fc >. — s. Jahrgang.
Casseler Neueste Nachrichten
wechsel verlautet, in militärischen Kreisen habe schon lange der Wunsch bestanden, daß an die Spitze des Generalstabes eine Persönlichkeit treten soll, die sich des Ansehens und der Autorität erfreue, wie sie Konrad von Hötzendorsf genossen habe. Feldmarschalleutnant Schemua tritt angeblich in den Ruhestand, während General von Auffenberg an Stelle Konrad von Hötzendorffs zum Armeeinspekteur ernannt werden soll. Auffenbergs Nachfolger, Krobatin, ist als der wirkliche Organisator des Kriegsministeriums bekannt und erfreut sich überall hohen Ansehens. Zwischen Hötzendorsf and Schomua soll dasselbe Verhältnis bestanden haben, wie zwischen Krobatin und Auffenberg: In Wahrheit war Hötzendorsf noch immer Generalstabschef, wenn auch ein anderer formell sein Amt einnahm.
Kriegs-Depeschen vom Balkan.
Oesterreichs-Flotte ist bereit!
Paris, 10. Dezember. (Privat-Tele- stramm.) Aus Fiume wird dem „Francs" gemeldet, daß die ganze österreichische Flotte im Hafen von Pola konzentriert sei. Einer Belgrader Meldung aus Walona zufolge gedenkt die provisorische albanische Regierung eine Mission zu den Friedensverhandlungen nach London zu senden.
Nach der Cholera: Blatter«.
Sarejewo. 10. Dezember. (Privat-Te- kegramm.) Aus Durazzo trafen am Sonntag achtzig albanische Flüchtlinge hier ein, unter denen drei Fälle von schwarzen Blattern festgestellt wurden. Kranke wie Gesmrde wurden sofort isoliert untergebracht und alle Maßnahmen geaen eine Ausbreitung der Krankheit ergriffen.
Serbien mobilistert weiter!
Semlin, 10. Dezember. (Privat-Telegramm.) Die Mobilisierung der gesamten bisher noch nickt in Anspruch genommenen Land sturmm annschasten ist angeordnet worden. 'Die Einrückungsbefehle lauten aus Stellung innerhalb 24 Stunden. Die unter Waffen stehende, aus dem Feldzug heimkehrende Mannschaft erhält nur kurze Urlaube in die Heimat. Alle verfügbaren Werkstätten sind mit der Anfertigung von Winterkleidern für die Armee beschäftigt.
Der Kampf am Skutari.
Cetinje, io. Dezember. (Privat-Telegramm.) Der deutsche Gesandte von Eckardt hatte gestern eine Audienz beim König Nikolaus. Er erklärte diesem, seine Mission vor Skutari sei erledigt, nachdem der Kommandant der Festung sich geweigert habe, den montenegrinischen Parlamentär mit einem Briefe der deutschen Gesandtschaft über die Verkündigung des Waffenstillstandes zu empfangen. Die Türken greisen fortwährend die montenegrinischen Positionen bei Skutari an.
LeM dar Zentrum ein?
Petroleum-Monopol: Veteranen Fürsorge
Im Reichstage beschäftigte man sich geller« weiter mtt dem Petroleummonopol. Es meldeten sich verschiedene Redner zum Wort, die eine immerhin etwas sympathischere Auffassung der Vorlage bekundeten, wenngleich auch sie einige Bedenken hatten. I« einem Punkte herrschte jedoch völlige Uebereinstim- mung, nämlich in der Gegnerschaft gegen die Vereinigung des Gesetzes mit der Veteranen- fürsorge. Vorerst sprach der Konservative
Graf Westarp: Wir stehen dem Monopol sympathisch gegenüber. Es ist zunächst ver
dienstvoll von der Deutschen Bank, daß sie sich große Absatzgebiete gesichert hat. Eine Konkurrenz mit dem Petroleum durch den Spiritus ist unmöglich. Wir wollen auch keine Verteuerung des Petroleums. Die Frage ist doch die, ob Großbanken eine Förderung durch das Reich erfahren sollen. Wir werden in der Kommission ernst prüfen müssen, ob sich etwas gestalten läßt, besonders die Frage, ob unsere Versorgung mit Petroleum gänzlich von der Standart Oil Company abhängt. Die Verwendung der Ueberschüsse für die Veteranen ist an sich zu begrüßen. Aber es ist doch nicht angängig, gerade
das Petroleum-Monopol
damit zu verknüpfen. Festlegen kann sich eine Partei in keiner Weise, aber wir werden in der Kommission die Angelegenheit ernsthaft prüfen. (Beifall.)
