Einzelbild herunterladen
 

Nr. 305. 2. Jahrgang.

Caffeler Neueste Nachrichten

Freitag, 39. November 1912.

tige Politik werden nach der Erklärung des Reichskanzlers, die Interpellationen An­fang nächster "Woche beantworten zu wollen, von der Tagesordnung abgesetzt. Es folgt die Interpellation der Sozialdemokraten über .

Teuerung und Fleischnot

Abgeordneter Scheidemann (Soz.): Die Teu­rung ist keine vorübergehende Erscheinung, wie cs der preußische Landwirtschaftsminister hin­stellte. Tas Fleisch ist zu einem Luxusarti­kel für die ärmere Bevölkerung geworden. Dem Arbeiter, Handwerker und kleinen Beam­ten ist cs nicht möglich, das Fleischquantum zu sich zu nehmen, das vonr Reichsgesundheitsamt zur Nahrung für notwendig erklärt wor­den ist. Die deutsche Landwirtschaft ist leider nicht in der Lage, und wird auch in Zukunft nicht in der Lage sein, den Fleischbedarf des deutschen Volkes zu decken. Es ist ein u n w ü r-' big er Zu stand, daß in solchen schweren Zeften der Reichstag nicht einberufen wird. (Zustimmung links.) Die Maßregeln, die der Gesetzentwurf übcr die Zollerleichterungen trifft, sind nicht weitgehend genug. Die Aufhe­bung des Zolls auf Futtermittel würde ein Segen für die beimische Viehzucht sein. Die Protestrufc des Bundes der Landwirte gegen Zollerleichterungcn ballen der Regierung mehr in den Ohren wie der Notschrei des Volkes. Dabei sind die Regierungsmaßnahmen nur Halbheiten. Der frühere .Staatssekretär Wermuth läuft jetzt als Oberbürgermeister von Berlin Sturm gegen eine Politik, bte er früher vertreten hat. «Hört! Hört! links.) Das Viehseuchengesetz ist nicht zum Schutz des Volkes gegen Seuchengefahr geschaf­fen worden, sondern zur Abwehr jeder Konkur­renz der Viehzüchter. Kein anderes Kulturvolk hätte die Not so ruhig ertragen wie das deut­sche. Aber üb er spannen Sie den Bogen nur nicht!

Der Reichskanzler spricht!

Reichskanzler von Bethmann-Holl. «eg: Die Mehrheit des jeüigen Reichstags ist für Aufrechterhaltung des Schutzzollsy­stems. Die Vorschläge des Vorredners laufen auf Abschaffung dieses Systems hinaus und sind untaugliche Mittel. Wir sind mit der Oeffnung der Grenzen soweit gegan­gen, wie wir es verantworten konnten. Das Fleischbeschaugesetz hat dem Volke einen großen Schutz gewährt. Es kann aber nicht das in­ländische Fleisch schärfer kontrolliert werden als das ausländische. (Sehr richtig!) Das wäre eine Ungerechtigkeit. Es ist nicht erwiesen, daß die deutsche Landwirtschaft das Volk nicht versorgen kann. Es steht fest, daß es der deutschen Landwirtschaft gelungen ist, dem gestiegenen Fleischbedarf zu genügen. (Zustimmung rechts.) Daß der deutsche Arbeiter seinen Fleischbedarf einschränkcn muß, be­dauere auch ich. Das geht aber dem Mittelstände ebenso. Es ist nicht wahr, daß der Arbeiter am Hungertuche nagt. (Stürmischer Widerspruch links.) Ich rede ebenso zum Volke, wie Sie (zu den Sozialdemokraten». Dir be­zeichnen sich als die alleinigen Vertreter des deutschen Volkes. Das sollten Sie blei­ben lassen. Die Einfuhr ausländifchen Fleifches würde gerade die kleinen Land­wirte schädigen und das wäre ein ver­hängnisvoller Fehler. (Zustimmung rechts.) Die Teuerung ist eine internationale Er­scheinung. Die Städte haben wir aufgefor­dert, in die Preisbildung einzugreifen. Das war keine Abwälzung. Die Preise sind auch in den Städten etwas gesunken. Den Kommunen geeignete Maßnahmen zu erleichtern, dient der vorliegende' Gesetzentwurf.

