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Hessische Abendzeitung
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2. Jahrgang
Donnerstag, 14. November 1912
Nummer 290
Fernsprecher 951 und 952.
Fernsprecher 951 und 952.
Set Weltsriede geflirtet!
Neue drohende Gefahren der Balkankrise; Oesterreich gegen Serbien, Rußland und England; Dreibund und Balkanproblern.
Der letzte Wall türkischer Herrschaft vor den Toren Konstantinopels kann unterm Donner der Kanonen jeden Moment znsammenbrechen, die letzte Rettung-Hofsnung der von Allah's Beistand verlassnen Dürkenheere sich in den Bergen von Tschataldscha zum furchtbarsten Verhängnis wandeln: Und doch zwingt Gewaltigeres, Drohenderes Euro- Pens Ohr und Auge in seinen Bann! Seit fünf Tagen schauen wir die Balkangesahr in neuer, erschreckenderer Gestalt, sehen wir den Frieden der Welt durch den Jntereffenkonflikt der Mächte bedroht und fühlen instinktiv, daß es nur eines Zufall-Moments, eines Stimmung- Effefts bedarf, um den Brand, um dessen Dämmung seit den Tagen Otto von Bismarcks sich die Diplomatie eines ganzen Erdteils müht, zu Heller Lohe zu entfachen. Die Gefahr dieser düstren Novembertage zu verkennen, sie
eines als notwendig erkannten Ziels ihre ganze Kraft zu setzen. Erzherzog Franz Ferdinand, den am Montag ein dringendes Telegramm nach Budapest zum Marschall-Rat rief, ist nicht der Mann unentschloflnen Zauderns; das scharfe Vorgehen des Wiener Kabinetts gegen Serbiens Machtzuwachs-Ansprüche wird von Kundigen auf Fran; Ferdinands Jnitia- tive zurückgeführt, und es wäre Torheit, zu wähnen, Oesterreich-Ungarn stemme sich mit ganzer Machtwucht gegen eine ihm (durch Serbien) drohende Gefahr, ohne alle Vorbereitungen zu tatkräftigster Abwehr getroffen, ohne die entferntesten Schicksal-Möglichkeiten abgeschätzt zu haben. An der Tatsache österreichischer Krieg- Rüstung ist nicht zu zweifeln, und diese Rüstung bedeutet keine Frieden-Garantie, sondern eine Gefahr-Verschärfung! Wenn der Novembermond sich zum Ende neigt, wird der D e u t s ch e Kaiser den Neffen Franz Josefs als Jagdgast bei der Springer Pürsch begrüßen, und das Schicksal Europens ist mit diesem Pürschgang vielleicht enger verbunden, als mit dem Arbeit- Erfolg einesJahrzehnts diplomatisierender Friedenswerkelet. Wir haben, als in den Tagen der
M verhüllen oder zu verhehlen, hieße die Schuld selbsttäuschender Gleichgültigkeit auf sich laden, denn seit den Sorgensttmden der Sommerkrise von neunzehnhundertfünf ist Europa das Verhängnis eines Völkerkriegs nie s o nahe gewesen, als jetzt, im Gefolge des Dramas in den Balkanbergen. Man darf annehmen. daß unsre Reichspolitik die ganze Tragweite der in nächste Nähe gerückten Komplikationen im Rahmen der europäischen Bal. kanpolitik aus Hellem Auge überschaut, darf hoffen, daß seitens des Reichs alles geschieht, das unsren berechtigten Interessen, unsrer Ehre und unferm Ansehen ziemt und fühlt nur, mahnend und klagend zugleich, die Sorge um die Kraft und Stärke der Hand, die jetzt, im Moment drohender Gefahr, am Steuerruder des Staatsschiffs sich müht. Als aus dem Albaner-Land die ersten Wetterzeichen nahen- ver Gefahr zum Westen züngelten, wurde hier gesagt, das Schwergewicht der Balkankri/'e berge sich nicht im Kampf zwischen Halbmond und Kreuz, fonbern im Schicksal der Türkei, in der Aufteilung ihrer europäischen Hinterlassenschaft und im wilden Siegesrausch der Balkanvölker, der in Sofia, Belgrad, Athen und Cetinje die Winzigkeit in Heldengröße recke.
