiederholt die Zuversicht ausgesprochen, daß das kalholtsche Volk, sobald die neuen Gesetze erst in Kraft stehen, in kurzer Zeit zu der Ueberzeugung gelangen werde, daß das kirchliche Leben durch dieselb-n nicht berührt und beeinträchtigt werde, daß von einer Unterdrückung der Kirche, von einer Vernichtung ihrer Rechte durchaus nicht die Rede sei, daß dieselbe auch innerhalb dieser Gesetze sich völlig frei bewegen könne in dem, was ihr gehört, in der Lehre der Heilswahrheit und in der Verwaltung der Heilsmittel.
Von einem der Kirche auferlegten Märthrerthum kann nicht die Rede sein. Die Krone der Märtyrer wird diejenigen schwerlich schmücken, welche sich nicht um deS Glaubens willen, sondern zu Gunsten der weltlichen Macht und Herrschaft der Kirche gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit auflehnen möchten. Wenn aus der Verfolgung des Glaubens zumeist ein tieferes Glaubensleben erblühete, so haben dagegen die Kämpfe, welche durch die geistliche Herrschsucht heraufbeschworen wurden, die Kirche selbst stets geschwächt und zerrüttet.
Diese Besorgniß haben die deutschen Bischöfe auf dem va- ticanischen Concil auch in Bezug aus die jetzigen Kämpfe unumwunden ausgesprochen; sie haben gegen daS Verfahren der Mehrheit des Concils prolestirt, „um die Verantwortung für die unglücklichen Folgen vor den Menschen und vor dem furchtbaren Gerichte Gottes von sich abzulebnen."
— München, 5. Febr. Von dem Oberstlieutenant des Generalstabes, Kleemann, werden gegenwärtig Vorlesungen über die für das deutsche Heer neuerlassene Instruktion : „DaS Etappen- und Eisenbahn-Wesen, und die Leitung des Feld-Jntendan- tur-, Feldsanitäts-, Militärtelegraphen- und Feldpost-Wesens im Kriege" gehalten, an welchen sich besonders diej nig n pensionir- ten Offiziere rc. zu beteiligen haben, welche im Falle einer Mobilmachung eine Verwendung im Etappenwesen rc. zu erhalten wünschen und hiezu noch befähigt sind. Augsb. Abztg.
— Freising. Im Monat Juni d. I. fallen nicht weniger als 10 Sonn- und Feiertage. Wenn man bedenkt, daß gerade in diesem Monat der Landmann sehr viel in seiner Oekonomie zu thun hat, und namentlich die Heuernte in liefert Monat fällt, so wird man es, auch ohne Rücksicht auf die hohen Lohnverhäll- nisse der Dienstboten, begreiflich finden, daß der Landmann nicht minder als der Geschäftsmann und Arbeiter sich darnach s.hnt, daß die meisten Feiertage recht bald auf den nächstfolgenden Sonntag verlegt werden. In Frankreich, Belgien und der Schweiz rc. ist dieses längst geschehen, ohne daß deßhalb die Religion in Gefahr gekommen wäre.
— Karlskron, 5. Febr. Der Schrecken, der unsere Gegend wegen der allgemeinen persönlichen Unsicherheit beherrscht, ist wieder dui ch eine gräuliche That vermehrt worden. Gestern Nachts den 4. dieses Monats begab sich die Gattin des hiesigen Krämers P. Küfer in Veranlassung eines vor dem Hause gehörten verdächtigen Geräusches unvorsichtiger Weise in das Freie. Sie kehrte nicht mehr lebend zurück. Heute früh fand man sie, circa 20 Meter von ihrem Hause entfernt, mit von Schroten durchlöcherter Brust, todt neben einem Streuhaufen liegen. Ein ab- gesprengler Hahn eines Flintenshlosses, eine angerauchte Cigarre, ungemein große Fußtritispuren, und einige Perlhuhnfedern sind bis jetzt Alles, was man als von dem Thäter vermuthlich herrührend auffanh. — Ob Gänswürger oder Gump, die sich hier immer noch aufzuhalten scheinen, die Thäter sind, muß nähere Untersuchung herausstellen. Soviel ist gewiß, daß hier der allgemeine Wunsch herrscht, dieser beängstig nden Unsicherheit der Person und des Eigenthums endlich einmal durch energische Maßregeln entrissen zu werden. Am wirksamsten dürfte sich zeitweilige Einquartierung von Mililair in allen verdächtigen, den Raubmördern Unterst fünft gebenden Häusern, erweisen.
— Bern, 7. Febr. Der große Rath von Tessin beschloß mit großer Mehrheit, jede Annahme und Ausübung geistlicher Aemter, sowie jede ohne Bewilligung des StaaleS stattfindende Veröffentlichung in Religions- und Cultusangelegenheiten mit sofortiger Amtsentsetzung und einer Geldbuße zu bestrafen. (Fc. Pr.)
