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CMrNeM Nachrichten

Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Rümmer 8.

Fernsprecher 951 und 953.

Donnerstag, 12. Dezember 1912.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Moltle an der Donau.

Eontab von Hötzendorff, der österreichische Moltke; Franz Ferdinands rechte Hand; Hötzendorff «nd der alte Kaiser Franz Josef.

Ein Privat-Telegramm meldet «ns ans Wie«; Die Ernennung des Feldzengmeisters von Krobatin znm österreichischen Kriegsmimister ist bereits vollzogen worden. Die Bekanntgabe der Wiederberufnng General von Hötzendorffs zum Chef des Generalstabes wird heute er­folgen. Hötzendorff wird das Amt bereits am Donnerstag antrete«. Was allen Kundigen längst nicht mehr Ge­heimnis war, darf nun auch offiziell gesagt werden: Freiherr Conrad von Hötzen- s o r f f, rm Dezember des Vorjahrs vom Amt des österreichischen Generalstab-Chefs zurück­getreten, steht wieder, dem Auge bei Welt sicht­bar, an der Spitze der Heeresorganisation der Donau-Monarchie, und was er seit zwölf Mon­den in der Stille an planmäßiger Arbeit zur Stärkung der Wehrkraft Oesterreichs geleistet, findet heute seine Würdigung in der aberma­ligen Berufung des Bewährten auf den Po­sten, dem er, als das letzte Jahr sich neigte, rntsagte, um parlamentarischen Komplikationen aus dem Weg zu gehen. Blasius von Schemua trat an seine Stelle, der Eisenfaust folgte die Tändelhand und Hötzendorffs energische Wehr­politik schien im Gestrüpp parlamentarischen Jnteressenftreits zu versinken. DasKrieggespenst auf Europens Erde hat indeffen den Kleinmut im Donauland rasch gescheucht: Seit Monden spürte man hinter Oesterreichs Energie den starken Willen Conrad Hötzendorffs und die nun erfolgte Zurückberufung in's altvertraute Amt ist der sichtbarste Beweis der Schätzung, deren sich «Habsburgs Moltke" dort erfreut, wo über Oesterreichs Schicksal kühn und tatenstark entschieden wird. Das Echo vom Donaustrand klingt wie ein Jubelruf zum Rachbar-Reich herüber; man fühlt in Wien instinktiv, daß in den Tagen der Sorge und Krise die Reichswehr einen Mann von Eisen fordert, und dieser Tat­mensch, deffen Energie weder Hemmung noch Schwächung kennt, ist Franz Ferdinands Ver­trauter: Conrad von Hötzendorffl

Der von Franz Ferdinand Erwählte ist der eigentliche Schöpfer der modernen österreichischen Armee, der scharfsinnige und ideenreiche Kopf des gesamten Militärwe­sens im verbündeten Reich und die Seele des unter seiner Leitung gänzlich umgestalteten Generalstabs der Armee der Doppel-Monar­chie; ein Mann von eherner Energie und nim­mermüder Tatkraft, der die hingebende Arbeit langer Jahre an die Modernisierung und Re­organisation des nationalen Heerwesens ver­wandte und nach mancherlei Enttäuschungen den Tag sah, da sein Werk von Erfolg gekrönt ward. Als er, vom alternden Kaiser unfroh empfangen, das Amt des Generalstabchefs übernahm, konnte die Donaumonarchie nicht Anspruch darauf erheben, für den entscheiden­den Moment kriegerischen Konflikts ausreichend und erfolgsicher gerüstet zu sein: Technische und organisatorische Mängel beeinträchtigten die Schlagkraft des milttärischen Apparats in be­denklicher Weise und die nationalistische Bunt- scheckigkeit der Landcsverwaltung machte sich auch im Heer störend und entwicklunghemmend bemerkbar. Dazu kam der schroffe Gegensatz zu Ungarn, der im militärischen Element sich noch schärfer offenbarte, als auf politischem Gebiet, und der infolgedessen den Begriffge­meinsame Armee" nahezu als Illusion erschei­nen ließ. Das war Oesterreichs Heer in den Tagen, da, nach einer überlangen Periode öder Stagnation, Conrad von Hötzendorss ins Amt des Organisators berufen wurde,

