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GMr Neueste Nchriehtm

Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 17

Sonntag, 22. Dezember 1912

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang

Fernsprecher RI und 952.

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NMkcht mit der Rule?

Die Kriegserklärung an den Kanzler. -

Die allzeit emsig« und mitunter sogar unter­haltsame Norddeutsch« Allgemeine Zeitung hat uns dieser Tage mit feierlicher Umständlichkeit erzählt, alles Geranne über die Ursachen und möglichen Wirkungen des kecken Husarenritts des Herrn Doktor Delbrück gegen seinen hohen Ches, den Kanzler im Reich (gele­gentlich des Reichshaus-Geplauders über die Gewerksch ast-Enzykkika Pius des Zehnte«) gehöre ins dunkle Reich der Fabel, die sorglich präparierteHomogenität" des Bechmann-Kabinetts überdaure die hartnäckig­sten Zweifel und zwischen der Berliner Wil- helmsiraße und der ragenden Herrschast-Stätte Sankt Petri walte die fromme Eintracht, die in diesen Tagen des Advents nächstenliebem Empfinden zieme. Wir haben das Alles mit hoher Befriedigung vernommen, und angesichts der frohen Botschaft in den Spalten des Kanz­lerblatts verlor sogar die grimmige Drohung jener geheimnisvollen .vatikanischen Persön­lichkeit", die dem Tiberstadt-Korrespondenten eines Berliner Blattes die nahe Heimkehr des fünften Kanzlers zum stillen Feierabend unter den schlanken Pappeln von Hohenfinow ange- kündet, manches von ihren Schrecken. Schließ­lich (trösteten wir uns) ist's von der Siebenhü- gelstadt bis zur Spree ein leidlich Stück Wegs, und auch Herrn Georg von Hertlings schäumender Bayrrngroll kann nicht auf Fla­schen gezogen werden.

Doch mit des Schicksals und des Zentrums Mächten darf auch ein Kanzler nicht scherzen, denn das Verhängnis ist behender als das hur- ftgste Demenft. Ein paar Tage, nachdem der in der Kunst der Schwichtigung zur höchsten Meisterschaft emporgesftegne Geheimrat der Wilhelmstraße uns erzählt, Herrn Delbrücks exzellente Seele berge weder Arg noch Falsch und im Busen des Bajuvaren Hertling throne neben ftommer Gottergebenheit die treue Liebe zum starken Bruder in Berlin, fuhr Herr Doktor Heinrich Pohl vom Heerbann der Freikonser- vaftven mit hörbarem Ruck in den ungefügen Landsknecht-Koller, rasselte mit dem Speer der teutschen Treue und zieh den Kanzler und Mi­nisterpräsidenten im Lande Preußen der Sünde wider den heiligen Geist sreikonservativer Män­nerseelen. Man vernahm, daß der Wagenman­gel in den Jndustriebezirken und die Müdigkeit innerhalb unsrer Eisenbahnbetrieb-Organisa­tion der kümmerlichen Energie des auf derTem- delzinne preußisch-deutscher Regierungmacht Thronenden zu danken sei, und Herr Heinrich Pohl, der vordem am Gestade der Ruhr auf Westfalens roter Erde die Trrfta-Jugend als strenger Ordinarius zur Weisheit und Männ­lichkeit erzog, kündete (im Auftrage des Herrn Oktavio von Zedlitz?) dem Erben und Nachlaß- Pfleger Bülows grimmige Fehde: Rach dem Uhu-Ruf aus R o m ein Ereignis, das mannig­fach zu deuten war.