Abg. Rupp-Marburg (W. Vgg.): Wir behalten uns unsere Stellungnahme bis zur zwei- ten Lesung der Vorlage vor. Uns ist der Gedanke eines Reichsmonopols sympathischer als der eines Privatmonopols. Der selbständige Kaufmann darf nicht ausgeschaltet werden. Die Verquickung mit der Veterauenfürsorge müssen wir ablehnen. Der Kleinhandel darf bei dem Monopol nicht unter die Räder kommen.
Abg. Dr. Frank-Mannheim (Soz.): Das Einzige, was die Vorlage spricht, ist die raffinierte Gegenagitation der Standart Oil Company. Der Reichstag ist sich einig darin, daß eine derartige private Macht nicht weiter bestehen darf, jedoch muß ein reines Reichsmonopol ohne Verteuerung des Petroleums zustande kommen. Die Entschädigungsfrage ist nicht geregelt. Es wäre bedauerlich, wenn der erste Versuch, ein Privatmonopol zu brechen, scheitern würde.
Abg. Erzberger (Zentr.): Wenn die Regierung den Kampf gegen die Privatmonopole will, dann muß sie einen anderen Weg einschlagen. Warum bringt sie nicht
ein Kartell-Gesetz
ein, das keinen Pfennig kostet? Man monopolisiert etwas, was man nicht hat. Warum schützt man den Konsumenten nicht gegen die Verteuerung des Kaffees durch brasilianische Gesellschaften? Hunderte Mittelstandsexistenzen würden geschädigt werden, wenn der Entwurf so Gesetz würde. Wenn die Angestellten entschädigt werden, warum da nicht die Händler, Kutscher, Arbeiter? Die Verbrämung der Vorlage mit der Veteranenfürsorge lehnen wir ab. Wir glaube«, daß aus der Kommissionsberatung etwas herauskommt. (Beifall.)
Reichsschatzsekretär Kühn: Wir haben das Gesetz nicht gemacht, um höhere Einnahmen zu erzielen, sondern zum Schutze des einheimischen Wirtschaftslebens. Erfreulich ist, daß der Leitgedanke von Ihnen allen anerkannt worden ist. Eine Bank hat bei der Ausarbeitung nicht mitgewirkt. Wir haben uns aber in Interessentenkreisen informiert. Ich hoffe, daß die Kom- misstonsarbeit dem Entwurf eine ansehnliche Form geben wird. (Beifall.)
Nach weiteren Ausführungen des Abg. Dr. Marquardt (Ntl.) und Dr. Frendel (Ztr.) wird die Vorlage einer achtundzwanziggliedrige« Kommission überwiesen. Es folgen Wahlprüfungen. Die Wahl des Abgeordnete« Bruhn (Rsp.) wird für gültig erklärt; über die Wahl des Abgeordneten Herzog (W. Vgg.) und Kopsch (F. V.) wird Beweiserhebung beantragt. Heute unterhält man sich über die Interpellationen wegen des Koalitionsrechts und des Wagenmangels; außerdem stehen kleine Anfxa- gen auf der Tagesordnung.
Kleinarbeit im Landtag.
Gegen Dankt Bürokratius! Das war die Parole, die der nattonalliberale Abgeordnete Schisser gestern im Abgeordnetenhaus mit seinem Antrag ausgab. Er wandte ich gegen den Wust von Polizeiverotdnungen die zum Teil längist veraltet sind. Etwas Tat
sächliches wußte« auch diejenigen 9tob«er, die ihm nicht ganz beipflichteten, nicht vorzubrin- gen. Das einzige sei, daß es eine Sisyphusarbeit sein würde, hier Abhilfe zu schaffen, und Brütt von den Konservativen meinte sogar, daß der Antrag Schiffers nur nach ... mehr Verordnungen bringen würde. Die Anträge wurden schließlich an eine Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen. Es folgte ein Antrag der Fortschrittspartei betreffend Einwirkung einer Armenunterstützung auf das Wahlrecht. Hier war sich das ganze Haus) aus der Linkem wie auf der Rechten, völlig einig und einstimmig gelangte der Antrag zur Aunahme. Zum Schluß wurde noch etn Entwäsffrungs- gesetz für das linksrheinische Industriegebiet angenommen.
