Nr. 301.
Zweiter Jahrgang.
Caffeler Neueste Nachrichten
2. Beilage.
Donnerstag, 28. November 1912.
Schwester Carmen.
Roman vo« ElSbeth Borchart.
17) (Nachdruck verboten )
»Aks» der Wille wäre doch vorhanden/ be- ttttrftt der Professor launig.
Carmen zuckte die Achseln.
»Mein Beruf läßt mir gar nicht Zeit, dar- llder nachMdeuken."
»Hm ... und ich meine doch, daß neben aller Bemfsfrcudigkcsi ein gut Teil weibliche Eitelkeit Selbstbcwuß-rseiu und der Wunsch nach einem außerhalb Les Berufs begründeten Wohlbefinden in Ihnen steckt/
Sein Blick setzre sie in Verwirrung und trieb ihr das Blut jäh in die Wangen.
„Ich nehme mir nur mein Teil Lebensfreude, und lasse mir meine frohe Stimmung durch keine äußeren Anläfle verderben/ wandte sie ein.
„Recht so,' lobte er, „ein froher Lebensmut kann Hoffnungen und SchasfenAust beschwingen, auch wohl ein ernstes Mißgeschick leichter ertragen lassen, nur ... darf mau das Leben nicht zu leicht nehmen."
„Nehme ich es zu leicht?" fuhr sie auf. „Per- nachläffige und verletzte ich me ne Pflichten etwa?"
Er sah ihr in die blitzenden Augen.
„Nein... nein," beschwichtigte er. „Sie sind pflichttreu und gewissenhaft in Ihrem 93tnu, Schwester Carmen."
„Pflichttreu und gewissenhaft."
Das Herz schlug ihr hoch auf und in ihre Augen trat ein leuchtender Glanz. Es war die erste Anerkennung aus seinem Munde.
»Oder/ fuhr sie dadurch ermutig fori, „soll ich nicht mehr lachen und fröhlich sein, sondern lieber dreiuschaun wie eine wandelnde Tränen: weide?"
»Um des Himmelswillen nicht!" rief er in lachender Abwehr.
„WaS also dann?" fragte sie keck, indem sie ihre Stellung hier im Augenblick ganz vergaß.
Er antwortete nicht sogleich, aber sein Blick ruhte auf ihr mit eigentümlich forschendem Ausdruck, der ihr das Blut einer heißen Welle gleich zum Herzen trieb. Es war ihr, als müßte sie etwas in sich abwehren, eine Gefahr, eine unsichtbare Gewalt ...
„Sie ... spielen mit dem Leben," sagte er endlich langsam und leise, und betonte die Worte dabei doch sehr scharf.
„Wie meinen Sie das, Herr Professor," rief sie bebend und von einer inneren Unruhe befallen. „Halten Sie mich für leichtfertig und obetslächlich?"
„ZuweAen," gab er zu.
Sie fenfte den Blick und schwieg beklom- men. Sie verstand ihn noch immer nicht recht.
Auch er schwieg sekundenlang.
„Dar sollte kein Vorwurf sein, Schwester Carmen," nahm er endlich wiederum das Wort. „Sie sind noch jung, und haben innerlich noch nicht viel erlebt. Das Leben scheint (Men nur Blumen und Früchte zu spenden, und Sie naschen davon. Erst ein herbes Leid reift den inneren Menschen. Doch ..." es war, als schüttelte er gewaltsam etwas in sich ab, „so erüste Gespräche wollte ich mit Ihnen nicht führen."
Seine Züge glätteten und erhellten sich wieder, und in seinen Augen blitzte etwas auf, was sie befangen und doch wieder freier machte.
„Wissen Sie ... was ich eigentlich Vorhalte?"
»Nun?" fragte sie, schon wieder in leichter Stimmung.
„Ach ... wollte Sie schelten."
„O," machte sie Halb erschrocken, halb belustigt.
„Jawohl," bekräftigte er und versuchte, sein Gesicht in die gewohnten ernsten Falten zu legen: „Gräfin Braunfels hat sich neulich bei mir über Sie beschwert."
