Weler Reilkste NaWtm
1912.
Casseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
Nummer 256.
Sonnabend, 5. Oktober 1912
2. Jahrgang
Fernsprecher 9S1 und 952.
Fernsprecher 951 und 952.
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Kanalgewässer ziehen sehen...!
F. H.
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Während in hiesigen militärischen Kreisen vielfach die Auffassung vorherrscht, daß es zu spät sei, einen Konflikt zwischen der Türkei und den Ballanstaaten zu vermeiden und daß die Türkei entschlossen erscheine, eine*- Kampf schon jetzt aufzunehmen der ja dop
könig Manuel von Portugal gehört, der jetzt gleichzeitig mit der Erzherzogin Isabella bei der Erzherzogin Maria Josefa in Miramar zu Besuch weilt (es kursieren darübez allerlei Gerüchte) ist nicht sestzustellen.
Die neueste« Depeschen.
Keimt neue Hoffnung in Berlin?
(Prtvat-Telegramm.)
Berlin. 4. Oktober.
ColfMi Neuesieo NachNchNn wochenMch unb gut a b tnb 4 Der
abemwmenepteU detrLgl monatttS » Pfg, bei freier ßefUCimg in« Hau«. Bestellungen «erden iebergeU non her ®<fd)bft«heHe ober den Boten entgegengenommen Dructeret. Bering an» Redoktwn! »chlaldttzosttrabe 18/80. Sprechstunden der Redaktion nur oon 1 bi« 8 Uhr aachnNNag« Sprech stunde» »er euMunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag oon • 6tf » Uft* ödend« Berliner Vertretung: SW, Friedrich», 16, Delevdon: amt Mongpla, 676
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irazit eben
wandtschastliche Verbindung der Häuser Hohen zollern und Cumberland durch eine Heirat des Cumberlander Prinzen mit der Prinzessin V i t- toria Luise im Auge haben sollten, werden jetzt von Gmunden aus energisch dementiert mit dem Hinzufügen, daß man am Cumberlander Hose nicht einmal an die M ö g ° lichkeit einer derartigen Verbindung denke.
(Von unserm Korrespondenten.)
Berlin, 4. Oktober.
Man ist auch in! hiesigen maßgebenden Krei sen überzeugt, daß große Hindernisse, die einer freundschaftlichen Annäherung der Häuser Hohenzollern und Cumberland bisher im Wege standen, im Lause der Zeit hinweggeräumt worden sind. Man will sogar in sonst gut un, terrichteten Kreisen wissen, -daß der erste Ratgeber und Chef der Vermögensverwaltung des Herzogs von Cumberland. Exzellenz von der Wense, nach seinem kürzlich began. genen Dienftjubiläum Neigung hat, in den Ruhestand zu treten. Hierbei verdient in die Erinnerung gebracht zu werden, daß der starre welftsche Standpunkt, der einer definitiven Regelung der braunschweigischen Frage im Wege stand, seinen Ausgang gerade bei diesem ersten Berater des Herzogs hatte. Unterstützt wurde dieser dabei durch den im Vorjahr verstorbenen Hofmarschall des Her- Vorjahr verstorbenen Hofmarschall des Herzogs, Herrn von Klenck. Trotzalledem ist jede Nachricht, die von einer bevorstehenden Aufrollung der braunschweigischen Frage spre. chen möchte, mit großer Vorsicht aufzunehmen.
Dementierte Verlobungs-Gerüchte.
Die vor einigen Tagen durch die Blätter gegangene Meldung über Plärre die eine ver-
der Höhe des Erfolgs riß eine Lück« ins kunstvoll gefügte Retz der Kabalen, und wir danken es dieser Zufallfügung, daß unsre weltpolitische Situation sich in neuern Tagen wieder freundlicher gestaltet hat. Aber Eduard der Siebente hat nicht umsonst der Zwietracht Saat gestreut: England erblickt heut in Deutschland seinen Gegner und Konkurrenten zu Wasser und zu Lande, auf dem Weltmarkt und in der Arena der Völkerpolitik, und es ist deshalb ein scherzhafter Gedanke, daß wir (die wir hinreichend Proben dieser Grundstimmung englischen Empfindens erfahren) für den argen Vetter nun in zärtlicher Verwandtenliebe er. glühen sollten.
