Einzelbild herunterladen
 

Casseler Neueste Rachrichte«

Dienstag, 22. Oktober 1912.

t": Eine Mainzer UrauMbrung. Im Stckbft Gea-ter in Mainz erlebte am Sonnabend das

Bataillon vollständig aufgerieben worden ist. Bei Propolatz wurden die Selben mit empfindlichen Verlusten über die Grenze zu- rüügeworfen. Laut Blättermeldungen erlitten auch die Montenegriner bei Vatttjabac, welches die Montenegriner dreimal angriffen, schwere Verluste und wurden ebenfalls zurück­geworfen. Ein Offizier und achtzig Soldaten wurden hierbei gefangen genommen. Der bulgarische Vormarsch auf Adrianopel wurde gestern fortgesetzt. Erst vor dieser stark befestigten Stadt dürfte es zu ernsteren Zusam­menstößen kommen. Die Türken werden durch hinhaltende Gefechte den Gegner a u f z u h a l - ten und so Zeit zu gewinnen versuchen. Trotz­dem wird hier befürchtet, daß es der bulgari­schen Ostarmee gelingen könnte, vor dem Ein­treffen der türkischen Verstärkungen bis dorthin vorzustoßen, denn das bulgarische Aufgebot ist weit stärker, als in Europa vermutet wird. Das konzentrische Vorgehen von den drei Aufmarsch- punkten wird offenbar mit äußerster Energie betrieben und man hat mit nahe bevorstehenden entscheidenden Kämpfen zu rechnen.

Die Griechen in Elassona.

(Privat-Telegramm.)

Athen, 21. Oktober.

Nach vierstündigem Kampfe hat die grie­chische Armee die Türken aus ihren sehr starken Stellungen vor Elassona vertrie­ben und die Stadt eingenommen. Der Kron­prinz führte persönlich das Kommando. Sein Sohn empfing die Feuertaufe. Die griechischen Verluste sind angeblich unbedeutend. Der Sieg ist in Athen bereits festlich begangen, worden. Es fand dort in der Kathedrale am Sonntag zum Dank für den Sieg des Heeres eine f ei e r- liche Messe in Gegenwart des Königs und der Vertreter von Bulgarien, Serbien und Ita­lien statt. Die türkischen Stteitkräfte bei Elas­sona betragen neuntausend Mann mit sieben Geschützen, die von den Griechen erbeutet wur­den. Fünfzig türkische Soldaten wurden ge­fangen genommen. Vierzehn verwundete Grie­chen wurden nach Larissa eingeschifft. Der Kronprinz hat sein Hauptquartier in Elassona aufgeschlagen. Der Hauptwiderstand der Tür­ken vor Sewia wird bei den Engpässen der Porta Petra erwartet, wo etwa vierzigtausend Mann konzentriert sein sollen. Regenwetter er­schwert den Vormarsch der Griechen erheblich.

Sieg oder Niederlage? (Privat-Telegram m.) Podgoritza, 21. Oktober.

Gestern nachmittag traf hier die Nach­richt ein, daß Gussinje in die Hände der Montenegriner gefallen sei. Gestern abend nahm die montenegrinische Nordarmee unter General Bukotitsch nach heftigem Kampfe die Festung Plava, während die Südarmee unter General Martinowitsch Tarabosch von drei Seiten zu blockieren begann. Ein weiteres Te­legramm berichtet über den angebliche,. Erfolg der Montenegriner: Der gestrigen Einnahme von Gussinje ging am neunzehnten Oktober die Besetzung der Stadt Plava voraus. In Gus­sinje standen 15 000 Mann türkischer Truppen. Die Christen von Bcrane wurden zu sieben Bataillonen unter dem Kommando montenegri­nischer Offiziere formiert. In Berane ist eine montenegrinische Verwaltung eingeführt Wor­ten... Demgegenüber melden Depeschen aus Rom: Aus Cetinje wird bestätigt, daß die Montenegriner gestern eine Niederlage er­litten haben. Die Türken sind in montenegri- nisches Gebiet eingedrungen. Infolgedessen ist

ans montenegrinischer Seite die «ngttfisbewe- gung vorläufig eingestellt worden.

im Zoologischen Garten. Dem Festmahl wohn­ten Minister und Staatssekretäre, Vertreter der Parlamente, der Kunst, der Wissenschaft und der Presse bei. Staatssekretär Delbrück sprach in längerer Rede über Ziele und Aust gaben der Presse.