Sie sah ihn ganz verdutzt an. War das Ernst oder Scherz ? Die Szene vor einigen
Tagen, wo er sie gegen die Gräfin in Schutz genommen hatte. wurde in ihr lebendig.
Er behielt seine ernste, fast strenge Miene bei.
„Sie haben es über dem Spiel mit den Patienten des Sanatoriums verabsäum«, die Grä. fin zur gewohnten Stunde nach oben zu führen," fuhr er fort.
Sein Ton und feine Miene täuschten sie. Das Rot des Unmuts und Verletztseins brannte wieder in ihren Wangen auf.'
„Ich ... verteidige mich nicht," sagte sie stolz, „und wenn der Herr Professor es nicht wünscht, daß ich mich an der geselligen Abend. Unterhaltung der Gäste beteilige, verzichte ich selbstverständlich! daraus."
„Wieder so in Harnisch, Schwester Carmen?" fragte er mit leichtem Lächeln in ihre sprühenden Augen sehend. „Wer sagt denn, daß ich es nicht wünsche? Im Gegenteil, ich wünsche es. Sind Sie nun zufrieden?"
„Herr Professor ... ich..."
Sie stockte, unfähig, ihrer plötzlichen Empfindung einen Ausdruck zu verleihen.
„Uebr.gens habe ich ... Ihnen zur Strafe ... für die Frau Gräfin ... eine andere ... Hilfe besorgt," sprach er weiter.
Nun sah sie wieder erschrocken zu ihm auf, aber in seinen Augen blitzte es so eigentümlich.
„Ich habe e ne Kammerjungser engagiert," fuhr er fort und lachte dabei.
Carmen stimmte mit einem ganz frohen, jauchzenden Gefühl ein.
„Denken Sie nicht, daß Sie darum eine Erleichterung in Ihren Obliegenheiten erfahren," dämpfte er.
„Ich tue gern, was zu meinem Beruf gehört," erwiderte sie frohgemut.
„Sie erhalten dafür eine andere Patientin, die Ihnen vielleicht ... wenn auch in anderer Hinsicht, noch mehr Mühe machen wird."
„So? Bekommen wir einen neuen Gast?" fragte sie interessiert.
„Ja ... mein Töchterchen."
„Ihr Töchterchen? Es kommt zu Besuch?"
„<Jn einigen Tagen ertourie ich meine Kleine. Ich lasse sie schon vor Beginn der Ferien kommen, weil diese zu kurz sind, um eine Kur vorzunchmen. Sie ist sehr zart und blutarm und soll sich durch Bäder stärken. Nun habe ich die Bitte an Sie, Schwester Carmen, diese Bäder zu überwachen, da die französische Bonne, die das Kind begleitet, sich kaum dafür eignen würde."
„Mit tausend Freuden, Herr Professor," rief Carmen zustimmend.
„Warten Sie nur erst ab, ob der kleine Quälgeist Ihnen auch Freude machen wird," sagte er, und dabei strahlte eine unverkemtbare väterliche Liebe aus seinen Augen.
Darauf erhob er sich und reichte ihr die Hand. .
„Ich danke Ihnen, Schwester Carmen."
Carmen befand sich in einer ganz traumseligen Stimmung und kam erst wieder zu sich, als sic mit den Gästen an der Abendtasel saß.
Der Tee beim Professor wurde dabei einer eingehenden Besprechung unterzogen, und sie beteiligte sich halb mechanisch daran.
Dem nächsten Tage ging sie mit einem unbestimmten Erwarten entgegen. Es ereignete sich aber nichts Besonderes. Der Professor blieb heute, wie so oft, unsichtbar und ließ sich durch Doktor Elsner vertreten.
Erst gegen Abend ging sie zur gewohnten Berichterstattung zu ihm. Das Herz klwste ihr bis zum Halse hinaus, als sic in sein Zimmer eintrat.
Eine Enttäuschung wartete ihrer.
Sie fand Hartungen wortkarger und kürzer angebunden denn je. Er fragte sie ganz kurz und gab ebenso kurze Anweisüngen für den folgenden Tag. Dabei sah er sie kaum flüchtig an und entließ sie schon nach wenigen Minuten.
