EOler NM NMMtm
Casseler Abendzeitung
2te Lafseler Neuesten Nachrichten erfdjetne» wochenMch sechsmal mb zwar abends. Der Adonnementspreir beträgt monatlich 60 Vfg. bet freier Zustellung in, Sau«. Bestellungen werden tederzeU von der Geschäftsstelle oder de« Bote» entgegengenommen. Druckerei, «erlag und Redaktion: Schlachthofflraß« 28/30. Sprechstunden der RedaMon nur eon 7 M8 8 Uhr abends. Sprechstunde» der AuSkunst. Stelle: Jede» Mittwoch und Freitag een « btä 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, flriedrichftr. 16, Telephon: Amt Mortgpla, 676.
Hesstsche Abendzeitung
JnIerttonSpretse: Dte sechsgespaltene Zeile für einheimische Geschäste 15 Big, für au«, wärtige Inserate 25 Bf., Reklamezeile für einheimische «eschäste 40 Pf, für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Beilagen für dte Äesamtaustage werden mit 5 Mark pro Tausend berechnet. Wegen ihrer dichten Berbrettung in der Restden, und der Umgebung sind die Laffeler Neuesten Nachrichten ein vorjüglicheS JnserttonSorgan. Seschästsstelle: Kölnische Straß« 5. Berliner Vertretung: SW., Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritz«latz 676.
Nummer 288,
Dienstag, 12. November 1912
Fernsprecher 951 mid 952.
2. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952.
Der Krieg am Balkan.
Die Kämpfe bei Tschataldscha; Schreckenstage in Saloniki; kein heiliger Krieg; die Friedensbitte der Türkei; der Vormarsch zum Bosporus.
November am Borvorar.
Konstantinopel im Zeichen des Krieges, von
Marmaduke PickthalL
Der Sommer ist vorüber. Die Gesandtschaften sind aus ihren Sommerquartieren in Te- rapia zurückgekehrt. Die Damen der Harems haben die lieblichen Gefilde am Bosporus verlassen, um wieder in die düsteren Paläste der Stadt einzuziehen, wo ein Leben, der Gefangenschaft nicht unähnlich, ihrer harrt. Sie schauen wehmütig zurück auf jene Tage des Sommerglücks; mit Sehnsucht denken sie all der Vergnügungen, die sie in den vergangnen Tagen genießen durften. Ein langer Winter steht bevor: Ein Winter, von dem niemand weiß, welche G e s ch i ck e er über das alte Reich der Osmanen heraufbeschwören wird. Gewöhnlich ist diese Jahreszeit für das alte Byzanz die Hochsaison. Die Straßen sind überflutet von müßigen Spaziergängern. Und heute? Heute sind sie leer. Nur um die Regierungsgebäude sammeln sich einige Neugierige, die von den vom Kriegsschauplatz kommenden Neuigkeiten etwas zu erhaschen trachten. Das sonst so geschäftige St a mb ul liegt da wie ausgestorben. In G a l a t a und Pera herrscht wohl Leben; aber dies Leben hält sich wohlweislich in den Häusern zurück. In den Straßen patrouillieren gemessnen Schritts die Wachen, die Brücke wird streng gehütet. Die Kriegsschiffe der Fremden ankern am Bosporus, bereit, auf den ersten Wink Truppen zu landen, um die Christen vor einem Maflakre zu behüten. Still liegen die ernsten, düstren Haremspaläste da. Nur ab und zu klingt es wie ein fernes Stöhnen aus ihnen heraus. Denn im Innern kauern die einst so sorglosen Haremsdamen auf dem Boden und flehen zu Allah, daß er den Türken den Sieg verleihen und den Gatten oder den Sohn heil und sicher tn die Arme der Gattin oder Mutter zurücksühren möge.
„Allah hat es gewollt...!"
