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' Hessische Abendzeitung

Nummer 252.

Fernsprecher 951 und 952,

Dienstag, L Oktober 1912

Fernsprecher 951 und 952.

2. Jahrgang

SSsSi

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vielleicht die Flucht des Jeu's hinter verschlossue Türen, in den Schutz verschwiegner Muds und muntrer Unterhaltungs-Cirkel gebucht werden. Dieser Erfolg aber hat Las Verhängnis erst be­günstigt, denn dem Spiel pflegt sich nun (als Herberger) das Verbrechen zu gesellen.

Immerhin: Wir dürfen's noch erträglich finden, denn schließlich ist es ja ein Vergnügen für sich, am Roulettetisch oder beim Kümmel- bläitchen mit dem Schicksal zu spielen und zu­weilen ein Menischendaisein auf eine Karte zu setzen. Beunruhigender wird der fromme Brauch indessen, wenn Frauen sich beim Glück im Winkel" messen und der Lustigen Sieben alle Pflichten der Gattin und Mutter opfern. Der fröhlichenWeanerstadt" am Donaustrand ist's Vorbehalten geblieben, dem zwanzigsten Jahrhundert dieses eigenartig, reizvolle Momentbikdchen modernster Gesell- schaft-Knltur zu präsentieren. Würdige Reprä­sentantinnen der Wiener Frauenwelt, Matro­nen und oben der Haube Verpflichtete, wett- eiferten in dem löblichen Streben, Haus, Fa- milie und Herd im Dienst des grünen Teschs zu vernachlässigen, und es bedurfte polizeilichen Hilfe-Ersuchens seitens der ihre heilitzsten Gü­ter bedroht sehenden Gatten, um die Damen aus dem zigaretten-qualmigen Dunstkreis des Glücks im Winkel demGlück am häuslichen Herd" wieder zuzu'führen. Auch dieses sin­nige Intermezzo ist ein Zeichen unsrer Zeit, eine Offenbarung jener Massen-Stimmunz, die derKampf gegen di« Langeweile" als oberstes Gesetz beherrscht, und das Produkt einer Ent. Wicklung, die keine Bande frommer Scheu mehr hemmen. Man mag über die Wiener Tragl- komödis vielleicht lächeln (mit mehr Recht noch über die Galten der Spiel-Flauen), aber Wiesbaden und Wien unterscheiden sich nur in Milieu und Handlung: Der Dämon des Spiels weht hier wie dort das Verbängnis!

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Jn* BeUagrn für bl« e*famtauflag« roerben mit I Mark pro taufen» »e. Saffei« «kn8«1 *6m,r*bt»ten ®*r6rettan9 ta der ReNden, un» der Umgebung |inb die 5 dr«»'sten Nachrichten et» vorzügliche, Snferttonlergan. ®ef<$4fWiitae. »ölnische etraB« 5. Berliner Vertretung: SWN grievrichsirake 16. tetepbon: Amt »lortbptaj «76

l'che Gebäude in Saloniki hat die Polizei eine» strengen Bewachungsdienst eingerichtet. Trotz, dem wurde gestern abend aus txr sehr belebten Sattis Pascha-Straße ein Bombenan- schlag verMt, wobei der Dolmetscher des deutschem Konsulats, Caraffo leicht verwundet wurde. In der Nacht wurden zwei weitere Bombenanschläge verüb» die aber nur geringen Schaden anrichteten. Eine bei der Demetriuskirch« verborgene H ö l. lenmaschtne konnte rechtzeitig entdeckt werden.

" Bomben und Höllenmaschinen.

Rene Bombenanschläge in Saloniki.

Depeschen aus Saloniki melden uns:

Infolge von unkontrollierbaren Gerüchten über weiter bMSÄtehenva Riten hjjeu^

Sa» Glück im Winkel.

Wiesbaden nnb Wien r Zwei Bilder.

