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Krieg oder Friede in Europa?
Die Verschärfung der internationalen Lage; der russisch-österreichische Konflikt; die Entscheidung über das Schicksal Europas: Tage der Anruhe und Nervosität; Deutschlands Stellung zum Balkanproblem; die neuesten Kriegsdepeschen vom Balkan.
Bon Rußland droht Gefahr!
Gegen Oesterreich «nd Deutschland?
Ein Privat-Telegramm belichtet «ns ans Petersburg: Da die Negierung ihre diplomatische Stellung absichtlich geheim hält, find die Blätter ziemlich führerlos. Die Zeitungen erblicken in dem österreichischen Besuch in Berlin und in den angeblich gegenseitigen Rüstungen Deutschlands «nd Oesterreichs eine Demonstration. 3m jetzigen Augenblicke werde über das Schicksal Europas entschieden. Oesterreich stelle seinem Verbündeten die Frage ob er auch zu militärischer Hilfe bereit sei. Die BeantUror- \ tung lasse sich nicht aufschieben, /f uur daß Europa einige Tage der Spannung durchleben werde, denen die Gewißheit folgen müsse. Allgemein herrscht hier die Auffassung vor, daß der rusfisch.österreichische Krieg vor der Türe steht.
Richt um des Halbmonds Sein oder Schiwiit- den, sondern um Europas Schicksal rollen der Weltgeschichte Würfel: Das ist die Erkenntnis, die aus den Ereignissen der jüng- sten Tage sich uns allen mit zwingender Gewalt aufdrängt, und niemand kann heut noch daran zweifeln, daß nicht der Türkenjammer, sondern Rußlands kriegerische Geste den Frieden aus der Erde Europas dsdrocht' .Rußland": Das ist das Wort, das auf allen Lippen liegt. Rußland mobilisiert, Rußland läßt kaum mehr verkennen, daß es den Aufmarsch gegen O e st e r r e ich-Ungarn und ge g en D eutfchland begonnen hat, Rußland bedroht Europa mit dem entsetzlichsten Krieg, der je die Schlachtfelder mit Leichen von Zehn- und Hunderttausenden gedüngt hat. Wer wissen will, was Krieg ist, der lese die Berichte von den Siegen der Bulgaren. Diese Siege sind mit Opfern erkämpft, wie sie die Weltgeschichte bisher nicht gekannt hat. Fünfundneunzigtausend Streiter sind gefallen, die ganze Intelligenz des Landes ist auf den Schlachtfeldern verblutet und Bulgarien hat sich fast zu Tode gesiegt. Soll solch unermeßliches Elend über Europa hereinbrechen? Unheimlich sind die Zeichen der Zeit, unheimlich ist die Berufung panslawistischer Führer an den Zarenhof. Dieser Zarenhof, der, seit Nicolai der Zweite (bei einst als „Friedens-Zar* die Haager Friedenskonferenz ins Leben rief) als der Mutigste Selbstherrscher über Rußland herrscht, ein Rätsel ist, weil dort nicht gesunde Politik und ehr liche Staatskunst getrieben, sondern geheimnisvoll-dunkle und aller Beobachtung entzogne Jntriguenspiele der unerhörte- st en Art gewoben werden und eine mystisch- blutrünstige Phantasie Herzen und Hirne vergiftet. Ist es da ein Wunder, daß angssichts der Meldungen über die Mobilisierung von vierundzwanzig russischen Armeekorps die Berliner Konferenz des österreichisch-ungarischen Generalstabschefs Blasius Schemua mit dem deutschen Generalstabschef die allergrößte Beunruhigung hervorgerufen hat, daß Europa vom Fieber der Kric-gsangst geschüttelt wird und überall die Höchstspannung der Erregung durch Presse und Oeffentlicbkcit zittert?
Bluff oder Kriegsdrohung?