Dieser Schmerz der türtiWen Frau ist nicht der der Christin. Fällt der Gatte, nun: So hat es eben Allah gewollt. Es war sein Kismet. Ueber den Harems liegt die Unge- wißheit. Und in der Ungewißheit stöhnen die Türkinnen in ihrem Schmerz und ringen die Hände zu Allah. Die Sklavinnen vereinen ihr Gebet mit dem der Herrin; denn im Harem ist die Sklavenfessel nur ein Band der Liebe. Draußen umheult der eisige, vom Schwarzen Meer kommende Wind den Palast. Der Himmel ist bewölkt: Jeder fühlt es, Schnee liegt in der Luft. Wo sind die Teuren? Leben Sie? Vielleicht liegen sie jetzt am Wegrand, von Schmerzen, von Hunger gepeinigt? Vielleicht auch sprengen grade jetzt die Rosse der Erobrer über sie hinweg? Wer weiß es? Allah allein! Durch die Straßen schreiten nur wenige Wandrer. Das rauhere Element der Bevölkerung allein (nur wenig ist von ihm übrig geblieben) wagt sich auf die Straße. Es fühlt sich von den Behörden überwacht. Und dieser Zwang der Obrigkeit, die fremden Kriegsschiffe, die fremden Truppen, die in Bereitschaft sind, strafen die offiziellen Bulletins der Regierung Lügen, aus denen immer und immer wieder ein Hoffnungsschimmer leuchtet, die immer und immer wieder von .kommenden Siegen" zu berichten wissen. Die einsamen Wandrer haben das Gesicht vermummt; der Wind wird immer eisiger.
Halbmond und Kreuz.
Von der Höhe der Minaretts erschallt der Ruf des Muezzins, der die „Asr" fMittnach- mittagsstunde) ankündet; sein Ruf klingt aus in die Worte: .Möge Allah dem Islam den Sieg verleihen." Und dieser Wunsch findet einen Widerhall in allen Türkenherzen. Eine düstre Stimmung spricht aus allen Gesichtern; die Augen verraten ein nur mühsam verhaltnes Feuer, das ... jeden Augenblick in T o l l h e i t ausbrechen kann. Das meiste Leben drängt sich um die Moscheen. Die gewöhnlich verlassen daliegenden Höfe sind gedrängt voll von Betern. Die seltsamsten Gegensätze steht man hier im Gebet vereint: Da liegt der Türke in der Heimattracht auf dem Boden, und neben ihm ringt mit gleicher Inbrunst der nach der neuesten Pariser oder Londoner Mode gekleidete Moslim die Hände. Dort leuchten durch die allmählich herunterünkende Abenddämmerung Lichter auf: Am Grabe eines Heiligen hat man Kerzen angezündet als Opfergarben, damit er bei Allah für eine günstige Schicksalwendung bitten möge. Ernste, bärtige Män- ner, in weißen Turbanen, schreiten draußen unter Zypressen auf und ab. Ein leises Murmeln dringt von ihnen herüber. Ab und zu schüttelt einer von ihnen den Kopf. Tas sind die Männer, in deren Hand das Schicksal der Christen Konstantinopels liegt Erheben sie den schrecklichen Ruf: .Din Muham»
Der Krieg am Balkan scheint nun am entscheidenden Vunkte angelangt zu sein und die Oberleitung der bulgarischen Ostarmee hält ihren Erfolg bei dem Entscheidungskampf um die T sch a t ald sch alinie für sicher. Bereits am Freitag wurde in den Kriegsdepeschen aus dem bulgarischen Hauptquartter dieser unbedingten Siegeszuversicht bestimmt Ausdruck gegeben und nach Telegrammen aus Ro- dosto war der Durchbruch der türkischen Stellung nur noch eine Frage der kürzesten Zeit. Die Berichte vom Sonnabend enthalten zwar noch nichts von einer endgülttgen Entscheidung, rechnen aber mit einer nahe bevorstehenden Besetzung von Konstantinopel durch die bulgarischen Truppen. Die neueste Meldung aus dem bulgarischen Hauptquartier lautet:
Ueber den Kampf nm die Linie von Tschataldscha ist mitzuteilen, daß die bulgarischeAngriffsaktkon erfolgreich fortschreitet. Einige bulgarische Truppe« haben weitere Vorpofitionen genommen. Der entscheidende Stoß soll mit solcher Gewalt geführt werden, daß die bnlgarischen Truppen gleichzeitig mit den fliehenden Türken vor den Forts von Konstantinopel eintreffe«. Durch die unverzügliche Besetzung der Stadt sollen sowohl die diplomatische Einmischung wie die drohenden Christen- maffakres verhindert werden.
