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Caffeler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
2. Jahrgang.
Nummer 287
10. November 1912
Sonntag,
Fernsprecher 951 und SSL
Fernsprecher 951 und 952.
Ferdinands Traum
Privat-Depesche« ans Belgrad melden uns: Informierte Belgrader Kreise behaupte«, König Ferdinand von Bulgarien sei entschlossen, in Konstantinopel einzuziehen und fich dort als Kaiser Shmeo» der Zweite kröne« zu laffen. Eine weitere Meldung besagt, die Bulgare» hätten die Eroberung Konstantinopels beschlossen «nd die Mächte hätte«;» diesem Entschluß bereits ihre Zustimmung gegeben. Eine Bestätigung der Meldung liezt «och nicht vor.
gnferttontoretfe: DU sochlgespalteu« geile für einhetinisch« »efchäste 15 Psg., für auswärtig« Inserate 25 Pf, ReNamezeUe für einheimische Lefchifte 40 Pf, für auswärtige Geschäfte SO Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 6 Marl pro Lausend berechnet. Wegen ihrer dichten Berdreitung in der Reftden» und der Umgebung sind die Laffeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnkertianSorgan. Geschäftsstelle: «ölnische ®träte 5. Berliner Vertretung: SW., Friedrichstraße 10, Telephon: Ami Morttzplatz 67«.
Auch in der Literatur bestehen Gegensätze zwr. chen der Wertung des Laien- und des Sach. >erständigen-Urtells, und wie in der Kunst der ZaLben find auch im Reich der Dichtung „Schule" und „Manier" EigenarErschttnun- gem, die vielleicht nicht Werte bestimmen, mög. licherweise aber doch Urteil« beeinflussen könne«. Und da verdient denn gesagt zu werden, dach wir uns zur Feier tausendjährigen Seins der Stadt am Fuldastrand ein Festspiel wünschen, das in Form, Inhalt und Idee di« Herzen zu erwärmen, die Lieb« zur Heimat zu Wecken und das Interesse am Schicksal der Vaterstadt zu beleben vermag: Kein« hyper-modern fristevte Allegorie im Stil dich, tender Futuristen, keine dämmevhaft-byzantt- nische Helden Ode, sondern ein wahrhaft histo. risches Festspiel tausendjährigen Casseler Bürgertums, dessen Licht-Gffekte Vergangenheit und Gegenwart in ihren Empfindung, und Schicksal-Zusammenhängen bestrahlen l
F. H.
Kriegsdrama in Saloniki.
(Telegramm unsers Korrespondenten.) Saloniki, 9. November.
Saloniki ist gestern von de« Griechen b e - setzt und erobert morde«, nachdem schreckliche Mordsze«e« in der Stadt statt gefunden hatten. Di« i« den Gefängnissen internierten Verbrecher waren auögebrochen und halten die nicht-mohammedanischen Einwohner ermordet. Nach ihrem Einzug setzten die Griechen sofort die türkischen Paschas, Offiziere und Beamte in Gefangenschaft. ES befinden fich im Saloniki im Ganzen 27 000 Tücken in Gefangenschaft. Die griechische Flotte landete am linken Ufer der Matttza, um ihrer Flotte einen freie« Durchzug nach Konstantinopel zu verschaffen. Die Griechen beab- fichtigen, fich mit den Bulgaren zu vereint, ae« und mit diesen gemeinsam nach Äe« =
NieKmwnen vonTarabosch.
Momentbilder ans dem Balkankrieg.
(Von unserm Kriegs-Korrespondenten.)
Skutari, Anfang November.