Draußen blieb sie wie erstarrt einige Minuten stehen. Ein großes seelisches Unbehagen überfiel sie, dessen Ursprung sie vergeblich nachsann.
Was hatte sie denn eigentlich anderes erwartet, und mit welcher Berechtigung? Eine Aus- nahmestimmung, wie di« gestrig«, durfte sie nicht derart täuschen, daß sie meinte, es müßte nun immer so bleiben.
Ganz energisch schüttelte sie dieses Empfinden ab und mit einem herzhaften Auflachen befreite sie sich von einem Druck, der auf ihr gelastet hatte.
Kurze Zeit darauf war sie wieder die alte leichtherzige Carmen. (Fortsetzung folgt.)
Gericht und Recht.
Sin Meineid im Breuer-Prozeß?
Vor dem Schöffengericht Charlotten - bürg fand soeben die Verhandlung über eine Privatklage statt, die der bekannte Kriminalkommissar a. D. und gegenwärtige Inhaber eines Ppwatdetektivinstituts, von T r e s- ck o w , gegen den verantwortlichen Redakteur der „Großen Glocke", Felix Wolff, wegen Beleidigung angestrengt hatte. Nach der Behauptung der Privatklage hat der Beklagte Tresckow vorgeworfen, daß er wiederholt Meineide geleistet habe. Bei feiner Vernehmung spricht der Beklagte die Ueber- zeugung aus, daß Tresckow auch in dem Mordprozeß gegen den früheren Rennfahrer Breuer einen Meineid geleistet habe.
Der Verteidiger des Beklagten, Rechtsan walt Dr. Werthauer, verweist darauf, daß sich die Notwendigkeit ergeben werde, dcn zum Tode verurteilten Breuer als Zeugen zu vernehmen, von dessen Unsch u l d er sich als noch immer überzeugt erklärt. Es stehe heuW seift (fügte er mit erhobener Stimme hinzu), daß Mattonet, wegen dessen Ermordung Breuer 1908 verurteilt wurde, Selbstmord begangen habe. Der Vorsitzende gibt nun bekannt, , daß bei, der Staatsanwaltschaft in Trier seit etwa einem Jahre gegen Tresckow ein Ekm ittelun g sverfahren wegen Meineids schwebe, das wohl zufolge eines vom BeMagtcn unternommenen Schrittes ein- geleitet worden sei. Die Ak«en lägen dem Gc. richte vor, und aus ihnen ergebe sich, daß bisher in der Sache eigentlich nichts geschehen sei, weil ein Zeuge namens Pitzger, der in dem Breucrprozesse eine Rolle gespielt habe, vernommen werden müßte, a«bcr
nicht aufzufinden sei.
Der Vorsitzende bebt hervor, daß in diesem Fall die Verhandlung bis zur Erledigung des Ermittelungsverfahnens vertagt werden müßte und jetzt höchstens die geladenen Zeugen vernommen werden könnten, um überhaupt festzu- süllen, was der Beklagte gesagt habe. Der als Zeuge vernommene Rechtsanwalt Korn bekundet, er habe sich auf Bitten von Trescko-ws zu einer Fran Giesecke begeben, der der Beklagte Mitteilungen über den Kriminalkommissar machen wollte, habe aber von der Unterhaltung nichts Belangreiches gehört. Die darauf folgende Vernehmung der Zeuginnen Frau und Fräulein Giesecke und des Zeugen Zigaun über die Frage, ob Wckkff bestimmt behauptete, daß von Tresckow einen Meineid geleistet hätte, ergibt gewisse Widersprüche. Das Gericht beschloß nach längerer Verhandlung, die «Dache zu vertagen, bis in dem in Trier schwebenden Ermittelungsverfahren gegen Tresckow wegen Meineids eine Entscheidung gefallen sei. -a°
S3 Bor den Casseler Geschworenen: Eine exemplarische Strafe. Die Beweisaufnahme in dem gestrigen Prozeß gegen den Arbeiter Martin Trenk, über den wir bereits berichteten, brachte nichts wesentlich Neues zu Tage. Dem geschädigten Mädchen wurde ein günstiges Leumundszeugnis ausgestellt. Die Entlastungszeugen des Angeklagten versagten jedoch vollständig. Nach Sch Liß der Beweisaufnahme verlas der Vorsitzende die Schuldfragen, die auf Notzucht, Vornahme unzüchtiger Hand
lungen an Kindern unter vierzehn Jahren uttl Blutschande lauteten. Die Geschworenen bejahten nach kurzer Beratung sämtliche Schuld, fingen, worauf der Staatsanwalt sechs Jahre Zuchthaus und sechs Jahre Ehrverlust bean- trügte. Das Gericht erkannte auf sechs Jahre Zuchthaus und zehn Fahre Ehr- Verlust. In der Urteilsbegründung fiihrte der Vorsitzende aus, daß die Tat äußerst schwer geartet sei und daher eine schwere Sühne erfordere. Der Mann, dem der Schutz und di« Obhur eines Kindes anvertraut gewesen fei, habe das Vertrauen in der gröblichsten Weise verletzt und ein junges Mädchen sittlich vollständig zugrunde gerichtet. Das schwere Siit. lichkeitsverbrecken finde in der Strafe eine ausreichende Sühne.