Als Herr Theobald von Bethmann Hollweg gelegentlich der Parlament-Unterhaltung über des zehnten Pius Sozial Enzyklika die Männer bom Zentrum mit dem Flederwisch streichelte und Herr Peter Spahn, ergrimmt über den Frevel an der Majestät der (einst) .regierenden" Partei in Wallots granitnem Tcmpelbau, die Heerschar seiner Mannen zum heiligen Kriege wider den Kanzler rief, da richteten sich in Wandelhalle und Korridor Aller Augen fragend auf des Grafen Kanitz westpreußisch-bärtige Reckengestalt, und man erwartete, Peter Tpahns Kriegerklärung andern Tags in den »palten der Kreuz- und Deutschen Tageszei­tung in dröhnenden Echo-Akkorden wiederzu­finden. Aber auch in der Poliftk kommt's zu­weilen anders, als man glaubt: Im Lager der Konservativen, in dessen düstersten Winkeln Spahns Fanfaren sicher Hellen Jubelklang ge­weckt, ist's bisher still geblieben, und nur Herr Octavio von Zedlitz hat sich, gestachelt vom Sturm- und Drang-Temperament des weiland Präzeptor Heinrich Pohl, auf die Schanzen gewagt. Tas heißt: Offiziell! Was seit dem Ipahn-Jntermezzo hinter den schalldichten mitten lauschiger Fraktionszimmer sich ereignet, ist dem Auge und Ohr der Oefsent- fühkeit bisher verborgen geblieben und erst letzt, da der Advent zur Neige geht, künden Trompetenstöße aus Matthias Erzbergers veldberrn-Lager, daß unterdessen mancherlei och ereignet.

- Die Berliner Volkszeitung, deren Tinte Herr Matthias Erzberger aus Buttenhausen persönlich färbt, entwickelt soeben den von den Strategen des Zentrums sorglilb erklügelten Seldzug-Plan zum Sturz des fünften Kanz­lers. Herr Spahn und feine Paladine waren ldrei Kanzler haben's am Leid eignen Schick- Ws erfahren) immerdar Meister der Taktik,

und auch der jetzt ersonnene Kriegplan gegen Bethmann Hollwegs Kanzlerschaft verrät die Virtuosen der parlamentarischen Kulisse. Die Attacke, deren Endziel der Rückzug des fünften Kanzlers in die Stille von Hohenfinow ist, soll sich nämlich in drei Etappen vollziehen, und die Parole der Reisigen heißt: »Isolie­ren ... Schwächen ... Stürzen!" Man muß gestehen: Ferdinand von Bulgarien könnte von den Strategen Spahns noch mancherlei Nützliches erlernen, denn logischer und konse­quenter, als Herr Matthias Erzberger es, harmlos lächelnd, demonstriert, läßt sich ein Kanzlersturz als Volk-Vorstellung kaum insze­nieren. Der erste Teil der Attacke wird ver­mutlich schon unmittelbar nach dem Fest der Christenliebe, wenn im Hause Wallots der Männerkampf um den Etat zur wilden Schlacht sich steigert, einsetzen, und es muß sich dann auch zeigen, ob Herr Peter Spahn allein mit dem Fähnlein seiner Getreuen wider die ragende Größe Bethmann'scher Männlichkeit aufmarschiett, oder ob aus Ostelbiens winter­lich-verschneiten Gauen den Tapfern die (er­hoffte) Hülfe naht. Man sieht: Es ist eine düstre Weihenacht, die über der Berliner Wilhelmstraße heraufzieht, und es scheint, daß Knecht Ruprecht im schwarzen Gehrock und blanken Zylinder des Frankfutter Oberlandes- gettcht-Prästdenten entschlossen ist, dem Kanzler die Rute des Zentrums ins stille Haus zu tragen...! F. H.

* * *

Der Kampf nach Neujahr.

In dem oben angefühtten FeldzugSplan- Artikel der dem Zentrumsabgeordneten Erz- berger nahestehenden Berliner Volkszeitung heißt es unter anderm wörtlich: .... Die ver­traulichen Sondienmgen mit den benachbarte» und befreundeten Parteien ftn Reichstag und preußischen Landtag haben ergeben, daß die Stellung des fünfte» Reichskanzlers sich viel schwächer herausgestellt hat, als angenommen wurde; darüber gehen die Herren von der Heydebrand und Sofa, Dr. Oer- tel und Gump mit unseren Führern einig. Für die ZentrumSpattei als Vertre­terin des katholischen Volkes in Deutschland ist es Ehrenpflicht, mit diesem Rttchs- kanzler, der sich schon vor zwanzig Jahren als Mitglied der Freikonservativcn Frattion als Jesuitenfeind gab, endgültig zu brechen, weil er sowohl fln Verhältnis zu Bayern als Bundesstaat als auch zu Oesterreich-Ungarn als Vormacht des katholischen Bekenntnisses seine beschränkte protestantisch-philo­sophische Anschauungsweise zur An­wendung bringt, die zum Beispiel dem verbün­deten Kaiserreich an der Donau nur in verüau- suliertester Form und in der Todesgefahr fei­nerbedrohten Existenz" Bundeshilse in Aus­sicht stellt. Nnfer nach Neujahr mit Nach­druck einfetzender Kampf muß zum Siege führen, weil die Steuerpolitik des Herrn von Bethmann Hollweg den Konservativen wo­möglich noch verhaßter ist als dem Zen­trum und weil auch einflußreiche Hof- kreise dem Gutsherrn von Hohenfinow nicht weniger als hold gesinnt sind ...!" Da darf man also auf das »nach Neujahr" Kommend« gespannt sein!