Erzherzog Franz Ferdinands scharfes Auge erkannte in Hötzendorff schon die Gaben des überragenden Kopfs, als der spätere General­stabchef der Hochburg-Sphäre noch verbor­gen war. und der tatkräftigen Unterstützung durch den energischen Thronfolger dankt Höt­zendorff auch zum großen Teil den Erfolg sei­nes Werks. Seit die männlich-starke Art des Erben der Kaiserkrone sich in der Leitung der Politischen Geschicke der Donau-Monarchie merkbar macht, ist in Oesterreich eine Entwick­lung zu völkischer und militärischer Kräfte­konzentration erkennbar, an die die Leute der milden Schule Franz Josefs selbst in ihren kühnsten Träumen nicht zu denken gewagt, und auch die poliftschen Verhältnisse haben seit­dem tm Habsburgerland eine durchaus modern gestaltete Umwandlung erfahren. Franz Ferdi­nand ebnete gemeinsam mit Conrad von Höt- zcndorff dem Fortscbritt die Bahn und Oester­reich erwachte nach langer Untätigkeit und Schwäche aus einem Traum rweiielnder

Aengstlichkeit und tastender Ohnmacht. Daß ein solches Werk nicht zustandekommen konnte, ohne daß Groll und Eifersucht seine Träger befehdeten, ist klar, und es hat auch in Oester­reich nicht an Flüsterern gefehlt, die dem Ohr des greisenden Kaisers das Mißtrauen ge­genüber der überall vordrängenden Energie des Thronfolgers predigten, und den Chef des Generalstabs der Armee als den Mann ver­dächtigten, der in größenwahnsinniger Hast die Reichgemeinschaft in den wildesten Strudel des Rüstungwettbewerbs dränge und die ru­hige Sicherheit bescheidner Entwicklung, die nirgends Argwohn wecke, gefährde. Trotzdem der Serbenlärm und das Balkan-Abenteuer die glänzendste Probe aufs Exempel brachten!

Oesterreich hat noch weniger als wir einen Ueberfluß an Talenten, krankt förmlich am Mangel tatenfroher Leute mit Energie und Initiative, und hat in bett wenigen Jahren, die feit dem Erwachen aus überlanger Ruh' verflossen, noch keinen Nachwuchs heranzubil­den vermocht, der in der Lage wäre, das müh­sam Erstrebte zu erhalten und mit sichrer Hand weiter auszubauen. Daß unter diesen Umstän­den Hötzendorffs Rücktritt von der Leitung der nationalen Heeresorganisation einen Verlust bedeutete, der nicht zu ersetzen war, sahen in Oesterreich auch Diejenigen ein, denen der Mann mit der ehernen Stirn und denaben­teuerlichen Plänen" stets ein Dorn im Auge war, und die Erfahrung hat ja auch bewiesen, daß Blasius von Scheuma (der bis zum Tag seiner Berufung zur Gipfelhöhe Hetzendorfs'- scher Energie die bescheidnen Funktionen eines Abteilungchefs im Kriegministerium versehen) nicht der Mann war, der Donau-Monarchie den Verlust ihresMoltke" zu ersetzen. Hötzen­dorff hat im Oesterreich Franz Josefs nicht mindere Enttäuschung erlebt wie Franz Ferdi­nand, dessenPolitik der starken Hand" noch heut den stärksten Anfeindungen begegnet und auch beim alten Kaiser wenig Sympathie ge­nießt, trotzdem nicht zu verkennen ist, daß diese Auspeitschung der nationalen Energie zu Kraftbewußtsein und Tatenmut es gewesen ist, die Habsburgs und Oesterreichs Ansehen in der Welt wieder neu gefestigt hat. Deutsch­land und der Dreibund haben alle Ursache, Hötzendorffs Wiederaufstieg ins Amt des Wehrkraft-Hüters aufrichtig zu begrüßen, denn unter seinen Händen wuchs Oesterreichs mili­tärische Macht zu einem achtunggebietenden Faktor europäischer Friedenspolitik empor, und es war ein Experiment, dessen schwere Beden­ken man instinktiv fühlte, dieses Instrument des Friedens nach der Eisenfaust einer Hand bescheidner Energie anzuvertrauen. Im Schat­ten Hötzendorffs ist Blasius Scheumas Persön­lichkeit wie in einer Dunkelkammer versun­ken. . .! F. H.