Die Teuerungs-Debatte.

Zur Interpellation liegt ein sozialde­mokratischer Antrag vor:Die Behand­lung der Teuerungsfrage durch den Reichskanz- ler entspricht nicht den Anschauungen des

Reichstages, insofern er nicht die Oeffnung der Grenzen, die Aufhebung der Zölle, die Abände­rung des Fleischbeschaugesetzes zugesagt und die Erleichterungen nur auf wenige große Städte beschränkt hat."

Abgeordneter Giesberts (Zentrum): Deutsch­land ist an dem Pnnfte angekommen, wo es sich entscheiden muß, ob seine eigne Landwirt­schaft imstande ist, dem Fleischbedarf im Jn- lande zu decken. Die Viehprobuktton int Jn- landc muß gefördert-werden. Die Maßnahmen der Regierung sind etwas spät gekommen. Die Einfuhr von Gefrierfleisch würde für unsere einheimische Viehproduktion eine schwere Ge­fahr werden.

Abgeordneter Weilnböck (Kons.): Wir erken­nen eine Fleischteuerung und in einigen Bezir­ken eine Viehknappheit an. Aber man mutz nicht übersehen, daß sich unser Viehbestand stärker vermehrt hat, wie unsere Bevölkerung. Un­sere Landwirtschaft wird den wachsenden Be­darf durchaus decken können. Daß allein von einer Viehknavpheft nicht die Rede ist, zeigt das Angebot landwirtschaftlicher Genossenschaften an Großstädte, wie Berlin und Stettin.

Abgeordneter Dr. Böttger (Rat.): Wir bil­ligen die Einbringung der Interpellation, weil toir eine solche Besprechung für nützlich halten. An der Wirtschaftspolitik des Schutzes der na­tionalen Arbeit wollen wir nichts ändern, hal­ten dabei aber an der Politik der mittleren Li­nie scsi.

Darauf vertagt sich das Haus. Präsident Dr. Kampf fragte im Einverständnis mit dem Hause den Vertreter der Regierung, ob und wann die Interpellation der Freisinnigen be­treffend die Koalitionsfreibeit der Staatsarbeiter beantwortet werden soll. Staatssekretär Dr. Delbrück erklärte sich für Mitte nächster Woche zur Beantwortung bereit. Am heutigen Donnerstag wird die Debatte über die Teuerung fortgesetzt werden.

Roch eine Frage an den Kanzler!

Ein Privat - Telegramm meldet uns: Die nat i onulli b e rale Fraktion des Reichstages hat einige kurze Anfragen an den Reichskanzler int Reichstage gestellt. In den Anfragen wird Auskunft verlangt über die Gründe der verspäteten Vermehrung der Ma­schine ngewedrkompagnien im deut­schen Heer und über die Maßregeln, die die Reichsregierung zum Schutze der Deut­schen in Saloniki ergreifest wird, welche Stadt bekanntlich des Schutzes eines deutschen Kriegsschiffes entbehren muß. Diese Anfragen werden am Freitag.auf die Tagesordnung des Reichstages gesetzt Werden.

Das Sparkaffengesetz im Herrenhaus.

Im Herrenhaus beschäftigte man sich gestern mit dem Sparkassengesetz, das auch hier nicht aus allen Setten Freund? Hat, sondern hier und da aus schwere Bedenken stößt. Die Minister von Dallwitz und Lentze verteidigten das Werk und erklärten sich mit ei­nigen in der Debatte gegebenen Anregungen einverstanden. Im übrigen wurde die Vor­lage mit großer Mehrheit ange­nommen: es folgten noch einige kleinere Beschlüsse und Petitionen. Auch heute sollen kleinere Vorlagen beraten werden.