König oder Regent in Bayern?

Die bevorstehende Verfaffnngs-Aendernn g.

Wie aus München bettchtet wird, gift in dottigen parlamentarischen Kreisen die Ver- fassungs-Aenderung mit dem Ziel der Wiedereinsetzung des Königtums anstelle der Regentschaft als gesichett. Die meisten Fraktionen des bayettschen Landtages haben sich bereits einmütig für die Aufhebung der Regentschaft und Uebettragung der Königs­würde an Pttnz-Regent Ludwig ausgespro­chen. Wetter wird bekannt:

Hertling für das Königstum.

(Privat-Telegram ml

München, 21. Dezember-

Der bayerische Ministerpräsident Freiherr von Hertling hat gestern die Präsidenten des Landtages und die Patteiführer von einer Regierungsvorlage verständigt, die dem im Januar zusammentretenden außeror­dentlichen Landtag vorgelegt werden soll. Da­nach wird der Volksvertretung eine Versas- sungsänderung vorgeschlagrn werden, die zur Aufhebung der Regentschaft und zur Einsetzung des Prinzregenten Ludwig zum König führe» soll.

Die Liberalen und die Krone.

Ein weiteres Priv at-Telegramm meldet uns aus München: Die liberale bayttsche Reichstagsfraktion hat gestern in mehrstündiger Sitzung die Frage der Beendi­gung der Regentschaft einaeheud erörtert. Sie

ist nicht grundsätzlich dagegen, sie will eine diesbezügliche Vorlage der Regierung ab­warten und diese eingehend prüfen. Unerläß­liche Vormrssetzung für ihre Zustimmung zur Vettassungsänderung und Beendigung der Re­gentschaft fei jedenfalls ein ausreichendes M i t b e st i m m u n g s r e ch t des Volkes ana­log den Verfaflungsvorschttftrn über die Ein­setzung der Regentschaft.

Ser Mhuz in Hanau.

Eine Anfrage im Stadt - Parlament.

_ Die Typhus-Erkrankungen beim Hanauer Eisenbahn . Regiment, über die wir wiederholt eingehend berichttt habe», käme» gestern in der Stadtverordnetenver­sammlung in Hanau zur Sprache, da in b-et Oeffentlichkeit Gerüchte verbreitet waren, daß möglicherweise die Ursache der Erkrankungen in den Hanauer Wasser-Verhältnissen oder in anderen örtlichen Umständen zu suchen sei. Wir erhalten darüber folgenden Bericht:

Die Ursachen der Erkrankungen.

(Bericht unsers Korrespondenten.)

Hana«, 21. Dezember-

Die Erkrankungen beim ersten Bataillon deg hiesigen Eisenbahnregimenis haben in der Stadtverordneten - Versammlung Veranlassung gegeben, an den Oberbürgermei­ster die Anfrage zu ttchten, was ihm über die Erkrawkungen und deren Ursachen bekannt sei und ob für die Einwohnerschaft wegen der städtischen Wasserltttung Grund zur Beunruhi­gung vorliege. Oberbürgermeister Dr. G e b e - s ch u s erwiderte, daß er, als er von den Er­krankungen gehött, sich mit der Polizeibehörde in Verbindung gesetzt und von dieser die Mtt- tttlung erhalten habe, daß btt ihr kein T Y < phussall gemeldet sei. Er habe dann den Kreisarzt telephonisch angerufen, der ihm ebenfalls gemeldet habe, daß die Stadt vollständig typhuSfrei sei. Beider Ansteckung in der Kaserne des Etsenbahnregi- ments könne es sich nur um Nahrungs­mittel handeln, was unter anderem dar­aus hervorgehe, daß sämtliche Einjährige unb Unteroffiziere von der Krankheit verschon? ge­blieben und liefe auch »ur im ersten Bataillon vorgekommen feie«. Eine offizielle Er­klärung fei ihm aber bis dahin noch nicht zugegangen gewesen. Erst gestern fei ihm vo« bem Oberstabsarzt die Mitteilung geworden, daß beim erften Bataillon 174 Soldaten an Typhu8 und 30 unter tYPhuSver- dächtigen Erfcheinungen erkrankt feien. Die Kaferne fei ab gesperrt worden. Man habe sich ihm gegenüber geäußert, daß die Erkrankungen vermutlich aus