Der Krieg fordert nicht nur Mut und Entschlossenheit; er verlangt auch Selbstver. leugnung und Ausdauer im Ertragen fast un. möglich scheinender Strapazen. Nach tagelan. gen Fußmärschen ist endlich das Hauptquartier der montenegrinischen Arme« unter dem Befehl des General Martinowitsch (der die tür. kilsche Bergfeste Tarabosch belagert) erreicht. Fünf Tage Eilmarsch in Kriegszeiten zermürbt den stärksten Körper und ich war glücklich, als die Offiziere mir „ihre besten Betten" anboten. Sie waren allerdings nur verhältnismäßig di« „besten", denn es hanMs^ich um Schlafstätten in ... einem türkischen Stall«. Allein Gene, ral Martinowitsch selbst mit seinem Stabe muß auch mit einem Heuboden vorlieb nehmen. Die ganze Nacht hindurch brüllten die Kanone« in Abständen von halben Stunden und schleuder, ten ihre Geschosse gegen das eiserne Antlitz des Tarabosch. Die Leute legten sich um sieben Uhr abends zum Schlafen nieder, und gegen Mittel, nacht erhoben sie sich wieder. Di« wacklige Tür des Stalles ging fortwährend auf und zu, wenn ausgeruhte Kämpfer hinausgingen und ermüdete herelnkamen. Von dem Heuboden des Generals hörte man ununterbrochen daS Ticken des Telegraphen. Ich fühlte mich nicht wenig schuldbewußt, Weil ich gegen das ausdrücklich« Verbot des Generals Martinowitsch bis zur Front vorgedrungen war. General Martinowitsch begrüßte mich jedoch mit freundlichen , Worten und bedauerte, mich nicht besser bewtr. ten zu können: Das war die Eröffnung des Gespräches, dem ich mit Besorgnis entgezenge- fehen hatte. Martinowitsch ging am frühen Morgen auf einen Hügel innerhalb des
Bereichs des feiudltche« Feuers.
Vor uns hob der mächtige Tarabofch sein k». nonenbesetztes Haupt empor. Etwa drei Kilometer entfernt, zwischen uns und ihm lag in dem großen Tale eine kleine Erhebung, deren Seiten mit den grauen Zelten der Montenegriner besetzt waren. Rechts von uns lag in einer langen Linie di« tödlich« Kett« der montenegrinischen Geschütz«, wegen derer ich gekommen war. Von Minute zu Minute dou. netten die türkischen Kanone«, und die Geschosse schlugen hinter uns ein. General Mar. tinowttfch stand auf dem höchste« Punkte deS Hügels, das Feldglas in der Hand, und sprach mit General Potapoff. Die beiden Gestalten hoben sich deutlich ab. Zu deutlich, den« ein paar Augenblick« später gingen «in paar tür. kifche Geschosse nieder, die Erde und Steine zweihundert Meter von dieser Stelle «ntfernt austvühlteu. Ich wäre gerne zu den Erdaust. Werfunzen gegangen, hinter denen ans dem nächsten Hügel die montenegrinischen Geschütze standen Auf meine Bitte sah mich General Martinowitsch einen Augenblick an und ftagte ernst, ob ich mein Testament gemacht hätte. Ebenso ernst antwortete ich, man würde «S t» meiner Tasche finden, und hierauf sagt« eu „Wenn Sie wirklich gehen wollen, gehen Sw. hin." Von der montenegrinischen Arttllerie und ihrer Tätigkeit gewinnt man den beste» Eindruck. Neun Offizier« und Gemein« bedienen jedes Geschütz. Um jeden Erdaufwurf herum sind
tiefe Löcher im Bode» und an einer Stell« zeigt ein zerfetztes Loch mit Blufflecken, wie die deutsch geschulten ««•. lisch en Kanoniere zu schießen verstehen. Em montenegiinffcher Art:! st, der gerade ans Montana in den Vereiu.grcn Staaten hem^e- kommen ist, erkennt d e Schußsicherheit bei Türken mit lobenden Worten an, wobei er sich einer amerikanisch klingenden Sprache bedient. Hinter den Erdaufwiirscn herrscht aber ein merkwürdiges Leben, man raucht Zigaretten, man scherzt «nd lacht. Besehle^werden
I te^KorrM hin und her «-schickt, dre OMrrre
stantinopel vorzudringen. Die Kommandanten der vor Konstantinopel liegenden ans. ländischen Kriegsschiffe find überein gekommen, sofort zur Beschießung der Stadt zu schreiten, sobald die geringste Gefahr für das Lebe« der Europäer vorliegt.
Der Kampf um Tfchataldscha.
(Privat-Telegram m.)
Rodosto, 9. November.
