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Casseler Neueste Nachrichten

Nr. 244. r. Jahrgang._________________

leien über den Namen des Genossen Cohn zu Machen. DieDämpfung" sei ferner stark angc- 3riffen worden, aber keiner von den Gegnern habe gesagt, wir man es hätte anders und besser machen sollen. Es folgte der Bericht des Ab­geordneten

Stadthagen über die Reichstagswahle». Er kam bei seinen Ausführungen auf die Vor­gänge bei der Wahl des Reichstagsprü- sidiums zu sprechen. Irgend eine Verpflich­tung zu übernehmen, die außerhalb der Vor­schriften der Geschäfts-Ordnung des Reichstags liegt, kann nicht Äufaa- be der Sozialdemokratie fein, das wäre eine Unterwerfung unter bürgerliche Anschau­ungen Wir Jaden keinen Zweifel darüber ge­lassen. daß die Fraktion in ihrer Haltung bei einem Kaiserhoch eine Aenderung nicht eintreten lassen wird. Bei Beginn der Session war eine kleine Differenz in der Frattion. Es wurde aber mit über Zweidrittel-Majorität be­schlossen, auf keinen Fall zu Hofe zu gehen, da dies eine Verletzung der sozialde­mokratischen Ausfaflung sein würde. Die Frage, ob es richtiger sei, hinauszugehen oder sitzen zu bleiben, ist müßig. Wenn man früher hin­ausgegangen ist, so ist das aus Gründen der Höflichkeit, geschehen, weil man glaubte, die Gefühle der Andern nicht verletzen zu sollen. Jedenfalls dürfen wir nicht die Huldigung mit­machen, das ist die ausdrückliche Ansicht der Fraktton. Der Redner verteidigt dann die Ab­lehnung der 650 000 Mark, die für die Zurück- behalftmg von fünfhundert in Kiautschou an- gefordert worden sind. In Kiautschou leben nur 1500, im ganzen übrigen China nur acht Deuffche. Die Entsendung von

Militär gegen streikende Arbeiter, die nur von ihrem Koalitionsrecht Gebrauch machten, sei eine Auflehnung gegen die bestehenden Gesetze, wie sie schlimmer nicht gedacht werden könne. Die Fraktion habe auf allen Gebieten des parlamentarischen Le­bens versucht, die Interessen der Arbeiter wahr­zunehmen und werde dies auch in Zukunft tun. Hierauf nimmt August Bebel das Wort. Er sei früher auch gegen Beteiligung an den Präsidentenwahlen gewesen, aber die Zeiten hätten sich geändert. Was wir getan baben, das entsprach schon langjähriger Praxis. Wir waren aber in der Fraktion nicht im Zwei­fel darüber, daß die Wahl Scheidemanns nur eine vorübergehende Erscheinung sein werde. Man hat gesagt, man hafte von einer Partei von hundertzehn Sftmmen mehr erwartet, aber man darf nicht glauben, daß eine, wenn auch starke Minorität, große Taten voll­bringen kann. Konferenzen hat es schon vor vierzig Jahren in der Partei gegeben. In den achtziger Jahren fand einmal eine Konferenz in der Frage der Dampfersubvention statt. Es standen da in der Fraktton achtzehn gegen sechs der Linken, zu der auch ich gehörte. Die Linke hätte aber nur ans fünf Personen bestanden, wenn der sechste seiner Herzensneigung hätte folgen dürfen. Aber der hatte eine vernünf­tige Frau. Die sagte ihm, als er nach Ber­lin fuhr: Halte Dich nur an Bebel, Bebel ist ein verständiger Mann. ^Stürmische Heiterkeit, in die Bebel selbst Mit einstimmt.) Um drei Uhr wurde ein Schlutzantrag angenommen und Vertagung auf F r e i t a g beschlossen, --

Ise Politik der Tage».

Roch fünf Jahre Geduld...!