„Ernst, aber nicht hoffnungslos!"
Was Vorauszusehen war, ist nun geschehen: O e st e r r e i ch - Ü n g a r n, die am Balkan am stärksten intereffierte Großmacht, erhebt in schärfster Form Einspruch gegen die Forderun. gen Serbiens hinsichtlich Albaniens und des Adria-Hafens, trifft in der Stille alle Vorkeh. rungen, um diesem Protest gegen Peter Kara- georgiewLisch' Machthunger erforderlichenfalls durch die Gewalt der Waffen Nachdruck und Geltung zu leihen und rollt damit eine Frage auf, aus der möglicherweise weit drohendere Gefahr geboren werden kann, als aus der Niederzwingung der Türkei. Serbien begründet feine Forderungen mit dem Zwang. gebot des „nationalen Interest es"; Oesterreich bekämpft sie unterm Druck der Machtpolitik, die durch ein Vordringen Serbiens auf albanische Erde nicht in ihren Sicherungen und Voraussetzungen bedroht werden dars. Die Männer von Belgrad langen nach Albanien und dem Adria-Hasen, nachdem Rußland und England ihr Sehnen gebilligt; die Donau-Monarchie rüstet zur Abwehr im Einverständnis mit Deutschland und Italien: Wird's möglich sein, den schroffen Gegensatz, der hier (nicht nur zwischen Serbien und Oesterreich- Ungarn, sondern) zwischen Dreibund und Triple-Entente Ereignis geworden, zu überbrücken, ohne ben Frieden Europas zu ge. fährden? Die Diplomaten reden noch nicht von Krieg und Krieg-Gefahr; man schätzt die Situation als .zwar ernst, aber nicht hoffnung- los"; die Erfahrung hat indessen gelehrt, daß der sonnigste Optimismus weit ärgere Täuschung birgt als die Miene der Sorge.
Franz Ferdinand hinter der Szene?
Im Habsburger Land rechnet Diplomatie, Presse und Oesfentlichkeit mit a l l e n Eventualitäten. Die Meldungen über geheime Rüstungen, Krieg-Vorbereitungen und Mobilisierung- Maßnahmen sind zwar offiziös dementiert worden, aber wer möchte leichtgläubig genug sein, diese Dementis (die der Zweck heiligt und nicht die Wahrheit) ernst zu nehmen? Oesterreich-Ungarn will vom Augenblick, der entschloff- nes Handeln heischt, nicht überrumpelt werden; seine Politik redet die Sprache stärkster Entschiedenheit und feine Forderungen sind klar und bestimmt: So aber handelt nur eine Macht, die gewillt und bereit ist, an die Erstrebung
bosnischen Krise der Krieg zwischen der Donau- Monarchie und dem Serbenland dicht vor der Türe stand, als treuer Bundgenosse an Oesterreichs Seite gestanden und damit den .brillanten Sekundantendienst" Goluchywski's in Algeciras tausendfach vergolten.
Der Wille zum Frieden.
