COlerNeuestk Nachrichten
Casseler Abendzeitung
Die (landet Neueste» Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und jroat abend«. Der SbonnnnenlSpret« betragt monatlich SO Pfz. bei »roter Zustellung in« siauch Bestellungen werde« iederzett von der Selchättsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und RedaMon: Schlachthofstraße 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur oon 7 bi« 8 Uhr abend«. Sprechstunden der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 b» « llbr abend«. Berliner Vertretung: SW, Friedrich«». 16, Telephon: «ml Moritzplatz 676.
Hessische Abendzeitung
JnserttonSpretse: Die sechkgespaltene Zeile kur einheimische Beschatte 15 Pfg., her au« wärttge Inserate 25 Pi., Reklamezetle für einheimische «eschafte 10 Pf, für auswärtige Geschäfte 80 Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtaustage werden mit 5 Start pro Tausend berechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung sind die Lasseier Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» JnsertionSorgan. ÄeschOftssielle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritzplatz 676
Rümmer 298
Fernsprecher 951 und 952.
Sonntag, 24. November 1912.
Fernsprecher 951 und 952.
2. Jahrgang.
An ten Grabern.
Gedanken zum Toten-SonnLag im Jahr des Anheils r Neunzehnhundertzwölf.
lieber die herbstlich öde Flur schreitet der Engel des TodeS; grau und düster wie das Verhängnis lagert des Novemdertags erdrückender Schwaden über der Erde und in Herz und Seele brennt, schmerzlicher als in des Jahres Hellern Tagen, die große Traurigkeit des Vergänglichkeit-Bewußtseins alles Sterblichen. Jahr um Jahr rückt des Spätherbsts fahler Schatten die Erinnerung an das Ende, an die Flucht des Lebens vorm Geheimnis des Todes uns vor's Auge, und an jedem Toteilsonntag trägt dumpfer Glockenklang aus lichter Höh' die Mahnung zum Tal des Lebens nieder, daß alles Sterbliche aus Staub geboren ward und am Ende der Erdenlaufbahn zum ©taube auch zurückkehren wird. Die Erkenntnis der Vergänglichkeit unsres Seins, der Schauer menschlichen Ohnmacht-Empfindens im Angesicht der ewig unwandelbaren Gesetze der Natur letten unsre Blicke, unsre Gedanken und unser heimlich Sehnen hin zu Denen, die bereits den Weg gefunden in jenes dunkle Land, aus dem es keine Heimkehr gibt. Einmal im Jahr, wenn deS Sommers Zauber welk am Boden liegt, wenn kalt und schaurig der No- vemberwind über öde Felder heult, und fern am Horizont dunkle Wetterwolken den kurzen Tag verdüstern, soll nach kirchlichem Gebot das Leben sich der Toten erinnern, den im geheimnisvollen Reich der Ewigkeit Weilenden einen Tag stillen Gedenkens gönnen und im Hinblick auf di« Gewißheit deS eignen Endes neue Kraft zu ernster Arbeit sammeln: DaS ist Zweck und Inhalt des Toten-Sonntags, dessen GlockenNänge den Tod alS unabwendbar Menschen-Schicksal grüßen.
Toten- Sonntag neuuzehnhundertzwNf.
ES dämmert ein Totensonntag voll düstrer Glut, voll Trauer und Jammer heraus zum Osten und der Glocken eherne Sprache dröhnt wie furchtbare Anklage wider Menschen-Lei- denschast und Menschen-Schuld durch die Lande, denn nicht nur den Liebest, die der Tod grausam aus unsrer Mitte ritz, gilt Unsre Trauer, sondern wir fühlen, wie stärker noch als der Schmerz um den Heimgang der uns Teuren in unsren Seelen die erschütternde Tragik des Menschen- und Völkerdramas am Balkan durch alle Fasern zuckt, und wir erbeben bei dem Gedanken an die Hekatomben von Opfer«, die dieser Krieg bereits verschlungen hat und noch fordern wird, bevor über der blutig-düstren Tragödie des Schicksals schrecken-verhüllender Vorhang fällt. Furchtbarer als AttilaS Gottesgeltzel-Heimsuchuug, mörderischer als Napoleons Giganten- kämpfe und w i l d er als die Entfefllung aller Leidenschaften im Vernichtungkrieg haßerfüllter Barbaren hat dieser als „Kreuzzug" wider Mohammeds Scharen gepredigte Kampf in des Balkan düstren Schluchten gewütet; Hatz und Rachgier, Grausamkeit und Blutdurst säumen den Weg, den Sieger und Besiegte geschritten, die verkohlten Trümmer einst blühender Städte und Dörfer ragen als stumme Zeugen furchtbaren Schicksals zum brandgeröteten, pulverdampf-dunklen Himmel, und auf den Schlachtfeldern ruhen, kaum von der Erde überdeckt, die zerfleischten und verstümmelten Leichen von Hunderttausenden, die dieser Kreuzzug um ein Meer von Blut als Opfer gefordert. Noch donnern bei Tschataldscha, Adrianopel, Skutari und Monastir die Kanonen in den grauen Novembertag hinein, und während auf der Erde der Christenheit die Menschenliebe sich den Toten weiht, schleudert in Europas finsterstem Winkel blindwütender Menschenhaß den Tod in tausendfachen Schrecken wider Leben und Glück.