Ein Privat - Telegramm berichtet Uns aus Berlin: Ueber die weiteren Ar­beiten der Strasrechtskommission verlautet aus parlamentarischen Kreisen, daß die Kommission voraussichtlich erst zu Ende des Jahres 1913 ihre Tätigkeit wird beenden können. Im Jahre 1914 wird das Reichsjustiz- amt dann auf Grund des gewonnenen Mate- rials einen vor läufigen Entwurf aus-

stellen, ihn der öffentlichen Kritik unterbreiten und mit den verbündeten Regierungen in einen Meinungsaustausch über die einzelnen Bestim­mungen des Entwurfs eintreten. Erft nach Be­endigung dieser Besprechungen wird zur Aus- stellung einer endgültigen Vorlage geschritten werden. Daran ist aber vor dem Jahre 1916 nicht zu denken. Und erst wenn die Vorlage den Bundesrat passiert hat, wird sie dem Reichstag zugehen. Jedenfalls wird die Re- form des Strafrechts das erste größere gesetz­geberische Werk sein, daß der im Jahre 1917 neu zu wählende Reichstag zu verabschieden hat. Vor diesem Termin ist ein Abschluß der Reform weder zu erwarten, noch überhaupt möglich, und man muß sich also in Geduld fassen.

3m Zeichen der Teuerung.

Wie uns ans Karlsruhe telegraphisch berichtet wird, steht sich jetzt infolge der hor­renden Fleischpreise die badische Bevölkerung bis zu den Jndnsttteotten des Wivsentals ver­anlaßt, ihren Fleisch-Bedarf im zollfreien Grenzverkehr aus der Schweiz zu be­ziehen, obwohl es im Grenzverkehr nur gestat­tet ist, bis zu vier Pfund über die Grenze zu schaffen. Es werde» auf diese Weise über zehn Zentner pro Tag eingeführt. Ganze Karawanen von einfachen Leuten zie­hen nach den benachbarten Schweizer Orten, um von dem billigen Angebot der Schweizer Fleischer zu profitieren. Der Andrang von badischen Käufern ist manchmal so stark, daß wiederholt Polizei aufgeboten werden mußte, um unter den andrängenden Käufern Ordnung zu halten. Das Publikum wartet oft stundenlang, bis der Einzelne zur Fleischbank gelangt. Die Behörden bereiten der Bevölke­rung, die auf diese Weise sich gegen die Här­ten der Teuerung zu schützen sucht, keinerlei Schwierigkeiten, und es ist nur schade, daß die billigen Fleischtöpfe der Schweiz nicht über- all im Reich so rasch zu erreichen sind!

Ei« Riesenprosekt : Die Sahara-Bahn!

Ans Paris wird uns gemeldet: Nach dem Ergebnis der Forschungen mehrerer fran­zösischer Offiziere, die auf verschiedenen Wegen von der algerischen Küste bis zum Tschadsee vorgedrungen sind, wurde die ganze Straße der künftigen Transsaharabahn studiert und deren Plan vollständig fertiggestellt. Mit dem Bau der Bahn wird voraussichtlich schon im Herbst des näch sten Jahres begonnen werden. Die Vollendung dieser Bahn wird in kolonialen Kreisen als notwendige Ergänzung der Flottenzusammenziebung im Mittelmeer betrachtet. Frankreich soll nun die sichere See­herrschaft im westlichen Mittelmeer haben und dank dieser Herrschaft soll Frankreich im Kriegsfälle die Möglichkeit erlangen, ein schwarzes Heer in aller Schnelligkeit nach Europa überzusetzen. Dieses Heer soll rasch zusammengezogen und auf der Transsahara­bahn nach den algerischen Häfen geschafft wer­den. Es ist klar, daß unter diesen Umständen das giganttsche Bahnprojekt für Deutsch­land erhöhte Bedeutung gewinnt. Frankreich zeigt uns, wie man koloniale Schwierigkeiten erfolgreich zu überwinden vermag.

Politische Chronik.