Wesbaden, die Wellkurstadt am Fuß der ^aunusberge, deren etwas philiströses Gesell- chaft-Milien für die sonst üblichen kleinen sMnterien des Kurba--Verkehrs fast nicht Raum fat, ist von einer schmerzliche» Heimsu. hung betroffen worden: DerKlub von i e u n z « h n h u n d e r t z w ö l f", den ge- ichäststüchtige Gesellschafts-Psychologen gleich rach der Gründung fürsorglich ins Vereinsre- Mer des Amtsgerichts hatten eintragen lassen, mb in dessen gastlichen, von Stuckgold und vlechbronz« glitzernden Hallen sich Abend um tlbend «in« «rlesne Gesellschaft drängte, die ruf der Flucht vor der Langeweile zu allen Op­ern bereit war . .. « r i st n i cht m e h rl Das «luge des Gesetzes flackert in düstrem Groll, «er Arm der Gerechtigkeit ist weit ausgereckt' rach Schuld und Sünde und die Pforten des Tempels, in dem so froh und unverzagt den Götzen des Lebens geopfert wurde, sind ver- chloffen. Monsieur Calk o en aber, der glatt- - . «scheitelte Priester des Baccarats und sein« mnkle Muse, die Baronin Furnhh-elm (die linst Selma Rosenthal hieß und deren Wieg« n Pankow bei Berlin stand), haben es vorge- jogen, de« Ort menschen-beglückcnder Wirksam. Lit zu verlassen, nachdem sie genügend Schätze zefammelt, um den Abschied von den Taunus- >erg.n nicht allzu schmerzlich zu empfinden. ss«d das Ende der Affäre? Vermutlich «in Mnomcnaler Akt«nberg. «in paar Steckbriefe Mb die betrübten Mienen dertrauernden pinterbliobnen", denen der allzu-hastige Ab- Med von Monsieur Calkoen und der dunkel- 'usigen Göttin des Glücks im Winkel fchmerz- ich auf Seel« und Börse drückt.

. Das alles hat kaum noch d«n Reiz d«r Neu- »eit: Herr Matiiske in der Berliner Wilhelm- t-fia.it Verstand sich vielleicht noch weit besser - Vie lukrative Unterhaltung potenter Lrbe- M Kinder und die Herren Schroeder und Compag-

*te Düsseldorf waren der Firma Ealkoeu- in verGroßzügigkeit" der Be- r. trieb-Aufmachung sicher auch ansehnlich überfe- I man findet indessen in allen diesen klei- ' «en Tragikomödien verbotner Glück-Vers», ä- ^ung immer wieder dasselbe Anregung- tzi Moment, die g l e i ch o treibeude Kraft, die den - Unternehmer verführt, um blinkenden Mam- uon, dem Kerker-Schrecken trotzend, der Spiel- ! kldenschast Hütten zu bauen, und die ander- ^its die Leidenschaft drängt, im verschwiegnen Winkel beim Glanz elektrischer Flammen und imfachett von Zigarettendunst und den Kobol- ven des Alkohols, das Glück zu versuchen. Im ,Klub von ncunzehnhundertzwölf" zu Wiesba­den waren's vorwiegend Offizier«, Sportleute und Kurgäste, die unter den Fittichen des Monsieur Alphonse Calkoen dem Baccarat yuldigten, dem Herrn des Hauses und seiner rassig-graziösen Assistentin ziemenden Tribut sollten und, schneller als sie's geahnt, von der drückenden Last schnöden Mammons be­ireit wurden. Monsieur Calkoen soll di« un- t mgenehm« Gewohnheit gehabt haben, zuwei-

>en das Glück aus eigner Machtvollkommenheit ,»korrigieren", aber das ist nur ein flücht'ger Schatten in dem lichten Bild dieses Gentleman- Typs, wie wir ihm im Salon und in der Ka- chemme, im Grand-Hotel und im Bouillon- Keller begegnen: Das Charakteristische ses Falles ist immer auf gesellschaftlich- foz ialem Gebiet zu suchen.

Gegen die Spiel-Leidenschaft eifett die bür­gerliche Moral, eifert die Kirch« und «Isert das Gesetz und allen Eifers Aufwandmenge hat bisher doch nicht vermocht, die Sünde aus dem Bannkreis der Tags-Gewohnheit hinwegzu- 'cheuchen. Was tuts, wenn gelegentlich einmal der eine oder andre Priester des Glücks im Winkel allzu-impulsiven Erwerbtrieb mit «ini- ?en Monaten Einsamkeit in stiller Zell« büßt; vas verschlägrs, wenn hier und da einer von Denen, di« derLustigen Sieben" sträflich-wild zaftönt, am Weg« stolpert, der Zukunft verloren geht, und am Ende in der Brandung des Schicksals versinkt: Daslockende Glück" ist mächtiger als di« Drohung strafender Gerech­tigkeit; stärker als der Gewiffenruf der Pflicht und das Gebot der Ehre, und die Legion der Opfer dünkt winzig Denen, di« im Bann der Leidenschaft immer wieder von neuem sich Müh en, das in jedem Augenblick goldfunkelnd an ihnen vorübertänzölnde Glück mit müdem Arm zu erhasche». Ob Wiesbaden, ob Moni« Carlo: Der E f f e k t ist der gleiche,und der Staat, der di« Spielbanken Verbannte und das Glück­spiel ächteft erfüllte nur halb sein« Hüterpflicht, als er di« Leidenschaft hinter den Vorhang drängte. Dft Opfer des Spiels haben sich nicht vermindert, die Dpielwut ist nicht beseitigt, und

