Casseler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
2. Jahrgang.
Sonnabend, 14. September 1912
Fernsprecher 951 und 952.
Nummer 238
Fernsprecher 951 und 952.
t
I
e.
DU Hafieln Neuesten Nachricht«» erscheine» wöchentlich lechömal und zwar abend». Der «I kenn etn entartet» betragt monatlich 60 Pfg. bei freier Zustellung in« Hau«. Beftellungea werde» tederzeti von der Geschästsstell, oder den Bolen enigegengenommen. Druckerei. Beilag und viedaltton! Schlachthofstrabe 28/80. Sprechstunden der Red Litton nur von 1 bi« 3 Uhr «rchmittag». Sprechstunden der VuSlunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freilag von « 61« e Uhr abend« Berliner Vertretung: SW, Friedrichftr. 16, Telephon: Amt Moriyplatz 676.
Die Stadt der Konttafte
Berliner Ban-Sorge«.
>s it. h. n.
1. ld >8
Die deutschen Kaisermanöver.
Ein Gefecht aller Waffe«.
JnIerttonSpreile: Di« sechSgespaUene geil« für einheimisch, SeschLst« 15 Pf», für o«4. wärtige Inserate 25 M. Reklamezeile für einheimisch« Geschäft, 40 Pf. für auswärtige Geschäft« 60 Pf. Bellagen für die Besamtaustag« werden mit 5 Mark pro Tausend berechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung sind die Lasteler Neuesten Nachrichten -in vorzügliches JnsertwnSorgau. GeschäftSstell,: Kölnische Strotz« 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritzplatz 676.
Kriegsmäßige Verpflegung.
lieber die Erfahrungen mit der kriegsmäßigen Verpflegung bei den Kaifermcmövern wird uns geschrieb en: Bei den dies jährigen Kaffer- manövern hatte man aus Ersparnisgründen nur die Truppen des dritten Korps kriegsmäßig verpflegt, d. h. die Truppen, wurden von Küchenwagen begleitet, die wie die Pulverwagen zur Gefechtsdagage rechnen und mit in die Schlacht geführt werden. Die Ausgabe der Mahlzeiten kann immer erfolgen. Diesmal hatte sich biete Einrichtung wieder einmal präcbflg bewährt. Während sonst die Truppen im Kaisermanöver erst abends zum Abkochen kamen, und an die eisernen, mitgeführten Rationen im Tornister angewiesen waren — dies war bei den übrigen Korps auch diesmal der Fall — konnten beim dritten Korps die Mahlzeiten jederzeit in Marsch- und Gefechtspausen eingenommen werden. Die Ausgabe an die Kompagnie dauerte von den Küchenwagen aus zehn Minuten, die gesamte Mahlzeit knapp 20 Minuten. Das Essen war gut und vor allem heiß, was beim Abkochen selbst fast nie der Fall ist. Die Truppen konnten schnell gestärkt werden und hatten neue Kräfte für den Nachmittag. Im Ernstfall kann das Essen sogar in die Schützengräben getragen werden. Die Küchenwagen können am Tage nötigenfalls ihre Vorräte von der großen Bagage hinter der Front ergänzen, denn hier befinden sich die Lebensmittel- und Futterwagen, die Verpflegung für ein Regiment für den Tag mttführen. So ist es möglich, ohne Requirierung und Onar- tier die Truppen zu verpflegen, da man anneh- men muß, daß in Zukunftsschlachten die Truppen oft tagelang an denselben Plätzen liegen, wie der russisch-japanische Krieg gelehrt hat.
tember sich durch die „authentische Interpretation" des Paragraphen zwölf des Fleischbe- chau-Gesetzes zu einer „reitenden Tat" aufge- chwungen hätte: Bis zum Nutzbarwerden des Effekts würde dennoch die Teue- rung längst zur wirtschaftlichen Katastrophe und der Fleischmangel zum allgemeinen Not- tand gefährlichster Art gediehen sein. Man beunruhige uns also nicht mit einer Politik tat» morgaua... haft wißender Blink-Effekte!