Politischer Tagesbericht.

Eine Krankenkasien-Konferenz im Reichsamt des Innern. Auf Einladung des Reichsamtes des Innern Wird (wie man uns aus Berlin telegraphisch meldet) für Mitte Dezember eine Konferenz zwecks Verständigung zwischen den ärztlichen Organisationen und den Kassenver­bänden in Fragen der ärztlichen Behandlung der Mitglieder stattfinden.

Die Aussperrung in den sächsisch thüringi­schen Färbereien. Die Aussperrung in den sächsisch-thüringischen Färbereien, die ungefähr 10 000 Arbeiter umfaßt, ist (wie schon gemeldet) gefteim in Kraft getreten. 25 Firmen an 90 Or­ten wurden davon betroffen. In allen (Lesen Ortschaften- sanden Versammlungen statt, n

denen der Zenttalausschuß -des deutschen Tex­tilarbeiterverbandes bcka-nntgab, -datz er den Kampf aufnehme.

Ter Fall Held. Gelegentlich des Meder- zusammentritts des Reichstaas sand auch eine Sitzung der nationalliberalen Frak­tion statt, in der davon Kenntnis genommen wurde, daß der Abgeordnete Held gegen den Schriftsteller Kerr, sowie gegen den Redakteur derHilfe", Heile, Strafantrag wegen Beleidi­gung gestellt hat.

Auch Reuß reformiert! Dem Landtag des Fürstentums Reuß j. L. ist eine Vorlage be­treffend Abänderung des Landtagwählgesetzes zugegangen. Danach sollen statt der bisher:- gen sechzehn in Zukunft einundzwanzig Abge­ordnete gewählt werden, und zwar nach einem Dreikkass-en-Pluratwahlreckt statt der bisherigen direkten geheimen Wahl.

Eine Hochverratsafsäre in Trier. Depeschen aus Trier berichten uns: Unter dem Ver­dacht des Verrats militärischer Geheimnisse an ausländische Offiziere ist ein Reservist, der bei dem 44. Artillerie-Regiment gedient hat, ver­haftet worden. Das bisherige Ergebnis der Untersuchung wird geheim gehalten.

Deut Verdienst seine Krone!" Ter be­kannte Hauptmann Ko sie witsch, der in Rußland einmütig als unschuldig erklärt wird, soll zum Obersten ernannt werden. Der Beför­derungserlaß wird binnen kurzem veröffentlicht werden. Bekanntlich wurde Hauptmann Koste- witsch erst in der vorletzten Woche von der Ber­liner Strafkammer wegen Aufforderung zur Be­gehung des Verrats militärischer Geheimnisse zu einer Festungsstrafe von zwei Jahren ver­urteilt.

Schwere Streikausschreiiungen in Amerika. Depeschen aus N e w y o r k zufolge sind die Homesiead und Thompson-Werle des Stahl- tntsts in Pi11shurg wegen eines Sirefts geschloffen worden. Die Ausständigen errichte­ten Barrikaden aus Stahl-Waggons, die sie mit Waffen verteidigen. Man befürchtet ernstliche Unruhsn; es sollen -bereits Truppen herange­zogen sein.

See« vom Tage.

Ein Attentat auf den Polizei-Chef.

(Privat - Telegramm.)