Filmdichter" und Darsteller Adalbert Musen- sett, der einen FilmNapoleon und die Mül- lerstochter" ersonnen, die Geheimrats- alias Müllerstochter und der sächsische Reichstagsab- geordnete Friedrich August Käsebier die Haupt­rollen. Die Musik ist recht lustig und durch ge­schickt geänderte bekannte Melodien der Be­deutung deshistorischen" Moments angepaßt Das Publikum nahm die neue Posse mit über­aus lebhaften Beifall auf.

Die erste internationale Ausstellung für Buchgewerbe und graphische Künste Für die erste internationale Ausstellung für Buchge­werbe und graphische Künste, die 1914 in Leip­zig stattfinden soll und die größte Spezialaus­stellung werden wird, die jemals veranstaltet wurde, wird ein Garantiefonds von zwei Mil­lionen Mark aufgebracht werden. Das Protek­torat hat der König von Sachsen übernommen. Es haben sich bereits achtundzwanzig Arbeits­ausschüsse gebildet, denen die besten Namexc aus der Buchgewerbe-, Buchhändler- und Kürist- lerwelt angehören. Fast das gesamte Ausland hat seine Beteiligung zugesagt.

Die Ehe der Saharet geschieden! Vot dem Ehescheidungsgericht in London setzte gestern (wie Depeschen aus London berichten) Frau Clarice Rosen stamm, die unter dem Theaternamen Sabaret als Tänzerin bekannt und berühmt geworden ist. die Ehescheiduna ge­gen ihren Mann, den Theateragenten Isaac Rosenstamm (genannt Ike Rose), durch, der sie nach den Angaben der Klägerin mehr und mehr vernachlässigte und schließlich nicht mehr zu ibr zurückkehren wollte. Die Ehe war im Jahre 1896 in Brooklyn geschlossen worden.

Interessante archäologische Funde in Südrußland. In Südrußland ist jüngst von zwei Bauernknaben ein interessanter archä­ologischer Fund gemacht worden, der weftvolle Aufschlüsse zur sassanidiscben und bvzantiniichen Kunstgeschichte liefern dürste. Die Gegenstände sind in das Museum der Kaiserlichen Eremi­tage nach Petersburg gebracht und von dem Archäologen N. Nakarenko untersucht worden. Ter bloße Goldwett des Fundes wird auf 20 000 Rubel geschätzt. Die Goldarbeiten stam­men aus dem fünften bis siebenten Jahrhun­dert nach Christo. Außer vielen Schmuckgegen­ständen, Arm- und Halsbändern, Ringen und dergleichen befinden sich unter den Fundsachen Becher, Trinkhörner und Schalen.

SchauspielOberst Fest" von K >i st e n m a k e r in der UebeMtzung von Erich Motz, seine deutsche U.riaufführung. Die Hauptfigur des Schauspiels, ist der Oberst Felt, der große Wechfelvephindlichkeiten eingegangen ist und nun von einem gewissen Podolski angegangen wird, ihm militärische Geheimnisse zu verraten In seiner Wut erwürgt Felt den Podolski; sei­ne Tat wird jedoch als ein Göbot patriotischer Pflicht hingestellt. Die Aufnahme des theatra­lisch wirksamen Dramas, das literarisch aller­dings nicht hoch zu bewerten ist, war recht bet- fällig.

t£i Prinzessin Eitel Friedrich als Künstlettn. Die Prinzessin Eitel Friedrich hat im Kunstver. lag der Firma Raphael Tuck and Sons in Ber­lin zwei aufs sorgfältigste c-usgestattet« Ka­lender für das Jahr 1913 erscheinen lassen, die mit Reproduktionen nach Original-Aquarellen der Pttnzessin geschmückt sind. In diesen Ar­beiten zeigt sich die Prinzessin als eine ge­schickte Malierin, die die Technik der Aquarell­kunst mit Ernst handhabt. Der Wett der ein­zelnen Kalenderblätter wird dadurch noch er­höht, daß ihnen die Prinzessin von ihr selbst verfaßte Verse sowie Gedichte der Prinzessin Feodora zu Schleswig Holstein bei gegeben hat Der Reinertrag aus dem Verkauf der Kalender ist für wohltätig« Zwecke bestimmt.