Nun, da abermals drohende Gefahr am Wege lauert, richten sich Europas Blicke wieder, wie einst, auf Deutschlands „schimmernde Wehr", und die Schick,'alsrage „Krieg oder Friede?" wird ihrer Antwort Schwergewicht in der abermaligen Belastungprobe der Dreibund-Einheit erhalten. Deutschland will keinen Krieg, ist durch kein unmittelbares Interesse an die Entwirrung des Chaos am Balkan gekettet, und hat bisher seine Aufgabe lediglich in ehrlichem Friedensmühen erblickt. Soll nun die Balkanpolitik des uns verbündeten Oesterreich (deren Maßnahmen und Ziele vielleicht von Notwendigkeiten bestimmt sind, die die Regierung der Donau-Monarchie nicht umgehen kann, die aber mit Zweck und Ziel bet Dreibund-Gemeinschaft unmittelbar nichts gemein hat) auch Deutschland in ein Abenteuer verstricken, dessen Endwirkungen unabsehbar sind? Wir haben der Welt oft (zu oft sogar!) Beweise unsrer Friedensliebe gegeben und dennoch das Mißtrauen nicht zu bannen vermocht, das uns überall umspäht; wir haben tatloS verharrt, wo wir hätten handeln sollen und haben uns an Watten berauscht, statt in Taten uns zu messen. Jetzt naht der Moment, wo abermals Aller Augen auf uns ruhen, und diesmal wird (so hoffen wir) der Wille zum Frieden sich im Handeln deutscher Reichpolitik kraftbewußter und entschlossner geltend machen, als nur in Reden und Depeschen. Niemand kann von uns verlangen, daß wir Oesterreichs Kastanien aus lohendem Feuerbrand retten; Europa aber erwartet vom Denffchen Reich, daß es seinen ganzen Einfluß aufbieten wird, um das ihm verbündete Oesterreich von einem Schritte abzuhalten, der für Europa zum Verhängnis, zum Anlaß des Weltkriegs werden könnte ...! F. H.
* « *
Mue Lösung der Krise?
Serbien erhält seinen Hafen.
(Privat-Telegramm.)
Wien, 13. November-
Es scheint, daß eine friedliche L ö - sung des Konflikts zwifchen Oesterreich und Serbien in Sicht ist. Unter den Vermittelungsvorfchlägen, die gegenwärtig von der Diplomatie beraten werden, befindet sich auch der, wonach Serbien einen albanesifchen Hafen erhalten soll, jedoch ohne Hinterland und mit der Verpflichtung ihn zu befestigen. Eine neutrale Bahn fall durch Albanien, (das die Autonomie erhält) bis zu dem ferbi- schen Hafen führen. Es liegen Anzeichen dafür vor, daß die serbische Regierung diesem Vergleichsvorschlage näherzutreten beabsichtigt, allem Anschein nach auf Befürwortung Bulgariens. In hiesigen politifchen Steifen behauptet man über den Zweck der M i f s i o n D a n e w noch folgendes gehört zu haben: Serbien habe die Verpflichtung übernommen, mit Bulgarien
nicht nur gegen die Türkei, sondern auch gegen einen etwaigen Angriff Rumäniens zufarnmenzugchen. Dafür müsse selbstverständlich eine bulgarische Gegenleistung bestehen. Bulgatten würde daher unter allen Umständen gleichfalls genötigt fein, Serbien auch gegen einen andere» Gegner als die Türkei, also eventuell auch gegen
Oesterreich-Ungarn, zu Helsen. Es fei aber ebenso selbstverständlich, daß eine so bedenkliche Verpflichtung nicht ohne vielfache Verklausulierungen übernommen worden sei. Bulgarien werde sein Möglichstes tun, um an einem etwaigen Krieg nicht teilnehmen zu müs. fen, und die Aufgabe Danews war es offenbar, sich über die Sachlage zu informiere» und je. densalls zur Beilegung des Konflikts beizutragen.
Ser Bolkan-Winterttieg
Neue Kriegsdepeschen vom Balkan.
Während die Aufmerksamkeit der interna» Konaken Politik an den hinter den Kulissen des Balkankrieges spielenden D iplomaten- Krieg gefesselt ist, scheint in den kriegerischen Operationen selbst ein Stillstand eingetreten zu sein: Die Stille vor dem Sturm, der vor Dscha- takdscha, vor Adrianopel und Skutatt jeden Moment loskbrechen kann. In den Balkanber- gen hat der Winter seinen Einzug gehalten und damit haben sich die Schwierigkeiten. Gefahren und Opferforderungen des Ktteges »er« hundertfach t. Wir verzeichnen nachstehend die uns vorliegenden Depeschen:
Der Krieg im Schnee.
(Privat-Telegramm.)