Politischer Tagesbericht.
Sydow und die Saarbergleute. Auf das telegraphisch gestellte Audienzgesuch hat Handelsminister Sydow die Mitteilung nach Saarbrücken gelangen lassen daß er bereit sei, die drei Bergarbeitervertreter am Donnerstag den 12. Dezembe in Berlin zu empfangen, um die Wünsche der Bergleute entgegenzunehmen.
Unruhen in Lissabon. Eine große Anzahl Demonstranten umringten gestern das Gebäude der Gesellschaft für Ackerbau in Lissabon, deren Mitglieder sick versammelt hatten, um beim Parlament eine Protestkundgebung gegen die Grundbesttzsteuer einzureichen. Bis zum späten Abend gelang es der Bürgergarde nicht, die Demonstranten zu zerstreuen.
Castro auf dem KriegSpfad? Depeschen aus Paris berichten uns: Der Expräsident von Venezuela, Castro, her früher die Welt so häufig von sich rede« machte, ist gestern hier eingeftoffen. Er hat im Sinne, Streitkräfte zu sammeln und mit ihnen sein« ehemalige Stellung mit Gewalt wieder zu erreichen.
Japans neuer Ministerpräsident. Der geheim« Rat der japanischen Regierung hat nach langer Beratung den Grafen Terautschi als Ministerpräsidenten vorgeschlagen. Teraut- schi hat Weisung erhalten sich nach Tokio zu begehen. Solange das Rücktrittsgsftlch Sai- onjis nicht genehmigt ist, ist er beauftragt worden die Geschäfte des Kabinetts weiter zu führen.
Sems hom Tage.
Marine-Anglück in der Kieler FShrde!
(P r i v a t - T e l e g r a in m.)
Kiel, 10. Dezember-
Im hiesigen Kriegshafen stießen gestern abend beim Anlegen an der Kitzberger Brücke die Torpedoboote „S. 64" und „D. 7" zusammen. Das leirtere Fahrzeug wurde beim Anlegen an das Divisionsboot in der Höhe des Heizmastes gerammt und im Hetzraum leck. Durch das eindriNtzende Wasser entstand eine Explosion im Keffelraum. Fünf Mann der Besatzung wurden verbrüht. Es sind dies der Torpedooberheizer Soffer und die Torpedoheizer Braudt, Bogel, Heassin- ger und Gebhardt. Das Torpedoboot „D. 7" wurde schwimmend erhalten und in der Kaiserlichen Werft gedockt.
Wiener Bürgermeister-Sensationen.
(Privat-Telegram m.)
Wien, 10. Dezember-
Der Bürgermeister von Wien, Dr. Neu- m a y r, wurde vor einiger Zeit in offener Ge- meinderatSsttzung von dem sozialdemokratischen Gemeinderatsmitglied Sch uh Meter als dn „Schandfleck von Wien" bezeichnet. Der Bürgermeister hat daraufhin auf Drängen der
Mittwo»,, li. Dezember 1912.
christlich-sozialen Majorität der Stadtverwal tung die Beleidigungsklage gegen Schuhmeier erhoben, doch wünscht ein große» Teil der Majorität, daß er diesen Prozeß ni ch | mehr als Bürgermeister führe, da ihm darin verschiedene Abenteuer zur Last ge. legt werden, die mit der Stellung eines Bür- germeisters von Wien nicht zu vereinbaren sei« sollen. Unter diesen Umständen wird Dr. Neumayr nichts anders übrig bleiben, als unverzüglich von seinem Amte zurückzutreten. Er soll denn auch bereits seinen Rücktritts-Entschluß angezeigt haben.
rs Influenza-Epidemie in einem bayrischen Jägerbataillon. Wie aus Aschasfenburg berichtet wird ist bet dem bayrische« zwetten Jägerbataillon eine gefährliche Influenza- Epidemie ausgebrochen. Bis jetzt sind vierzig Man« erkrantt. Die einzelnen Krankheitsfälle sind nicht unbedenflich; die Aerzte hoffen jedoch, daß sie günstig verlaufen und daß die Epidemie sich nicht weiter ausbreftet.