. gtzW» her ^ttaidiohum» darf.

Hohenzollern und kumberland.

Abermals r Neue Verlobungsgerüchte.

Wieder einmal taucht daS Gerücht von einer Verlobung des Prinzen E rüst August von Cumberland mit der Prinzessin Vikto­ria Luise, der Tochter des Kaiserpaares, auf, diesmal jedoch in einer viel bestimmteren Form als sonst. Aus der Umgebung des Prinzen Ernst August, der zurzeit als Leutnant im schweren Reiterregiment in München dient, wurde mit größter Bestimmtheit versichert, daß sich der Prinz demnächst mit der Prin­zessin Viktoria Luise verloben werde. Dies« Nachricht wird von anderer, dem Herzog von Cumberland nahestehender Seite, die noch vor zwei Fahren eine derartige Nach­richt energisch dementiert hätte, bestätigt. Wir erhalten dazu folgende Meldung:

Franz Josef als Vermittler?

Ach. (Privat-Telegramm.)

München, 30. September.

Es ist in hiesigen unterrichteten Kreise» nicht unbekannt, daß Prinz Max von Ba­de n sich seit Jahren bemüht, einen gangbare» Weg zu einem Ausgleich zwischen dem Deutschen Kaiser und dem Herzog von Cum­berland zu finden. Nun soll «s neuerdings auch Prinz Max gelungen fein, einen Weg zu siu- den, auf dem ein« Lösung dieser Frage mög­lich ist, ohne daß der Herzog von Cumberland dem seinem Vater gegebenen Versprechen un­treu wird. Außer den Damen am Hofe zu Gmunden und Kopenhagen, die mit dem Prin­zen Max an der Aussöhnung der beiden Höf« am Werke sind, interessiert sich auch Kaiser FranzJoseph lebhaft für einen Ausgleich. Ende Oktober sollen Prinz Max von Baden und die dänischen Verwandte» des Herzogs von Cumberland auf Einladung des Deutschen Kaiserpaares zum Besuch nach Berlin kommen und es wird als möglich, ja sogar als wahrscheinlich hingestellt, daß diesem Besuche der Besuch des Prinzen Ernst Anzust, ter durch seinen Eintritt in die deutsche Armee und durch seinen Eid die deutsche Reichsverfassung anerkannt hat, am Berliner Hofe folge» wird.

Aus einer Prinzen-The.

Wir berichteten am Sonnabend über die Mißhelligkeiten in der Ehe des Herzogs Georg von Bayern mit der Prinzessin Isa­bella Maria von Oesterreich. Wie uns nun ei» Privat - Telegramm aus München meldet, ist der Prinz, der sich mit seinem Va- ter nach Wien begeben hatte, um eine Aus­söhnung mit seiner Gattin herberzufüoren ge, stern von Wie» nach München zurückgekehrt, ohne sei» Ziel erreicht zu haben: Di« Prin­zessin bleibt auf ihrer Weigerung, nach Mün­chen zurückzukehven, bestehen und ist entschlos­sen, die Trennung von ihrem Gatt«» aufrecht zu erhalien. Der Herzog beabsichtigt nun. München zu verlassen sein dortiges PMiA zu

Südlich: Eine Tat...?