s3 Das Todesurteil gegen einen Zwanzigjährigen. Das Schwurgericht am Landgericht II in Berlin verurteilte den zwanzigjäh. rigen .Handlungsgehilfen Roman Pietru- szewski, der in der Nacht zum 14. September dieses Jahres den Rentier Fuß in seiner Wohnung übersiel und ermordete, zum Tode. Der jugendliche Mörder brach nach der Verkündigung des Urteils, nachdem er bis dahin ziemlich teilnahmslos der Verhandlung gefolgt war, weinend zusammen. Auf dem Korridor fiel die alte Mutter ohnmächtig auf die Steinsliesen nieder. Nachdem sie sich erholt hatte, ging sie st'll weinend von dannen.
& Zwei Todesurteile vom Reichsgericht bestätigt! Ein Mörder seiner Mutter ist vom Schwurgericht Meseritz am zehnten Oktober in der Person des Malcrgehilscn Josef D e w a l d zum Tode verurteilt worden. Die Geschworenen hatten den Angeklagten für schuldig befunden, zu Vratz in der Nacht zum ersten Juli seine eigene Mutter vorsätzlich und mit Ucberlc- g « n g getötet zu haben. Die von dem Angeklagten gegen das Urteil eingelegte Revision rügte lediglich prozessuale Verstöße. Das zweite Todesurteil ist vom Schwurgericht Oels am neunten Oktober gegen den Fürsorgezögling Wilhelm S o b a n t k a ergangen, der eines Mordes an der Dienstmagd Luzia Skaradck in Goitke für überführt angesehen worden ist. Auch dieser Angeklagte hatte gegen das Urteil Revision eingelegt. Das Reichsgericht hielt indeCen die Revisionen beider Angeklagten für unbegründet und erkannte deshalb gestern in beiden Fällen auf Verwerfung des Rechtsmittels, womit es dic beiden Todesurteile bestätigte.
cS3 Französische Antimilitaristen vor Gericht. Aus Paris meldet uns ein Privattelcgramm: Vor dem Schwurgericht des Seinedepartements batten sich mehrere Mitglieder der Föderation du travail wegen Beschimpfung der Armee und Aufreizung zum Ungehorsam zu verantworten. Die Geschworenen bejahten die Frage der Beschimpfung, verneinten aber die Frage zur Aufteizung zum Ungehorsam. Das Urteil gegen dic neunzehn Angeklagten lautete auf ie drei Monate Gefängnis und hundert Francs Geldstrafe. Die Verurteilten verließen unter dem Rufe: „Nieder mit dem Krieg!" den Saal.
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■ Ziehung am 30. November. ■ XX. Badische Lotterie
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Gesamtwert der Pierdegewinne
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Hauptgewinn im Werte von 10000 Lose 61 Mi. Lsse’Ä I
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MoBbijouplata 2.
Blaue Arbeitr« Anzüge zu sehr billigen Preise« in bekannt guter Ware. Wilhelm Viereck, — Giestberaftraßc 17 —
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