«r Ein Opfer des grünen Rasens. Ein Opfer der Berliner Rennbahnen ist in der Person des Bürovorstehers einer Berliner Firma in Haft genommen worden. Der Verhaftete soll insbesondere Landleuie der Umgegend um viele Tausende geschädigt haben. Man spricht von nahezu hunderttausend Mark. Diese ganze Summe soll er seiner unsinnigen Wettleidenschaft zum Opfer gebracht haben. Die Untersuchung i« der Angelegenhett wird weiter fortgesetzt; zahlreiches Beweismaterial soll bereits erbracht sein.
«r Lebendig begraben. Auf der Zeche „Friedrich Heinrich" bet Essen an der Ruhr wurden fünf Bergleute verschüttet. Erst nach mehrstündiger Arbeit gelang es, die Unglücklichen aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien. Sie sind sämtlich schwer verletzt. Das Unglück oll auf einen zu ftüh losgegangenen Spreng- chuß zurückzusübren sein. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet.
i» In kochendem Bier verbrannt! Ein ent» '«tzliches Unglück hat sich gestern in Wermelskirchen bei Essen ereignet. Dort stürzte der Brauereibesitzer Blumenstock in einen Bottich mit kochendem Bier. Er wurde vollkommen verbrüht und starb einige Minuten später, nachdem man ihn aus dem Bottich gezogen hatte. Bei dem Rettungsversuch zog sich ein Steuerbeamter schwere Brandwunden zu.
xx Die eigene Mutter erschossen. Der neunzehn Jahre alte Gipser Benzinger in Keudelheim bei Mannheim drang in das Schlafzimmer seiner Mutter ein und feuerte auf die im Bett liegende Frau drei scharfe Revolverschüsse ab. die sie tödlich verletzten. DaS Motiv zur Tat sollen sittliche Verfehlungen der zweiundvierzig Jahre alten Frau sein, die von ihrem Manne getrennt lebt. Der Täter wurde verhaftet.
xx Drei Falschmünzer verhaftet. In Altona wurde gestern eine Falschmünzerinerk- statt aufgehoben. Große Vorräte falscher Dreimarkstücke und die Werkzeuge, die zur Erzeugung der Falsifikate dienten, wurden beschlagnahmt. Die Hauptbeteiligten, der Schlosser Röder, der Dreher Münster und die unverheiratete Christensen wurden verhaftet. Sie haben bereits dn Geständnis abgelegt. Nach ihren Komplizen wird noch gefahndet.
Sa» Neueste au» Kassel.
Die Kasseler Llmsendjahrseker.
Die Bürgerschaft an die Front! Das war der Ruf. der gestern abend in einer erweiterten Vorstandssttzüng des „Großen Casseler Bürger Vereins" erscholl und vielfachen Widerhall sand. Es galt, in großen Zügen die
demnächst (einem Telegramm unseres parlamentarischen Mitarbeiters zufolge) veröffentlicht werden. ES handelt sich jedoch nicht um einen fertigen Entwurf, sondern nur um Leitmotive, die am dritten Januar von den Sachverständigen begutachtet werden sollen. Es sind bei den Grundzügen nur diejenigen Punkte ausgestellt worden, die sich zur reichsgesetzlichen Regelung eignen, so die Konttaktverhältnisse, der Zeitpunkt der Proben, die Disziplinarstrafen, die Kostümfrage als Bestandteil des Kontraktes und die Beilegung von Streittg- kdten. Di« Lohnverhältnisse haben außer Betracht bleiben müssen.
iAj Otto Brahms Nachfolger. AuS Berlin meldet uns dn Privat-Tele« gramm: Aus dem Lessingtheater kommt die überraschende Nachricht, daß Rudols Rittner, der sich bekanntlich vor Jahren von der Bühn« vollständig zurückgezogen hatte und erst wieder zurückkehren wollte, wenn das Theater der Soccidäre errichtet sein würde, die Direktion des Lessingtheaters, das durch den Tod Otto Brahms verwaist war, übernommen hat. In Schauspielerkreisen erregt diese Nachricht natürlich lebhaftes Aufsehen.
Der neue Mann im Berliner Lessing theater. Die Uraufführung des neuen Dramas von Heinrich Mann ist demnächst im Berliner Lessingcheater zu erwarten. Das Werk führt den Titel „Sie grofie Siebe" unb erscheint im Verlage von Paul Cassirer am Tage der Uraufführung. Die Haupttolle wird Frau Tilla Durieux spielen, die bekamttlich die Gattin deS Verlegers des neuen Mannsschen DrarnaS ist. Vorher ist im Lessingtheater noch eine Neueinstudierung von Hauptmanns „Rose Berndt" mit Elfe Lehmann in der Titelrolle zu erwarten.
