Einzelbild herunterladen
 

COler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

2. Jahrgang.

Nummer 268,

Sonnabend, IS. Oktober 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Fernsprecher 951 und 952.

SU SofTtUt SieuelUB 5!ad>rtdjten erfd) einen wöchentU» fedjemal and zwar abend» Der ebetmementärireV beträgt monaklick M Sf» bei freier guft-llaag tn» 6eu» BeNellungev «erde» lebetieU nee »ei ®ef<6äft»fieae ober den Boten entgegengenommen. Druckerei, «erlag nu 8teb«ttte»; SchiockrtKokNrab» 28/80 Sprechstunden der Redaktion nur non 1 bl» 9 Uhr »ad; mittag« Sprech Kunden der «UiMunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von «di» 9 Udr abend« Berliner Vertretung: SW. Friedrichs! r 16, Telephon: Amt Morlhplad 676

fein und sicher nicht geeignet, der Politik Kräfte zuzuführen, die über's Durchfchnittmaß hinaus­reichen und deren Jdeenkreis am nieder« Ge­bälk der Partei-Interessen hart anstößt. Sollte es nicht möglich fein, unser politisches Leben mehr zu individualisieren und denRah- men persönlicher Betätigung für emporstrebende Kräfte so zu erweitern, daß auch der Nicht- Nur-Programm-Politiker der politischen Mit­arbeit im Kreise ernst-strebender Männer Ge­schmack abzugewinnen und seine Kraft gern und freudig dem Dienst der Volkgesamtheit zu wid­men vermöchte? Unser Parlamentarismus und unsre Diplomatie könnten dadurch sicher nur gewinnen, und man würde dann vielleicht auch eines Tags wieder überragenden Köpfen im öffentlichen Leben begegnen: Persönlich­keiten, an deren Höhe der Durchschnitt fich emporranken könnte. Es war eine der hervor­ragendsten Fähigkeiten des ersten deutschen Kanzlers, daß er's verstand, für die Ausfüh­rung seiner Pläne die rechten Männer zu finden und zur geeigneten Zeit alle Kräfte zur Höchstleistung anzuspannen. Unter seinen Nach­folgern ist diese Regel in Vergessenheit geraten; wenigstens hat es die nachbismärckische Zeit bisher nicht vermocht, einen Nachwuchs von Persönlichkeiten heranzubilden, deren Stiftung« kraft für die Zinnen höchster Verantwor­tung ausreichet. Dürfen wir nun in Lich- nowsky den Ersten unter den Männern be­grüßen, die dieneue Strömung- zur Höhe der Tatmöglichkeit emportragen foll. . .?

F. H.

einen entsprechenden Antrag stellen. Hoffentlich genügen alle diese Maßnahmen, um die Wir- hingen der Fleischteuerung in Cassel zu mil­dern und ihre Schäden zu beseitigen! »nn.

breck dürfte bereits in den nächsten Tagen in Berlin eintreffen, und in Kolonialkreisen ver­lautet, daß die Reise den Zweck habe, das Reichskolonialamt über die Vorgänge in Deutch-Südwest zu informieren. Amtlich ist ja bisher über die Ereignisse in Südwest nur das unumgänglich Nötige bekanntgegeben worden.

Belgrad, 18. Oktober.

Die serbische Regierung hat gestern nachmittag «m sechs Ahr der hiesige« türkischenGesandschaft die Kriegser, kl S r «n g übermittelt und z« gleich ihre« Gesandten in Konstantinopel ange­wiesen, bei der Pforte das Gleiche z« tun. Die Kriegserklärung wurde als­bald den Mächten notifiziert.

Sofia, 18. Oktober.

König Ferdinand ist gestern nach­mittag ins Hauptquartier abgeretst und dort inzwischen eingetroffe». Ma« nimmt an, daß gestern abend noch das Manifest verlese« wurde, das de« Krieg mit der Türkei verkündet. Der bulgarische Gesandte in Konstan­tinopel ist gestern abend zurückberufe« Worden und sofort abgereist.

Konstantinopel, 18. Oktober.

Der serbische «nd der bnlgarische G« sandte begaben fich noch gestern abend an Bord des rnmänischen Dampfers, der heute abgeht. Der griechische Ge­sandte erwartet noch die Aufträge sei­ner Regierung aus Athen, da eine Kriegserklärung seitens Griechenlands bis zur Stunde nicht vorliegt. Die Entscheidung steht bevor.