Lebensmitteltcuerung überall' Der Magistrat von Stendal beschloß, für das Rechnungs­jahr 1912 eine Teuerungszulage für die Unter« beamten und Arbeiter zu beantragen. Diese Teuerungszulage soll bei einer bestimmten Kin­derzahl beginnen und für jedes weitere Kind um den gleichen Betrag steigen.

Mit Stern und Band. Der Kaiser verlieh dem Admiral von Holtzendorfß den Schwarzen Adlerorden. Kontreadmiral Land wurde zum Chef des Nordseegeschwaders und Kontreadmiral Graf von Spee zum Ches des Kreuzergaschwaders ernannt.

Der Bischof von Limburg schwer erfronH! Nach einem Telegramm aus Köln wurde der

Bischof von Limburg, Willi, der zur- zett im RedemptoristenNoster in Gerstingen an der Steg weilt, gestern von einer Herzaffe k- tion befallen. Der Bischof ließ sich die Sterbesakramente reichen.

Eine Vermählung im Hause Habsburg. Ge­stern fand in der Schloßkapelle in Wallsee in Anwesenheit des Kaisers und der Mitglie­der des Kaiserhauses die Vermählung der Erz­herzogin Elisabeth Franziska mit dem Grafen von Waldburg - Zeil statt.

Der Blnttag von Terna. Depeschen aus Rom melden uns: An dem Gefecht bei Derna (Tripolis) nahen, hiesigen Mättermeldungen zufolge, 8000 Italiener teil. Auf Seile» des Feindes kämpften 6000 Türken und 16 000 Ara­ber. Die Türken und Araber sollen übe r 3000 Tote und Verwundete zu beklagen haben.

Neues vom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

xx Eine Explosion während deö Schulunter­richts. In einer Mädchenschule in Frank­furt a. M. enfftand in der ersten Klasse wäh­rend des naturgeschichtlichen Unterrichts eine Wasserstoffgasexplosion. Mehrere Schülerinnen wurden leicht verletzt, die übrigen kamen mit dem Schrecken davon. Nur eins der Mädchen erlitt so schwere Verletzungen an den Augen, daß es ins Krankenhaus gebracht werden mußte.

ru Aus Eifersucht ... In Köln hat der dreißigjährige Gustav Wagner die Frau des Monteurs Berger, der in Krefeld auf Montage weilte, aus Eifersucht mit einer Feile erstochen. Wagner unterhielt mit Frau Ber­ger ein Liebesverhältnis. Berger hatte das er­fahren, söhnte sich aber mit feiner Frau wie­der aus. Nach der Tat versuchte Wagner sich erst zu erhängen und dann die Pulsadern zu durchschneiden. Er wurde in eine Irrenanstalt gebracht.

rft Ein Mordanschlag auf einen Geldbrief­träger. Der Kölner Polizei gelang es, einen Mordanschlag auf einen Geldbriefträger zu vereiteln. Ei» fünfunddreißigjähriger Mon­teur wollte in einem Hause am Totenring, wo­hin er an sich selbst eine Postanweisung adres­siert hafte, den Geldbriefträger niederschlagen und berauben. Durch einen Zufall hafte die Polizei von diesem Plan erfahren, so daß der Täter noch rechtzeitig verhaftet werden konnte. Der Bursche hat bereits ein Geständnis ab­gelegt.

XX Die Opfer von Recklinghausen. Die Lei­chen der auf ZecheAuguste Viktoria" bei Recklinghausen verschütteten Bergleute konnten in der vorvergangenen Nacht nach fünftägigen anstrengenden und gefahrvollen Bemühungen geborgen werden. Im Laufe der Nacht wurde zuerst der Bergmann Stucke, und gestern vormittag der Reviersteiger R a g a l l a zutage gebracht. Später sand man auch die Leiche des dritten Verschütteten.