-r- Der Robelfriedenspreis fällt aus! Depeschen aus Christiania bringen folgende sensationelle Meldung: Das Nobelkomitee des Stotthing hat gestern den Aussehen enegenben Beschluß gefaßt, in biefem Jahre ben Nobel- Friedenspreis nicht zur Verteilung zu bringen. Keiner der in Bettacht kommenden Kandidaten wurde für würdig erachtet. Man wartet mit Spannung auf das Bekanntwerben der Grünbe, die für diesen Entscheid maßgebend wurden.
tome Rundschau.
Die Tragödie einer Künstlerin.
Sie alte Geschichte von der Grille, die den ganze« Sommer gesungen hat und im Herbst bei der Ameise Zuflucht sucht, wiederholt sich im Leben der Bühnenkünstler. Ein neues, erschütterndes Beispiel erfährt jetzt die Oesfent- lichkeit. In einer Pariser Dachkammer, die ge- ride genug Platz für ein Bett hat, und die bei der Kälte der ärgsten Wintertage keine Kohle erwärmt, liegt dn abgehärmtes Weib. In einer Ecke der Mansarde weint ein kleiner Knabe vor Kält«: Dieses abgemagerte. von Schmerz und Hunger zermürbte Weib ist Odette Va- löry, die einst auf den Varieteebühnen von Paris Triumphe feierte und dann in die Welt zog. Ihre orientalische, schwermütige Schönheit, ihr Körperbau begeisterte das Publikum auch in Wien und überall, wo sie in arabischem ober spanischem Kostüm tanzte. Ein wahrer Dichter hatte Obette einst vor nicht zu langer Zeit besungen: Jean Lorrain, ber heute nicht mehr lebt, und der mit seiner sinn- lichen Sprache die wunderbare Axi-Kronfl verherrlicht hat. Odette Valörv hat alle Genüsse der Pariser Berühmtheit ausgekostd. Sie hatte ei« kleines Schlößchen in einer der Avenuen um das Bois de Boulogne, Wagen und Pferde und einen Schmuck, der unter ben bekanntesten Juwelenschätzen Pariser Bühnenkünstlerinnen zählt. Vor einem Jahre erttankte sie u. verlor gleich alle ihre Freunbe. Seitdem hat sie den Weg ins Elend im Eilschritt durchmessen. Jetzt ist sie, verzweifelnd, im sechsten Stockwerke einer scheußlichen Proletarierqasse gelandet und würbe samt ihrem Kind« einsach verhungern, wen« nicht der Zufall die Ballettmeisterin der Komischen Oper, deren Schülerin di« Reine Obette einmal war, in ihre Kammer geführt hätte. Nun wurde rasch eine Sammlung für die Unglückliche im Opernballett veranstaltet, durch di« der ärgsten Not gesteuert werden konnte. . .!
Ei« Fürst im Bann des Wahns.
Unter einem furchtbaren Schicksal leidet der Fürst Fran, Karl von Bourbon, Prinz 30n Capua, der seit vierzig Jahren wahnünnig ist. Der jetzt Fünfundsiebzigjährige lebt in der Villa Morlia bei Capamiori. Viele Jahre lang hatte der unglückliche Fürst, der an Verkol-
gungswahnstnn litt, Tobsuchtsanfälle; feit sieben oder acht Jahren aber ist er ein stiller Mann: Er schreit nicht mehr und spricht nicht mehr. Jeden Morgen um acht Uhr klopft der Kammerdiener an die Tür seines Schlafzimmers und öffnet dann rasch ein kleines ijt der Wand befindliches Schiebefenster, um die erste der fünf sehr reichlichen Mahlzeiten des Irren ins Zimmer zu stellen. Der ungepflegte Weiße Bart, die langen, wirren Haare, die brtite Brust, die braune Farbe der Haut geben dem Prinzen ein phantastisches Aussehen. Wenn man sich ihm zu nähern sucht, weicht er scheu zurück und beginnt schließlich, wenn er nicht mehr todtet kann, mtt ben Fäusten zu drohen ober auch breinzuschlagen. Nach dem Essen geht er zu jeglicher Jahreszett, selbst wenn es stürmt und schneit, splitternackt aus dem Zimmer, eilt bie Treppen hinunter, schleicht sich länas bet Fassade der Villa bin, setzt sich aus der Ostseite auf bas Pflaster (immer an derselben Stelle) und beginnt sich anzufleiden. Auf vier Quadratmetern Raum (immer im Freien) verbringt der Aermste feine Tage, indem «r stundenlang auf den Boden starrt. Die anderen vier Mahlzeiten, die man ihm vorfetzt, teilt er mit zahllosen Vögeln. Nach jedem Essen wirst er das Geschirr in ein großes Becken, das in feiner Nähe steht. Wenn er beim Dunkelwerden den Kammerdiener, der ihn holen will, entdeckt, rennt er wie etn gehetztes Tier ins Hans, indem er immer „Beut, beut, beut" (Bett?) vor sich hin murmelt. . .