JnsertlonSprels«: Di« ftchrg-fpaUtn« Zeil« für einheimisch« Geschäft« 16 Pfz., für eu». tcärttge Inserat« 25 P?., Rellamezell« für einheimisch« Geschäfte « Pf. für auswärtige Geschäfte 60 Psi Beilagen für di« Gesamtauflage werden mit 6 Mark pro laufens l>e. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung tn der Residenz und der Umgebung sind die Sasseler Neuesten Nachri6 >-n ein vorzügliche» gnfertionSorgan. Geschäftsstelle: «älnlsche Strafte 6. Berliner «eruetung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Morltzpiatz 676.

«rgenttaMes Reisch für gefiel!

Neue Teuerungsmaßnahme« der Stadt.

Die gestrige Stadtverordueten-Sitzung hat die von der Bürgerschaft gewünschte Aufklärung über die zur Linderung der Fleifchteue- rung zu ergreifenden Maßnahmen gebracht. Die Kommission, die für die Teuerungsfrage eingesetzt war, hatte anfangs dieser Woche ge­tagt und zunächst beschlossen, bei dem seitheri­gen Lieferanten in Hamburg eine wettere Sen­dung von hundert Zentnern däni­schen Fleisches zum alten Preise und zur selben Qualität wie die erste Lieferung sofort zu bestellen. Diese Sendung ist beretts in Cas­sel ingetroffen. Auch die zweite Fleffchliefe- rung ist sehr gut ausgefallen, so daß morgen mit dem Verkauf begonnen werden kann. Der Verkaufspreis an die Metzger wurde auf fünf­undsiebzig Pfennige für das Pfund festgesetzt. Neu war der Vorschlag, den Stadtverordneter Schnell der Kommission machte, das Nie- renfett dieses Fliesches entfernen zu lassen und unter Festfetzung eines besonderen Ver­kaufspreises von vierzig Pfennigen für das Pfund an die Talgschmelze abzugeben. Die Kommission stimmte diesem Vorschläge zu. Na­türlich kann eine durchgreifende Aktion nur un­ternommen werden, wenn fortlaufend die sich bietenden günstigen Gelegenheiten zu vorteil­haftem Einkauf benutzt werden, ohne daß erst die Stadtverordnetenversammlung darüber ent­scheiden muß. Aus diesem Grunde wurde eine Kommission gewählt, der Stadlrat Dr. Saran, Stadtverordneter, Hofmetzgermeister Schnell und der Direktor unseres Schlacht­hofs, Dr. Grote, angehören. Diese Kommis­sion erhielt den Auftrag und die Vollmacht, im Rahmen der von den städtischen Körperschaf­ten einstweilen bewilligten Vorschüsse von

fünfzehntausend Mark

selbständig bis zu anderwetter Beschlußfassung weiter zu kaufen, sofern dadurch eine Preisermäßigung um durchschnittlich minde­stens zehn Pfennige erzielt werden kann. Nun

Was geht in Südwest vor?

Beunruhigende Symptome aus Südwest!

Aus Südwestafrika laufen Nachrichten ein, die nicht gerade alarmierend, aber doch recht beunruhigend sind. Die brieflichen Nachrichten aus Windhuk und Keetmannshoop bestätigen die Meldung vom Einfall der Kopperleute in Dentsch-Sädwestafrika in vollem Umgänge. Die von dem Zug des Ober­leutnants von Kirchheim auf gegriffene zehn- köpfige Hottentottenbande stellt nur eine der zahlreichen vagabundierenden Banden dar, die die Ostgrenze beunruhigen und ausschließlich von Viehdiebstählen ihr Dasein ftisten. Wir verzeichnen folgende Meldungen:

Siidwest ht Wirklichkeit!

(Privat-Telegram M.)

Berlin, 18. Oktober.

Die letzten Nachrichten, die ans Deutsch. Südwestafrika hier vorliegen, Haden in kolonialen Kreisen große Unruhe Hervorge­msen, denn die Meldung.von der Entsen­dung von zwei Kompagnien zum Schutz der bedrohten Ostgrenze stellt sich nach den neuesten Depeschen durchaus als den Tatsachen entsprechend dar. Es kann nicht mehr der allergeringste Zweifel darüber be­stehen, daß die siebente und neunte Kompagnie der Schutztruppe gegenwärtig in de« wasser, armen Sanddünen der OstdistrMe eine über­aus schwierige Aufklärungsarbeit leisten, wobei jede einzelnen Patrouille in Ge­fahr schwebt, von den heimtückischen Feinden aus dem Hinterhalte nieder geknallt zu werden. Auch die aus dem Schutzgebiete ein. getroffenen Zeitungen bestätigen, wenngleich ihre Meldungen nur bis zum dreizehnten Sep. tember reichen, den Ernst der Lage. So berichtet die Windhuker ZeitungSüdwest: Nachdem kürzlich durch die starke Patrouille des Oberleutnants von Kirchheim erst eine