Die Bulgaren führen, gestützt auf die bereits gewonnenen Pofittonen, de« Angriff aus die hügelige Linie der Tschataldscha-Linie mit Aufbietung aller Kräfte durch. Dir dritte Armee ist beretts in die Wälder am Der- kos See vorgedrungen, während die erste Ar. mex im Kampfe gegen die türkischen Hauptpofi- tionen östlich von Tfchataldscha steht. Bei der Einnahme von Strandza und dem verunglückte Borstoß bet Kapali Bunar nach Nord, osten haben fich furchtbare Szenen abge. spielt. Von drei Seite« durch die Uebermacht angegriffen, stürzten die türkische» Truppen in wilder Flucht nach Kapali Bunar zurück, wobei sie jedoch, noch ehe sie dieses erreichten, durch das bulgarische Artillerie- und Jnsante- rieseuer dezimiert wurden. Die bulgarischen Truppen sprengten durch ihre rücksichtslose Verfolgung alle Vorstöße Nazim Paschas. Adria, n o p e l steht unmittelbar vor der Kapitulation. Nachdem die Bulgaren nach siegreicher Zurückweisung des letzten große« Ausfalls eine dominierende Stellung aus der Nordwestfront Adrianopeks in Besitz genommen haben, ist jede wertere Verteidigung auSfichtslos.
Der Balkaubund gefährdet?
(Telegramm unsres Korrespondenten.) Budapest, 9. November-
Der Deputierte von Smyrna, Proftssor Paul Carolides, der aus der Reise nach Tübfirgen in Budapest kurzen Aufenthalt nahm, äußerte sich Ihrem Korrespondenten gegenüber über die Niederlage der Türken, es beständen für Bulgarien und Serbien große Schwierigkeiten» die ein Weiterbestehen des Balkanbundes gefährde« könnten. Rach der heutigen Kriegslage würden bei der Erweiterung des bulgarische« Gebietes etwa eine Million Grieche« unter die Herrschaft Bulgariens kommen. Weiter sei zu berück- sichffgen, daß Konstantinopel von vierzigtau send Griechen bewohnt sei, sodaß es «W von Bulgarien besetzt werden dürfe. Aber vielleicht kömtte Konstanffnopel die Hauptstadt des Balkanbundes werde« oder unter internationaler Garantie neutral bleibe«. Wie aus Wien hierher berichtet wird, hat Oester, reich der serbischen Regierung bekannt geben lassen, daß die österreichffch-ungarische Regierung die Besitznahme der eiNgenom'.nenen Gebiete nur bis Prizrend zulasse und wenn es nötig fein sollte, diesem Verlangen durch Waffengewalt Geltung z« verschaffen wissen werde.
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Tousendjahr-PrSludien.
^Plakat-Wettbewerb und Casseler Festspiel.
Wir stehen, hoffend, sorgend und bangend, tot Zeichen der Jahrtausend-Feier, Md di« Zeit, da Chassala mit dem Lorbeer tausendjährigen Seins umkränzt w«rden soll, nickt immer näher. Es ziemt sich also, des Festes vürd'g« Feier sinnig zu bereiten. An Mühen, Fdeen und Plänen ist uns in den letzten Monden mancherlei Achtenswertes voffs Auge geführt worden, und man darf die Hoffnung hegen, '»aß trotz der Beschwerlichkeit deS Wegs zum Erfolg bis zum Vorabend des Fahrtausendtags eine Gesamtleistung zustande kommen wird, die nicht nur im engem Heimatkreis, sondern auch außerhalb der Grenzen des Hes- fenlands um Beachtung und Anerkennung werben darf. Voraussetzung ist allerdings, daß die vorbereitenden Arbeiten Mr Tausendjahrfeier in ein bestimmtes System «ingeordntt und khr« Anlage und Ausführung von Gesichtspurck. ten bestimmt werden, di« dem Begriff und dem Berständnis der Oeffentlichkeft nicht fremd und fern bleiben. Mit der Enttäuschung, daß das Geschichtwhrk über die ersten tausend Jahre Casseler Schicksal am Tag der Tausendjahrfeier Chassala nicht tit der ursprünglich gedachten vollendeten Form als Angebinde überreicht werden kann, hatten wir uns bereits abgesun- den, von der Erwägung bestimmt, daß „gut* Ding Weil« fordert"; was indessen aus dem Plakat-Wettbewerb an Kümmernis, ''Dürftigkeit und scherxhaft-tragischer Verwirrung emporgewachsen, hätte uns doch besser er- fjwrt bleiben sollen. Es ist von berufner Seite hier beretts gesagt worden, was künstlerisch- kritisch über die preisgekrönten Oelfarben- , Attentate auf Chassalas tausendjährig«« Ruhm sau sagen war, und «s erübrigt sich nur noch, der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß di« neue Konkurrenz (deren Notwendigkeit wohl nirgend bestritten wird) uns ähnliche Trübsal erspart. Man könnte sonst geneigt sein, am tausendjährigen Glück der Fuldastadt zu verzweifeln.
