Einzelbild herunterladen
 

119

Vermischtes.

Berlin, 28. Mai. Das von der Nordd. Allg. Ztg. erwähnte Gerücht der Suspendirung des Armeebischofs Nams- zanowski wird sich wohl bewähren, sonst hätte das Blatt an solcher Stelle seinen Lesern und dem Publikum eine derartige Enttäuschung sicherlich erspart. Auch war vorherzusehen, daß das trotz aller Verwarnungen ungestörte Vorgehen des Clerus bei dem Konflikt mit den Militärbehörden den ersten Rückschlag hervorrufen werde. Dieser ist nunmehr, wie es scheint, in Köln erfolgt und dürfte seine Wirkung in die Ferne bis nach Ermland hin bald verspüren lassen. Der Bischof in der letzteren Diöcese wird darin die Vorboten dessen erblicken, was seiner wartet, wenn er auf dem bisherigen Verfahren beharren sollte. Die etwaige Voraussetzung, vaß man es ihm gegenüber bei einigen Mahnungen und Verwarnungen bewenden lassen werde, dürfte bald noch nachdrücklicher durch die Thatsachen als irrig aufge- ; zeigt werden.

Eine überaus wichtige Vorlage wird Seitens der Reichs­regierung noch in dieser Session an den BundeSrath und an den Reichstag gelangen, sie betrifft vie Verlängerung der Diktatur in Elsaß-Lothringen auf ein Jahr, d. h. bis zum 1. Januar 1874. Es haben sich für eine derartige Maßregel viele ein­sichtsvolle Stimmen namentlich solcher Männer erhoben, welche in die Verhältnisse in Elfaß-Lothringen in Folge längeren Ver- weilens daselbst genaue Einblicke gethan haben. Im Reichstage dürften so ziemlich alle Fraktionen dafür stimmen, mit einziger Ausnahme der Ultramontanen, welche, wie weit mit Grund, mag dahin gestellt sein auf erhebliche Verstärkung des Centrums durch Reichstagswahlen in Elsaß-Lothringen rechnen. <Eöin. 3.)

Berlin, 27. Mai. Es ist darauf hingewiesen worden, daß nach dem Reichs-Strafgesetzbuche die vorsätzliche Verdunke­lung des Personenstandes nur dann als Verbrechen bestraft wird, wenn die Handlung in gewinnsüchtiger Absicht begangen wurde, während das ältere preußische Strafgesetzbuch auch ohne diese Absicht die Handlung als Verbrechen mit Zuchthaus bestrafte.

Zuverlässigem Vernehmtn nach wird Se. Majestät der König von Baiern der heutigen Frouleichnamsprozession in Mün­chen beiwohyen.

Gestern haben etwa 300 Tischlergehülfen, kaum die Hälfte der anwesenden Gesammtzahl in München, die Arbeit eingestellt.

Aus Thüringen, 21. Mai. Eine merkwürdige und wohl­thätige Folge hat das Erdbeben vom 6. Mai, welches sich über den größten Theil von Mittel- und Rorddeutschland erstreckte, in dem altenburgischen Städtchen Ronneburg zurückgelassen. Hier befindet sich ein stark eisenhaltiges Mineralbad. Diese eisen­haltigen Quellen sind seit dem Erdbeben vom 6. Mai um das Doppelte stärker geworden, so daß sie die unteren Parkanlagen unter Wasser setzten und mit dem ihnen eigenthümlichen gelben Ockerniederschlage überzogen. Infolge dieser verstärkten Quellenströ­mung hat sich die Brunnenverwaltung genöthigt gesehen, neue Leitungen anzulegen. Die Wassermenge ist bis heute keine ge­ringere geworden. Eine andere merkwürdige Erscheinung ist seit dem Erdbeben in dem ©essentiale/ welches von Ronneburg nach Gera führt, hervorgetreten. Mitten auf einer Wiese sind nämlich mit jenem Erdstoße plötzlich eine größere Anzahl stärkerer und schwächerer Quellen hervorgesprudelt, deren stärkste einen Durch­messer von vielleicht 67 Zoll hat. Die Quellen werfen Sand und Thon auf die Oberfläche und ganz poröses Holz, dessen weiche, schwammartige Masse sich leicht zwischen den Fingern zerreiben fäßt.

Straßburg, 27. Mai. Die stattgehabten Ueber- schwemmungen haben auch störend auf den Eisenbahnverkehr im Elsaß gewirkt. Die Strecke^Schlettstadt-Colmar mußte ihren Verkehr einstellen, ebenso die Strecke Schlettstadt-Markirch. Heute wurde die erstgenannte Strecke wieder befahren, dagegen würde die Strecke Schlettstadt-Markirch noch einige Zeit unterbrochen bleiben, da die Gebirgswasser an dieser Bahn arge Verwüstun­gen angerichtet haben, zu deren Herstellung einige Tage erforder­lich seien.