* *

NrrLehagliche GeMe irr Wien!

Der Sieg der schärferen Tonart?

(Privat-Telegram m.)

Wien, 11. Dezember-

Im Parlament ist der Eindruck über die Beränderungen iun Kriegsministe­rium und im General st ab derselbe wie im Publikum, nämlich der, daß ein Wechsel der leitenden Personen des Kriegsminifieriums und des Generalstabes nach zwei Richtungen unbehagliche Gefühle erzeugen müsse. ES verstärke sich der Eindruck, als würde nach dem Personenwechsel im Generalstab die schärfere Tonart beginnen und als würde die Kriegsstimmung die Oberhand gewinnen. Die Plötzlichkeit des Wechsels wird als erschwerendes Moment betrachtet. Man glaubt nicht, daß Schemua nach Berlin geschickt worden wäre, wenn damals schon die Absicht bestmwen hätte, ihn durch Hötzen­dorff zu ersetzen. Der zur Nachfolge für den Generalstabschef von Schemua auSersehene Freiherr Conrad von Hötzendorff wird diesen Posten (wie hier versichert wird) nach einer Fühlungnahme mit Italien an- tteten. Freiherr Conrad hat als Chef deS Ge­neralstabes zu einer Zeit neue kostspielige Be­festigungen und militärische Maßregeln an der österreichischen Grenze gegen Italien gefordert, während Graf Behrenthal mit Giolitia bereits über die Erneuerung des Dreibun­des verhandeltt.

Eine Dreibund-Demonstration?.

(Privat-Telegram m.)

Wie«, 11. Dezember.

Aus Triest kommt die Nachricht- daß angeblich das deutsche Kriegsschiff ,,©neben", das in Konstantinopel stationiert war, «nd «och ein anderer de«tscher Kreuzer iu den Kriegshasen von Pola eingelaufen feie«, «ine auteutischeMirteUung hierüber

liegt nicht vor. Gerüchte wollen wissen, daß die Ankunft deutscher Kriegsschiffe mit einer bevorstehenden Flotten-De­monstration deS Dreibundes vor Durazzo zusammenhängt, weil der Dreibund entschlossen sei, die Unabhängigkeit Albaniens gegen jeden Eingriff z« schützen.

Ser Kries unvermeidlich?

Die internationale Krise dauert an!

Trotzdem gestern aus Wien Meldungen über eine Entspannung zwischen Oester­reich und Serbien Vorlagen, scheint die inter­nationale Krise sich neuerdings wieder zuge- spitzt zu haben. Die zwischen Oesterreich und Rußland bestehenden Gegensätze scheinen zwar überwunden zu fein, aber der Konflikt mit Serbien wird heute in Wien als sehr ernst und kritisch beurteilt. Es gewinnt sogar den Anschein, daß man an den maß­gebenden Stellen kaum noch mit der Möglich­keit eines friedlichen Ausgangs rechnet. Wenig­stens deutet darauf eine Nachricht hin, die uns soeben ans Wien zugeht:

Das Prohaska-Drama.

(Privat-Telegramm.)

Wien, 11. Dezember.

Von durchaus zuverlässiger österreichisch- ungarischer Seite wird bestätigt, daß Konsul Prohaska in Prizrend beim Einzüge des serbischen Heeres von den Soldaten auf8 Grausamste verstümmelt worden ist. Daraus erklärt sich das bisherige mysteriöse Dunkel, das diese Affäre umhüllt und warum der von Konsul Edl nach Wie« gesandte Be­richt über Prohaska bis heute noch nicht zur Veröffentlichung gelangt ist. Für Serbien wird nunmehr diese Tatsache von den schlimmsten Folgen begleitet sein, weil jetzt alle Großmächte und auch Rußland das bevorstehende energische Einschreiten Oester­reich-Ungarns gegen Serbien nur werden bil figen müssen. Man hält hier allgemein den Krieg für unvermeidlich. Mit dieser Verschärfung des Konflitts werden auch die Veränderungen in der Heeresleitung in direkten Zusammenhang gebracht, trotzdem von offiziöser Seite bestritte« wird, daß der Wechsel int KriegSministerium und in der Ar­meeleitung aus politischen Gründen erfolgt fei.