Hottentottenbande von zehn Köpfen, die eine Werft überfallen hatte, dingfest ge­macht worden ist, Höft man jetzt aus dem- bcn, daß die siebente und neunte Kompagnie der Schutztruppe zum Schutze der Grenze nach Osten abgerückt sind!. Von zuständiger Stelle ist noch nichts über die Veranlassuw» zu die­ser höchst auffallenden Maßregel bekannt ge­worden, man tarnt sich aber denken, daß die beiden Kompagnien nicht ohne Grund so kurz nach dem Manöver wieder an die Ost- grenze gesandt werden. Es wird sich um et­was Emsthaftes handeln. Im Zusammenhang mtt dem Kirchheimschen Erfolg muß man zu der Annahme gelangen, daß nicht nur die zehn gefangenen Kopperleute über die Grenze kamen, sondem vermullich noch weitere Stam- mesgenosfen von Urnen; vielleicht bildeten die zehn Leute nur eine Art Patrouille. Zu verwundem ist es nicht, daß es Simon Köpper nach den Fleischtöpfen des Schutzgebietes ge­lüstet.

Das Kolonialamt wünscht Informationen!

In Zusammenhang mit den letzten Meldun­gen aus Südwest-Afrika wird auch die Reise des Kommandeurs der Deutsch-Südwestafrika- nischen Schutztmppe, Majors von Heyde- breck, nach Berlin gebracht. Herr von Heyde-

toar in der letzten Stadtverordnetensitzung die Rede von der Errichtung eines städtischen Seefischverkaufs nach dem Beispiel an­derer Städte. Die Kommission kam aber nach reiflicher Ueberlegung zu dem Entschluß, von einer solchen Institution Abstand zu neh­men und sich auf eine allgemeine Propaganda (Abhaltung von Kochkursen und Verteilung von Kochrezepten in den Schulen) zu beschrän­ken. Dieferhalb soll mit dem Deutschen See­fischerei-Verein und mit der hiesigen Schulver­waltung alsbald in Verbindung getreten wer­den. Alle diese Kommissionsbeschlüsse fanden die einstimmige Mlligung der Stadtverordne­ten. Wie wir schon kürzlich ausführten, besteht die Gefahr, daß Dänemark demnächst nicht mehr zu billigem Preise Fleisch liefern kann, die Städte müssen sich deshalb nach einem an­deren Lieferungsgebiet umsehen. Sehr beach­tenswert ist daher ein Vorschlag, den der Ober­bürgermeister von Berlin, Exzellenz Wer- muth, den Stadtverwaltungen gemacht hat, um zu verhüten, daß sich viele Städte auf ein bestimmtes Land stürzen, wie dies beispiels­weise bei Dänemark der Fall gewesen ist. Das Berliner Stadtoberhaupt empfiehlt, das Reich in Bezirke einzuteilen, dergestalt, daß der Nor­den sein Fleisch aus Dänemark, der Osten aus Rußland, der Westen aus Belgien oder Holland usw. bezieht. Unser Oberbürgermeister Dr. Scholz hat während des Städtetags mit den Oberhäuptern verschiedener Grenzstädte Rücksprache genommen, inwiewett von dort aus

argentinisches Fleisch für Cassel

gefiefert werden könne. Bekanntlich sind Ge- etze dazu da, daß sie umgangen werden, und das soll nun auch in der Fleischteuerungsfrage geschehen. Es ist verboten, argentinisches Fleisch in Deutschland einzuführen, Wohl aber ttht es, daß Belgien oder Holland argentini- ches Vieh beziehen und dort schlachten. Da >ie belgischen Grenzen für die Einfuhr von rischem Rindfleisch geöffnet worden sind, so Ibeschloß die gestrige Stadtverordnetenversamm­lung, mit Oberbürgermeister Veltmann in Aachen wegen der Einführung argentini-

ch e n V i e h s nach Belgien, dorttger Schlach­tung und Einführung als geschlachtetes Fleisch nach Cassel in Verbindung zu treten. Schließ­lich bracht noch Stadtverordneter Hoffmann eine ihm vorgetragene Beschwerde zur Sprache, wonach die auf den Wochenmarkt kommenden Landleute, die hier Fleisch verkaufen wollen, von Händlern so überlaufen werden, daß es dem Publikum nicht möglich ist, das Fleisch aus erster Hand zu kaufen. In anderen Städten dürfen bekanntlich die Händler nur ru bestimm­ten Stunden von den Landleuten kaufen Herr Hoffmann fragte deshalb an, ob es nicht mög­lich fei, daß dies auch in Cassel geschieht. Ihm antwortete Oberbürgermeister Dr Scholz daß die Marftpolizei nicht von der Stadl aus^ geübt werde. Aber der Magistrat greife die Anregung auf und werde bei der Marftpolizei

Der Kampf hat begonnen!