Ansteckung durch Milch zurückzuführen seien, welche im ersten Batatt- lon in ungekochtem Zustande dem Kaffee zuge­geben wurde. Diese Annahme gewinne noch an Wahrscheinlichkeit durch die Tatsache, daß der Milchlieferant außer dem ersten Bataillon hier keine Abnehmer habe. DaS Wasser der städtt- schen Wasserleitung könne et als ein­wandsfrei bezeichnen. Vorsteher, Justizrat Uth fragte an. ob bei Typhus keine Anzeige- Pflicht bestehe. Diese Frage wurde vom Ttadt- verordntten Wagner dahingehend beantwotttt, daß eine Anzeigepflicht nur bei Typhus ver­dacht vorgeschrieben sei. Rach den Ausfüh­rungen des Oberbürgermeisters sei «och nicht sicher festgestellt, daß nicht auch die Zivil- und übttge Militärbevötterung gefährdet fei. Wenn er auch nicht glaube, daß die Erkrankungen dem Genuß von Wasser zuzufchreiben feien, fo ma­che ihn doch 6ef»rgt, daß auch die vor ei­niger Zeit hier auf getretene Keine TyPhuS- Epidemie in ihrer Ursache mit Sicherheit nicht festgestellt worden ist. Auf jeden Fall solle man btt der Untersuchung des hiesi­gen Wassers, keine Vorsicht außer Acht lassen. Baurat Wohlfatth erachtet es als ausge­schlossen, daß der Krankhtttskeim vom Wasser hettihtte, wenn die Erkrankungen aber auf die Milch zurückzuführen frien, dann be­deute dies eine fehr gefährliche Sache färbte Stadt, weil es nicht ausgefchloffen fei, daß der Milchlieferant auch an Leute in der Stadt verkaufe! Deshalb müsse »erfmfjt wer­den. in Erfahrung zu bringen, woher die Milch bezogen werde, um erforderlichenfalls die Ein­wohner warnen zu können.

Keine weiteren Erkrankungen!

Wie uns Wetter telegraphisch aus Hanau berichtet wird, ist seit gestern beim Eisenbahn­regiment kein weiterer Krankheits­fall eingetreten. Es ist somit ein Still­stand der Krankheit zu konstatieren. Der Krankheitsverlauf ist bei den im Lazarett lie­genden Soldaten andauernd ein günstiger. Die gestern zusammengetrttene Kommission von Militärärzten, die über die Ursache der Krankheit Erhebungen anstEt, hat ihre Unter­

suchungen noch nicht abgeschlossen. Das Re­sultat kann erst in einigen Tagen erwartet werden.

Wiltz Nordau in Koulurr!

Die Krise im Friedrich WilhelmstSdtischen Schauspielhaus; Willy Nordau und Pau' Stucke; die Arfacheu des Zusammenbruchs- Wie wir gestern bereits telegraphisch berich­teten. ist gegen den früheren Direktor des Cas­seler Residenz - Theaters und späte­ren Leiter des Friedrich-Wilhelmstädtische» Schauspielhauses, Willy Nordau, gestern die Konkurseröffnung beantragt wor­den. Ob diesem Antrag stattgegsben wird, steht noch nicht fest; daß es indessen zur Konkurser­öffnung kommt, ist kaum wahrscheinlich, da so gut wie gar keine Masse vorhanden ist. liebet die Vorgeschichte der finanziellen Krise im Fri e drich-WM clm stad tischen Schauspielhaus werden folgende Einzelheiten bekannt:

Willy Nordau und Paul Lincke.