Was in diesen Tagen ostwärts der Weichsel sich Europas Auge an Wille und Rüstung zum Völkerkrieg dargsboten, drängt alles in den Schatten, was bisher in leichtfertigem Spiel mit Krieg und Frieden geschehen. Rußland hat vor aller Welt seine kriegerischen Neigungen offenbart, hat im Moment allgemeiner Verwirrung neue Zwietracht zwischen die Völker getragen und eine Haltung angenommen, die Oesterreich und Deutschland gegenüber wie Drohung aussieht. Wer aber schaut heute klar? Trotz aller gefahr-bergsn- den Symptome, die eine noch größere Spannung bedeuten, als selbst die zur Zeit der bosnischen Krise, darf die Hoffnung nicht aufge- geben werden, daß der Friede erhalten, daß der Weltkrieg abgewendet werden wird. Es gibt außer dem Umstand, daß Deutschland bei aller Bundestrcue gegenüber der Donau-Monarchie bemüht ist. die Richtlinie ei
ner friedlichen Abwicklung festzuhalten, noch andere, weniger betonte Momente, die darauf schließen lassen, daß Rußland (wieder einmal) Europa zu bluffen versucht, während es im Ernst gar nicht an eigen Krieg denkt, weil es heute durch und durch krank ist und nicht vergessen hat, daß der japanische Krieg und sein unglücklicher Ausgang Rußland in die Gefahren einer Revolution stürzten, deren Nachwehen heut noch in Rußland deutlich zu spüren sind. Die Rüstungen Rußlands haben die nihilistische Bewegung (eine Pariser Depesche, die aus den besten Quellen geschöpft ist, und die wir in den heutigen Meldungen über die europäische Lage veröffentlichen, beleuchtet grell die Situation) aufs neue zum Aufflammen gebracht. Rußland kann nicht, wie es will, wie es die panslawistische Bewegung will und Herr Iswolski (der wieder der Ratgeber des Zaren geworden zu sein scheint), sondern es muß so, wie es die revolutionäre Bewegung will, die energisch den Frieden verlangt. Und alles Säbel- raffcln täuscht über die Ohnmacht dez offiziellen Rußlands nicht hinweg. Es gibt ein drittes Rußland: Das revolutionäre, und dieses Rußland, dessen Kampf sich gegen die Regierung des Zaren und seiner Ratgeber richtet, will nicht den Krieg, sondern den Frieden, droht im Falle kriegerischer Abenteuer der Zareu-Politik mit der Revolution im Innern und fesselt so die Mächte, die am Newastrand lcickitfertig mit dem Verhäng- nies spielen. Wird Nicolai, der einst der „Friedens-Zar" hieß, es wagen, das Schicksal her- auszufovdern . . .? -an.
Die Lage unverändert ernst!
Oesterreich setzt die Rüstungen fort.
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Wien, 25. November-
Die internationale Lage ist unverändert ernst. Bei dem Empfang König Peters in Belgrad soll nach privaten Berichten der Oberbüraermeister der Stadt ausdrücklich von der Besetzung des Hafens D u r a z z o und der König von dem serbischen Küstenland gesprochen haben. Die bezüglichen Stellen der Ansprachen sind jedoch in dem am Sonntag ausgegebcnen amtlichen Berichte nicht vorhanden. In der Konsularfrage ist keine Aenderung cingctreten und von dem entsandten Konsul Edl ist bisher im Ministerium des Aeußeren noch keine Nachricht eingettoffen. Nach serbischen Meldungen war er am Sonnabend in Uesküb und ist gestern per Wagen nach Priz- rend weitergereift. ES fällt besonders auf, daß übtr ihnjedeNachrichtsehlt. Vom Konsul Prohaska ist seit dem vierundzwanzigsten Oktober keine amtliche Mitteilung mehr eingetroffen. Mit der Autonomie Albaniens scheint sich die serbische Regierung allmählich befreunden zu wollen. In den Erörterungen der der Regierung nahestehenden Belgrader Presse wird nur noch vom Hafen gesprochen. Es steht aber fest, daß Oesterreich- Ungarn auf den bekannten Schritt seines Gesandten von Ugron noch keine authentische Antwort erhalten hat und vermut, lich in den allernächsten Stunden diese Antwort ^lnsordern wird. Inzwischen schreiten die militärischen Vorbereitungen mit Energie fort. Tie
österreichisch-nngarische Armee wird auf einen erhöhten Frtedens- stand gebracht, der durch die schon jetzt bewirkte Verlegung der gesamten Kavallerie und Feldartillerie an die Nordgrcnze und die massenhafte Entsendung von Kriegsmaterial nach Norden »nd Süden im Falle einer allgemeinen Mobilmachung nur der Ausfüllung des Mannschaftsbestandes bedarf, um binnen vierundzwanzig Stunden die gesamte Armee marschbereit zu machen. Rußlands Bor. bereitungen find gleichfalls weiter vorgeschritten und werden noch in dieser Woche beendet fein. Sie betreffen (nach hier vorliegenden Meldungen) die Militärbezirke Warschau und Kiew. Die serbischen Truppen sind noch zum größten Teil in den neu eroberten Gebieten, aber zu einem großen Teil bereits im Transport begriffen. Wiener divlp.natische Steife wollen dahin informiert
sein, daß auch Japan zur Unterstützung Chinas im Mongoleikonflikt gegen Rußland seine Mobilisierung vorbereitet. Es heißt ferner, daß der spiritus rector des Balkanbundes, der russische Gesandte in Belgrad, Hartwig, abberufen werden soll. Infolge der Be- reifftellung der österreichischen F l o t t e bei der eventuellen Sperrung der Dardanellen hat der Kreuzer „Admiral Spaun", der vor Konstantinopel liegt, die von ihm gelandeten Mannschaften zurückgezogen und ist von Konstantinopel nach Pola abgcdampst.