Nein, es wär« wirklich schade um diese Liebe, und die Enttäuschung würde sicher nicht auf sich warten lassen. Noch beim letzten Schachspiel europäischer Diplomatie: Beim Marokko. Turnier, hat uns England seine freundschaftlichen Gesinnungen in umgekehrter Form bewiesen, indem es mit allen Mitteln versuchte, die deutsche Taktik zu durchkreuzen. Es ist uns erzählt worden, der derbe Schwabe Kiderlen habe die unerbetn« Einmischung britischer Ki. bitzerei in das harmonische Geplauder mit Herrn Jules Cambon mit einem veritablen .Schwabenstreich" zurückgewiesen und Sir Edward Grey, den „Präzeptor Europens* wissen lassen, daß man sich in Berlin des britischen Gängelbands mählich entwöhnt habe. Jssis nicht Dichtung, sondern Wahrheit (die hier endlich Erfreuliches künden durfte), so muß man Herrn Alfred von Kiderlen Dank wissen, daß er ein deutsches Wort zur rechten Zeit mit gebührendem Nachdruck zu sprechen wußte. Di« zweideutige Rolle britischer Diplomatie im Tripolis-Abenteuer und Albions listige Ränke zur Beseitigung des deutschen Einflusses am Goldnen Horn sind eben, falls dem Konto englischer Vetternliebe zuzurechnen, gar nicht zu reden von den finstern Kabalen, di« das Britenhirn erbrütet hat, um Deutschlands aufstrebende Macht zur See eng. lischer Vormundschafi dienstbar zu machen: Alle diese spätherbstlich-düstren Erinnerungen, umwoben von mannigfachen Einfaltproben deutscher Vertrauensseligkeit, tauchen beim Lesen der Dernburg-Kunde vom „Oelzweig des Friedens^ wie Gespenster der Vergangenheit auf, und wenn es Herrn Dernburg wirklich beschieden sein sollte, als Marschalls Erbe seine Kraft fürs Reich nutzbar zu machen, so möchten wir ihn lieber ohne den Oelzweig, aber gerüstet mit Tatkraft und Entschlossenheit, übers
Hohenzollern und Cumberland.
Was ist nun wirklich Wahrheit?
An einem der letzten Tage hat zwischen dem Herzog von Cumberland und dem deut- scheu Gesandten Grasen Brocks dorff- Rantzau eine vielbcmcrkte Unterredung stattgefunden, der sich ein Besuch des Gesandten im herzoglichen Privat-Museum in Gmunden an° schloß. Auch diese Tatsache hat wieder Anlaß zu allerlei Kombinationen und DeutungS- versuchen gegeben, in denen die nahe bevor, stehende Aussöhnung zwischen den Häusern Hohenzollern und Cumberland als sichere Tatsache angekündigt wurde. Wir erhalten da- zu folgend« Mitteilungen:
Cumberland und feine Ratgeber.
Bayrische Sttober-Geschichten.
Verfassungsänderung «nd Hof-Intimitäten.
Die andauernd besorgniserregenden Nach richten über den ungünstigen Gesundheitszustand des P r i n z re g e n t en Luitpold von Bayern scheinen auch in politischer Beziehung nicht ohne bestimmte Wirkungen geblieben zu sein: Es tauchst neuerdings der Gedanke einer Verfassungsänderung in Bavern mit größerer Besttmmtheit als bisher auf. und es besteht in einAußreichen politischen Kreisen die Absicht, noch zu Lebzeiten des greisen Prinqregenten diesen Plan zu verwirklichen und dem einundnennzigjährigen Verweser des Königreichs Bayern am Spät- abend seines Lebens die K ö nig skr one anzutragen. Wir verzeichnen folgende darauf bezügliche Meldungen:
Die Krone der Wittelsbacher.
(Telegraphische Meldung.)
München, 4. Oktober.