Inzwischen werden immer noch türkische Streitkräfte nach der Tschataldschalinie vorgeschoben. Wie aus Konstantinopel berichtet wird, gehen fortwährend Linientruppen mit Arttllerie nach der Tschataldschalinie ab. Trotzdem sind die türkischen „Siegesdepeschen noch nicht verstummt: Das türkische Pressebüro veröffentlicht heute offiziell ein Telegramm des Kommandeurs der Westarmee, in dem gemeldet wird, daß die türkischen Truppen erneut die Griechen bei Sorowitsch angegriffen und dabei sieben Kanonen und Munition erbeutet haben. Die Griechen seien in Unordnung geflohen. Auch am Sonnabend hätten die Türken zehn griechische Kanonen und Munitton erbeutet.
Schreckens tage in Saloniki.
(P r i v a t - T e l e g r a m m.)
Saloniki, 11. November.
lieber der ganzen Stadt liegt etwas wie eine Ahnung schrecklicher Ereignisse Dazu kommt die beständige Anschwellung der Zahl der halbverhungerten herumschweifenden Soldaten, die vom Lager desertiert find, sowie die Offiziere, die ohne Säbel und jeder Würde bar die CafSS und Bierhäuser füllen und stch um dix Vorgänge nicht im geringsten kümmern. Tausende und abertausende mohammedanischer Flüchttinge komme« in Extrazügen, von denen selbst die Wagendächer und die Trittbretter besetzt find, in Saloniki an. Zahllose dieser Flüchttinge find während der Fahrt abgestürzt und wurden verletzt. Andere Tausende ziehen zu Fuß in langen Kolonnen ein. Frauen, Kinder, Hausrat find auf die Ochsenkarren gepackt, Väter und Söhne im Turban und in der Pluderhose schleppen fich todmüde neben den magere« Zugtieren einher. Auch viele jüngere und ältere Frauen mit Kindern auf den Armen und in den Händen befinden sich in der Prozession, um in den Moscheen, die für die Flüchtlinge eingerichtet find, Brot und Asyl zu suchen.
Rodosto zurückerobert?
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Konstantinopel, 11. November-
Eine Mitteilung des Kriegsministeriums besagt, daß die Türken Rodosto zurück- erobert haben. Nachdem die Einwohner die Stadt geräumt hatten, bombardierte der Pan. zerkreuzer „Mesudija" die Stadt, und mit ein».« Bajonettangriff von drei Seite« Front wurde die bulgarische Kavallerie, die die Stadt besetzt hatte, zurückgeworfen. Hier in Konstantinopel ist das Gerücht verbreitet, daß der Militärgouverneur von Konstant tinopel am Sonntag vormittag vor das Kriegsgericht gestellt wurde. Er wurde zum Tode verurteilt und sofort erschos. fen. Ter Gouverneur war beschuldigt, die Garnison von Konstantinopel aufgereizt zu haben, damit sie ein Maffakre gegen die Christen unternehme und Abdul Hamid wieder auf den Thron beS Osmanenreichs setze. Privatnachrichten zufolge rückte ein Teil der türkischen Lstarmee. die sich bei Tschorlu be
findet, gestern bis Lüle Burgas vor und geriet in einen Kampf mit bulgarischen Truppen, wobei diese große Verlusteer. litten haben sollen. Die Tatsache, daß das türkische Hauptquartter bereits wieder nach Tschorlu verlegt worden ist, wird als Beweis dafür betrachtet, daß die bei Tschataldscha kon, zentrierte Attnee sich nicht auf die Defensive be- schräntt, fondern die Offensive ergriffen hat.
Fünfzlgtausend Gefangene?
(Telegramm unsers Korrespondenten.) Sofia, 11. November.
Heute früh wurde hier durch Extrablätter gemeldet, daß Adrianopel sich den Bulgaren ergeben hat. Es wird hinzugefügt, daß die ganze Garnison, bestehend aus 50 00Ö Mann, kriegsgefangen sei. Eine offizielle Bestätigung der Meldung liegt bis zur Stunde noch nicht vor. Ueber die Kämpfe der letzten Tage, die die Entscheidung herbeiführ, ten, fehlt es bulgarischerseits noch immer an Details. Dagegen wird bekannt, daß die Offiziere, selbst höhere Kommandeure, durch ihre Unerschrockenheit die Soldaten hinrissen. So stellte sich ein General, der Kommandeur einer Division, bet dem Sturm auf eine türkische Schanze mit gezogenem Degen an die Spitze seiner Division und führte sie zum Siege. Einige andere Generäle, so Prietoschosf, der Kommandeur der Sofioter Division, sollen sogar zu schneidig vorgegangen fein. Der Präsident der Sobranje, Danero, der während des ganzen Feldzugs sich bisher in der nächsten Umgebung des Königs befand, wurde mit geheimer Mission nach Budapest geschickt.