(Privat-Telegram m.)

Konstantinopel, 18. Oktober.

Ein CommimiqnS der offizielle«Agence Ottomane hat gestern die Tatsache, daß die Feindseligkeiten gegen Serbien und Bulgarien begonnen haben, bekannt gemacht. Am Bormittag hat darauf der Kabinettschef des Ministers des Aeußern dem bulgari­schen und dem serbischen Gesandten ihre Päs. se zugestellt. Zugleich überreichte der Vertreter des Ministers den beiden Gesandte« eine offizielle Rote folgenden Inhalts: Die allgemeine Mobilifierung und Konzentrie­rung der bulgarischen und serbische« Truppen an der osmanischen Grenze, die neuerlichen Angriffe auf die Grenzposten, die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei und die unzulässigen und unfaßbaren Forderungen der bulgarischen und der serbischen Regierung haben die Erhaltung des Friedens zwischen der Türkei und Bulgarien und Serbien un­möglich gemacht, obgleich die kaiserliche Re­gierung den Frieden wünscht. Daher wird der Chef der königlichen Gesandffchaft und sein Personal informiert, daß sie das Gebiet des os­manischen Reiches möglichst schnell verlas, fcn müssen.

Die Belagerung von Skutari.

(Privat-Telegramm.)

Cetinfe, 18. Oktober.

Die montenegrinischen Streitkräfte hoffen Un­ter Erbprinz Danilo und General Martinowitsch die Belagerung von Skutari von zwei Seiten in einigen Tage« z« beginne«, Man ist auf hartnäckigen Widerstand gefaßt hofft aber, die Stadt eventuell auszuhungern. Der Zustand der Truppen ist kein guter. Sie find sehr erschöpft und bedürfen einer Ruhe, pause. Die Zahl bcr Opfer ist weit höher, als von amtlicher Seite zugegeben wird. Die Ber- proviantieruna nrür noch mehr die sanitären

Kriegserklärung!

Balksnkrieg ans der ganzen Linie; Kriegs- erklärung der Türken; Kriegserklärung der zwei Balkanstaaten; Beginn der Kämpfe.

Unmittelbar nach dem Präliminarfrieden von Ouchy, nachdem sie also zu Lande und zu Wasser freie Hand hat, ist die türkische Kriegserklärung an Bulgarien und Ser­bien erfolgt. Mit Montenegro lebt die Türkei schon im Kriege. Und Griechenland hat nach der Ansicht der Türkei schon durch die Zulassung der kretischen Abgeordneten zur griechischen Kam­mer wie durch die Annexion von Kreta den Frieden gebrochen. Also ist nun nach Wochen« langen Verzögerungen der allgemeine Balkankrieg wirklich ausgebrochen. Wie wir beretts gestern abend durch Extrablätter berichtet haben, hat die türttsche Regierung am Donnerstag die Gesandten Bulgariens und Serbiens auffordern lassen, sofort das türki­sche Gebiet zu verlassen Inzwischen ist nun auch die Kriegserklärung der Balkanstaaten er­folgt. Wr erhalten darüber folgende Dxahtt Meldungen:

[ Persönlichkeiten gesucht! £Der Durchschnitt regiert die Stunde".