Regierungs-Maßnahmen gegen die Tenett ung; ein Tropfen ans einen heißen Stein' ..Die vor einigen Ta-zen angekündigten amt» ltchen Maßnahmen zur Milderung der al? eine schwere Belastung weiter Volkskreise emp. undenen F l e i s ch t e u e r u n g sind (wie toi- bereits in einem Teil unserer Sonnabcnd-Aus. ;äbe berichten konnten), jetzt amtlich be- annt gegeben worden Danach hat die Preu- zische Regierung beschlossen, vorüberge. h e n d Erleichterungen der Vieh- und Flerscheinfuhr aus dem Ausland eintrete» zu lassen. Es handelt sich um fünf Maßnahmen, deren Wirkungen allerdings erst abgewar- t e t werde» müssen, deren Bedeutung und Zweckmäßigkeit indessen von vornhereii. ernstlichen Zweifeln unterliegt

Die fünffache Hilfe

Di« preußische Regierung will nach amtl» cher Bekanntgabe vorübergehend für die Vieh, und Fleisch-Einfuhr aus dem AuSlan eintreten lassen: Für große Städte, di« als Märtte für die Vieh, und Fleif^reift ganzer Landesteile maßgebend sind, soll bl» Einfuhr von frischem Rindfleisch auS dem euro­päischen Rußland und von frischem Rind und Schweinefleisch au» Serbien, R u mänien und Bulgarien im Wege befon« derer Genehmigung zugelaffen werden, wenn das Fleisch zu einem unter behördlicher MU Wirkung festgesetzten, möglichst niedrige« Preise an die Verbraucher verkauft wird Die Beförderung beS Fleisches bis zum Be timnmngSort muß in plombierten Wagen er- olge». Unter den gleiche» Bedingungen soll die Einfuhr von frischem Schwelnk» letsch aus Rußland

im Wege besonderer Genehmigung in einzelnen größeren Städte« des Ostens, be? denen für eine derartige Versorgung ein beson­deres Bedürfnis besteht, gestattet werden. Un­ter den gleichen Bedingungen soll ferner die Einfuhr von Schlacht-Rindern an- den Niederlanden im Weg« besonderer Genehmigung in hierzu geeignete öffentlich« Schlachthöfe großer Städte unter den für die Einfuhr von Schlachtviel nutz Oesterreich-Un» gar» geltenden veterinärpolizeilichen Vorsichts­maßregeln und Bedingungen gestattet werden. Das Verbot der Einfuhr von ftischem Rind- leisch aus Belgien wird .aufgehoben werden. Endlich ist ftir den Fall deS Bedürf niffeS eine vorübergehciwe Erhöhung beS fitz das ober schlesische Industriegebiet leftimmte» Kontingents russischer Schlacht schweine in Aussicht genommen.

Wirkung bleibt abzuwarten l

Werbe» bieft Maßnahme» einen durchgrei senden Erfolg haben? I» der Begründung^ die in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung zur Erflärung der einzelnen Maßnahmen vo"s der Regierung selbst beigefü'ft ist. heißt «s nur? Es ist anzunehme», daß di« in Aussich; genommene» Maßregel» i» ihrer Gesamihei. die erwünschten Wirkungen haben werden. Das Hingt nicht gerade sehr zuversichtlich Mas die Regierung empfiehlt, ist gut gemeint, aber . . . unzureichend. Eine wtErch' Besserung wird nur herbeigeführt toerben kön­nen durch «ine Aenderung der Wirtv s ch a f t s p o l i t i k. Den» diese läuft g erad tv hinaus auf eine Politik der Verteuerung, u< zwar einer dauernden, nicht allein einer vor übergehenden'. Gegen diese Tatsache ist my noch so gut gemeinten kleinen Palliativ-Mm«, chc» nichts auszurichten! ~

Sonntag in Witzenhaufen.

Das gestrige Bundesfest des Evangelisch«« Bundes; Bilder von dem Bundesfest-Tas

(Von unserm Spezlal-Korrefpondenten.) Witzenhausen, 30. September.

Lachende Herbstsonne liegt über Dertz und Tal, so recht warm und goldig, wie w» sie in lange» grauen Regenwochen, er«vm.. Hebet der herbstlichen Landschaft blaM der^ Himmel. Prächtig hebt sich das kahle Gelb. das golbgeiönte Braun und das Rostrot st«, benber Wälder von seiner strahlcnden^-.lle av ^Unt) jrunt6it, tnzLÄ fe« Werra sildechatzv.

verkaufen und vorläufig auf Reis«» »»

Prinzessin herbeizuführen, geschwunden ist.

Teuerungs-Sonntag in Berlin.

Die gestrigen Teuerungs-Demonstrationen.