XX Ans dem Gefängnis entsprungen. Aus dem Gefängnis des Kreisgerichtes in O l m ü tz in Mähren ist der Sträfling Franz T i ch a c - z e k, ein gefährlicher Verbrecher, entsprungen. Tichaczek, der die Stäbe seines Fenstergitters mit einem Holzscheit verbogen hafte, ist in den Hof gesprungen und in das Bureau des Ge­richtes eingedrungen, wo er den Talar eines Richters entwendete. Er verließ dann das Ge- sängnis unerkannt.

xx Einbrecher im Fabrik- Laboratorium. Aus dem Laboratorium der Badischen Anilin- und Sodasabrik in Ludwigshafen sind in der Zeit von Sonnabend auf Montag wichtige Fabrikationsvorschriften gestohlen worden. Der Diebstahl ist anscheinend von langer Hand vor­bereitet, denn alle Schränke wurden mit Nach­schlüsseln bearbeitet. Ein Fabrikarbeiter, der

weicher in der Linie gehalten als ein moderner Korpsstudent; aber ein zielbewußter Drauf­gänger, ein streberischer Egoist, ein tadelloser Verwaltungsbeamter, alles unter irr Maske des Liebenswürdigen, ist er auch. Der gegen, fettigen Verbindung, die er anstrebt, scheint zu­nächst die Base Sabine nicht abgeneigt. Den» eine vernünftige Familienpolitik ist in beider Interesse, in dem feinigen aber besonders die Ausnutzung seiner englischen Kohlenhandels- Verbindungen. Da ihm die Brust von schönen Hoffnungen geschwellt ist, nimmt auch er in der Kindesangelegenheit beim Major sür die Base Pattei, aber trotz seines Scheiidens mit ebenso negativem Erfolg wie her schwappelige Schiffs­reeder. Im dritten Mt endlich glaubt sich der famose Satan von Major veranlaßt, zu patta- mentieren. Er sieht doch ein, daß das Kind in seinen und des unvergleichlichen Dieners Philibert Händen nicht am allerbesten aufge­hoben ist, also ist er nicht abgeneigt, es Sabine zu überlassen. Aber die Sache kompliziert sich mehr und mehr, da der inzwischen bei der Base völlig abgeblitzte Ratsshndikus das geltende Recht hat in Kraft treten lassen, wonach her unglückliche Findling der städtischen Waisen­behörde übergeben werden muß. Denn her Major wie Sabine sind von dem Alter her Adoptionsfähigkeit noch recht weit entfernt. Mso taucht in allerletzter Stunde die Notwen­digkeit aNf, daß sich beide heiraten müssen, nm gemeinsam in den Besitz des Kindes zu ge­langen. Was beide glücklich n. plötzlich einsehen.

Es ist Dieyersche Att: Der altmodische Schluß und die eigenartig gestalteten und in­teressant nuancierten Charaktere. Der Major wie die meiste» Hauptgestalten Dreyers liebens­würdig und sympathisch in seinemgutmütigen Hünentmn" (wie ein Kritiker sagt). Der Vlajor, der dauernd ein abgefeimter Hagestolz schien und Sabine, hie kühl, zurückhaltend und ganz neutral in ihrem Gefühlsleben war, finden sich ganz plötzlich im Sprung über das Kind zu­sammen. Einestarre Durchführung des Cha- raters" gibt es bei Dreyer nicht, seine Men­schen sind kernerochers de bronce", aber be­weglich, sehr beweglich sind sie dafür. Wenn man gar .Kulturseele" verlangte, gar glaubte, Dreyer, würde ein Stück Biedermeierei aus dem Kulturboden dieser Zett heraus lebendig werde» lassen, dann hat man seine Erwattun- gen viel zu hoch gespannt. Das nette, unter*

Sonnabend, 21. September 1912.

mit auswärtigen Chemikern in schriftlichen! Verkehr stand, wurde verhaftet.

n: Revolverschießerei im Konsulat. Bei dem italienischen Konsulat in C h amb e r y in Sa­voyen wurde ein Bureaubeamter durch mehrere Revolverschüsse schwer verwundet. Der Ster­bende gab an, daß ein Mann in die Buream- räume gedrungen sei und verlangt habe, den Sekretär zu sprechen. Als er ihn abgewiesen habe, habe et mehrere Schüsse auf ihn abge. feuert. Auch der entkommene Täter scheint schwer verletzt zu fein.