Wichtiger als das Problem des Hammels in Eis hätte auch der Corona der Regierenden die Frage sein dürfen, ob nicht angesichts der immer bedenMcher sich äußernden Erscheinungen des allgemeinen Notstands eine (wenn auch nur zeitweise) Oeffnung der Grenzen für die Vieh- und Fleischeinfuhr als Pflicht-Gebot selbstverständlichster Regierungs-Fürsorge in Betracht zu ziehen fei. Wir wollen die Weisheit der uns regierenden Politik nicht frevelnd anzweifeln, wenn aber aus Nord und Süd, vom Westen und Osten die Mahnerstimme des reichstreuen Gewissens immer eindringlicher zur endlichen Abkehr vom einseitig-agrarischen Kurs unsrer Wirtschaftspolitik ruft, wenn von Kommunal-Ver- bänden, Wirtschafts-Organisationen und Berufsständen die Oeffnung der Grenzen als einzig mögliches Abwehrmittel int Kampf gegen die Teuerung gefordert wird, dann (sollte man meinen) dürfte auch eine Regierung, die vom Bewußtsein ihrer Unfehlbarkeit so tief durchdrungen ist, wie das Regiment des fünften Kanzlers, sich veranlaßt sehen, ihre Grundsätze einer Revision zu unterziehen und der Wirklichkeit die ihr gebührenden Konzessionen zu machen. Das wäre dann volkstümliche und volksfreundliche Politik, deren Hochziele sich nicht schämig im Hammel in Eis zu kristallisieren brauchten. . .!
F. H.
Ein bayerisches Reiterstück.
Im Vilsiale in Niederbayern hatte sich ein feindlicher Chevauleger bis Haunersdorf vorgewagt und war dort zum Feuergefecht in aufgeworfenen Schützengräben abgestiegen, da das fünfzehnte Infanterie-Regiment, von Landau an der Isar kommend, bereits auf den benach- barten Höhen erschien. Um nun dieses aufzu- halten, kam der Chevauleger-Wachtmeister auf den Gedanken, Artillerie zu markieren und fand einen bereitwilligen und geschickten Helfer in dem Schmied von Haunersdorf. Drei Böller wurden in der Nähe des Bahnhofs postiert, und bald donnerten den überraschten Fünfzehnern die Kanonen den Morgengruß zu. Die Täuschung gelang so vollständig, daß das fünfzehnte Regiment längere Zett aufgehalten wurde. Endlich erschien ein Schiedsrichter vor der Stellung des feindlichen Vorpostens und erkundigte sich bei dem Wachtmeister nach der Stärke der Arttllerie: „Markierte Artillerie, ein Mann und drei Böller!" lautete die Auskunft, und mit einem erstaunten „So, so!" ritt der Schiedsrichter wieder davon. Unterdessen war aber auch die gegnerische Arttllerie in Stellung gelangt, und von ihr war die Böller-Artillerie bald zum Schweigen gebracht, zumal auch dem tapferen Schmied das Pulver ausging»
Die Metropole des Deutschen Reiches ist . . . wie das ihrem riesenhaften Wachstum zu- kommt . . . eine Stadt der Konttafte. Grell und düster, glanzvoll und . . . weniger glänzend strömt das Leben durch die steineren Straßen, und über den gewaltigen Häufettolossen braust das nie verstummende Lied der Groß-
Kaiser Wilhelm.
Das Urteil eines Franzose«.
Der französische Journalist RenS Puaux, der soeben aus der Schweiz zurückgekehrt ist, spricht tn einem im „Demps" veröffentlichten fesselnden Artikel, der eine Fülle anekdotischen Beiwerks enthält, voll aufrichtiger Bewunderung von der Persönlichkeit Kaiser Wilhelms II., die alle Welt bezaubert habe und bezaubern müsse. „Ich folgte dem Kaiser während seines Aufenthaltes in der Schweiz Schritt für Schritt", schreibt er, „und ich muß gestehen, daß ich seine Lebenskraft wahrhaft bewundert habe. Ed. Roffier schrieb am 3. September in der „Gazette de Lausanne" am Schluffe eines bemerkenswerten Arttkels über den Kaiser: „Er hält die Fahne hoch und bekennt sich offen zu dem, was er denkt; er glaubt, arbeitet und kämpft. Tas ist ein Charakter:
Das ist ei« König»
Dieffe Definitton unterschreibe ich. Wil- Helm der Zweite hatte sich vorgenommen, im Laufe feiner Schweizer Reffe seine Gastgeber zu bezaubern, zu erobern. Das ift ihm vollständig gelungen. Er erinnerte mich ein wenig an jene Schloßherren, die, wenn sie ihren Nachbar, dem reichen Pächter, mit dem sie aus geschäftlichen Gründen in guten Beziehungen bleiben wollen, einen Besuch machen, sich in jeder Weise beliebt zu machen wissen: Sie setzen sich gemütlich an den Küchenttsch, er. klären den Apfelwein für vorttesstich, streicheln dem kleinen Jungen den Lockenkopf, unterhalten sich mit dem als Urlauber heimgekehrten großen Sohn über das Soldatenleben und tun das alles mit einer solchen Selbstverständlich- kett und Schlichtheit, daß nach ihrer Abreise jedermann sagt: „Der Herr Graf ift gar nicht stolz, er ist wirklich ein netter Mann." Die trefflichen Vertreter von St. Gallen und Thurgau, die dem Kaffer nach dem Imbiß von Wil vorgestellt wurden, müssen einen ähnlicher Eindruck heimgetragen haben. Der Kaisei unterhielt sich mit ihnen etwa eine Viertel tzuntze, und jedermann fragte sich, was er woh
Kontraste ringsumher. Hier Paläste mit blttr- kenden Fassaden, dort höllenschwarze Mielska- fernen. Der schnelle Cmporstieg Berlins ist nirgends so deutlich erkennbar wie an den Wohnungen, die die Riesenstadt ihren Bürgern bietet. Und nirgends ist so viel ungesunder.! überreizter Gründungsgeist am Werke, wie im Berliner Bauwesen.