Nach Mitteilungen aus zuverlässigster Quelle ist man rot bayrischen Regierungskreisen neuer, dings wieder der schon früher erörterten Frage einer Verfassungsänderung näherge treten. Schon vor mehreren Jahren wurde die Frage erwogen, ob man nicht dem Prinzregenten Luitpold bi« Königskrone an bieten solle. Damals wurden auch schon Gutachten von Autoritäten des Siaatsrechtes eingeholt, ob >«S verfassungsrechtlich angängig sei, an Stelle des unheilbar kranken Königs Otto den Prinzregenten zum König zu proklamieren. Die Gutachten sprachen sich dahin aus, daß «S natürlich hierzu einer V er fas s u n g S ä n d e . rung bedürfe. Nun, da das Befinden des Prinzregenten zweifellos ungünstig ist, wurde dies« Frage nach einer neuen Richtung hin erwogen. Die offiziellen Demenfis über das Befinden des Prinzregenten sind pflichtgemäß schonend, aber sie ändern nichts daran, daß sich bei einem Manne von über neunzig Jahren zusehends ein langsamer Kräfteverfall zeigt. Man muß unter diesen Umständen mit der Möglich, feit eines baldigen Ablebens des Primz- regenten rechnen, und in dieser Erwägung denkt man mit vollster Bestimmtheit und Klarheit in den erwähnten Kreisen daran, Vorsorge zu treffen, daß dann der Prinz Ludwig, der in solchem Falle die Prinzregentschafi nach der Erbfolge anzutreten hätte, nicht erst zum Prinzregenten, sondern direkt zum König von Bayern proklamiert werden kann. Von einflußreicher politischer Seite wird allerdings der Wunsch laut, noch dem alten P rin z re - genten die Königskrone anzutragen, doch hat Prinzregent Luitpold einer solchen Maßnahme bisher energischen Wider st and entgegengesetzt.
Rur Etikette-Fragen...?
(Privat-Telegromm.)
München, 4. Oktober.
Es steht nun fest, daß die Ehegemeinschaft zwischen dem Prinzen Georg von Bayern und der österreichischen Erzherzogin Isabella Maria nicht wieder hergeftellt werden wird. Allerdings kann auch aus bekannten Gründen keine Scheidung erfolgen. Die kirchliche Nichtigkeits-Erflärung aber, von der jetzt geredet wird, setzt, was in diesem Falle nicht zuttifst, geistige oder körperliche Unfähig- kett eines Teiles der Ehegatten beim Eingehen der Ehe voraus. Es sollen (wie hartnäckig behauptet wird) Rangstretttgkeiten zwischen der Prinzessin Georg, Erzherzogin von Oesterreich, und der Prinzessin Franz von Bayern, einer geborenen Pttnzessin Croy, entstanden sein. Prinz Franz ist der dritte Sohn des Thronfolgers Prinzen Ludwig, dessen Familie am bayerischen Hof den Vortritt hat vor dem nachgeborenen Sohne des Regenten, dem Prinzen Leopold, und dessen Nachkommen, zu denen Pttnz Georg gehört, so daß also tatsächlich die Prinzessin Croy vor ihrer Cousine, der österreichischen Erzherzogin, am bayerischen Hof den V o r t r i 1 t hat. Beide Prinzessinnen, durch ihre Mütter Geschwisterkinder, sind Jugendfreundinnen und zusammen im Hause des Erzherzogs Friedttch, des Vaters der Prinzessin Georg, ausgewachsen. Aber es ist doch kaum zu glauben, daß über unabänderlichen Etikettendingen ein« wirklich in sich gefestigte Ehe zugrunde gehen könnte. So mögen doch noch andere Dinge dahinter stecken. Oder auch ... Personen. Ob nun zu diesen Er-
Unsre blonden Bestem.
Dernburg mit dem Oelzweig des Friedens?