Bom Schicksal ereilt Nach Unterschlagun. gen in Höhe von 85 000 Mark war bekanntlich ein Kassierer der Magdeb urger Maschi­nenfabrik von R. Wolfs slüchttg geworden. Gestern ist es nun gelungen, den Flüchtigen in Buckau zu verhaften. Der Verhaftete soll das Geld im Spiel und auf Rennplätzen verlo­ren haben; es wurden nur noch geringe Bar­mittel bei ihm vorgesunden.

XX Früher Winter in Ungarn. In dem Ge­birge von Körösmezö schneit es seit meh­reren Tagen. Der Schnee liegt bereits über einen Meter hoch. Die Ernte konnte nicht recht­zeitig eingebracht werden, und die Bevölkerung sieht infolgedessen der größten Not entgegen. Die Temperatur ist auch ganz empfindlich ge­sunken; nachts treten schon ziemlich schärft Fröste auf.

rn Christenmaffakre in Albanien. Wie aus U e s k u e b gemeldet wird, haben türftsche Soldaten der Garnison Skutari fünfund­zwanzig christliche Bauern ermordet. Die Lage beginnt wieder ein ernsteres Aussehen anzu­nehmen, da die Albanesen einen neuen, groß­zügigen Aufstand vorbereiten. Man rechnet bereits für die nächsten Tage mit neuen Er­hebungen. Die türkischen Truppen sollen in­folgedessen verstärkt werden.

xx Eine Bllmcnexplosio» in her Kirche. Die Konstantinopeler ZeitungSimaya" meldet, daß am Sonntag in der Moschee Asttschebi im Vilajet Adrianopel während der Gebets­stunde eine Bombe eModierte. Fünfzig Per­sonen sollen dabei getötet und 120 verletzt wor­den fein. Von dem Bombenaftentäter hat man keine Spur. Unter der Bevölkerung herrscht ungeheure Aufregung, sodaß der Ausbruch ernster Unruhen befürchtet wird.

Kmft md SiHtnWL

Ein Monistenklostcr in Sachsen., Wie ans Leipzig gemeldet wird, ist Geheimrat Ostwald drauf und dran, seinen jüngst aus­gesprochenen Vorschlag monistischer Klöster oder Siedelungen in die Tat umzusetzen. Ostwald bat die Ämtsschreibermühle in der Nähe von Eisenberg in Sachsen käuflich erworben, um dott eine monistische Siedelung, wie er sie auf dem Monistentag in Magdeburg theoretisch entwickelte, anzulegen.

Die Dresdner Schuch-Feier. Am morgi­gen Sonnabend wird in Dresden in festli­cher Weise das Schuch-Jubiläum gefei­ert. Vierzig Jahre ist Ernst von Schuch jetzt Leiter der Dresdner Hofoper. Außer den besonderen Ehrungen, die ihm vom König von Sachsen und der Generalintendanz auerteut werden, haben Dresdener Kunstfreunde eine Sammlung veranstaltet, deren Erlös die Sum­me von 100 000 Mark ist, die dem geniale» Di­rigenten zu seinem Ehrentage überreicht wer­de» wird.

uru Ein Museum für Merseburg. Die Stadt Merseburg will jetzt, durch reiche Stiftun­gen dazu instand gesetzt, das Merseburger St. Petri-Kloster auf dem Klosterhos, eines bet ältesten Baudenkmäler der Stadt, zu einem Museum umbauen und zwar soll mit den notwendigen Arbetten schon in Bälde be­gonnen werden. Hier sollen die Funde der Merseburger Umgegend und die Erinnerungen an die tausendjährige Vergangenheit Merse-

haltsame Stückchen mit feinem liebenswürdigen Humor ist nur in einen ganz äußerlichen Bieder, meierrahmen gehängt. Weiter nichts. Modern sind im Grunde auch hie Menschen angelegt. Max, der fast schneidige Ratssyndikus, könnte neudeutscher Reserveoffizier fein; er redet von de»sozialen Pflichten" der Kummune so be- wnßt wie ein moderner Magistratsassessor.