Von Berlin aus wird demnächst Wahlscheine lich ein neues Gesetz den Weg durch das Deutsche Reich nehmen: das Wohnungsgesetz. Durch dieses Gesetz sollen alle Wohnungen unter fünf Zimmern einer behördlichem Konttvlls auf ihre gesundheitlichen Qualitäten hin unterliegen, und die Behörden sollen das Recht erhalten, die Bewohner gesundheitsschädlicher Räume ohne Innehaltung einer Frist aus ihre» Wohnungen zu toeifen. Wer die finsteren kleinen Wohnungen der Großstädte, in denen die Menschen haufenweise unter den ungünstigste» Umständen zusammenwohnen, kennt, wird dieses kommende Gesetz mit Genugtuung begrüßen. Und doch drängt sich dem nachdercklichew Gemüt die Frage auf, wie es nur möglich ist. daß bei der Ueberfülle der freien Wohnungen in Berlin Tausende in solchen Löchern vegetieren müssen. Noch immer hält die Bauwut i» den besseren Gegenden Berlins und in bett Vororten an. Häuser über Häuser wachsen aus dem Boden, ganze Sttatzenviertel erstehen . . . und bleiben leer. Denn alle diese Wohnungen sind immerhin nur für jene berechnet, die imstande sind, den Luxus der guten Lage/ sowie der Warmwasserversorgung, Heizung usw. zu bezahlen. Und da in Berlin der Mittelstand mit einem einigermaßen genügenden Einkommen immer mehr zurückgeht, um den beiden Extremen „Reich" und „Arm" Platz zu machen, ist es kein Wunder, wenn die größte Zahl dieser wild hingebauten Häuser leer steht.
Die augenblicklich an der Tagesordnung stehenden Konkurse der Bauspekulanten und Baufirmen dürsten auch dem arglosen Laien- gernüt eine Ahnung von den Dingen beigebracht haben, die den Berliner Bau- und Terrainmarkt bewegen. Und wer vollends an einem schwermütigen Herbstabend in die vom Baufieber ergriffenen Gegenden hinauspilgert. kann bald das Gruseln lernen. Stehen doch in Groß - ©erlitt nach den neuesten Zählungen 60 bis 80000 Wohnungen leer. In dem netten Berliner Vorort Sieglitz steht zum Beispiel ein ganzes fertig gebautes Stadtviertel leer da. Stumm ragen die Häuser an den Seiten der menschenleeren Straßen auf, und aus ihren toten dunklen Fenstern weht der schwere Atem der Plette. Die „Schwindel-Schweiz" hat der schlagfertige Volksmund dieses hitzig hingebaute Viertel genannt. Nun stehen die fertigen Häuser da, ftessen Zinsen über Zinsen und bringen langsam einen Unternehmer nach dem andern in den Konkurs. Und ebenso langsam, aber mit unabwendbarer Tödlichkeit senkt sich das graue Gespenst der Zwangsverwal- tnng und der Subhastatton auf die schlafenden Häusermassen. ■----
einen Besuch auf dessen Jagdschloß Wermsdorf bei Hubertusburg ab, der eine Stunde währte.
Ei« Sturmangriff.
Nachmittags weilte der Monarch wieder im Gelände. Die südlichen Flügel der roten zweiten und der blauen fünften Armee, die freiben ächsffcheu Korps, nämlich das zwölfte auf roter und das neunzehnte auf blauer Seite, waren am Nachmittag auch an einander geraten und kämpften im Süden des Hnbettusburger Forstes, wo es um vier Uhr zum Sturmangriff kam.
Das Ganze Halt!
(Privat-Telegramm.)
Oschatz, 13. September.