Kunst und... „Kunst"".
Es ist gesagt worden, di« «xtravagaut- scherzhafte Lann« des Preisbewerb Schicksals bei der Plakat-Konkurrenz sei in der Hauptsache dadurch bestimmt worden, daß im Kollegium der Preisrichter Laien und Kunst- Kundige direkt entg«genges«tzt« Auf. fassungen in der Schätzung der einzelnen Arbeiten offenbarten, sodaß ein« Harmonie der Utte'ile undenkbar gewesen sei. Don der rühmlich bekannt gcwordne« Farben Symphonie, di« ein witziger Mitbürger als Meistertat eines ekstatisietten Futuristen bewunderte und die demgemäß denn auch mit einem Preis gekrönt Ward, hatte (um ein Beispiel anzuführen) ein Laien-Mitglied des Preisrichter-Kollegiums kurz, bündig und wohl auch nicht ganz unzutreffend behauptet: Das Wunderwerk sei „Kuddelmuddel". Wenn ein Lai« in der Kunst Kuddelmuddel erblickt, schaut das schärfte Auge des Kunstverständigen vielleicht die geniale Ausprägung vollendeter Meisterschaft, und man darf also annehmen, daß möglicherweise auch in dem Gewirr der ttieinanderffutenden Fahnentücher und in dem düstern Raffel des sagenhaft . ftemden, getürmten und gekuppelten Stadtbilds das Geheimnis begnadeter Kunst fich offenbart, deren Eigenart nur deshalb nicht
fesselt, weil ihr Wollen dem Beschauer immer nur als großes Fragezeichen «rscheiut. Der Plakat-Wettbewerb war von künstlerischen Erwägungen bestimmt; künstlerische Wertung mußte auch über den Erfolg enffchei- den: Aber Kunst ist doch schließlich kein Räffel, sondern «in Begriff, und Begriffe sollte man nicht so formen und interprefteren, daß sie ... unbegreiflich werden!
Das Casseler Festspiel.
vielleicht gelingt nun der zweiten Ron. kurrenz, was der erste« nicht gelungen: Die Schöpfung eines Werks, das, der Ideenwelt der ParKmerie-Plakat-Jndustrie entrückt, in künstlerisch-vollendeter. erkenutnisklarer Form Ca selS TausendjahrJubiläum versinnbildlicht ohne schlichten Bürgersinn und bescheidnes Laien. Urte« vor unlösbare Deutungrätsel zu Minzen. Und bei dieser Gelegenheit erinnert man sich wohl auch (ermuntert durch die eben erst erlebt« Enttäuschung) des andern Wettbewerbs, der die Schaffung eines h i st o r i. scheu Festspiels zur Tausendjahrfeier be. zweckt. In den Dezembertaz«n läuft die Frist zur DeteUigung an der Konkurrenz ab und abermals wird ein Preisrichter-Kollegium aus Hunderten von Arbetten Diejenigen auszuwäh. len haben, di« Cassels Ruhm und Vergangenheit in glücklicher JdeemSormuna vereinen.
Der gestrige Tag hat den Tutten einen neuen schweren Schlag gebracht: Ihr zweiter Hauptplatz auf dem europäischen Gebiet, Saloniki, ist gefallen, und der gttechische Kronprinz ist gestern in Saloniki an der Spitze einer Truppen eingezogen. Unaufhaltsam ttingt das bulgarische Ostheer in die Tscha- taldscha-Fotts ein; auf dem linken Flügel haben sie die Fotts bei Delijana, also am Derka- See, besetzt, und auch auf dem rechten Flügel rücken sie stetig vor. In kurzer Frist also kann Konstantinopel mit seinen wenigen Fotts offen als letztes Ziel vor den Bulgaren daliegen. Wir verzeichnen folgende Draht-Mtt- dungen:
Kampf bis zum Aeußerste«!