Türkische Friedens-Bitte.
(Privat-Telegramm.)
Paris, 11. November.
Wie hier bekannt wird, hat die Türkei einen neuen Schritt untemom- men, um die Vermittlung der Großmächte zu erflehen. In Berlin hat sie eine doppelte Forderung eingereicht, eine solche, in der die Friedensvermitttung erbeten wird und weiter eine solche, in der sie die Mächte bittet, zwecks Beendigung der Feindseligkeiten einzuschreiten, um den Ausbruch von Unruhen und Massentötungen in Konstanti- nopel zu verhindern. Leider hat die Türkei ihre Bitte um Vermittlung nicht in identischer Form an alle Großmächte gesandt, sodaß es bis auf weiteres unmöglich ist, bei den Kriegführenden tatkräftig vermittelnd einzugreifen. Wie weiter verlautet, besteht die geheime Mission des bulgarische« Sobranje-Präfidente« D a « e- r o darin, zwischen Serbien und Oesterreich-Un gar« in der Frage deS Adria-HafenS zu »ermitteln, da Bulgarien sowohl wie Griechenland einen serbischen Hase« am Aegäffchen Meere nicht wünschen und Serbiens Forderung nach einem adriadischen Hase« unterstütze«. wird mitgeteitt, daß Rußland enffchloffen fei, die serbifchr« Forderungen mit allen Mitteln zu unterstützen.
Kein heiliger Krieg!
(Privat-Telegram m.) Konstantinopel- 11. November.
Das Gefpenst des heiligen Krieges, das in Konstantinopel als letztes Schreckmittel heraufbefchworen worden fff. hat sich sehr rasch wieder verflüchtigt. Wie eS scheint, haben fich in den verantworttichen Kreisen in Konstan- ttnopel doch sehr ernste Bedenken gegen eine Fanattsierung der mohammedanischen Massen erhoben. Gehr wahrscheinlich hoben dabei auch die Vertreter der Mächte ein kräfttges Wörtchen mitgesprochen. Ueber die Absage der angekündigten Aktton wird bekannt: Auf Anordnung d«S Scheich ul Islam ist der Aufruf zum „Heiligen Krieg" in der Sonnabendnacht nach Mitternacht aus allen Zeitungen entfernt worden. Das angeblich vom Scheich ul Islam veröffentlichte Comnmnique, in dem der „Heilige Krieg" proklamiert und das von der Regierung unterdrückt wurde, ist vom Nnter- staatssekretär im Departement des Scheich ul Islam ohne Borwissendes letzteren den Zeitungen zugestellt worden. Außer diefem Unterstaatssekretär soll auch die Presse noch den Sündenbock spielen. Wie es heißt, will die Regierung gegen jene Blätter »ergeben, die die Mitteilung des Scheich M Islam vervffen»lichten.
mad!", dann bricht ein M a s s a k r e aus, wie es entsetzlicher die Phantasie nicht ausmaleu könnte. Aber sie träumen nicht davon. Sie stehen über der Leidenschaft des Mobs. Der eisige Wind vom Schwarzen Meer weht nicht mehr. Schneeflocken fallen vom Himmel herunter. Hat sie Allah gesandt, damit sie den türkischen Soldaten zum Leichentuch werden
Sie Tragödie der Kriege».
Momentbilder aus dem Balkankrieg.
(Von unserm Kriegs-Korrespondenten.) Uesküb- Anfang November.