Wien, Mittwoch, 29. Mai. Veranlaßt durch den durch die Überschwemmungen in Böhmen eingetretenen Noth­stand fand eine vertrauliche Besprechung zwischen Mitgliedern der Regierung und Abgeordneten des Reichsraths statt, deren Resultat der Beschluß war, zunächst aus Regierungsmitgliedern

und Abgeordneten ein Komite zu bilden, welches einen Aufruf erlassen und die Geldsammlungen einleiten soll. W- »**)

London, 28. Mai.Reuters Bureau" wird aus Newhork vom heutigen Tage telegraphirt, daß 4 Dampfschiffe und 40 Segelschiffe, welche sich zum Robenfischfang an der Küste von Labrador befanden, mit vollständiger Bemannung durch­schnittlich 90 Mann per Schiff untergegangen sind.

Prag, 26, Mai. Ueber hie Ueberschwemmung in Böhmen meldet diePolitik":Das Elementarereigniß, von welchem wir noch vorgestern blos die Ufer der mittleren Beraun und der unteres Moldau betroffen erwähnten, hatte, den zur Stunde eingelangten Nachrichten zufolge, einen Umfang, welcher ihm den Charakter eines lokalen Wetterschadens benimmt und es zu einer das ganze Land betreffenden Kalamität stempelt. Nicht blos das Gebiet zwischen dem ehrwürdigen mit keltischen Wällen geschmückten Zdar und dem Eban-Walde, nicht blos das Centrum Böhmens war am Samstag und Sonntag der Schau­platz einer furchtbaren durch die entfesselten Elemente verursachten Verwüstung, sondern auch der Nordwesten des Landes, das Flußgebiet der Eger, die Ufer der unteren Elbe, ja, sogar der äußerste Härtesten wurden von der Ungunst des Himmels schwer heimgesucht. Noch entzieht sich der hierdurch verursachte Scha­den einer Taxation, welche auch nur halbwegs aus ©enarri giert Anspruch erheben könnte, noch fehlen zumeist eingehende Details, welche uns die Wucht deö Schlages, der uns traf, so recht vor die Augen stellen würden ; nur so viel läßt sich schon zur Stunde constatiren, daß das Nationalvermögen um Millionen geschädigt wurde, daß es jahrelanger fleißiger Arbeit bedarf, um den Scha­den, der uns im Verlaufe von einigen Stunden zugefügt wurde, auch nur einiger Maßen zu repariren. Bei Horzowitz, Zpitz und Holoubkau hat gestern Nachmittags ein Wolkenbruch statt« gefunden, der die Teichdämme durchriß und der Beraun und Radbuza ungeheure Wasserströme zuführte. Bei Mokrowetz stürzte alsbald die eiserne Eisenbahnbrücke ein, das gleiche Schick­sal erreichte gleich darauf die Zditzer Brücke, und so ist seit gestern Abends weder ein Zug der Böhmischen Westbahn in Prag eingelangt, noch eine Nachricht von dorther überhaupt ein­getroffen. Die Züge der Böhmischen Westbahn gingen des Nachts blos bis Dobrzichowitz."

Prag, 26. Mai. Ungefähr 800 czechische Studenten hatten derCöln. Ztg." zufolge unverdaute Phrasen als Protest gegen die Gründung der straßburger Universität in französischen Blättern abdrucken lassen, jetzt haben ungefähr 200 französische Studenten in Gambetta's Organ ihren ezechischen Kameraden für ihre That gedankt. Eine Allianz so wichtiger Faktoren! Armes Deutsches Reich!

Paris, 26. Mai. Der Minister des Aeußern hat Befehl gegeben, daß die Prüfungen, welche die jungen Leute, die in die Diplomatie eintreten wollen, streng nach den bestehenden Reglements gemacht werden. Unter dem Kaiserreich waren die­selben bekanntlich außer Acht gelassen worden, und Viele traten in die Diplomatie, ohne einmal Licentiat der Rechte zu sein. Wie die Blätter versichern, sind wegen der Ernennung von fran­zösischen Consuln in Straßburg, Müblhausen und Metz wieder Unterhandlungen im Gange. Es soll jedoch wenig Aussicht vor­handen sein, daß die deutsche Regierung den betrffenden For­derungen Frankreichs in diesem Augenblicke nachgeben werde.

(Unnachahmliches Papiergeld.) Ein Berliner Lithograph, Gustav Schwarzwald, soll ein unnachahmliches Pa­piergeld erfunden haben und sein Präparat den Chemikern Pro­fessor Dr. Sonnenschein und Dr. Ziureck übergeben haben. Wie es heißt, sind die Herrn zu dem Ergebniß gelangt, daß da« Prä­parat chemisch zu analhsiren unmöglich, also von Niemandem zu entziffern ist. Nach Angabe des Erfinders ist die Herstellung des Präparates, die Verbindung desselben mit dem Papier in verschiedenen eigenthümlichen Farben und deren Eigenschaften eine derartige, daß alle Schwierigkeiten gegen Nachahmung, welche bisher bei Papiergeldsorten angewandt wurden, in Hintergrund treten läßt. Herr Schwarzwald, welcher in der bisherigen An­fertigung von Papiergeld jeder Art genaue Kenntniß bentzt und sich eingehend mit Chemie beschäftigt hat, behauptet, daß seine Erfindung für die Regierungen ohne größere Kosten leicht aus­führbar und praktisch sei, eine Fälschung jedoch zur Unmöglich­keit gehört.