Das Stück erlebte in der Inszenierung des Herrn Hertzer eine sein gerundete Auffüh­rung Herr Alberti, dessen Begabung für das ' moderne Eharakterlustspiel überhaupt glänzend ist, gab dem Major Straf emann all die Ccharakterzüge des gutmütigen Humors, der derbe», ursprünglichen Laune, die ihnen der Dichter verliehen hat. Eim echter Dreyerfcher Liebling, eingutmütiger Hüne" par excellence. Die Sabine SB enterbt in ihrer blonden, nord- deuttchen Derhaltenhett fand eine auSgezeich- net natürliche Vertreterin in Fräulein Gör« l i n g, die die Gestalt ganz richtig, weder aus- gesprochenmodern", noch eigentlichbieder, meierisch" aufgefaßt hafte. Ebenso hielt Herr Z sch o kke mit feinem Max Benkardt die ttch- tige Mitte. Die fern nuancierte Darstellung betonte weder zu einseitig den RatssvndikuS mit Vatermördern und Spitzenmanschetten, noch war sie ganz auf de» zielbewußten,Egoi. sten unsrer Tage bestellt. Der innere Zwieipalt dieser Dreyerschen Menschen, die nicht modern sein sollen, aber auch nichtaltmodisch" sind, ist hier für den Darsteller tatsächlich die heckelste Klippe Das verliebte Pärchen endlich, die harmloschhantastifche Bttgitte und der junge Arzt Gert Gerdes haften Fräulein Storm und Herr Bartels mit gutem Humor ge- zeichnet. Herr Jürgensen, der den Kri- ftoffer Brodersen gab, ferner Herr Strial als Ratsapotheker Tobias Lindenström, der gut. mutig, ängstlich und schwärmerisch zugleich zu sein hat, waren wie immer in solchen Rollen ganz famos. Die Episodengestalten des feind­seligen, zuletzt aber versöhnlichen Kluckuhnschen Ehepaares wurden trefflich durch Herrn Pickert und Frau Clever dargestellt. End­lich darf auch der unvergleichliche Diener Phi­libert des Herrn W a r b e ck auf keinen Fall vergessen werden. Das Stück sand beim Pu­blikum freundliche Aufnahme, für die Ober- regiffeur Hertzer ftn Namen des Dichters banfte. -er.

Der lächelnde Knabe.

Max Dreher im Casseler Hoftheater.

DieJüngstdeutschen", bte Männer des re­volutionären Sturmes und Dranges, die noch vor zwei Dezennien die deutsche Welt mit ihrem hellen Waffengeklirr erfüllten, treten langsam ein in die Jahre der männlichen Reife, wo sich die ersten bunten Septemberfäden durch die rasch dahinglettende» Erdentage spannen. Nun hat auch er schon den Gipfel erreicht, von dem aus der Weg sachte hinüberfühtt zur empirischen Vollendung, der srische Pott vom mecklenburgischen Ostseestrande, der vor genau zwanzig Jahren als begeistetter Hauptmann- schüler, von Ibsens Einflüssen getragen, den Sprung in die Literatur wagte. MarDreher ist fünfzig Jahre alt geworden. Ales Naturalist hatte er angefangen, Gesellschastskrittker und Psycholog war er geworden, Seelenproblema- ttker ist er bis zuletzt geblieben. Und beute zu seinem Geburtstag überrascht er uns mit einem Lustspiel, einemScherzspiel" vielmehr, das im Untertitel die bezeichnenden Worteaus alten Tagen" trägt. Die Biedermeierzeit ist gemeint. Das macht »ns besonders anspruchsvoll. Denn wtt erwatte» nun mehr als Jndividualseele, wir verlangen vor allem Kulturseele.

