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legentlich, zu ganz unbestimmter Zeit, eine Abstimmung in den nördlichen Distrikten Schleswigs vornehmen zu lassen, um Ge­wißheit zu erhalten, welche Distrikte überwiegend dänisch seien, und diese dann an Dänemark abzutreten. Eine Verpflichtung Dänemark gegenüber hat nie bestanden und besteht nicht. So lange wir nun mit Oesterreich „so fo" standen, war es leicht möglich, daß man in Wien die Erfüllung des Artikels verlangte, um uns zu chikaniren. Wenn dieses nun aber von 1866—72 nicht geschah, so wird eS bei den jetzt veränderten und freundli­chen Verhältnissen zwischen Berlin und Wien gewiß überhaupt nicht mehr geschehen; ja es ist sogar die Rede davon, der be­treffende Artikel solle ganz ausgehoben werden. Dann bleibt es bei dem jetzigen Stand der Dinge. Es ist also leicht erklärlich, daß Dänemark Angesichts derartiger Möglichkeiten gern die ab­gebrochenen Unterhandlungen wieder aufnehmen möchte, um irgend etwas zu retten. Und eben so erkärlich will ee uns scheinen, wenn Bismarck jetzt den Tauben spielt. Denn mißlich ist es im­mer, die Aera des neuen Deutschen Reiches damit zu inauguri- ren, daß man einige Tausend rein deutscher Männer — und diese wohnen auch in den nördlichen Distrikten Schleswigs! — an ein kleines Königthum abtritt, das seit Jahrzehnten einen fast komischen Deutschenhaß zur Schau getragen und ihn leider durch mancherlei Gewaltsamkeiten bethätigt hat. Die Besorgniß, Dänemark werde mit denjenigen Deutfchen, die ihm einverleibt werden, übel umspringen, liegt sehr nahe, und in ganz Deutsch­land würde man es übel vermerken, wenn der König von Preußen, der Schirmherr der ganzen deutschen Ration, deutsches Element einem rachsüchtigen Feinde überliefern wollte. Genug, Dänemark wird keinen leichten Stand haben, wenn es mit Anträgen in Ber­lin erscheint, und es könnte auch einmal das berühmte „Zu spät!" zu hören bekommen. — <TÄb

— Das Interesse der Börse wird jetzt von einem lebhaf­ten Federkampf in Anspruch genommen, der in dem „Meininger Tageblatt" ausgefochten wird. Entsprungen ist die Fehde aus dem Verkauf der Salinen in Salzungen. Bekanntlich hatte ein junger Banquer in Meiningen, Herr Paradies, die Saline nebst dem Soolbade, die beide Staatsgut waren, von der Regierung gekauft. Freiherr v. Oberländer, Dierektor der Kreditbank in Meiningen, hatte muthmaßlich gleiche Absichten verfolgt, ohne damit zum Ziele zu kommen. Um Revanche zu nehmen, machte er in anonymen Artikeln des Tageblattes das Geschäft schlecht, und endlich, gezwungen, aus der Anonymität herauszutreten, mußte er mit Namensunterschrift Farbe bekennen. Die Folge war eine Extrabeilage des „Meininger Tageblattes", in dem alle Gründungssünden des Herrn von Oberländer und seiner Bank schonungslos bloßgelegt und die beispiellosen Gründergewinne aufgerechnet werden, welche dieser Herr und seine Geschäftsge­nossen im Laufe der Jahre an sich gebracht haben. Dieser Sturm im Glase Wasser muß an Ort und Stelle eine Aufregung ohne Gleichen hervorgebracht haben. An der Berliner Börse wird selbst von einem Zweikampf erzählt, der zwischen den beiden Nächstbetheiligten mit andern Waffen als der Feder stattfinden soll, oder bereits stattgefunden hat.

— Darmstadt, 17. Okt. Die Zweite Kammer hat in der heutigen Sitzung die Regierungsproposition zur Erhöhung der Pfarrgehalte, so wie sie gestellt war, zur Zeit abgelehnt, für die wirklichen inländischen evangelischen und katholischen Pfar­reien aber, welche unter 800 fl. dotirt sind, für das Jahr 1872 die Summe von 20,000 fl. bewilligt. Die für die Abhaltung der evangelischen Landessynode geforderten 12,000 fl. wurden definitiv genehmigt.

— Nassau, 15. Oct. Die ganze Gegend unseres Nach­barortes Diez ist unsicher geworden und in Schrecken versetzt durch das Herumziehen einer Spitzbubenbande, welche an ver­schiedenen Orten nächtliche Raubzüge mittelst Einbruch vornimmt. So hatte sie am verflossenen Tage bei einem Bewohne: in Diez des Nachts demselben 300 fl. gestohlen und aus dem be­treffenden Geldschranke einen angehefteten Zettel hinterlassen, dessen Inhalt lautet:

Unserer sind es dreißig, Bei Nacht sind wir fleißig, Bei Tage gucken wir zum Fenster hinaus Und lachen die Gendarmen aus.