Am gestrigen Sonntag haben in Berlin Masfen-Demonstrationen gegen die herrschende Teuerung stattgefunden, di« schilt. ltch, nachdem die Versammlungen beendet wa­ren, einen zeitweilig bedrohliche» Charakftr an. nahmen. Der Andrang zu den Versammlungen war enorm. Di« Polizei hatte umfangreiche Absperrungsmaßnahmen getroffen. In allen Versammlungen wurde einstimmig eine gleich- lautende Resolution angenommen, di« sich icharf gegen die von der Regierung der Teue­rung gegenüber verfolgte Politik ausspricht. Nach Schluß ber Versammlungen bildeten sich DemoNstrationszüge, die versuchten, in tas In­nere der Stadt zu ziehm. Wir erhalten dar­über folgend« Meldungen:

Die Demonstranten auf dem Marsch.

(P r i v a t»T e l e g r a m m.)

Berlin, 30. September.

Nach Schluß der gestrigen Teuerungsver ammlunge» bildeten sich einige Demou- tratiouszüg«, die von den Außenbezir­ken versuchten, in das Innere der Stadt zu ziehe». Es wurde» Hochrufe aus di« Führer der Sozialdemokratie ausgsbracht, außerdem iang man sozialdemokratische Lieder. Di« Um­gegend des Schlosses war von zahlreichen Schutzmannschaften betsetzt. Die Linden waren am Brandenburger Tor und an der Kaifer- Wikhelmstraß« abgesperrt. Außerdem war der , Zugang zum Schloßplatz ebenfalls abgespertt, an der Friedrichsstraß« waren Absperrungs­maßregeln an der Weidendammer Brücke ge- i trofft», ebenso in der Wil Helmstraße vor dem : ReichSkanzlerpalais. Ein Zng von etwa fünf- i hundert Man», der vom Rofentchaler Tor tarn, i wurde am Hachschen Martt von de» sich ent= 1 gegenstellenden Schutzleuten ohne ernstere Zwi- 1 chenfäll« aufgelöst. Ein Zug von Teilneh- l ment aus den KoNkordia-Festsälen wmde in ' der AudreaSstraß« am AndreaSplatz auch von einer größeren Schutzmannschaft zerstreut, weil durch die Ansammlung der Straßenbahnver­kehr behindert wurde. Von den Versammelte» in derNeuen Welt" in der Hasenheide hatte ich ein

Zug von zweitausend Teilnehmer» gebildet, der unter Hochrufen auf das allge- j meine Wahlrecht und unter Abstngung von Ar­beiterliedern nach Neukölln marschieren wollte, da der Verkehr am Hermannsplatz je>doch hier durch stark beeinttächttgt wurde, schritt die Schutzmannschaft ein und zerstreute die Menge, ohne daß hierbei die Anwendung von Waffengewalt notwendig gewesen wäre Ein Zug von etwa dreihundert Personen, der ich ebenfalls aus Besucher» der Hasenheidc. Versammlung gebildet hatte, zog durch die Rittersttaß« »ach der Linienstraße vor das Ge­bäude desVorwärts". Dort wurden auch Hochruft auf das allgemeine gleiche Wahlrecht und Proteste gegen die Teuerung der Lebens­mittel ausgebracht. Auch hier löst« sich die Meng« schließlich ohne ernster« Zwischenfälle auf. Im Ganzen erfolgten siebzehn Si­stierungen. Unter den Festgenommenen befindet sich auch der sozialdemokratische Land­tagsabgeordnete D r. Liebknecht, der an der Demonstration teilgenolnmen und den Anord­nungen der Polizei nicht Folge geleistet habe» soll. Rach Feststellung ihrer Personalien rour den indessen die sämüichen Festgenommenen von der Polizei wieder entlassen. Sonstige Zwischenfälle haben sich bei den Demonstratio­nen nicht ereignet

Baden nnb ber Teuerungskampf.

Nach einer offiziösen Meldung aus Karls­ruhe wird die badische Regierung sich dem Vorgehen Preußens bezüglich der Teue­rungsbekämpfung in allen Teilen an- schließen. Sie hat beschlossen, die Einfuhr von Fleisch aus dem Ausland, soweit eine solche in Betracht kommt für die Städte Mannheim. Karlsruhe und Freiburg (auf die allein di« Voraussetzungen zutressen) zuzulas­sen, dem dem Bundesrat zugehenden Entwurf eines Gesetzes über vorübergehende Zoller­leichterungen bei der Fleischeinsuhr zu­zustimmen und bie gleichen Eisenbahntarismaß- nahmen toi« Preußen durchzusühren, .,. ...

Casseler Neaeste NachHtm

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