Ä Rudolf HerzogsHerrgotts-Musikanten". Wie uns aus Karlsruhe berichtet wird, wurde im dottigen Hostheater am Sonnabend abend Rudolf Herzogs vieraktiges Lustspiel Herrgotts-Musikanten", das bei der Urauffüh­rung in Hamburg unter verschiedenen hemmen, den Zufälligkeiten zu leiden hatte, zum ersten Male in der vom Dichter selbst gewünschten Form gegeben und mit von Aft zu Ast steigen­dem Beifall ausgenommen. Rudolf Herzog wurde nach den Aktschlüssen oftmals gerufen Die Darstellung durch das Schauspieler-En­semble war ausgezeichnet.

FUmzauber.Kulissenzauber" hieß ein Milieustück, als das Theater noch die große Mode war:Film za über" nennen Rudolf Bernauer, der «ine Direftor desBerliner Theaters" und Rudolf Schauzer (bei der Arbeit stets Bernauers siamesischer Zwilling) ihre neue vieraktig« Posse, die am Sonnabend imBerliner Theater" recht erfolgreich gesvielt wurde. In der Posse ivieleu der geniale"

Sie Politik der Tages.

Der Kaiser «nd sein Ahnherr.

(Telegraphischer Bericht.)

Wilhelmshaven, 21. Ottober.

In Wilhelmshaven sand am Sonn­abend in Gegenwatt des Kaisers die Ent­hüllung des Coligny-Denkmals statt, bei welcher Gelegenheit der Kaiser eine Rede hielt, in der er seines Ahnherrn, des Admirals Coligny, gedachte. Er fühtte dabei aus:Von Hamburg kommend, von einer Feier von über- wältigender Großattigkeit, einer Kirchweihe, die krs gesamte Hamburger Volk zu einem natio­nalen Fest und zu einem nationalen Feiertag versammelt hatte, bin ich hierher geeilt nach Wilhelmshaven, um das Standbild des großen Hugenottenführers, des Admirals Gaspard de Coligny, zu übergeben. Coligny war ein tapferer Kriegsheld. Er hat feinem Landesherrn die Treue gehalten, die er ihm geschworen hatte, und ibm Stabt und Festung gerettet. Er war ein Beispiel von kriegerischer Mannhaftigkeit und Tapfetteit. Aber noch mehr. Er war nicht nur ein Kttegsheld, son­dern er war auch ein G l a u b en s h e ld. Als Führer der Hugenotten, die ihres Glaubens we­gen schon damals viel zu leiden hatten, hielt er fest bis zum letzten Atemzuae die Treue feinem himmlischen König, und als er in der Schrek- kensnacht von St. Bvttholomä dahin sank, vorn Mordstahl getroffen, gewann er nock seinen Versolgern Respekt ab durch die Art, wie er im Sterben kühn mit dem Leben abschloß, ein Opfer seines Glaubens. So wurde er in jener Nacht, die stets einSchandfleckdesChri- st ent ums bleiben wird, ein Märtyrer, jahr­aus, jahrein komme ich hier nach Wilhelmsha­ven. um bett Rekruten vor Augen zu haften, daß bie T r e u e z u m K ö n i g nur auf dem Boden wachsen kann, wo der Glaube herrscht und bie freudige Begeisterung im Glauben an die Persönlichkeit unseres Herrn.

Die nationalliberale Jugend.

(Telegraphischer Bericht.)

Frankfurt a. M., 21. Oktober.

Unter außerordentlich zahlreicher Beteili­gung von Delegierten aus allen Teilen des Reiches tagte hier gestern die vierzehnte or­dentliche Vertreterversammlung der na­tionalliberalen Jugend. Der Ver­bands - Vorsitzende, Reichstagsabgeordneter Rechtsanwalt Dr. Kauffmann begrüßte die er­schienenen Vertreter und Ehrengäste und be- tonte, daß das Gesühl der Zusammenge­hörigkeit und die Verehrung des bewähr­ten Führers Basser mann Alt und Jung zusammenhalte. In dem politischen Vorstands­bericht wird einleitend betont, daß Basser- manns Polttik Wester geführt und durchgesetzt werden müsse, da der schwarz-blaue Block trotz der erlittenen Schlappe seine Wege unbeirrt weitergehe. Auch in Zukunft müsse der Li­beralismus bei den Wahlen einig zusammen­halten und ein Zusammengehen mit dem Fort­schritt sei umso eher möglich, als dieser sich immer natinonalliberaler zeige. Der zweite Re­ferent, Dr. Stillich-Berlin, behandelt« das ThemaLiberallismus und Sozialismus". Er ging hierbei auf die grundlegenden Unterschie­de ein in der Auffassung von den Zielen, denen die wirtschaftliche Entwicklung zusteuett. Der Liberalismus habe seinen großen Anhang ver- loren, weil er sich nicht genügend mit sozialem Geist erfüllt und mit seiner früheren Weltan- ichauung Bankerott gemacht hab«.