Will Rußland den Krieg?
(Privat-Telegramm.)
Budapest, 25. November-
An hiesiger maßgebender Stelle wurde gestern den Vertretern der Presse mitgeteilt, daß die Situation andauernd kritisch sei. Vielleicht würde eher eine Entscheidung angestrebt werden müssen, als ursprünglich geplant worden fei. weil die gegenwärtige Ungewißheit unhaltbar fei. Buch die diesige offiziöse Presse gibt nunmehr die kritische Verschärfung der Lage zu. Der „Pcster Llovd" schreibt: Die Gefahr liegt in der Luft. Das Umheimliche ist die Ungewißheit über die ruffifche Politik, denn die Frage, ob Rußland den Krieg will, kann zurzeit nicht verneint werden. Auch die Be, deutung der Berliner Konferenzen des österreichischen Generalstabschefs ist nicht zu verkennen. Wie immer Rußland will: Oesterreich bleibt friedensbereit; es ist jedoch jeden Augenblick enffchloffen, allen wie immer geartete» Eventualitäten unerschrocken die Stirn zu bieten. Der „Pester Lloyd" hat selten eine so scharfe Tonart angeschlagen, wie in dieser Kundgabe. Andere ungarische Blätter, wie der „Budapester Hirlap" und der „Posti Hirlap" schreiben sogar, ein Winterfeldzug werde sich kaum vermeiden lassen, da Rußland Oesterreich-Ungarn direkt zum Kriege dränge. Oesterreich dürfe deshalb dem von Rußland gewollten Waffengang nicht ausweichen.
Die Revolution regt fich!
(Privat-Telegramm.)
Paris, 25. November-
Nach hier. eingetroffenen Finanzdepeschen von hervorragender Petersburger Seite macht sich in der letzten Zeit eine größere Rührigkeit der revolutionären Komitees bemerkbar, die bekanntlich während des russisch-japanischen Krieges und nach seinem un. glücklichen Ende ganz Rußland erschütterten, in Moskau und Kronstadt furchtbare Straßenkämpfe verurfachtcn und deren Ausläufer noch jetzt zu den Meutereien in der Schwarzen Meer-Flotte gefiihrt haben. Es ist zur Kenntnis der russischen Regierung gelangt, daß n.ihilistische Konventikel in Petersburg, Moskau und Warschau an der Arbeit sind, Unruhen zu stiften, und man will Anzeichen dafür haben, daß diese Bewegung aus Machenschaften Pariser und Londoner nihilistischer Kreise zurückgehen, die hoffe», durch innere Schwierigkeiten in Rußland einen Weltkrieg zu verhin. der». Es sollen wiederholt Haussuchungen und zahlreiche Verhaftungen erfolgt sein. Die russische Regierung steht der Ausbreitung der mit besonderer Heftigkeit wachsenden Bewegung ratlos gegenüber und steht sie äußerst kritisch an. Wie weiter berichtet wird, hat die Aufdeckung der neuen nihilistischen Umtriebe auf de» Zaren einen tiefen Eindruck gemacht und eine sehr niedergedrückte Stimmung in Hofkreisen erzeugt.
Menetekel für den Zaren.
(Privat-Telegramm.)
Petersburg, 25. November-
Wie erst jetzt bekannt wird, ist in Verbindung mit de» neuen Umtrieben der Nihilisten ein Attentat gegen den Zaren ausgedeckt worden, das zu der Zeit unternommen wurde, als der Zar von dem Aufenthalt in Spala nach Zarskoje Selo zurückkehrte. Einige Minuten, nachdem der kaiserliche Zug den Bahnhof von Kaskowa-Ruda durchfahren hatte, entdeckte man daß auf einem in der Nähe des Bahnhofs liegenden Stück des Eisenbahnkörpers Zerstö- runaSarbeiten vollbracht worden waten.