(Privat-Telegramm.)
Konstantinopel, 9. November.
Hier herrscht voMommene politische Zerfahrenheit. Der Großwesir bat die Settreter der Großmächte, de» Einmarsch der Bulgaren i« Konstantinopel um jeden Preis zu verhindern. Diefe konnten natürlich nur eine ausweichende Antwort erteilen. Sie erklärte«, daß ihre Regierungen nicht dafür garantieren könnten, daß die Bulgaren nicht in die türkische Hauptstadt einrücken. Die von ihnen btt der Regierung geltend gemachten Forderungen zum Schutz der Europäer sind inzwischen getroffen worden. DaS Komitee für Einheit und Fortschritt, das durch verschiedene inattive Offiziere imtett^tzt wird, hat die Regierung ersucht, die Ber.eidigung der Stadt bis zum Aeutzersten durchzuführen, die Kiamil Pascha jedoch für unmöglich hält. Wie es heißt, soll die Linie bei Tschataldscha nur noch einige Tage dem Ansturm der Bulgaren standhaften können, sodaß beretts am M o « t a g die Biffgaren vorden Tore« Konstantinopels erscheinen dürfte«.
Athen, 9. November.
3« Saloniki wurde gestern eine griechische Verwaltung mit einem Mi- litärgouverneur eingesecht. Der König wird am Sonntag in Saloniki seinen feierlichen Einzug halten und an diesem Tage wird auch Prinz Arsen von Serbien mit der serbischen Kavallerie erwartet.
Konstantinopel, 9. November.
ES verlautet, dass die Bildung einer neuen Regierung der nationalen Verteidigung bevorsteht, die einen völlige« Kurswechsel i« der äußeren Politik bedeuten würde. Man erwartet den Rücktritt des Großwesirs Kiamil und die Berufung des Deutschenfreundes Mahmud Schesket Paschas zum Großwesir.
Im Anschluß an vorstehende Meldungen wird uns aus Konstantinopel depeschiett: Die Verwirrung hat jetzt in der Haupfftadt den Gipfelpuntt erreicht. Der Großwesir hat die Botschafter beschworen, unter allen Umständen den Einmarsch ber Bulgaren in Konstantinopel zu verhindern. Die Botschafter haben darauf ausweichend geantworttt. Die Minister erklären, daß sie keine Berantwottung übernehmen für den Fall, daß die Bulgaren die türkische Haupfftadt betreten. Dem Eintreffen der fliehenden Truppen in Konstantinopel steht man überall mit der größten Be- orgnis entgegen.
Aufruf zum heiligen Krieg!
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Konstantinopel, 9. November.
Nach Schluß des gestttgen Ministerrats hat ber Scheich Uel Islam, der oberste Pttester der Tütten. hie Pttester aufgefordett, sich «ach der Tschataldscha-Linie zu begebe« und die glau- benSttenen Soldaten zum heiligen Krieg auszufordern. In der etwa hunderttausend Mann statten tückische« Armee, die die Tscha- taldscha-Pofftionen besetzt hat, solle« sich nur wenige Christen befinden und diese schweben andauernd in Lebensgefahr. Täglich treffen Tausende von mohammedanischen Frtt- willigen aus der Hauptstadt und aus Klttnasten btt de« regulären Truppen ein, deren Erbitterung lttcht zu einer neuerlichen Offensive führe« kann. Die Pforte ist über die Zurückhaltung der englffchen Regierung, die nicht ttnmal Konstanffnopel in Schutz nimmt, sehr erbittert und eS heißt, daß Kiamil Pascha zurücktreten und an feiner Stelle eine Militär- Diktatur ttngefühtt werden wird. Der Effettivbestand der tückische« Betteidignngsar- tnee wird auf hundettzwanzigtausend Mann gefchätzt. Es wird auf einen längeren Widerstand gerechnet.