Für den Ernstfall gerüstet!

(Privat-Telegram m.l

Wien, 11. Dezember.

Man teilt in diplomatischen Kreisen die in der Bevölkerung verbreitete Auffassung, daß die Veränderungen in den höchsten mi­litärischen Stellen ein Zeichen dafür seien, daß die letzten Maßnahmen für den Ernstfall getroffen sind. Das Grazer Volksblatt, das militärische Beziehungen hat, behauptet, die Veränderungen seien keines­wegs auf eine plötzliche Ursache zurückzufüh­ren, sondern bereits vor mehreren Wo­chen beschlossen worden, und zwar we­gen Verwaltungsangelegenheiten interner Na­tur. Infolge des Näherrückcns der Möglich­keit eines militärischen Einschreitens feien sie jedoch aufgeschoben worden und jetzt, da der Charakter der Ereignisse es ratsam erschei­nen ließ, sofort die bisherigen Sachverwalter der Armee durch allererste Kräfte zu er­setzen, ausgefühtt worden. Der Wechsel reihe sich logisch an die Erneuerung des Dreibundes und sei eine nicht mitzzuverstehende Kundgebung Oesterreichs, feine Rech­te und feine Stellung als Großmacht unter allen Umständen zu behaupte«.

Die Henker des BalkanS.

(Telegraphische Meldung.?

Belgrad, 11. Dezember.

Unterrichtete Steife find im Besitz von zu­verlässigen Nachrichten über Ereignisse im inne­ren Albanien, deren Bekanntwerden in Emopa Empörung Hervorrusen muß. Tie Be­richte enthalten Darstellungen über daS Vor­gehen von Truppen und Freischärlern deS Ge­nerals Jankowiffch, welche entsetzliche Einzelheiten bringen, daß deren Wider­gabe teilweise nicht möglich ist. Es ist nicht übertrieben, wenn auf Grund dieser Berichte gesagt wird, daß in Albanien zurzeit eine künstliche Entvölsserchng staüfindet. Ein furchtbares Morden hat Tausende und Äbertaufente von Albanern bereits hin­weggerafft, viele Dörfer, deren Insassen ohne Unterschied gemordet wurden, find dem Erd­boden gleichgemacht worden. ES sind Fälle bekannt, in denen Menschen lebendig begraben wurden. Die Untaten an Frau- e« und Kindern spotten auch der blutigsten LbantaLe. An tenen Stellen, as denen hier

diese Berichte vorliegen, herrscht tiefste Empö- rung und auch in Serbien werden diese Vor­gänge verabscheut. Man hofft, daß e8 der serbischen Regierung gelingen werde, diesem Massenmorden in Albanien durch serbi­sche Tnrppen und Freischärler sofort Einhalt zu tun.

<rtn Ultimatum Oesterreichs?

Depeschen aus Wien berichten uns: JA hiesigen Börsenkreisen will man mit Bestimmt­heit wissen, daß Oesterreich schon in den nächst en Tagen in Belgrad in p o s i t i - verFormdie Anfrage stellen werde, ob Ser­bien seine Wünsche und Ansyttiche mit den In­teressen Oesterreich-Ungarns in Einklang zu bringen gedenke, ober ob es einen Krieg her­aufbeschwören wolle. Da jedoch nach neuesten Belgrader Meldungen derzeit dott die Partei, die den Frieden mit Oesterreich-Ungarn will, stärker ist als die Kriegspartei, so erwartet man, daß Serbien nachgeben wird.

Albanien bleibt neutral!