Der zweite Schinderhannes. Von Seiten der Polizei werden die eifrigsten Nachforschungen angestellt, aber bis jetzt wollte es trotz der nächtlichen Streifzüge des dort garnisonircnden Militärs nicht gelingen, genannter Räuber habhaft zu werden, und täglich hört man noch von ein­zelnen Raubanfällen. ^a )

— Wien, 17. Okt. Mit überraschender Schnelligkeit ist die Volkszählung im Polizeirayon von Wien, in der inneren Stadt, in den Vorstadtbezirken und den sämmtlichen Vororten von der Sicherheitswache durchgeführt worden. Die Resultate zeigen eine ansehnliche Vermehrung ver Bevölkerung. Die Ge- sammtsumme der Bevölkerung Wiens mit Vorstädten und Vor­orten beträgt 901,380 Bewohner.

— Farbe des Glaubens. Ein katholischer Schulinspector wohnte einer Katechisation eines jungen, höchst strebsamen Schul­meisters bei und hörte zu seinem Erstaunen die Frage an die Kinder: „Kann man wohl sagen, daß der heilige Glaube eine Farbe hat? Antwort: „O ja!" Frage: „Nun, nicht wahr, dann ist er goldglänzenv, wie die Sonne?" Antwort (sehr pfiffig vor- getragen): „Nein, der heilige Glaube ist braun!" Der gute Inspektor konnte sich daraus nicht enthalten, nach der Lection den Streber zu interpelliren: „Sagen Sie mir doch um Gottes- willen, mein Lieber, wie kommen Sie denn zu dem „brünetten" Glauben?" Der Lehrer suchte die Sache klar zu machen, wurde aber ausgelacht. Jetzt beries er sich auf eine Autorität, holte des Bischofs Dr. Martin von Paderborn Büchlein „Noch ein Wort" hervor, schlug Seite 9 auf und hielt dem Direktor fol­gende Stelle vor: „Und es gilt daher von dem Glauben dasselbe, was der Bräutigam im hohen Liede von seiner Braut sagt: sie sei braun aber schön." Der Glaube ist braun, dunkel, nicht Helle, er birgt in sich dunkle und unbegreifliche Geheimnisse, aber er ist schön." Da zuckte der Inspektor die Achseln und sagte: „Das ist etwas Anderes, aber für die Kinder ist es doch etwa» zu geistreich."

— Paris, 17. Okt. Der Maire von Ranzig hatte eine Audienz bei Thiers; er soll dem Präsidenten vorgestellt haben, daß den noch okkupirten Provinzen Gefahren au» dem fortwäh­renden Hetzen und Lügen der Pariser Blätter erwachsen.

— In Frankreich verargt man es dem Bischöfe von Straß­burg, daß er sich der Denkschrift der deutschen Bischöffe ange­schlossen und dadurch anerkannt habe, daß die Gläubigen seines Sprengels deutsche Unterthanen seien, während der Bischof von Metz aus diesem politischen Grunde sich von der Fuldaer Kon­ferenz fern gehalten habe.

— London, 17. Okt. Auf einer Versammlung der Kohlengrubenbesitzer von Glasgow und dem westlichen Ende wurde beschlossen: in Folge einer bedeutenden Abnahme der Nachfrage nach Kohlen den Preis pro Tonne um 3 Sh. 6 P. zu reduziren. Die Versammlung war eigentlich berufen worden, um über die Forderung der Arbeiter, die einen Zuschuß von 1 ^h. per Tag verlangten, zu berathen. Das Ergebniß war nicht eine Lohnerhöhung, sondern eine Preisherabsetzung.

— Als der dänische Gesandte in Paris, Herr v. Moltke, die Straßburger Gürtelbahn nicht in seinem Schlafwaggon passi- ren durfte, sagte er zu den Bahnbeamten: „Zur Zeit der Fran­zosen war man artiger."

Das ist doch entschieden unwahr, denn als die Franzosen noch das Elsaß besaßen, ließen sie die Diplomaten Europas überhaupt nicht schlafen. ^"i. ®eep,)

— Wasserstand des Main-Pegels heute früh 7 Uhr 7 Zoll.

Gedruckt und verlegtin der Buchdruckerei des vereinigten evangel. Waisenhauses.

Klagen wegen später oder unregelmäßiger Ueberlieferung des „Hanauer Anzeigers" bittet man im Expeditions-Lokal (Waisenhausverlagsbüreau, Hammergasse Nr. 9), anzumelden.