London, 2$. November-

Sir Edward He n r v, der Präsident der Metropolitanpolizei war g-:stern abend gerade aus seinem Automobil vor seiner Wohnung abgestiegen, als ein gutgekleideter junger Mann stillschweigend drei Revolver- schüsse auf ihn a b ga b. Der erste Schuß traf den Präsidenten in die Leistengegend, der zwei­te traf den Unterleib, während -der dritte im Rock stecken blieb. Henry brach sofort zusammen. Ein Chauffeur stürzte sich so­gleich aus den Attentäter und schlug ihn mit einem wohlgezielten Faustschlag nieder. Henry wurde in fein Palais getragen, wohin schnell telephonisch Aerzte gerufen wurden. Das Be­finden des Präsidenten ist n i ch t u n b -c d e n k- lich. Zwei Detektivs, die sich ständig in der Begleitung des Prästdenten befinden, faßten den Verbrecher, der ins Gefängnis a-bge- sührt wurde. Es wurde festgestellt, daß er ein fünfundzwanzigjähriger Autoführer Na­mens Georg Bowes aus London ist. Das Motiv der Tat war Rachsucht. Sein Ge­such nm eine Lizenz als Antodroschkenfiihret war von der Polizei ahgelshnt und seiner Be­schwerde beim Oberkommiffar war nicht statt- gegeben worden.

rt Tie Schreckenstat eines Irrsinnigen. In einem Anfall von Geistesgestörtheit goß der Töpfer Karl Hi em er in Frankfurt a. Oder Petroleum auf die Beiten seiner beiden Knaben und zündete sie an. Der älteste, z-ehn Fahre alte Knabe erwachte und alarmierte durch gel­lende Hilferufe die Nachbarn. Es gelang ihnen,

den Brand noch rechtzeitig zu löschen und Hie. Bet und seine Kinder zu retten.

~ Gasvergiftung in einem Berliner Kinder, hott. Gestern nachmittag erkrankten zehn Kin­der des in der 41. Berliner Gemeinde «chul-e ein­gerichteten Kinderhorts. Dadurch, -daß sie Ian. gcre Zeit, ohne daß es bemerkt wurde, die ei­nem befetten Rohr entströmenden Gase einge« atme: hatten. Drei Kinder mußten Aufnahme im Krankenhause Moabit finden, während die übrigen in die Wohnungen ihrer Eltern ge­bracht werden konnten.

Lebendig begraben. Ein schweres Un­glück, bei dem zwei Personen getötet wurden, hat sich in der Kolonie Mahlsdors-Nor- bei Berlin zugetragen. In einer Kiesgrube, die zur Gewinnung von Kies zu Stratzenbautcn ausgehoben worden war, wurden durch herab, stürzende Sandmaflen der Schachtmeistett Gu­bens und ein Arbeiter verschüttet. Beide fan. den den Erstickungstod.

~ Die Erde bebt! Die Erdbebenwatte Fu­ge n h e i m meldet: Eine außerordentlich star­ke seismische Bodenunruhe herrscht seit der ver- ffoffenen Nacht; sie besteht zurzeit noch fort. Die Erscheinung sicht vermutlich mit schroffem Temperatur-Wechsel ober atmosphärischen Aen- derungen in -entfernten Teilen unseres Kontin­gents oder im asiatischen Rußland in Zusam­menhang.

Aus Eifersucht. . .! Auf dem Hanptbahn- bof in Heidelberg spielte fid> ein blutiges Eifersuchtsdrama ab. Der neunzehn F-achr-e al­te Schreibergchilse Hörne gab auf den vier­zig Fahre alten Wollwarenfabrikanten Fetz, l e r. zu dessen Frau er Beziehungen suchte, zwei Rovolverschüffe ab und verletzte ihn schwer. Hörne erschoß sich daraus selbst. Der Zustand des Fabrikanten ist ernst' aber nicht gerade hoffnungslos.

~ Gemeinsam in den Tod. Als der Post- sekretär Mack in Lörrach gestern nickt zum Dienst kam, schickte man in seine Wohnung. Tort bot sich den Beamten ein erschütterndes Bild. Mack und Frau lagen tod im Bett, zwi­schen ihnen faß weinend das zweijährige Töch. terchen. Was die beiden ©Meute in den Tod getrieben hatte, konnte noch nickt festgestellt werden.

~ Mann über Bord! Aus Lübeck mel­det uns folgendes Privat - Telegramm: Bei Hebungen wurde ein Obermaat des Tor­pedobootes'3. 27 durch ein Torpedorohr über Bord geschleudert. Trotzdem sofort meh­rere Kameraden des Verunglückten nachspran-- gert, gelang es nicht, ihn noch zu retten. Auch seine Leiche konnte ttotz eifrigster Nachforschun­gen bis jetzt nicht geborgen werden.