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Kein Anfall der „Mauretania""!
In London und Paris war gestern das Gerücht verbrettet. daß der Cunard-Darnpser „Mauretania", einer ber größten unb schnellsten ber genannten Linie, auf ber Fahrt von L t - verpool «ach N e w y o r k gescheitert sei. Diese Gerückte sind jeboch, wie eine Meldung ans London besagt, vollkommen unbegründet. Die „Mauretania" bat vielmehr am Sonntag vormittag 10.50 Uhr Queenstown verlasse« und befand sich 11.30 Uhr abends 260 Seemeilen westlich von Browbead. Auch bei deutschen Ver- trdungen ber Cunard-Linie eingelaufene Telegramme bestätigen, baß von irgend einem Unfall ber „Mauretania" nickt im entferntesten bie Rebe sein kann. Die „Mauretania" gehört übrigens zu ben mobernsten transatlantischen Passagierdampsern. Sie ist mit allen technischen Hilfsmitteln ber vorgeschrittenen Schiffsbau
kunst ausgerüstet. Aussehen erregte ihre Rekordfahrt von Newyork nach Liverpool Weihnachten 1910, die sie in weniger als fünf Tagen zurück- legte. Im Dezember 1908 ist die „Mauretania" allerdings von einem gefährlichen Unfall betrof- fen worden. Sie strandete an der Einfahrt in den Mersey bei Liverpool. Es dauerte geraume Zett, ehe das Riesenschiff wieder flott gemacht werden konnte. Das Schiff faßt 32 000 Tonnen. Es faßt in ber ersten Kajüte gegen 400, in ber zweiten 500, im Zwischendeck 1300 Personen. Die Mannschaft ist gegen 400 Kopf stark.
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Ein Schulmännerstreit vor Gericht.
Di« übergroße Sorg« wegen der ExamenS- nöte fdner Schüler hat (wie uns aus Bremen geschrieben wird), den Dirdtor eines pri- baten Lehrinstituts, Ulrich Burmann, vor die Bremer erste Sttaflammer gebracht, vor der er sich wegen Beamtenbeleidigung zu verantworten hatte. Die Beleidigungen sollte« gerich- td gewesen fein gegen den Vorsitzenden der Bremer Prüfungskommission für Einjahrig- Freiwillige. Dr. von Bippen und den Di- rettor ber Altstädtischen Realschule, Professor Dr. Hergt. Die inkriminierte« Aeutzerungen sinb enthalten in einer Eingabe, die ber Angeklagte an ben Erstgenannten richtete, unb in ber er Professor Hergt allerlei Vorwürfe machte, bie darauf hinzielteu. daß dieser den Schülern das Examen unnötig erschwere. Die Vor- würfe waren zumtefl recht Äeinlicher Natur. In der Folgezeft versuchte der Angeklagte, bie Sache wieder einzuränken. Er machte bei Professor Hergt Besuch; es kam aber zu keiner Einigung. Darauf sandte er an Professor Hergt einen Brief mit einer Einlage von sechs Hundertmarkscheinen, in dem er schrieb, daß er diesen Betrag als Sühne für fein bisheriges Verhalten zur freien Verfügung des Adressaten übersende. Auch Wege« dieses Briefes ist Straf- antrag gestellt worden. Der Hausarzt des Angeklagten bekundete, daß dieser an einer schweren Nervenkrankheit leide, die an Querulantenwahnsinn streife. Auf Grund dieses Gutachtens beschloß der Gerichtshof die Aussetzung der Verhandlung, um den Angeflagten durch den Gerichtsarzt beobachten zu lassen.
kklnrs Jfnnlteton.
Noch kein Reichstheatergesetz! Die
Grundrüge des Reichstheatergesetzes werden