Man darf es Wohl ein sozialpshchologisches Gesetz nennen: Zeitläufte, die vorherrschend dem Rattonalismus und Intellektualismus ihren Tttbut entrichten, erleben ihre Gegen- bewegungen in her Neigung zum Gefühls­mäßigen, besonders aber in einem eigentüm­lich heißen Erotizismns. Diese erotische Nei­gung in der Moderne, gegen deren Ueberhand- nehmen moralisierende Aesthetiker heute ebenso energisch wie vergeblich Sturm laufen, ist na- türlrch breiter und stärker als ihre Parallel­strömungen der Jndividualreligiosttät und der Mystik. Unsere moderne Welt wird täglich praktischer, naturwissenschaftlicher, technischer, positivistischer und damit gemütsloser ... ist es da merkwürdig, wenn die Paar Poetenseelen retrospektiv werden und sich hineinträu­men in die Zeitalter, wo das Gefühl re- giette? Wie die soziologischen Utopisten in ihren Staatsromanen ost genug Herolde des Neuen, Ungeahnten sind, den mystischen Schat­ten einer werdenden Zeit vorauswerfen, so ist der Poet, bewußt oder unbewußt, entweder neckisch und tändelnd oder ernst und getragen, er» Mahner, der durch Versenken und Ein- jpHHts j» SSdkk« Perioden dem SeltaennOjm

seine Kulturseltsamkeiten Vorhalten will. Oder -er begnügt sich damit, diese anderen Perioden einfach zu schildern, sie dem Menschen vor Augen zu führen.

So etwas durfte man vielleicht von Dreyers ScherzspielDer lächelnde Knabe" er­matten. Das uns in die kleine deuffche Stadt jener Zeit versetzt, an der soeben die Freiheits­kriege vorübergebraust waren, die aber soviel Kirchturmsbestrebungen und gemütvolle Spie- ßerei auflommen ließ, da der dumpfe polittsche Druck den Horizont immer mehr verengte. Im Dreyerschen Scherzspiel ist ein aufgefundener Säugling das punctum sallens. Der Artillerie- major Krasemann, burschikos und kernig, ein Stückchen Tellheim, ist in die Einöde her klei­nen Stadt verbannt, wo er sich mit Damvf- schiffahttsproje'ten befaßt, Waldhorn bläst, mit den sieben Urfamilien der Stadt lustige Scharmützel schlägt und sich das Leben sonstwie etträglich gestalten muß. Als die Maiennacht gekommen ist und der Flieder blüht, entdeckt er auf seltsame Weise im Verein mit dem wei­chen, jasmindustenden Ratsapotheker und dem unmöglichen Diener Philibert im Gatten seines geharnischten und gefürchteten Haus­wirts ein in weiße Hüllen gewickeltes Etwas, das sich als ausgesetzter Säugling entpuppt. Jetzt offenbart der Major auch fein großes technisches Geschick, denn er gestaltet eine Ta­bakspfeife zum Saugapparat für Säuglinge »m, verübt vor Freude zur ungewöhnlichen Stunde großen Lärm auf dem Waldhorn, fo daß zunächst das alte Faktotum Krisckane Kluckuhn, bann die Herrin selbst, Sabine Benkardt, her gefürchtete Hauswirt und das Mftglieb her sieben Urfamilien, mobil werben. Sie ist aber außerdem eine echte, deutsche, blonde, frische, herbe, statte, kernhast-reife Jungftau. Schon nach wenigen Minuten be­geistert sie sich in hellem Entzücken für den Findling, den sie sogleich besitzen möchte. Was der Major natürlich lachend ablehnt.

Im zweiten Akt sinnt sie nach, was sich tun ließe. Tenn ob ihr das Kind nach geltenbem Stadtrecht zufallen würde, ist juridisch immer­hin eine offene Frage. Mit ihrem Onkel Ktt- stoffer Brodersen, dem Schiffsreeder, einer echt verwaschenen Kleinstadttype, wirb sie sich sogar materiell verbünden, da er sich für sie beim Major ins Zeug legt. Endlich her Vetter Max lBenkardt, der Ratssyndikus, her den leichten Jntrigeton in das Lusffpiel bringt. Wir sind *»« in her Biedermeierzeit: also ist er etwas