Beim ersten Morgengrauen setzten sich heute die beiden Patteien in Bewegung. Beide Führer hatten den Entschluß gefaßt, anzugreisen. Anfänglich verschleierte dichter Nebel die Operationen. Der Kampf löste sich schließlich in viele einzelne Gefechte auf. Schon sehr früh erschien der Kaiser, um die Operationen zu beobachten. Nachdem nach einiger Zeit die Sonne durchgebrochen war, senkte sich wieder dichter Nebel über das Feld. In der zehnten Stunde stieg indes der Ballon der Ma- növerlettung auf und das Signal erscholl: „Das Ganze Halt!" Die Operationen hatten ihr Ende gefunden. Eine umfangreiche Kritik in Anwesenheit des Kaisers folgte.
*
Gegen die Teuerung!
(Telegraphische Meldungen.)
Berlin, 13. September.
Der Stadtverordneten - Versammlung in Schöneberg ist zur Behebung der Fleisch- teuerung eine Petition unterbreitet worden, in der die Bildung einet G. m. b. H. für Groß- Berlin zur Einrichtung einer Kaninchenfarm angeregt wird. — In Jena bewilligte der Gemeinderat zehntausend Mark für die Versorgung der Bevölkerung mit preiswetten Lebens- Mitteln, deren Beschaffung alsbald erfolgt.
Köln, 13. September.
Die Stadtverordnetenversammlung beschloß, wegen der Fleischteuerung bei den Staatsbe- Hörden zu petitionieren. Sie stimmte dem Ankauf von ausländischem Fleisch durch die Stadtverwaltung zu und bewilligte zu diesem Zweck fünfzigtausend Matt. Infolge der statten Nach- ftage sind in Dänemark die Fleischpreise bereits um acht Pfennig pro Pfund gestiegen. Die Kölner Ochsenmetzgerinnung hat sich bereit erklärt, dänisches Fleisch mit einem Aufschlag von sechs Pfennig pro Pfund gesondett zu verkaufen. Der Verkauf soll noch in dieser Woche beginnen, alle Vorbereitungen sind getroffen.
Dresden, 13. September.
Die Stadt Dresden wird nach einem soeben erfolgten Beschluß als erffe Großstadt in großem Maßstabe auf eigene Rechnung argentinisches Rindfleisch einführen und die Fleischer mit einem ihnen zukommenden Aufschlag von 10 Prozent verkaufen lassen.
Die blaue fünfte Armee beabsichtigte gestern den roten nördlichen Flügel umfassend anzugreifen und zu dem Zwecke nm fünf Uhr morgens die Linie Schloß Hnbertusburg, Teutsch- Luppa, Dahlen zu überschreiten. Rot wollte den Vormarsch fottsetzen und mit starkem lm- ken Flügel seinerseits die gegenüberstehenden blauen Kräfte umfassend angreifen. Die Fronten der Gegner, die bisher einander westöstlich gegenüberstanden, dürften sich also nord- südlich verschieben. Blau hat nach ungeheueren Märschen seine Truppen an den Feind gebracht, und es scheint, daß ihm die Umfassung von Nordwesten und Norden her geglückt ist. Bei Liebschütz, nördlich von Olchatz. entwickelte sich zeitig ein Gefecht aller Waffengattungen. Das blaue vierte Korps drängte hier rote Kavalleriekorps und rote Infanterie von der sechsten Division des dritten Korps nach Süden zurück. Auf dem Liebschützer Berge war auch der Kaiser und der König von Sachsen längere Zeit anwesend. Luftschiffe und Flieger sind an der Arbeit. Das Gelärwe ist sehr abwechflimgsrerch und das Wetter schön. Das Publikum ist in gewaltigen Mengen hinausgeströmt — Der Kai- „
{et stattete mittagF dem König von Sachsen 1 stabt, diese Symphonie van .Arbeit und Lust-
Ser Hammel in Bis.
Der Minister-Rat über die Teuer«««.