Wien, 13. November-
Einwandfreie Berichte aus G attaro stellen fest, daß die militärische Lage in Skutari für die Montenegriner entschieden ungünstig ist. Die Verteidigung Skutatts durch Eeredfch Pascha liefert den Beweis für die ausgezeichnete Qualität der türkifchen Vetteidignng unter entsprechender Führung. Die Kolonnen auf dem linken Ufer der Mojana, die angeblich erfolgreich gegen Skutari operierten, wurden in einem dreitägigen Kampf von Eeredfch Pafcha ge- fchlagen und bis nach Belaj zurückgeworfen. Die großen Schneefälle, die Ueberschwemmung des Geländes durch die Mojana habe» die Montenegriner in eine prekäre Sage gebracht, da ttie VeWroviantiernng durch die Einstellung der Bahnvttbindung und durch die Unmöglichkeit, durch Frauen Proviant in die schneeverwehten Pfade transportieren zu lassen, sehr er- fchwert wird. Die großen Schwierigkeiten, die mit einem Winterfeldzug verbunden sind, sind mit aller Intensität eingetreten.
Der Einzug in Saloniki.
(Telegramm unfers Korrespondenten.)
Athen, 13. November.
König Georg hielt am Montag vormittag feinen feierlichen Einzug in Saloniki. Am Bahnhof erwartete» ihn der Kronprinz, Prinzessin Alice, der Metropolit und die höheren Offiziere. Der König umarmte den Kronprinzen und nahm die Revue der vor dem Bahnhof aufgestellten Bataillone ab. Trotz des strömenden Regens hatte sich eine ungeheure Menfchenmenge angesammelt, die den König begrüßte. Die Stadt war mit Flaggen der verbündeten Balkanstaaten geschmückt. Der König wurde mit Blumen beworfen. Er stieg im Hause Hadji Lazaro ab und empfing die ausländischen Generalkonsuln und die Kommandanten der ftemden Kriegsschiffe. Die oberste Sanitätsbehörde erhielt die offizielle Mitteilung, daß in Konstantinopel täglich mehr als vierzig Cholerafälle Vorkommen und daß auch die schwarzen Blat- aern grassieren. Es wurde demzufolge eine Quarantäne für die Umgebung von Konstantinopel verfügt.
Serbien soll nachgeben!
Aus Sofia wird uns depeschiert: Der Sobranje-Präsident D a n e w, der heute in Belgrad mit dem Ministerpräsidenten Pa - s i t s ch zusammentttfft und dann die Reise nach dem Hauptquartier des Königs Ferdinand fortsetzt, wird (wie hier verlautet) Serbien nahelegen, in der Adriafrage nachzugeben. Man glaubt, daß es möglich fein wird, Medua als Handelshafen mit dem autonomen Albanien als Hinterland für Serbien und Montenegro gemeinsam zu erreichen.
Die Antwort aus Belgrad.
Depeschen aus Belgrad melden uns: Ministerpräsident P a s i t s ch wird heute aus Uesküb znrückerw artet. Der Ministerrat wurde bereits für den Nachmittag einberufen und die Antwort der serbischen Regierung soll noch heute dem österreichisch-ungarischen Gesandten übergeben werden. Ans zuverlässiger Quelle verlautet, daß diese Antwort weitere Verhandlungen ermöglichen werde.
Auch Italien protestiert I
Ein Telegramm unseres Korrespondenten meldet uns aus Sofia: Der italienische Gesandte ettlärte gestern in einer Unterredung, Italien werde niemals seine Zustimmung geben, daß irgend eine
fremde Macht sich in den albanischen Hafenstädten festsetze. Dmazzo und Mcdua dürften nie von einer fremden militärischen Macht befestigt werden. Damit hat Italien sich offiziell auf die Seite Oesterreich-Ungarns gestellt.
Set spanische Mmifter-Mort.
Premierminister Canalejas von einem Anarchisten erschossen; Selbstmord des Attentäters; ein politischer Racheakt.