Daß Herr von Bethmann-Hollweg von der Fahrt nach Hubertusstock die Bestal- M lungsurknnde des Fürsten Lichnowsky als - Botschafter in London mit heimgebracht, ist dem fünften Kanzler von allen Einsichtigen als - Verdienst angerechnet worden, als eine Tat klu­ger Erkenntnis und die Offenbarung des Wil­lens, dem Wett der Persönlichkeit auf den Gipfeln des Staatsgesckiffis gebührend U Geltung zu verschaffen. Bülows Erbe hat recht daran getan, Bülows Freund und Vertrau­ten dem Reichsdienst zu verpflichten, denn wie man auch sonst über die schlesische Durchlaucht urtellen mag: Lichnowsky gehört zu Denen, die die Kummerlinie des Durchschnitts wett überragen und wir dürfen es als freundliche Fügung fchätzen, daß nicht Bernstorff oder Kiderlen, sondem Karl Max von Lichnowsky Marschalls Nachlaß und Werk übernimmt. Bei der Entscheidung darüber, wer des Fttedens grünen Oelzweig als neuer Mann über den Kanal tragen solle, hat offenbar die Wettung der Persönlichkeit den Ausschlag gege­ben und eben indieser Tatsache offenbart sich die Neigung zu einem Umschwung in den bis­her an entscheidender Stelle maßgeblich ge- wefnen Anschauungen: Der Irrtum, daß Aeu- ßerlichkeit-Effekte auf die Dauer wirksam zu sein vermögen, scheint überwunden zu fein.

Das weckt einige Erinnerungen: Als Friedrich Naumann, dem ein Jahrzehnt hindurch die Massen zugejubett hatten, nach lan­gen Kämpfen in den Reichstag einzog. erhoff­ten die Naiven unter den Zeitgenossen den An­bruch einer neuen Aera pariamentari- f scheu Ausstiegs, die endliche Befmchtung des dezennienlang dorrenden Ackers politischer ^Betätigung und einen Hochschwung parlamen­tarischer Kultur zu nie erstrebten Höhen. Der Traum hat sich indessen nicht erfüllt. Das Morgenrot ist ausgeblieben und im Betrieb parlamentarischer Arbeit ist derweil nichts ge­schehen, das als sonderlich erfreulich und das Maß normaler Wirkenmöglichkett erheblich übersteigend zum Beweis der erhofften Ent­wicklung in Anspruch genommen werden könnte. Es scheint sogar, daß in der Werkstatt unsers parlamentarischen Lebens eine gewisse Stag­nation eingetreten ist, seit die Reihen der Gro­ßen, der Führenden und der Kämpfenden sich gelichtet haben und das Heer der Epigonen sich vergeblich müht, in der Rüstung der Tttanen sich emporzurecken. Naumanns Schicksal (man kann Wittlich von einem Schicksal sprechen) darf in gewisser Hinsicht als Bestätigung dieser Befürchtung gelten, denn Naumann stand als freier Tribun der Volkheit zweifellos viel näher als ttt den Tagen, da er durch die Barre der Partei-Disziplin von den Massen getrennt war, ohne daß feine Einspannung in den Be- trieb parlamentarischer Wetteltagsarbett sei­ne Nützlichkeit fürs Volksganze sichtlich erhöht hätte.

Persönlichkeiten sind überhaupt eine täte Ware geworden: Der Durchschnitt beherrscht die Stunde, die Verflachung re« giert die Geister, und wenn irgend, so sind die Früchte dieser Degeneratton in unferm poli­tischen Leben zu ettennen, das an dem Mangel Wittlicher und in sich geschlossner Per- sönlichketten kranft. Es ist sogar vor nicht langer Zett einmal von kompetenter Sette das Wott von derFlucht vor der Polttik ge­fallen, und mancherlei Taffachen deuten darauf hi«, daß dieser Ausspmch seine innere Berech­tigung hat. Daß unser polttisches Leben des Bestands ausgeprägter Persönlichkeiten erman­gelt, liegt indessen sicherlich weniger an der Seltenheit der Exemplare, als an der Tatsache, daß die Persönlichkeiten beim Eintritt ins po- - lttische oder parlarneniattsche Leben sich zur Opftmng ihrer Individualität gezwun­gen sehen oder aber (um fich nicht selbst auf­geben zu müssen) von vomherein, abgestoßen von der fleinlichen Handwerkelei des Systems, es ablehnen, ihr Wissen und Können, ihre Kraft und ihre Vaterlandsliebe in den Dienst des polittschen Kampfs zu stellen. Der polittsche Jntelleft der Ratton hat in den letzten Jahr­zehnten zweifellos eine erhebliche Vervoll­kommnung erfahren, diePolitisierung der Ge­sellschaft entwickelt sich unterm Druck der so­zialen Bewegung gewissermaßen selbsttätig mb die Leidenschaftlichkeit des Patteienkampfs hat nichts an Glut verloren: Trotzdem schwindet die Freude am politischen Leben im­mer mehr und dieFlucht der Persönlichkeiten aus den Niederungen des Tageskampfs dau- Nt an!

Das System unsres polittschen und parla­mentarischen Lebens und die Methode unsres Regierunggeschäfts find für Männer mit wei­tem Klick und kühner Zielhöhe lähmende Fes-