Menschenliebe anb Menschenhatz.
Der Krieg der Schrecken und Greuel wütet fton schon fejt Monden mit ungeminderter Erbitterung, häuft Blutbad auf Blutbad und opfert Menschenleben in so riesiger Zahl, daß man schon jetzt, wo des Schicksals Entscheidung noch aussteht, von einem Wenschendrama sprechen kann, wie eS in diesen erschreckend-ge- walttgen Maßen die Weltgeschitbte fast nicht kennt. Die moderne Kriegkunst (die auch zum Balkan ihre Apostel und Lehrmeister entsandt) hatte uns in den frommen Wahn gewiegt, daß die Kriege der Zukunft mit den „Waffen der Meriscklickkett" (Maschinengewehr etwa und Spitzmantelgrschoß?) nicht mehr jene schauerlichen Grausamkeiten sehen würden, die ht den Tagen gerttigrer Waffen-^ ollkommenheit den Völkerkampf so erschreckend blutig, so mörderisch und bestialisch gestalteten; daß die Menschlichkeit auch auf blutgetränkter Walstatt über Leidenschaft und Tier-Instinkt siegen und der Tod in lichtter Gestalt übers Kriegsfeld schrei
ten werde. Die Kämpfe am Ballan, die Drei- tage-Schlacht bei Kirk-Kiliffe und die Schrecknisse des fünftägigen Ringens um Lüle-Burgas haben das Märchenbild dieser „Krieg-Vermenschlichung" jäh zerstört, alle Furchtbarke ten des von Haß und Leidenschaft zur höchsten Er-
bttterung gestachelten Völkerkampss vor Euro- pens schrecken-starrem Auge enthüllt und im rohen Blutdurst die letzten Reste menschlichen Empfindens erstickt. Sieger und Besiegte Präsentierten sich als des Lorbeer? und der Mitleid-Regung unwert: Türkenwut hat wehrlose Christen wie Schlachttiere zur Marterbank getrieben; entmenschte Serben-Soldateska Türkenleben zu Hunderten in langsamer Qual vernichtet, und über all diesen Greueln schwebt, als Verhängnis für Sieger und Besiegte, das furchtbare Gespenst der Cholera, das in seinen Kralle« vernichtet, was dem Schlachtfeld entronnen.
Da« Blutrneet des „Kreuzzugs".
