40
Zusammen!'ruck der Dachauerbanken auch diesem „Geschäfte", welches naü'lich auf derselben unsoliden Basis 'uhte und ruhen mußte, den Garaus hätte machen müssen, doch im Gegentheil — seit diesem Zeitpunkte kam das Ulseß'sche Geschäft erst recht in Blüthe, die Bauern drängten sich förmlich, um ihre Gelder daselbst „vertrauensvoll" los zu werden, ja sie brachten sogar, damit das „Fräulein" ihre Ei lagen nicht zurückweise, reiche Geschenke, wie Butter, Sckmalz, Eier rc. mit, so zwar, daß, als vor einigen Tagen die Behörde daselbst Nachsuchung halten ließ, ihr Keller das Bild einer wohl.ingerichteten Viktualienhandlung bot. Diese Nachsuchung lieferte aber noch, wie vermuthet, so reichliches anderweitiges Material, daß die Inhaberin der „Agentur" (die Bezeichnung „Bank" vermied sie sorgfältig) wegen dringenden Verdachtes des Betruges arretirt und in gerichtliche Untersuchungshaft gesetzt wurde.
— München, 8. Jan. Seit Neujahr erscheint hier, wie bekannt, an Stelle des zu Grunde gegangenen „Volksboten" der von Herrn Dr. Rittler gegründete „Volksfreund"; wie wir nun vernehmen, hat Herr Dr. Rittler das Blatt an Herrn Bucher in Passau, dem Verleger der „Donauzeitung", verkauft, wird aber, wenigstens vorerst, noch Redakteur des Blattes bleiben. Der „Bucker'sche" „Volksfreund" heißt: Kampf gegen das „Vaterland", und daß Herr Dr. Sigl diesen Kampf aufnehmen wird, ist keinen Augenblick zu bezweifeln.
— Lindau, 9. Jan. Als interessante Neuigkeit notifizire ich Ihnen, daß Herr Zander im benachbarten schweizerischen Kurort Rorschach seinen „Volksboten" neueedingS herausgegeben, von dort aus nach Baiern schmuggeln unv sowohl unsere, als auch die schweizerische ultramontane Landbevölkerung zur Auflehnung gegen die Landesgesetze fanaNsiren will. A. Al-u».
— Aus Elsaß und Lothringen wird uns mitgetbeilt. daß sich die Jungfrau Maria balv hier, bald dort zeige, seltsamerweise aber nie da, wo sich deutsche Gensdarmen aufhallen.
Deri. Wesp.
— Wien, 10. Jan. Die „Presse" berichtet: Der französische Botschafter Banneville in Wien wurde von Herrn Thiers beauftragt dem Gräfin Andrassy das tiefe Bedauern der französischen Regierung.über den Gcamont'schen Inzidenzfall auszudrücken.
— Ueber das Leben Louis Napoleons spricht sich die „Berl. Trib." in ihrer Tagesschau folgendermaßen aus: „Louis N a- poleon ist todt. Ein wie es scheint verhältnißmäßig sanftes Ende hat am 9. Januar, Morgens 10^ Uhr, in Chislehurst ein Leben beschlossen, das zu den bewegtesten der Neuzeit gehört. Geboren 1808 in den Tuilerien, nach 1815 in der Verbannung lebend, der alle Napoleoniden in Frankreich anheimfielen, Attentäter von Straßburg uno Boulogne, verkommen, mit Schu den überhäuft in England sich aufhaltend, dann 1848 nach Frankreich zurückkehrend, bald Präsident der Republick, dann 1853 Kaiser der Franzosen, bald durch den siegreichen Krim-Krieg und den glücklichen italienischen Feldzug auf dem Gipfel des Ruhmes und des politischen Einflusses und derjenige Mann in Europa, auf dessen Wort die Souveräne ängstlich lauschten, dann ganz allmählig vom Glück im Stich gelassen, durch innere Feinde und die wachsende Macht Preußens beunruhigt, endlich durch die eigene Angst, durch die Kamarilla und durch ein bigottes Weib zum Krige getrieben, bei Sedan besiegt und gefangen, nach dem Friedensschluß nicht auf den Thron, sondern in die alte Verbannung nach England zurückkebrenn und auf eine Gelegenheit lauernd, fick wi.der—in die Geschicke Frankreichs einzumischen — bietet dieser Mann das Bild des glücklichsten politischen Abenteurers, den die Geschickte kennt. Denn man darf ihn nicht mit dem ersten Napoleon vergleichen, der ein Genie war, noch m t Cromwell, der durch die Gluth seiner Ueberzeugung und die Festigkeit seines Charakters zu fast königlicher Will de emporgetragen wurde: Louis Napoleon war ein Glücksritter, der Alles aus eine Karte wagte, nie verzweifelte, das scheinbar verlorene Spiel mit erborgten Mitteln immer wieder vcn Neuem begann, allerdings schlau genug war, günstige U , stände glänzend auszu- nützen, aber schmachvoll in die alle Tiefe stürzte, als ihn das Glück im Stich li>ß und die inner? Hohlheit s int ë ganzen Wesens, seiner Regierung und seiner Politik an den Tag trat.