Auf einer kleinen Strecke waren die Schiene« und die Querbalken entfernt worden. Steine waren auf die Schienen gelegt worden, fodatz unfehlbar ein schreckliches Unglück hätte passieren müssen, wenn der Kaiserliche Hos^ug die Stelle passiert haben würde. Zum Glück scheinen die Attentäter nicht genau über den Zeitpunkt der Durchfahrt des Kaiserlichen Zuges informiert zu sein und hatten infolgedessen die Arbeit zu spät begonnen. Bisher ist t8 nicht gelungen, die Urheber des Anschlags zu ermitteln, trotzdem fortgesetzt Haussuchungen und Massenverhaftungen in den Kreisen der Revolutionäre stattfinden. In der letzten Woche sind allein in Petersburg weit über dreihundert Revolutionäre verhaftet worden. •
Franz Ferdinand beim Kaiser.
(Privat-Telegramm.)
Wien, 25. November.
Erzherzog Franz Ferdinand, der gestern früh von seiner Berliner Reise wieder in Wien eintraf, erstattete noch im Laufe des gestrigen Tages dem Kaiser in Schönbrunn einen ausführlichen Bericht über seine Begeg- nung mit K a i s e r W i l h e l m. Die Reichspost erfährt darüber von besonderer Seite: Der feierliche Empfang des Thronfolgers in Berlin trug das Gepräge der historischen Stunde. Der Erzherzog hatte in diesen Tagen Gelegenheit, mit dem Kaiser und den hervorragendsten Staatsmännern und Militärs vertraute Zwiesprache zu halten. Der Thronfolger hat sicherlich die Ueberzeugung mitgenommen, daß die treueste Freund- fchaft Deutschlands Oesterreich zur Seite steht und der Dreibund fester denn je zuvor ist. DaS bedeutet eine Macht, die zu überstimmen einfach unmöglich ist. Ferner wird bekannt: Der von seiner Berliner Reise zurückgekehrte Chef des österreichischen Generalstabs, Feldmarschalleutnant Schemua, begab sich alsbald nach seiner Ankunft am Sonn, abend zum Kaiser, um diesem Vortrag zu halten. Hierbei dürste «r auch über daß Ergebnis seiner Besprechungen mit dem Grafen M o l t k e in Berlin Bericht erstattet haben. Die Wiener Blätter stellen fest, daß die Nachrichten über die Rüstungen Rußlands in Wien mit großer Ruhe und Kaltblütigkeit aufgenommen werden.
. Am Vorabend der Entscheidung?
(Privat-Telegramm.)
Wien, 25. November-
Die Lage wird hier wesentlich e r n st e r alZ gestern beurteilt. An einer Ausdehnung der russischen Rüstungen kann nicht gezweifelt werden. Ein hoher Offizier äußerte sich auf die Frage, wie die Aussichten aus die Erhaltung des Friedens stünden: „Ich wollte, ich könnt e etwas zur Beruhigung vorbringen." Man gibt sich der Hoffnung hin, daß bis Ende des Monats eine Entscheidung getroffen ist, wagt aber kaum auf einen günstigen Ausgang zu rechnen. Aus Belgrad liegt heute hier folgende Meldung vor: Die Hoffnung aus eine friedliche Einlenkung Serbiens in dem Konflikt mit Oefterrcich Ungarn scheint sich nicht zu erfüllen. Die Politik des serbischen Offizierkorps gewinnt dem Anschein nach allmählich die Oberhand. In politischen Kreisen, die zu einer Einlenkung bereit scheinen, hat sich ein bemerkenswerter neuer Umschwung vollzogen. Man will von einemNachgebcnnichtsmchrwissen und rechnet darauf, daß im Ernstfälle Rußland für die serbischen Wünsche mit den Waffen tinireten werde. Es verlautet, die Antwort der serbischen Regierung werde eine Ablehnung der Forderungen der Monarchie sein. Diese Ansicht wurde in Kreisen laut, die Beziehungen zu dem ntrRr*en Gesandten von Hartw ig haben, um dessen Person sich jetzt alles dreht.
Serben-Sonntag in Wien.
(Privat-Telegramm.)
Wien, 25. November.
Gestern vormittag fand in der serbischen Kirche im dritten Bezirk ein Gottesdienst anläßlich der Siege der Balkanstaaten statt. Rach dem Gottesdienst zogen ungefähr hundertfünfzig südslavische Studenten in kleinen Trupps durch die Sckwattrtlbergstratze vor die Gebäude der