Mysteriöser Angriff aus einen Pulver­turm. Vor dem staatlichen Pitlvertuvm in Kal §dors bei Prag stand gestern abend ein Soldat Wache, als er plötzlich von drei Männern, die im Nebel aus dem Walde her- ti ort raten, durch mehrere Gewehrschüsse ange- arissen wurde. Es gelang dem Posten, die Alarmglocke zu ziehen, woraus die Wachmann­schaft herbeieilte. Die Angreifer flüchteten und entkamen im Dunkel.

England, das neue Goldland. Aus Lon­don kommt eine aufsehenerregende Nachricht: danach sanden mehrere im Fürstentum Wales beschäftigte Moosisucher btt Barmouth ei- nett goldhaltigen Quarzstein. Man schließt aus dem Fund aus ausgedehnte Goldlager in der hurtigen Gegend. Von der englischen Regie­rung sind bereits verschiedene Bergbau-Beamte mit den erforderlichen Untersuchungen Betraut worden.

M Neueste am Wei.

Die Kasseler Zeeffsch-Protzaganda.

Die neueste Aktion der Stadt Cassel, bet Fleischteuerung entgegenzutreten besteht in einer Propaganda für den Seefisch. Wir ha­ben schon gestern berichtet, daß morgen abend in einer von der Stadt einberufenen öffent­lichen Versammlung im Saale des Arbetter- Fortbildungsvereins ein Vertreter des Deut­

spensttschen Blätter des nordischen Malers Eduard Munch gemahnt es. Leider vermag ich nickt zu sagen, ob mir nicht manche Nuan­cierung dieser komplizierten, zerklüfteten, zer­rissenen Menschen entgangen ist.

Man kann die fünfzig Dramen des Dichters nicht alle kennen, >ich hatte das Stück zufällig nicht vorher gelesen, in der Aufführung wurde dann zwar Strindbergisch richtig, aber für das Hostheater doch viel zu leise gesprochen. Das eben ist die Schwierigkeit, daß der Dichter nur an edn ganz intimes Theater mit ein paar ge­bildeten Zuhörern gedacht hat. Mit dem ty­pischenFrauenhaß Striiidbergs ist hier sehr wenig ausgerichtet. Diesen Frauenhaß gibt es überhaupt gar nicht, wenn man weiß, daß seine Angrisfe gegen die Frauen nur relative, nicht absolute Bedeutung haben. Was wir hier sehen, ist ein alternder mürber Mann, dem ein problematisches Weib das Leben zerwühlt, vergütet hat. Doch das Kind bleibt in seinem Dasein zurück. Darüber ist er nicht zur Ruhe gekommen. Was sich hinter diesem Negativ eines Familienlebens aufreckt, ist das Positt- vum, das der Dichter, der selbst an der Familie so schwer gelitten, im Leben nie gefunden hat: Sein Frauenideal, das bem M c nsche n im Weibe ninner wieder nachjagt; das die spezi­fisch weiblichen Seelenanlagen zur Entfaltung bringen will; als Herzensbildneiin, als Mitt- lerin soll das Weib zwischen dem Sinbe und dem Manne stehen, der der Welt die m ä n n - lachen Prinzipien zu geben hat. Aber von einem Vorrang eines der beiden Geschlechter kann nicht mehr die Rebe fein: Denn in sei­ner Sphäre ist bann das Weib völlig gleich­berechtigt ...