Als die Christenheit am Balkan wider des Halbmonds Sichel zum Schwerte griff, sprach Ferdinand von Koburg, der als Bulgaren-Czar Gesalbte, das Weihewort vom „Krieg fürs Kreuz", der diesem Waffengang den Adel der Heldentat leihen sollte. Sprachs ttotz dem Gewiflenschwur, der, ein paar Fahre vorher, seine Absage an die Kirche Roms und den Eintritt ins Glaubensland des Griechen-Mhthos besiegelt hatte. Der gekrönte Bulgare aus Ko- burgs Kinderstube wird (vielleicht) als Sieger heimkehren vom Blittmeer dieses „Kreuzzugs", wird seinem Arm erreichbar sehen, was dem Fürsten und Czaren als Traum in schwülen Rächten vorm Auge gefunkelt, und als „Mehrer des Reichs" einst, umkränzt mit Ruhm und Hel- denzier, von dannen gehn, vom Bulgaren-Land betrauert als feiner Freiheit Schöpfer, von den Enkeln bestaunt als Held vaterlididischer Größe. Und doch wird aller Ruhm, der dieses Königs Weg zum Ende seines Seins vmblinkt, nicht den Schatten zu bannen vermögen, mit dem Ferdinand von Koburg durch seinen Kreuzzug-Ruf den Mittag seiner Regierungzett verdunkelt. Dieser Rns weckte kein Echo in Helden- Seelen: Er entfachte den Fanatismus in
seinen gefährlichsten und grausamsten Regungen, schärfte die Instinkte der Bestie im Empfinden halb-zivilisierter, der Barbarei kaum entwöhnter Völker und wandelte Tapferkeit zu wilder Grausauckeit, Kamps zu Marter und Mord und Menschlichkett zu racheglühender
Blutgier. In den Greueln dieses Kriegs sehen wir seine „Ideale" blutig-rot sich widerspiegeln, und menschliche Anteilnahme gebietet un§, am Sonntag der Toten in stummer Trauer auch D e r e r zu gedenken, die, vom Tod inmitten der Schlacht oder von den Schrecken der Pestilenz hinweggerafft, fern den Stätten menschlicher Liebe ihr Ende sanden ...! F. H.
Politische SMherbst-Wmrmmg.
„Berlin ist ruhiger als Wien!" (Telegramm unsers Korrespondenten.)
Berlin, 23. November.
In hiesigen diplomatischen Kreisen beurteilt man die allgemeine Sage wesentlich r u - Higer als ht Wien. Vor allem wird erklärt, daß die Gerüchte über eine Verstimmung zwischen Bukarest und Sofia durchaus unzu- tteffend seien. Die Verhandlungen zwischen Bulgarien und Rumänien seien über die ersten Besprechungen noch nicht hinauSgekommen. Die österreichisch . serbische Frage dagegen habe nach den neuesten, heute früh eilt- gelaufenen Meldungen ein günstigeres Aussehen gewonnen.
Etimmungsumschlag i« Sofia.
(Telegramm unserS Korrespondenten.)
Wien, 23. November.
Aus Sofia wird eilt starker Stirn, mungöumschlag gemeldet. Der Krieg habe Bulgarien große Opfer, den anderen Verbündete» aber den Hauptgewinn gebracht. Man steht in Bulgarien immer mehr ein, daß man von Rußland umgangen worden ist, das jetzt Bulgarien in den Rücken fällt und Serbiens Wünfche begünstigt. Richtiger als die Anlehnung an Rußland wäre ein österrei- chisch bulgarisch-rumänisches Balkanabkommen aeweseir
Alwin Römer
Das ist örr 6Srg ?um Tor hinaus. Zu jenem stillen, ernsten Garten, Sri« nach des Ledens Lärm unö Kraus Sich einstmals Sinh und Last erwarttn. Lrök schimmert im Kaormderlichk Lin SrrruMmirr ob welken Blättern, Snö von des Scheidens Lummer spricht Manch röhrend Wort in goldnen Lettern!
Sa schlummern Seelchen, kaum erblüht And jäh verwelkt in bittren Mlitten, Mir Mutterangst sich auch gemüht Im Kingrn mit den dunklen Mächten. And holde Jugend, zukunftsreich, Sas yerz durchpulst oon Sehnfuchtswogen, Liegt dort gedrttrt, halt und dleich. Am ihres Ledens Lenz betrogen I
hier fand ein Kämpfer letzte Last, Brr bie zu seinen Sterbetage« Mit dieser Lrde pot und Last, Sich mit fiti tzelü herumgezchiagen. pch, überall schließt Gram und Leid Fils pbgtiang den duntrn Neigen, And allen Glücks Vergänglichkeit kann dir der stille Garten zeigen!
Das Gold verrollt, der Kuhm zerstiebt, Bit Schönheit modert unter Steinen, And nur wer tief und treu geliebt, Ledt fort im Herzensgrund der Seinen. Drum sorge, eh' ölt Stunde schlägt. Die dich ins Jenseits wird entrücken. Daß nicht die Liede, dankbrwegt. Vergißt, den Hügel dir zu schmücke«!
Ai
Kriegs-Gesahr?
Die Kriegsvorbereitnngen Oesterreichs wer* den beschleunigt; Mobilisierung mehrerer Armeekorps; die Gefahr zwischen Oesterreich and Rußland; die Serben in Durazzo.