Herr Bernhard Dernburg, dessen Auf. stieg vom Kontorstuhl zum Ministersessel einst hj« enge Welt deutscher Tradifion in ihren Aruudvesten erschütterte, soll (wie wir gestern vernahmen) unS wiederkehren. Der Vater der .Dattelfiste" hat neue Hoffnungen geweckt und man «rächtet ihn, den vordem herb Gescholtnen, alS würdig, Marschall - Bibersteins Erbe anzu. treten. Herr Dernburg ist auch bereit, aus der Versenkung empor;usteigen, abermals dem illu- stren Kreis der Regierenden sich zu gesellen und aus Marschalls erkalteter Hand den Oelzweig «ntgegenzunehmen, jenen (immer noch grünenden?) Oelzweig des Friedens, den der Mbersteiner vor Monden als Beauftragter höchsten Willens resigniert über den Kanal ttug. Auch Dernburg will's versuchen, dem Zauberzweiglein Leden und Fruchtbarkeit einzuhauchen und er hat erklärt, daß er ein hohes und erstrebenswertes Ziel darin erblicke, zweien großen, stammverwandten Völkern den Weg zur Versöhnung zu ebnen. Schriebe man statt nennzehnhundertzwöls achtzehnhun- hertzweiundneunzig: EinBeifallsturm würde durch den Blätterwald Germaniens brausen, und die Wallfahrten der staatlichen, kommunalen, richterlichen, theologischen, pädagogischen und kommerziellen Friedensengel zum Strand der Themse würden das finstre Abend- gewölk des scheidenden Jahrhunderts mit dem
WDigen Schimmer naher Versöhnung verklä- Tttt. Nun aber, da wir neunzehnhun- btit zwölf fast überwunden und vom ersten «Udes alten Fahrs bis zur jungen Stund« ber«egenwavt unaufhörlich daran erinnert wurden, daß weder im Westen noch im Osten, sondern überm grau«n Wasser des Kanals Deutschlands Feind und Neider wohnt: Nun weckt Bernhard Dernburgs Oelzweig-Fdealis- wuS kaum noch ein bescheidnes Echo und das Aine Momentditdchen flohen Optimismus inmitten dräuenden Unheil-Gewölks wird bald vergessen sein.
In den Novembertagen des Vorjahrs war im Londoner Nebclmeer (wieder einmal) die Heerschar der Friedensengel versammelt, und di« tatgewordne Harmlosigkeit faßte damalz den Beschluß, .die zur Erstrebung des idealen Ziels erforderlichen Schritte unverzüglich in die Weg« zu [eiten*. Daß Wunsch und Wille plötzlich so nahe beieinander wohnten, war ungemein erfreulich, und da au der Themse gewispert ward, hinter dem Friedenswcrk berg« sich eine starke Fraktion liberaler Parlamentarier (die die Notwendigkeit erkannt hätten, di« Gefahr deutsch-englischer Machtkonftirrenz der verhängnisvollen Spitze zu entkleiden), war man ungemein gespannt darauf, was schließlich als Stei« der Weisen den „stammverwandten* Völkern an nützlichen und dringlichen Taten empfohlen werden möge. Nun: Viel ist's nicht geworden! Man wechselt immer noch klangvolle Worte, kost an prunkender Festtafel heut wie «inst mit des Friedens trauerndem Engel, an Taten aber hat's bisher gefehlt. Es gibt eben Dinge, di« sich weder ideell noch materiell einen lassen, und zu diesen Dingen gehört seit Jahrzehnten die Polttik der Berliner Wilhelmstraße und der londoner Downiug-Street. Bismarcks meisterliche Staatskunst hat freilich die Sympathie Englands stets hoch eingeschätzt und ihr manches Opfer gebracht, allerdings nie, ohne di« Sicherheit prafiischen Nutzens in erreichbarer Nähe zu sehen. Die Epigonen haben'? auch versucht, aber Zwerge bleiben auch dann winzig, wenn sie sich ins Riesenmaß zu recken versuchen.
Seit achtzehnhunderttreunzig (zwei Jahre nach des dritten Kaisers Regierung-Antritt) ist die Wandlung erkennbar und Deutschland befindet sich seit Bismarcks Abhalfteruug England gegenüber in permanenter diplomatischer Bertcidigungstellung: Die Minister der Queen und des toten und lebenden King haben eine ihrer vornehmsten Aufgaben stets in der syste matischen Schw ächung des Weltpolttischen Einflusses Deutschlands gesehen, Eduard der Siebent« hat bis zum End« mit ungeminderter Energie an der „Einkreisung* des Deut- eben Reichs gearbeitet und die Elite angelsäch- rscher Staatskunst ist noch heut bemüht, das Erstarken deutscher Macht mit Kniff und Trick zu hindern. Die Aermlickckeit unsrer Diploma. tie und die Unbeständigkeit des Kurses unsrer Reichspolittk haben dies« sreundnachbarlichen Bemühungen leider indirekt begünstigt, und es gab eine Zeit, da es wirklich schien, als drohe das raffiniert-erklügelte System des „grollen- den Onkels* das Reich des Reffen im Rat der leitet zu isolieren. Eduards rascher Tod nah
Der Brand am Balkan.