Wer nun sagt, Herr von Btthmann Hollweg lasse sich die süße Ruhe der vorherbstlich-kühlen Nächte durch die Teuerung - Sorge nicht stören, sündigt wider die Wahrheit und das statt ausgeprägte Veraniwottlichkeit-Empfinden des fünften Kanzlers. Kaum von der Septem- berfahtt durch Oesterreichs Waldeszauber heim- gekehtt, noch froh beseelt von der bunten Mannigfaltigkeit der im Buchlauer Grafenschloß gewonnenen Eindrücke, hat der leitende Staatsmann rasch und ohne bänglich Zagen ein Konzilium der Minister des Reichs und Preußens zusammengerufen, und am Mittwoch in der Nachmittagstunde faßen daraufhin im Reichsamt des Innern die Herren des homo- genen Kabinetts zu ernstem Rat versammelt, bereit und entschlossen, der Teuerung statt und kühnlich Fehde anzusagen. Die Homogenität des Bethmann-Kadinetts ist seit Wermuths eiliger Ausschiffung unangetastet geblieben; sie hat auch der Teuerung gegenüber sich glänzend bewährt, und man durfte deshalb einigermaßen gespannt darauf sein, welcher Tat-Entschluß aus der Arbeit des Großen Rats vom elften Septembertag sich zum Licht emporttn- gen werde. Wir haben längst erkannt, daß Ueberschwang im politischen Hoffen Sünde ist, und hatten deshalb auch vom Minister-Rat nicht erklärtet, daß er uns den Stein der Weisen zeigen werde; immerhin: Etwas weniger Enttäuschung hätte uns das Kollegium der Regierenden doch bereiten dürfen, denn die Erkenntnis, daß der Paragraph zwölf des Fleischbeschau-Gesetzes dem Völker-Kampf gegen die Teuerung nicht hinderlich ist, hätte zur Not auch irgend ein Ministerial-Kanzlist aus der Hochflut der Petitionen und Resolutionen herauszudestMeren vermocht, ohne daß darum der Schweiß exzellenter Häupter zu rinnen brauchte.
Das Fazit deS Minister-Rats präsentiert sich nämlich in der fundamentalen These, daß im Fall der Not eine Versorgung des heimischen Mattts mit ausländischem Fleisch (in gefrornem Zustand eingeführt) durch die gefundheitspolizeilichen Beschränkungen des Paragraphen zwölf des Fleischbeschau Gesetzes nicht gehindert tverde, daß vielmehr die deutsche Industrie in der Lage sei, ungeachtet dieser Beschränkungen gefrontes Fleisch aus Australien und Argentinien in ausreichender Menge für den heimischen Mattt einzufüh- ren. Das ist AlleS, und man mutz sagen: Es ist nicht nur wenig, sondern ... Nichts! Der Paragraph zwölf des Fleischbeschau-Gesetzes ist eine ausgesprochne Schntzma tz- rege l, die lediglich dem Zwecke dient, den deutschen Fleischmarkt vor der Ueberflutung durch ausländische Fleischeinfuhr zu schützen. Die Absicht, die diesen Schutz schuf, barf als nützlich und berechtigt anerkannt werden, folange das Fleischbedürfnis des deutschen Mattts ans den Viehbeständen der heimischen Londwirffchaft ohne Inanspruchnahme des Auslands gedeckt werden kann; sie wird aber in demselben Moment zur volksfeindlichen Hätte, in dem der deutsche Mattt in seiner eignen Leistungsfähigkeit versagt und infolge der bestehenden Einfuhr-Erschwerungen Fleischmangel und Fleischteuerung erntreten. Dieser Zustand ist nun feit Monden allen sehenden Augen erkennbar, die Fleischteuerung ist Gegenstand ernster volks-sozialer Sorgen, und die Rot wird täglich drückender. Der Mi- nisterial-Rat vom elften Septembettag aber er- klätt: Nur keine Gespenster-Furcht, unsre Einfuhr-Barrikaden sind nur aus Papier!
Wir werden also vermutlich in Bälde schon uns an der Delikatesse gefronter argentinischer oder australischer Hammel ergötzen bürten, und haben demgemäß begründeten Anlaß, dem Herrn Kanzlern und dem Rat seiner Exzellenzen dankbar zu sein, die uns in salomonischer Weisheft die Wege gewiesen haben, auf denen wir die (gefronten) Fleischtöpfe der neuen und neuesten Welt zu erreichen vermögen. Und wen» die Theorie nicht grau und der Argentinier - Hammel nicht gefroren wäre, könnte man sich fast darüber freuen. Aber wir hören bereits aus den vom Geist ackerbautreibender Sachkenntnis durchwehten Spalten des Deutschen Tageszeitung, daß unsre Hoffnung eitel und die Sehnsucht nach dem Hammel in Eis ein Utopie ist: Das Organ des Bundes der Landwitt« stellt fest, daß im günstigsten Fall erst nach einem halben Jahr eine regelrechte Einfuhr argentinischen oder australischen Gefrierfleisches nach Deutschland möglich fein werde, da zurzeit alle finanziellen, technischen und wirtschaftlichen Vorbereitungen, die ein solcher Import erfordere, fehlten. Selbst wenn gflift.feaLMMrsVat vom Sev-