Fünfzig Jahre Verein Bettiner Presse. Der Verein Berliner Presse feierte gestern fe rn fünf- zigjährizes Jubiläum mit einem Festmahl '

Neuer vom Zaae.

- (Depeschen der Casseler Neuesten Nachnamen.) ' ~ Aus der Irrenanstalt entflohen. Wäh-

re-nb der Besuchszeit in der städtischen Jrrenan- ' statt Buch bei Berlin verstanden es drei geiftes- kvanke Verbrecher zu entfliehen. Der Gefähr­lichste der drei Entkommenen ist von den

Streifzügen derSpreepiraten" bekannt, die an ' der Obevspree und am Müggelsee die Sommer- wirtschaften vom Wasser aus aufsuchten und sich vor keiner Gewalttat scheuten. Bislang fehlt jede Spur von den Flüchtigen.

ix Großfeuer in einer Schuhfabrik. Die Er­furter Mechanische Schuhfabrik A.-G. in Er­furt wurde in der vergangenen Nacht von einem großen Schadenfeuer heimgesucht. De: Hauptarbeitsraum, in dem sich die Maschinen und große Lager halbfertiger Schuhe befanden, brannte vollständig aus. Auch der Dachstuhl wurde zerstött. Der Brandschaden ist sehr be­deutend. Die Entstehungsursache des Feuer- tst noch unbekannt.

Wieder ein Eisenbahnunfall! Infolge Nichtsunktionierens der Weiche fuhr ein Zug der Räthischen Bahn statt in den Mlbuna-Tun- nel gegen bie Stirnwand des Tunnels. Die Lokomotive wurde zertrümmert, das Lokomo- tivpersonal ist schwer verletzt worden. Unter den Passagieren des Zuges entstand eine furcht­bare Panik. Erst als sie sich davon überzeugt hatten, daß der Unfall verhältnismäßig glimpf­lich ab gelaufen war, beruhigten sie sich.

~ Ein Zusammenstoß zwischen Auto und Pettonenzug. Gestern abend durchbrach das zwischen Grebenau und Alsfeld in Oberheffen verkehrende Personen-Auta infolge zu schnellen Fahrens die Eisenbohnbarttere bei Alsfeld. In demselben Augenblick kam ein Per­sonenzug aus der Richtung Gießen herange­braust. Trotzdem nun der Zugführer sofort bremste, konnte er doch nicht mehr Verbindern, daß das Auto von dem Zuge erfaßt und zer- trümmert wurde. Die sieben Insassen kamen mit dem Schrecken davon.

Ut Zwölf Millionen für die Armen. In Ostende starb eine alte Dame, Madame Nevt, bie, ba sie ohne Erben war. ihr ganzes Vermö­gen in Höhe von zwölf Millionen Francs den Armen vermachte, ohne irgend eine weitere An­weisung zu geben, in welcher Weise die große Summe verwendet werden soll. Die Stadtver­waltung bat das Vermächtnis angenommen: sie wird nach eigenem Ermessen über bie ansehn­liche Summe zugunsten der Armen verfügen.

~ Ein Intermezzo beim Hamburger Kaifer- besuch. Ein aufs«heuerregender Zwischenfall ereignete sich am Sonnabend bei der Einwei­hung der St. Michaels kircke in Hamburg. Als der Kaiser zur Teilnahme an den Einwtt- hungsfeäerittchkeiten vor der Kinde erschien, drängte sich ein Mann durch die Meng« und beschimpfte den Kaiser. Der offenbar Geistes­kranke wurde verhaftet und in das Hafenkran- kenhaus gebracht.

«r Von der eigenen Frau ermordet? Die Frau des Maurers Waldau in Jnster- burg wurde unter dem Verdacht, einen Gift­mord begangen zu haben, verhaftet. In ihrer Wohnung wurden drei Flaschen mit Salmiak­geist vorgefunden. Der Ehemann der Frau war plötzlich, ohne vorher ftank gewesen zu sein, im Krankenhause gestorben. Die Verhaf­tete beftreitet zwar entschieden, das ihr zuge- fchobene Verbrechen begangen zu haben, doch dürste sie bald der Tat überführt werden.

ar Gemeftisam in den Tod. In einem Haus« des dritten Bezirks in Wien wurde ein Lie-

Der neue Lshr.