Daß Louis Napoleon trotz des unglücklichen Krieges noch immer zahlreiche Anhänger in Frankreich besaß, ist unbestreitbar.
Er hatte es verstanden, durch die Gewährung materieller Vortheile einen großen Theil der Bevölke ung für sich zu gewinnen und für den Mangel an Freiheit und Gesetz zu entschädigen. Die Bauern und der Handelsstand hingen ihm an, auch die Armee wollte ihm wohl; nur die Arbeiter, so vi l er sie begünstigte, grollten ihm zuletzt, wie sie jeder Regierung, außer ihrer eigenen, grollen werden. Man muß nicht glauben, daß Napoleon den Franzosen im Großen und Ganzen verhaßt geworden sei. Eine persönliche Rückkehr des Exkaisers auf den Tbron Frankreichs wäre allerdings wohl nur unter ganz besonderen Umständen möglich gewlsen; die Möglichkeit aber, daß sein Sohn e ne bedeutende politische Rolle in Frankreich spiele, ist nicht ausgeschlossen. Dagegen ist die Kaiserin unter dem Namen der „Spanierin" (PÉspagnole) allen Franzosen, die Klerikalen ausg nommen, gründlich verhaßt und wird es so leicht nicht wagen, den Boden Frankreichs wieder zu betreten, um so mehr, da sie am 4. September 1870 bewiesen hat, daß sie keinen persönlichen Muth besitzt und sich höchstens da, wo keine Gefahr existirt, zur effron- terie erheben kann.
Hanau, 13. Januar.
— Zum Marktbericht des vergangenen Samstag ist noch nachzutragen, daß die Kauflust keine überstarke war und deshalb Butler gegen Mittag zu 33—35 kr. per | Kilo abgegeben wurde. —d.
— Am vorgestrigen Abend hatte unsere Eivilkap lle wieder strammen Dienst, denn sowohl für die Fahnenweihe des Turn- unb Fecht-Clubs hier als auch für Concert und Ball des Gesangvereins „Bruderbund" in K sselstadt war sie engagmt, löste jedoch ihre Doppel-Aufgabe zu Aller Zufriedenheit. — Von der Fahnenweihe des Turn- und Fecht Clubs in der großen Krone bei vollem Saale verdient besonders erwähnt zu werden, daß Fräulein D.....r, welche mit der Uebergabe der von Jungfrauen gewidmeten sehr schönen Fahne (Avers weißer, R-v rS rother S eibenftrff, mit prächtigen Stickereien turnerischer Enbleme) betraut war, dieselbe mit schönen und deutlich vernehmbaren Worten überreichte. Daß der darauf folgende Ball durchaus keinen Grund zur Mißstimmung abgab, versteht sich bei Turnern, die als flotte unverwüstliche Tänzer bekannt sind, ganz von sel st. — Das Concert im Ankersaale zu Kesselstakt darf nicht ganz über* gangen werden; für die kurze Zeit des Bestehens dieses Vereins leistete er ebenfalls Zufriedenstellendes und soll derselbe nur so fortfahren; leider ist zu bemerken, daß sogar in K sselstadt zwei Gesang greine bestehen und die Kräfte dadurch zersplittert sind; wenn beide zusammenwirkten würden sie einen recht schönen Chor zusammenbringen. — Auch auf dem Ball des Reiter-Clubs, welcher an demselben Abend im „Riesensaale" stattfand, und bei welchem die Steinheimer Capelle aufspielte, herrschte srohe Laune bis zum frühen Morgen. — d.
— Gestern Abend geriethen in der Koch'schen Wirthschaft einige Soldaten in der Hitze an einander, bei welcher Gelegenheit es jedoch unblutig herging. Nur der Ofen war diesmal der Besiegte, derselbe wurde umgeworfen und lag nebst d m Rohre in der Stube; glücklicherweise schadet es , ,b em " nichts, denn ,, der" hat keine Schmerzen. —d.
— G stern Abend wurde die Arche Noah auf den Namen der Herren Martin Krug u. Genossen an den hiesigen Bürgerverein um 55000 fl. verkauft. 8—
— Unser neuer Bahnhofsbau hätte nunmehr — dem Vernehmen nach — seine Stellung ungefähr 100 Fuß mehr nach der Stadt zu gefunden, wenn die Erd- und sonstigen Arbeiten nicht schon zu weit vorgerückt wären. II —
Für die durch Sturmfluth so schwer heimgesuchten deutschen Strandbewohner sind bei der Expedition dieses Blattes weiter eingegangen :
Von Ungenannt 1 fl. Von Herrn Bürgermeister Ebert in der Gemeinde Bischofsheim gesammelt 25 fl. Von Ungenannt den Ueberschuß einer Partie 44 kr.
Für die Abgebrannten in Melsungen:
Von Bürge'meister Eberl in der Gemeinde Bischofsheim gesammelt 11 fl. 45 kr.
Zur Entgegennahme und Weiterbeförderung weiterer Gaben erklären unS gerne bereit.
Die Expedition des „Hanauer Anzeigers".
— Wasserstand des Main Pegels heute früh 9 Uhr, 0,65 Meter.
Gedruckt und verlegt in der Bachd ruckerei des verckniglen evangel. Waifenhaujeè.