Wie wir bereits gestern abend durch Anschlag berichtet haben, ist Don Jvsö Cana- lejas, der spanische Premier-Minister am Dienstag mittag das Opfer eines Attentats geworden. Canalejas wurde aus dem Matze Puerto del Sol, dem Ministerium des Innern gegenüber, e vs ch o s s e n , als er sich in das Ministerium begehen wollte. Der Mörder, ein siebenundzwanzigjähriger Spanier namens Pardinas Serrato, war Anarchist; er erschoß sich mit demselben Revolver. In Madrid herrscht große Aufregung und die Verwirrung ist allgemein. Wir verzeichnen die folgenden 'uns zugchenden Drahtmeldungen:
Madrid, 13. November.
Gestern nachmittag um halb drei Ahr erschienen die ersten Exttablätter mit Einzelheiten über die Ermordung des Ministerpräfidente«, der von Passanten aufgehoben «nd in eine Apotheke, die nahe dem Tatorte gelegen ist, gebracht worden war. Der Apotheker erklärte nach kurzer Untersuchung, daß der Tod sofort ein» getreten sei. Darauf wurde der Leichnam in das Ministerium des Innern gebracht, wo man ihn aufbahrte.
Madrid, 13. November.
Die durch Canalejas Ermordung hervorgerufene Verwirrung und Bestürzung ist unbeschreiblich. Mühsam erhalten Polizei und Truppen die Ordnung auf der Puerta del Sol aufrecht, wo eine »ach Tausenden zählende Menge aller Volksklassen in höchster Erregung und unter Bekundung großer Sympathie für den Ermordeten wogt. Der König beauftragte den Minister des Aenßern interimistisch mit der Minister-Präsidentschaft.
Madrid, 13. November.
Der Mörder des Ministerpräsidenten heißt PardinaS Serrato. Seine Mutter war eine Italienerin. Seine Ankunft in Madrid war signalisiert «nd sei«Porträteingesandt>>orde«. Serrato nahm den Angenblickwahr, als Cana- lejas wenige Schritte vom Ministerium des Innern den Wagen verließ, um das Schaufenster einer dort befindlichen Buchhandlung zu betrachten. Dieses ist von der ersten fehlgehenden Kugel zertrümmert worden.
Am Schauplatz des Attentats.
(Privat-Telegramm.)
Madrid, 13. November-
Premierminister CanalejaS hatte sich gestern vormittag um zehn Uhr in b a 8 P a - laiS begeben, um dem Könige einige Dekrete zu überreichen. Mit lächelnder Miene verließ er das Kabinett deS Monarchen In dem Augenblick» als sich die Tür auftat, kam ihm ein heftiger Windstoß entgegen. „Pfui, welch ein Wind, wir werden einen schlechten Tag haben!" rief der Kabinettchef. Eine Stunde später sollte sich seine Prophezeiung bewahrhei- ten, als er unter dem Feuer seines Mörders, des Anarchisten Serrato, tot zu Boden sank. Ein Passant eilte ihm zur Hilfe mit den Worten: „Don Josö, Don Jose!" Josö war der Vorname des Ermordeten. Canalejas hatte kaum noch Zeit zu antworten: „Diese Kanaille hat mich getötet!" Darauf gab er feinen Geist auf. Der Abgeordnete Aubin, der Schwiegersohn des Ermordeten, war dev, erste, der der
Gattin des Ministerpräsidenten die Nachricht von der Ermordung ihres Gemahls überbrachte. Herzzerreißende Szenen spielten sich zwischen der Witwe unt ihren Kindern ab. Um fünf Uhr nachmittags wurde Fran Canalejas nach dem Ministerium des Innern geführt, wo der Leicknam aufgebahrt war und zwei Privatsekretäre des Verstorbenen Wache hielte». Ter Saal war vorher von der Volksmenge, die sich darin befand, geräumt worden. Frau Canalejas fiel zweimal in Ohnmacht, als sie der Leiche ihres Gatten ansichtig wurde. Sie wurde jedoch von den Aerz- ten bald wieder zu sich gerufen. Wie bei ihrer Ankunft im Ministerium als bei ihrer Abfahrt