Durch abgebrannte, von Arttllerie zerschossene Dörfer, in denen überall die Scheiterhaufen der Kleidungsstücke der Gefallenen und andere unbrauchbare Gegenstände noch rauchten, über das Schlachtfeld von Kumanowo, zwischen unzähligen pestatmenden Pferdeleichen und demo. lietten Geschützen kamen wir inUesküb, dem serbischen Skoplje an. Die reiche, von regem Leben erfüllte Stadt hatte schwere Zeiten zu bestehen. Als die erste Nachricht von der schweren Niederlage der türkischen Truppen bei Kumanowo einttas und die fliehenden Truppen einzurücken begannen. Wurde die ganze Stadt von einer Panik ergriffen. Alle Äevölkerungskreise, Staatsbeamte, Soldaten: Alles verlor den Kopf und begann zu flüchten. Die türkischen Generäle, die hier zu einem letzten Kriegsrat zusammentraten, konnten sich nicht einigen, weil einer ...feiger war als der andere. Der erste, der sich zur Flucht wandte, war der General Kairi Pascha und bald folgte ihm die ganze Besatzung. Den wahren Grund der türkischen Niederlage in Mazedonien erfuhr ich bald von Augenzeugen, die die ganze Vorbereitung des Feldzuges auf türkischer Seite mitgemacht haben. Die Truppen in Mazedonien waren vorzüglich ausgerüstet und für den Krieg vorbereitet; Munition, Kleider und Lebensmittel waren in den Maga, zinen in Ueberfluß vorhanden. Aber die türkischen Truppen waren demoralisiert. Der mazedonische Soldat ist seit langem nicht, der berühmte türkische Krieger mehr. Während der letzten Jahre ist
im türkischen Heer
eine tiefgreifende Veränderung vor sich gegart» gen, die die Armee zugrunde gerichtet hat, bevor noch der Krieg begann. Ein Konsul versicherte mir, daß die Offiziere der großen Garnison, vom General bis hinab zum Unter, leutnant (der gewöhnlich ein altgedienter Un. teroffizier ist) seit Jahr -und Tag, Woche für Woche alltäglich sich in Cafts zu politi. scheu Diskussionen versammelten, aber nur selten die Kasernen betreten haben. Von Felddienstübungen war saft gar nichts zu sehen Die Reservisten wurden höchstens zu Paraden abgerichtet und lernten nicht einmal mit den neuen Gewehren umzugehen, die sie in die Hand bekamen. Die Politik, die verschiedenen nationalen, sozialen und religiösen Strömungen, die in den letzten Jahren die Geschichte der Türkei so beeinflußt haben, entfremdeten die Armee dem Kriegsdienst. Die Wahlen, die die Jungtürken mit Feuer und Schwert durch- gesührt haben, die Arnautenaufstünde, bei denen ganze Divisionen gemeutert haben, die verschiedenen polittschen Militärver. eine, denen alle Offiziere angehötten, die Ein- teilung der Christen in die erste Linie, die Miß. achtung der Rativnalangehörigkeit, haben die Armee zerrüttet, deren Stärke einst in ihrer ausschließlichen Zusammensetzung aus Mohammedanern bestand. Das Ansehen des Kalifen, diese wichtigste Stütze des osmanischen Reiches, war eine Beute der Kasfeepolitiker geworden, die Armee dachte nur noch an die Sicherung ihrer politischen Herrschaft. Niemand dachte an den äußeren Feind, die politischen Strömungen und Tendenzen bewirkten
Uneinigleit und Zerfahrenheit,
und als diese Armee vor dem Feinde stand, bff war es das Bestreben eines großen Teiles, Vie erste Gelegenheit zu benützen, sich zu e r g e b e n oder ... davonlaufen zu können. Ein Konsul erzählte mir, daß, als die Garnison zur Deckung des Rückzuges und Verteidigung der Stadt gegen die herannahende serbische Kavallerie kommandiert wurde, eine ganze Batierie in der Richtung des Bahnhofes da- vonritt. Da ertönte von irgendwoher ein Schuß, und die Artilleristen, die schon mit den Messern in der Hand gewartet hatten, schnitten die Stränge durch und flüchteten auf den Pferden, so sehr sie nur laufen konnten. Nach der Schlacht bei Kumanowo, in der die Türken, und noch mehr die Freiwilligen einigermaßen erbitterten Widerstand geleistet hatten, wollte kein einziger türkischer Soldat mehr kämpfen. Chalib Pascha, der frühere Mali von Tri. polis, entschloß sich, die offene Stadt, die von den Bergen umgeben und nicht zu halten ist, zu räumen. Als er in seinen Wagen stieg, schoß ein Soldat, ein fanatischer Türke, auf ihn. Ein anderer Soldat, ein Christ, schoß den Attentäter sofott nieder. Vor dem Einzug der Serben gingen die christlichen türkischen Soldaten mit weißen Kreuzen auf den Kalvaks in der Stadt