In der dramatischen Technik ist das Werk von -der bekannten Ttrindbergschen Art: Die Voraäuae wirren sich bunt und wechselvoll, willkürlich oft, durcheinander; der Dialog ist irrlickterierend, naturalistisch, aber von e nem eigentümlichen Unterstrom bewegt, der hinter deu banalsten Sätzen die reichste Lebensfülle ahnen läßt. Flackernd unruhig unberechenbar, unendlich verwickelt sind natürlich erst recht diese Menscken. Die Hauptrolle, den pensionier­ten Beamten, gab Herr Alberti fein und

nuancenreich in der Auffassung; nur schien mir das Spiel in den Tempi manchmal etwas verschl-rvpt zu fein. Als Gerda sand sich Fräu­lein ®örling darstellerisch durchaus in ihrem Element. Sehr erwähnenswert sind ferner Herr Heilbach (Konsul), Herr Serent) (Konditor Strack) und Fräulein Storm (Luise). Die Regie beider Werke hatte Herr Hertz er. Leider war die Aufführung trotz Striniberg recht schlecht besucht. Unserezahl, reichen Caffeler Literaturfreunde, von denen vor einiger Zett einmal so viel geredet wurde, waren wieder einmal ausgeblieben. Nicht weil ihnen die europäische Krise an den Nerven zerrt. Auch wenn es politisch mäuschenstill in Europa wäre, würden sie genau so wenig er­schienen fein. Denn sie existieren einfach nicht, er.

Paul Heyse erkrankt! Der Dichter Paul H e y f e, dessen TrauerspielEhrenschulden gestern im Caffeler Hostheater zur Erstauffüh­rung gelangte, ist ernstlich erkrankt. Dazu mel. bet uns ein Telegramm aus München: DaS Befinben Paul Hehfes läßt seit einiger Zeit zu wünschen übrig. Der greife Dichter leibet unter den Beschwerden des Alters (Heyse ist bereits zweiundachtzig Jahre alt), die sich besonders in asthmatischen Anfällen äußern.

" Siegfried WagnersBärenhäuter" in Altenburg. Im Hostheater in Altenburg im Herzogtum Sacksen-Altenburg wird am fünfzehnten Dezember Siegfried Wagners OperBärenhäuter zum ersten Mal aufgeführt werden. Die Proben zu der Uraufführung sind schon seit längerer Zett eifrig im Gange und man ist in Altenbura nicht wenig gespannt auf die Premiere, die Siegfried Wagner felbft di­rigieren wird.

Peter Luth von Altenhagen". Iw Wiesbadener Hoftbeater fand ein Trauer, spiel von Ottomar EnkingPeter Luth vo» Altenbagen (wie man uns aus Wiesbade schreibt) einen starken äußeren Erfolg. Neben fesselnden dramattscken Szenen bringt das Wett auch grobe Theatralik. Tie Inszenierung war stimmungsvoll, die Darstellung ließ nichts zu wünsckeu übrig; der Verfasser würbe wieder­holt vor die Ramv« gerufen.

Lum Kremirren.

Paul Heyse und August Strindberg.

,, freilich verschieden, allzu verschieden stehen mH diese Heiden Männer, Paul Heyse und August Strindberg, an Welterfassung gegen­über. Und sie sind sich doch merkwürdig nayege- rückt darin, daß man in ihnen beiden mikro­kosmische Abbilber intensiver Strömungen, kul­tureller Kräfte, eigentümlicher Zeittendenzen erblicken darf. Der eine, der in seiner um die Schönheit ringenden Kunst ein Legat aus der Erbschaft des Großen von Weimar angetreten hatte, lebt noch unter uns; dock der heutigen Welt ist er fast zur mythologischen Figur ge­worden. Der andere, diese faustische Proteus- natur, ist erst soeben vom Kampsesplatze nach schwersten Erschütterungen, mit keuchendem Atem geschieden. Hier, der Sproß der deutschen Geistesariftokratie, der Verwöhnte, der Liebling der Götter, das begnadete Joviskind, umstrahlt vom antiken Ideal der «sophroshne im Sinne seines Altmeisters Goethe. Dort der Nordlän­der, der Sohn der Magd, der mitten aus dem Strudel einer wie wahnsinnig aufgepeitschten Welt heraus das gärende Haupt trotzig gen Himmel richtet, der leidenschaftlich von Extrem zu Extrem hetzt, der heute mit titanischer Ge­bärde die revolutionäre Brandfackel lohend emporreckt, um morgen in mönchischer Fröm­migkeit todesiraurig Gebete stammelnd vor neuen Altären niederzusinkeu.