Ein Privattelegramm meldet unw aus Rom: Eine offiziöse Rote derTribuna" gibt bekannt, daß Oesterreich und Italien nach langen Verhandlungen darüber überein­gekommen seien, daß das beste Mittel, die Un­abhängigkeit und Autonomie Albaniens zu sichern, die Proklamierung einer Neutralität ^sei. Diese Neutralität solle, wie bei den anderen neutralen Staaten, un­ter die Garantte der Mächte gestellt werden. Man glaubt, daß Oesterreich und Italien den Vorschlag der Neutralisierung Al­baniens auf der Londoner Konferenz ma­chen werden. _____________

Sem Marmel in Berlin.

Der Exkönig von Portugal auf der Europa» Tournee; Graf d'Onre« als Gast des Kaisers.

Aus Berkin war gestern zu hören: Ex­könig Manuel von Portugal, der unter dem Namen eines Comte d'Ouren im Hotel Adlon logiert, hat den gestrigen Vormittag in Gesellschaft seines langjährigen Erziehers, Herrn Kerausch, im Hotel verbracht. Der Be­such des Exkönigs in Berlin bat nichts mit politischen Zielen oder Heiratsabsichten Dom Manuels zu tun. Der einstige König von Portugal weilte bis jetzt in der Krim, wo er vierzehn Tage aus dem Schloß der Groß­fürstin Marie verbracht hat, und kommt von Petersburg, wo er wiederholt Gast des Zaren gewesen tft lieber den Berliner Auf- enthalt des einstigen Königs wird uns aus der Reichshauptstadt geschrieben:

Der Exkönig beim Kaiser.

(Von unserm R. 8 .-Korrespondenten.) , Berlin, 11. Dezember.

Jeden Tag muß jetzt in einem der Berliner Bahnhöfe das Fürstenzimmer geheizt werden. Jeden Tag bringt ein Salonwagen hohen Besuch". Entweder gibt ein russischer Großfürst feine Visitenkarte ab, oder ein süd­licher Thronfolger kommt, um mit dem Kaiser zu jagen. Bald kommt einer, der König werden will, bald einer, der es ... schon ein­mal war. Momentan ist ein junger, schlanker Mann bei uns zu Gast, ein tadelloser Kavalier, der nur ein paar Jahre früher hätte zu kom­men brauchen, um am Anhalter Bahnhof von einer Ehreneskorte der Gardes du Corps emp­fangen zu werden. Aber so ein paar Jahre früher oder später, das macht für unsere Emp- fangSsitten viel aus. Kommt man zu spät, so' findet man im kaiserlichen PalaiS alle Aparte- ments besetzt und muß mit dem Hotel Adlon vorlieb nehmen. Ein Trost ist, daß dies aber auchfürstlich" bezahlt werden muß. Der schlanke, junge Kavalier, bet jetzt angekommen ist «nd dessen Rohrplattenkosfer die vielgeübten Hoteldiener von Adlon mH besonderer Delika­tesse behandeln (eine Königskrone glanzt auf jedem Stück) hat sich als Graf d'Ouren inS Fremdenbuch einschreiben lassen. Ein Paar Jahre früher hätte er schreiben dürfen: Ma­nuel, König von Portugal. Heute ist er in dem Riesenhotel nnr eine Nummer, wie jeder andere Gast, der dieselben Zimmetpreise bezahlt wie er. Wie der Bankier Goldstone aus Newhork und der Engländer Black, die mit ihm in derselben Etage wohnen und vielleicht noch etwas glücklicher sind als der

schlanke junge Kavalier.

der sich Graf nennt. Der Yankee Goldston« und der Engländer Black haben sicher auch mehr Milliarden als der Graf, aber sie beneiden ihn doch um die Auszeichnung, die ihm am Sonn­tag mittag widerfuhr. Els Uhr fünfunddreißig Minuten fuhr vor dem Hotelportal ein Auto vor, deffen Chauffeur ein den Berlinern wohl­bekanntes vierstimmiges Autostgnal ertönen ließ. Der Graf d'Ouren stieg in den kostbaren MercÄ^eswaaen: töff töif ging die Fahrt die