— Brüssel, 5. Febr. Der Handelsvertrag zwischen Belgien und Frankreich wird heute von dem diesseitigen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Grafen d'Aspremont-Lhnren, dem
französischen Gesandten am belgischen Hose, Picard, sowie den Generalserretär im Ministerium des Handels Ozeni e unterzeich net werden.
— Der Fürst von Solms-Braunfels ist am Montag Mor gen zu Braunfels in einem Alter von 76 Jahren gestorben. Da er keine Leibeserben hinterläßt und auß-r einem vor wenigen Jah. ren durch einen Sturz vom Pierde verunglückten Bruder, Prinz Bernhard, welcher ebenfalls keine Erben hinterlassen bat, keine näheren Berwandlen hatte, so gehen seine großen, reichen und schönen Besitzungen an einen entfernten Seltenverwandten der weitverzweigten SolmS'schen Familie über. Letzterer wurde erst berechtigter Erbe, nachdem bereits drei näher Berechtigte, von denen der letzte vor wenigen Jahren in einem Duelle gefallen fein soll, gestorben sind.
— Es heißt Rußl and und England hätten sich darüber geeinigt, daß Atghanistm eine neutrale Zone zwischen den Russen und Engländern in Central-Asien bilden solle. Die Expedition nach Khiwa von S iten Rußlands wird statifindcn. Uns erscheint es schwer glaublich, daß England daS ganze Centralasien nördlich von Afghanistan den Russen gleichsam als Eroberungsfeld überlassen haben sollte. Aufklärung darüber wird erst die Zeit bringen. Tris.
Lokales-
Hanau, 8. Februar.
— Der DiScontosatz der Preußischen Bank ist auf 4^, der Lombardzinsf iß auf 5® herabgesetzt
— Die Verbreitung der Stenographie in hiesiger Stadt. Eine Wissenschaft, teren Nutzen Viele unterkchätzen oder borg nicht in feinem vollem Umfange kennen, ist die S > c n o g r a p h i e. Einen Beweis hierfür liefert die geringe Anzahl Derer, welche di se ver- bâltnißmäßig so leicht zu erlernende Kunst sich aneignen und betreiben ; in hi siger Stadt z. B. kcmmen auf 1000 Personen noch nicht 3 Stenographen. Freilich trägt hierzu viel der Umstand bei, daß in Hanau in keiner Lehranstalt in der Stenographie Unterricht ertheilt wird. Indeß stehen dem Lernbegierigen immer noch zwei Wege zur Erlangung dieser Kunst offen: Selbstunterricht oder Erlernung in dem sog. Stenographie CursuS.
Das Selbststudium der Stenographie halten die Meisten für zu schwierig, eine Ansicht, welche ganz unrichtig ist; schon viele tüchtige Stenographen haben sich durch Selbstunterricht herangebildet, welcher namentlich durch die vortrefflichen Lehrbücher des Prof. Raetz sch in hohem Grade erleichtert wird.
Was die Lehre der Schnellschrift im Stenographie- Cur su S betrifft, so können wch die erfreuliche Mittheilung macken, daß in diesem Winter an demselben eine weit größere Anzahl Schüler theilnimmt, als an den früheren Cursen; der Unterricht liegt schon seit einer Reibe von Jabren in der Hand de« Herrn Lehrer Schien, der sich seiner schwierigen Aufgabe mit dem besten Erfolge unterzieht.
Der genannte Herr ist auch Vorsteher des hiesigen „Ga- belSberger Stenographen-Vereins". Obgleich dieser Verein etwa 20—25 Mitglieder zählt, sind eS doch nur Wenige, welche, regelmäßig an den Bereinsabenden zusammenkommen; diese Wenigen aber sind unermüdlich bestrebt, sich mehr und mehr in der Kunst Gabelsbergers zu vervollkommnen.
Möchten sie in unserer ja auch sonst so sehr nach Bildung strebenden Stadt recht viele Nachahmer finden! Hugo G.
— Vom heutigen Markte sind die Preise in manchen Victu- alien etwas theuer zu notiren, z. B. Butter galt 38, 40 und 42 kr., Eier per Stück 21 tr., im Hundert 3 fl. 12 kr., Stroh â Ge- bund 8 kr., Holz 5 fl. 30 kr. per Meter, fette Gänse im halben Kilo 26 und 27 kr., junge Tauben 30—36 kr. Weil die Fastnacht herrannaht, so bringen wir (wegen der Zwiebelkuchen) zum ersten Male den Preis der Zwiebeln, dieselben galten per Ge- scheid 9 kr. Der Markt war reichlich befahren und die Kauflust groß. —d.
— Wasserstaue des Main Pegels heute früh 9 Uhr 0,70 Meter.
Briefkasten der Redaktion. K. G. Das Eingesandt muß leider, weil anonym, in den Papierkorb.
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des vereinigten evangel. Waisenhauses, unter Verantwortlichkeit des Faktors G. PH. Weißbrod.
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