. »DasPrinztp": Im Darmstädter Hostheater.

(Von unferm M itarb eiter.)

Darmstadt, 21. Oktober.

Hermann Bahr, der Dichter desKon- zetts", derGeschwister" und derWienerin- nen", der mit seinemTänzchen" nach dem Ur- tetl her Kritik ein wenig auf Abwege geraten war, hat mit feinem neuesten LustspielTas Pnnzip", dessen Uraufführung am Sonnabend tm Darmstädter Hoftheater stattfand, «inen schönen Erfolg errungen. Zwar war die Wirkung, bie bie Dichtung ausübte, nicht gleich stark wie seinerzeit die vomKonzert" aus­gehende, aber Publikum und Kritik sind sich doch darüber einig, baß Bahr mit feinem neue­sten Werke wieder etwas durchaus Eigenatti- ges geschaffen hat. Der Dichter entlockt dem Zusammenstoß des optimistischen Jbealisten mit der praktischen Vernunft der Wett Funken gol­digsten Humors, unter dem man den warmen Strom menschlicher Güte fühlt, die mit dem Kopf um all die Dummheit. Schwäche und Schlechtigkeit der Wett Bescheid weiß, mit dem Herzen aber nicht daran glaubt und aus dem Verstehen zu immer neuem Hoffen gelangt. Der Menschhttts- und Zukunftsgläubige Ex-Pastor Friedrich Esch vettritt bei der Erziehung der Menschen allein das Gärtnerprinzip:liebe­volle Pflege vorhandener Anlagen", nicht be­stimmende Willensbeeinflussung.

Sein Sohn trägt ihm in der stürmischen Naivität seiner siebzehn Jahre das Geständnis seiner ersten Liebe entgegen und er, der Vater, nimmt bas Verlöbnis des Primaners mit der Köchin Lene ernst. Wenn schon dies rasche Ein­gehen, auf den Plan des Jungen eine starke Un­wahrscheinlichkeit in die fein angelegte Figur trägt, so läßt der kundige Theatermänn Bahr nn zweiten Akt immer mehr karikaturistische Züge in sie hineinfließen, um die gewollte Stei­gerung unb Gipfelung der Handlung zu errei- Gen: Die Szene in der Küche Lenes, wo Vater Esch mit Frau Gertrud der völlig Ueberrasch- ten fernen Segen gibt. Nicht das fauste Wider- stteven der weltkunbigeren. aber dem Einfluß Wreg 3Ranneg unterworfenen Frau Gertrud bewahtt. Hans unb Lene vor solch kuttosem fon&ern ber gefunbe Instinkt des naiv- in ^aven Mabels, das der Verpflanzung m das tecicnSfrembc Milieu dock widerstrebt

Nr. 270. 2. Jahrgang.

erste offizielle Bulletin lautet: Sonnabend vor­mittag. Zwölf bulgattsche Bataillone haben bei dem Berge Obosschowja türkischen Boden betreten. Sarewoselo und Umaja wurden eingenommen und die Tütten zu- rückgeworfen. Die Türken versammeln sich bei Novropop. Das zweite SuCetin lautet: Di« erste bulgattsche Armee setzte ihren ersten Vormarsch gegen Saloniki fort. Das zweite Detachement geht auf Uesküb vor. Nach einer wetteren amtlichen Meldung haben die bulgarischen Truppen die Tütten bis zu den Befestigungslinien von Adrianopel zurück- gtt>rängt. Sie dürsten heute vor Adrianopel stehen. Beide Ufer der Matttza sind von den Bulgaren befetzt.

Die Blockade von Warna»

(Privat-Telegramm.)

Konstantinopel, 21. Oktober.

Die türkische Flotte hat die Blockade -er bulgarischen Küste bei Warna unb Burgas ausgeführt, lieber die Ereignisse vor der Beschießung von Warna, wohin sich am Sonnabend abend mehrere bulgarische Tor- pttwboote geflüchtet hatten, meldet der Saba, der türkische Kommodore habe den Komman­danten von Warna zur Herausgabe der Torpedoboote aufgefordert und ihm eine Frist gestellt, nach deren Ablauf die Stadt bombardiett würde. Hier eingetroffene Paffa. giere des DampftrsKarlsbad" des Oesterrtt- chifchen Lloyd erzählen, Warna werde von ma- zedonifchen Freiwilligen bewacht. Die Stadt sei abends nicht beleuchtet. Der Kanal zwischen dem Hasen und dem am Sttand gelegenen Dejsninskisee wird eifrig gereinigt, damit der im Hasen liegende KreuzerNadeschda" nöti­genfalls in Sicherheit gebracht werden kann. Das Leuchtfeuer von Galata Kap ist ausge­löscht. Das Kap selbst wird van Bulgaren befestigt.