Die Lage andauernd äußerst gespannt; noch keine Kriegserklärung der Balkanstaaten; Rumänien plant ebenfalls die Mobilisation; türkisch-italienischerFriedeusschluß in Eicht!
In unserm Leitartikel vom Mittwoch: „Ist das Verhängnis nahe?* haben wir bereits auf di« sehr eigenartige Rolle hingewiesen, dieRußland als die am stärksten interessiert« Großmacht in den neuen Balkanwirren spielt, und im Zusammenhang damit war auch angedeutet, daß die russisch-englischen Konferen. zen in Balmoral nicht ganz ohne Einfluß auf die neueste Gestaltung der Dinge am Bal. ton geblieben sein können. Dies« Auffassung erfährt jetzt ihre Bestätigung durch authentische Informationen aus Wien, in denen das gefährliche Doppelspiel Rußlands in der Balkankrise scharf und treffend charakterisiert wird. Wir verzeichnen daraus folgende Ausführungen:
Der Balkankrieg: Rußlands Werk?
(Prtvat-Telegramm.)
Wien- 4. Oktober.
Daß ein Balkankrieg nur noch eine Frage von Tagen ist, darüber ist man in polt, tischen Kreisen sich vollkommen Kar. Was di« politische Atmosphäre in Europa aber so tief vergiftet, ist der Umstand, daß man selbst am Vorabend eines großen Balkanknegs noch Nicht sicher weiß, welches die wahren Gedanken der europäischen Groß. Mächte sind. Wohl führen sie alle das Fri«. denswott auf den Lippen. Aber nur von Oester- reich-Ungarn und seinem Verbündeten, dem Deutschen Reich, weiß man mit unzweideutiger Bestimmtheit, daß sie ehrlich und aufrichtig den Frieden wünschen. Was indessen demgegenüber di« Andern planen und ersehnen,ist dagegen in völliges Dunkel gehüllt. Man hätte vielleicht den Schlüssel zur Lösung der Frage, wenn man wüßte, was inr Schloss« Balmoral zwischen Edward Gr«Y und Ssasanow abgemacht worden ist. Das darüber offiziell aus- gegebene Kommunique des Reuterschen Büros will glauben machen, >daß Ssasanow und Grey vollkommen in dem Wunsche übereinstimmten, für den Frieden zu arbeiten und an jeder diplomatischen Aktion mitzuwirken, die dieses Ziel fördere. Aber daun muß es doch auffällig überraschen, daß unmittelbar nach den Konferenzen von Balmoral Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland die offt. zielle Mobilmachungsorder proklamieren und daß gleichfalls Rußland
hart an der deutschen Grenze eine „Probem obilisi«run g* anordnet. Heute zweifelt Wohl kein Mensch mehr daran, daß der Bund der vier chrisflichen Ballanstaaten das Werk Rußlands ist. Zum Ueberflutz hat der Herrscher der Schwarzen Berge «s aus. geplaudert: „Montenegro wird unbedingt ttr Uebereinstimmung mit Rußland handeln und keinen Schritt unternehmen, der in Petersburg mißfällig ausgenommen werden würde. Mr haben uns den Raffchlägen Ruß. lands immer gefügt und werden es auch weiter so halten. Montenegro wird nur dann loS- schlagen, wenn Rußland gerüstet ist, und seine Zustimmung gibt.* Und was sür Montenegro gilt, gilt a u ch für Bulgarien, Serbien und Griechenland. Sie hoben ihren Vierbund auf Befehl Rußlands geschlossen, die Tätig, kett des russischen Gesandten ttr Belgrad, von Hartwig, macht die? zu einer unwiderleglichen Taffache, sie haben auf Kommando Ruß. lands zur gleichen Stunde mobil gemacht, und sie werden nur losschlagen, wenn Rußland auch dazu das Zeichen gibt. Was soll man also von den angeblich so intensiven Bemühungen der russischen Diplomaten halten, den Frieden zu retten? Kein Mensch kann daran zweifeln, daß hier ein Doppelspiel gespielt wird.
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