Eine verfehlte Spekulation.

Berlin- 21. Dezember.

Der Antrag auf Eröffnung des Konkurs» verfahrens gegen den Direktor Willy Nordau ist von feiten des Komponisten Paul Lincke und einer Baronin von Puttkamer gestellt worden. Die Katastrophe, die Einge­weihte» schon lange bekannt war, ist durch das Vorgehen des Direktors Nordau ge­gen den Kolonisten Paul Lincke beschleunigt worden. Lincke hatte Nordau die Operette »Gri gri" zur Aufführung gegeben. Er gab nicht »ur sein Werk, sondern kaufte auch die Kostüme und Dekorationen, be­sorgte einen tüchtigen Regisseur der das Stück inszeniette und gab schließlich noch Nordau zwanzigtausend Mark in barals Darlehen. Dafür hatte Nordau die Verpflich­tung übernommen, 10 Prozent Tantieme und von jeder Vorstellung hundert Mark (Sonntag« dreihundett Mark), von dem Darlehen zurückzu­zahlen. Diese Zahlungen erfolgten in de» er­sten Tage», dann setzte Direktor Nor­dau au 81 und Lincke war genötigt, wie er in einem Briefe mitteilt, die Hilfe des Gerichts auzurufen. Er erwirkte einen Pfändungsbe­schluß und

eine einstweilige Verfügung, wonach Direktor Nordau bei ttner Haft« strafe von drei Tagen für jeden Zuwi­derhandlungsfall gehalten war, Herrn Lincke oder einem Vertreter den Zutritt zum Kassen­raum zu gestatten. Am Donnerstag abend wurde dem Vertreter des Herrn Lincke der Zu­tritt nicht mehr gestattet, so daß der Rechts­beistand nunmehr die Vollstreckung der Haft­strafe gegen Nordau beantragt hat. Die Zer­würfnisse zwischen Nordau und Lincke führ- ten schließlich so wett, daß am Donnerstag mittag plötzlich die OperetteGrigri" »abge­setzt" wurde. »Grigri" ist aber das beste Geschäft gewesen, das Herr Nordau in sei­nem Theater gemacht hat und die Vorstellungen für die Feiertage waren bereits ausverkauft. Wen» nun plötzlich auf ttn anderes Stück ge­griffen wird, so bedeutet das für die Gläubiger und für die Mitglieder eine schwere Schä­digung, denn es sind bei der Dttektion Nordau noch Gagenrückstände zu be­gleichen, die kaum eingehen werden, wenn nicht Linckes Operttte Wetter auf dem Spiel- plan bleibt. Inzwischen hat der Rechtsbeistand Paul Linckes sämtliche Dekorationen und an­deren Ausstattungs-Gegenstände des Friedrich- Wilhelmstädtischen Theaters pfände» lasse».

Paul Lincke Nordaus Nachfolger?

Von unserm Berliner B. ^.-Mitarbeiter wird uns zu der Affäre Nordau noch mitgetttlt, daß Paul Lincke, der Not gehorchend, das Frie- drich-Wilhelmstädtische Theater nun selbst übernehmen wird. Da die Direktion Nordau kaum fanieruflgsfähig ist, wird Paul Lincke die Bühne in rigene Regie persönlich übernehmen. Es wird übrigens in Berliner Kunfttteisen Willy Nordau sehr verargt, daß er sich bereit finden ließ, das Stück einer »blutigen Dilet­tantin» zur Aufführung in seinem Theater an- zunehmen, nachdem die Verfasserin vierzig, tausend Mark in das Theater hineinge­steckt hatte. Später scheinen auch Nordau selbst Bedenken wegen der Aufführung aufgestiegen zu sein, denn das Dilettantenstück wurde nicht aufgeführt, die vierzigtausend Mark wurden nicht zurückbezahlt und die Folge war dann ...der Antrag auf Konkurs - Eröffnung!

Neue Balkan-Hiobspost.

Der Thron der Schwarzen Berge zittert.

Während in London die Männer des Bal­kan sich über die Möglichkeilen des Fried-.uS- schluffes unterhalten, scheint drunten in den Balkanbergen ei» neues Ung:wit:c: heraufzuzichen, von dsm diesmal daS Land