Trotz aller offiziösen Schwichtigungen ist nun doch ein getreten, was seit Tagen schon zu befürchten stand: Die Spannung zwischen O est e r r e i ch und R n ß l a u d hat eine derart bedenkliche Verschärfung erfahren, daß Oesterreich sowohl als Rußland umfaffende Kriegvorbereitungen treffen, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß Rußland die serbischen Forderungen bezüglich Albaniens und des Adria-Hafens unterstützt und daß anderseits Oesterreick entschloffen ist, diese Forderungen mit allen Mitteln und unter Umständen auch durch die Gewalt der Waffen, zu bekämpfen. Wir verzeichnen folgende Droht» Meldungen:
Wie«, 23. November.
Große Erregung herrscht in Wien infolge der Einbernftrng von Reservisten des Wiener Armeekorps. Gestern abend verbreitete sich die Nachricht, daß dieses Armeekorps mobilisiert werde. Die Zeitungen wurden mit Anfragen bestürmt, ob es zutreffe, daß der Krieg bereits erklärt fei. Offiziös wird er- klärt, eS handle sich nur um Borbe- reitungeu für eine Mobilisierung«
Budapest, 23. November.
Im Klub der Regierungspartei ward« gestern abend mitgeteilt, daß die An- abhängigkeitserklSrung Albaniens heute iu Durazzo in Anwesen« heil österreichisch-ungarischer und tta» ironischer Schiffe, sowie der Konsulatsvertreter der Dreibundrnächte erfolgen werde. Welter verlautet hier, daß gestern Durazzo von den Serbe« erobert tz^den ist.
Warschau, 23. November.
Trotz der offiziöse« Ableugnungen, die die hier herrschende Beunruhigung nur steigern, wird von allen Setten be. stätigt, daß die rusfischen Truppenansammlungen an der österreichische« Gre«ze fortdaueru. SS solle« zwei Armeekorps vollständig kriegsbereit in den Grenzgarnisone« stehe«. Die Mobilifiernng wird fortgesetzt.
Ein weiteres Privat-Telegramm berichtet uns aus W i e n : In hiesigen unterrichte, ten Kreisen werden die Gerüchte bestätigt, die von einer Verschlimmerung der Be- Ziehungen zwischen Rußland und Oesterreich sprechen. Gestern hat die Wiener Regierung an Rußland eine Anfrage wegen der dort stattfindeiiden Truppenverschiebungen gerichtet, worauf das Petersburger Kabinett antwortete, die Truppenbewegungen erfolgten „auS inneren Gründen". Gleichzeitig wird bekannt, daß diese Antwott des Petersburger Kabinetts in Wien große Erregung hervorgerufen hat.
Ein Kriegsrat in Berlin.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 23. November-
Der Generalstabschef der österrei« chifch - ungarischen Armee, Feldmarschall - Leut- nant von S ch e m u a, ist in Begleitung seines persönlichen Adjutanten gestern vormittag um neun Uhr, eine Stunde vor Ankunft des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand, in Ber- lin eingetroffen. Im Saufe des Vormittags begab sich der Generalstabschef vom Schemna zum Generalstabschef von Moltke, mit dem er eine längere Unterredung hatte. Er trat noch am Abend die Rückreise nach Wien an. Der Unterredung der beiden Generalstabs-ChefS wird in politischen und militärischen Kreisen gr ö tz t e Bedeutung beigemefsen, denn eS kann nach Sage der Verhältnisse als sicher angenommen werden, daß der plötzliche Besuch deS österrei- chiscken Generalstabschefs in Berlin mit der Zuspitzung der Spannung zwischen Oesterreich und Rußland in Verbindung zu bringen ist und be» Zweck verfolgt, in einer Aussprache mit der maßgebenden militari- schrn Stelle in Berlin alle etwaigen Eventualitäten, die auS diesem Konflikt sich ergeben können, zu erörtern.
Oesterreichs Kriegs-Rüstungen.
(Privat-Telegramm.)
Wien, 23. November.
Zu den Nachrichten über bie Mobilisierung mehrerer österreichischer Armeekorps wird halbamtlich mttgeteflt, t8 handle sich nur um eine Erhöhung ber Kopfstärke bet einzelnen Truppenteile als Lorbcreitun,