Die Eroberung von Mustafa Pascha.

(Privat-Telegramm.)

Sofia, 21. Oktober.

Die Agence Bulgare (offiziöse Depe- fchen-Agentur) meldet: Die bulgarischen Trup­pen besetzten am Sonnabend um fünf Uhr nach­mittags die beiden Ufer der Matttza bei Mu. stafa Pascha und zogen in die Stadt ein, wo sie große Mengen Lebensmittel und Futter vottanden. Die Brücke über die Matttza, die von den Türken leicht beschädigt wurde, wird nichtsdestoweniger zur Passage für den Train benutzt. Der Bahnhof und die Telegraphen­station sind von den Tütten unbeschädigt ge­lassen worden. Die während des gestttgen Tags gegen Adrianopel operierenden Truppen trieben den Feind bis vor die Fortisikations- linie zurück und machten gegen hundert Ge- fangene. Die Truppen rücken in allen Siel- kungen vor, mehrere Höhenpositionen sind mit dem Bajonett genommen worden. Die Türken nahmen in den Dörfern bulgarische No­ta b e l n gefangen, für die sie Lösegeld ver­langen. In den Dörfern Batschevo, Sakurada, Dolno-Traglifchte unb Kaza-Pazlog wurden über vierhundert bulgarische Bauern geschlagen jmb mißhandelt.

Schwere Verluste der Serben?

(Privat-Telegramm.)

Konstantinopel, 21. Oktober.

Ruch hier eingetroffenen Meldungen haben die Serben bei Podujeven schwere Ber- l u st e erlitten und es bestätigt sich, daß ein

unb den Oberkellner Everbusch mit den reellen Absichten unb her sicheren Aussicht auf bie Etablierung bemStudenten" vorzieht.

Wenn der Autor die Verlobung auch von der andern Seite her lösen läßt, indem Hans (im britten Aft) das Geständnis einer neuen ebensolche Dauer versprechenden Liebe nach Hause bringt unb Lene deshalb alsbald ad acta legt, bedeutet das keinen verstärkenden Zna, sondern nur «inen Theatercoup auf Kosten ber Wahrscheinlichkeit. Soll nun der Menschenqärt- ner wirklich nicht wagen dürfen, in vertrauen­der Hoffnung die jungen Pflanzen nach Trieb und Neigung sich entfalten zu lassen? In einer Nebenhandlung ernsterer, feinerer Art gibt Bahr auf diese Frage eine bejahende Antwort. Die Schwester Hansens, die scheue, sensitive Luz. liebt den kindlich-gottaläubiaen Gärtner- burfdjen Peter, einen schwärmerischen Jünger Meister Eschs,ein Stück Natur". Beide fliehen aus dem Hanse, aber die Motive und die Att der Flucht rechtfertigen Eicks Pttnziv ber to­lerierenden Liebe, das schließlich den Sieg über die Philistervernunft des Onkels Kreger behielt. Btt der Darmstädter Uraufführung, ber auch der Großherzog beiwohnte, zeichnete sick vor allen Fräulein Goth« als Lene und Herr Nürga als Oberkellner Everbusch aus. Auch ber Peter des Herrn Westermann, ber

T . c- Herrn Schneider unb di« Luz des «rauiern Art! waren prächtig. Dagegen waren die Rollen des Pastors a. D. Eick u"b ferner Frau Gettrud nickt aut beseht. Da« Vubttkum spendete nach den Aktschlüssen lebhaften Bei- ". -X^2-

Hermann Bahr's Memoiren.

Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, hat Hermann Bahr mit der Niederschrift sei­ner Lebenserinnerunqen beaonnen. Da Hermann Bahr, «in moderner Ahasver in den jetzt neunundvierzig Jahren seines Lebens einer unendlich großen Zahl bedeutender Per­sönlichkeiten begegnet ist. mit vielen enge Be­ziehungen hat und unterhält und sick immer mit einer bewunderswerten Lebhaftigkeit in die Kämpfe des Tages gestellt hat. darf man von seinen Memoiren eine Fülle interessanter Ausschlüsse erwarten.