Zwei ganz seltene Gegensätze, dieie Män­ner. die beide ihrer Zeit viel zu sagen hatten. Und es hat Reiz, sie so nebeneinander zu sehen. Paul Heyse und das Drama haben sich aller­dings nie so recht ncchegestanben. Sckon dem Romanschriftsteller stand immer der Novellist, der Meister der Novelle vielmehr, im Lickt. Aber der EinakterEhrenschulden rech­net zu den wenigen Bühnenwerken, in denen uns der Dramatiker Heyse zu packen weiß. Tenn er ist hier soviel seiner, als in seinen prunk­vollen. innerlich kühlen Tragödien, als in sei­nen kräftigen, etwas lautet Volksstücken. Denn er berührt fick hier sehr »na mit seiner Mei- srettunfi: M't der Novelle.Eine starke Silhouette, das fordert Hcvfe theoretisch von her Novelle, und das Bat er vraktiick erfüllt.

Eine eigenartig fesselnde, plastische Situation, keine Entwicklungen, das bezeichnet ihn als Novellisten, das ist auch richtunggebend für bte» fen Einakter. Unb die Situation, auf bie alles aufgestellt ist, erscheint klar unb cinbeutig her­ausgearbeitet. Der Baron, leichtsinnig, ver­schuldet, nicht mehr ganz intatt durch desolate Verhältnisse, aber im Kernen noch der Edel­mann, Sein Kriegskamerad, der Arzt, her ihn nach vielen Jahren wieder auffucht (das Stück (hielt wohl zu Beginn der achtziger Fahre), ein mehr bürgerlicher Kompromißler mit gu­tem Herzen. Der Bankier endlich, der alternde Mann m:t der festen Gesinnung und der jugend­lichen Gattin, Tiair weiß, daß es etwas zu bedeuten hat, wenn der Baron seinem Freunde zu Beginn auseinandersetzt, woher der exoti­sche Dolch stammt mtt dem tödlich wirkenden Gift an der Spitze.

Eigentlich dramatisch spitzt sich die Situation aber erst zu, als der Bankier ins Zimmer tritt. Ein kompromittierender Bries über die Be­ziehungen seiner Frau zum Baron haben ihn so eilig herbeigerusen. Der läßt sick das Ehren­wort abringcn, daß diese Beziehungen nicht sträflich seien; der Bankier aber ist seltsam plötz­lich (für einen aufrichtigen Mann nach die­sem Ehrenwort) überzeugt, daß man ihn nicht zürn Hahnrei gemacht habe. Das falkcke Ehren­wort konnte der suggestibele Schwächling geben, aber die Schande drückt ihn auch sofort mit eisernen Ketten zu Boden. Sein vermitteln­der Freund wird ihn nicht zurückhalten. Der vergiftete Dolch hilft ihm eilends hinweg. Das alles ist dramatisch konzentriert unb packend ge­sehen, aber in der Psychologie wird uns man­ches doch 'n einfach und zu wenig geklärt er­scheinen. Dinge, von denen fa auck die Heyse- scke Rovellenkunst nicht gonsfrei ist. Herr Böckler als Baron war in der Wirkung mitunter oliick- lich, doch er hätte.noch feiner individualisieren können. Herr Z s ch o k k e (Dr. Matthias, und Herr B o h n ö e (Bankiers gaben ihren Gestal­ten klare Umrißlinien... zweiten Teil des Abends kam dann zum ersten Male Strindberg mit seinem .Wetterleuchten. Ein echt Striudberafckes Drama in der Schwere, der Dumpfheit, dem Drückenden, bem eigentümlich , Beklemmenden seiner Stimmung. An die ge-