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Nummer 232

2. Jahrgang.

Sonnabend, 7. September 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Fernsprecher 951 und 952.

Ser Herr von Berlin.

Exzellenz Wermuth, der neue Man«.

Im Berliner Rathaus fand gestern v nachmittag die feierliche Einführung des neuen Oberbürgermeisters, Staats, sekretSr a. D. Exzellenz Wermuth, statt. Oberbürgermeister Wermuth er­klärte in einer Rede, er werde dafür sorgen, daß unter ihm das kostbare Gut der Selbstverwaltung nicht geschmälert werde. Ferner lege er hohen Wert auf eine ernste Fürsorge für die Neuregelung der N a h r u n g s- mittelversorgung und der Ver­sorgung Berlins mit Elektrizität. Gleichzeitig sei eine Verein­fachung der Verwaltung am Platze. Die schönen Tage von Aranjuez, da Herr Heinrich Kirschner, der Oberbürgermeister der Reichsmetropole, mit dem Hute in der Hand bei Sonnenschein und Wolkenbruch am Brandenburger Tor stand, um ankommende Potentaten ziemend zu begrüßen, sie sind nun vorüber: Herr Kirschner erholt sich in den Ti. roler-Bergen von den mannigfachen Mühen und Leiden einer lang ausgedehnten Amtszeit, und gestern zur Nachmittagstunde hat man im Roten Haus den neuen Herrn von Berlin, den einstigen Säckelmeister des Reichs, in sein Amt als Oberbürgermeister der Haupt- und Resi­denzstadt eingeführt. Feder, der dir Geschicke der Reichshauptstadt mit wachsamem Auge ver­folgt, weiß, Laß der gestrige fünfte September- tag von hoher Bedeutung gewesen: Berlin steht an einer Wende seines Geschicks, und man half es als ein Glück bezeichnen, daß eine frische straft in einem Augenblick das Ruder ergreift, Lees noch möglich ist, es zu neuem Kurs herumzuwerfen. Kirschner, der in den wohlver. biestten Ruhestand trat, hat zweifellos manches Gute für Berlin geschaffen, und es wäre un. dankbar, dem Goschiednen jetzt einen Stein nachzuwerfen, weil er nicht über den Ver­hältnissen stand, sondern sich von der Wucht der Riesenverantwortung zu Boden drücken ließ. Es rft kein Zweifel, daß man schon in den letzten Jahren keinen frischen Zug mehr verspürte, Laß überall in den Refforts «ine ge­wisse Lauheit in der Erledigung wichtiger Fra­gen eintrat, der Instanzenweg immer hölzerner und bürokratischer wurde, und Laß Berlin zu verschiednen Malen in außerordentlich wichti­gen Lebensftagen (man braucht nur an das verschandelte Tempelhofer Feld zu erinnern) in die Irre gegangen und von kundigen The- banern geschröpft worden ist. Eist gewisser Zug der Greisenhaftigkeit griff Platz, und der Kurs, den die Berliner Stadtverwal­tung steuerte, ging nicht zur Höhe einer gesun­den Fortentwicklung, nicht einmal auf der graden Ebene der Erhaltung des Bestehenden, sondern er führte direkt abwärts in die Liefe ungesunder Spekulation, mangelhafter Finanzverwaltung und ungenügender Berück­sichtigung des leiblichen Wohls der Millionen- Bevölkerung!

*

DieFlucht aus Berlin".

Unter diesen Umständen kann es nicht wun­der nehmen, daß eine allgemeine Unzufrie­denheit der Berliner Bürgerschaft immer mehr und mehr um sich griff und jeder, der da­zu in der Lage war, Len Staub von feinen Sohlen schüttelte, um in einem Ler Vororte Wohnung zu nehmen. Der Zug nach »außer­halb", die »Flucht aus Berlin", hat so bedrohliche Formen angenommen, daß nur ein energisches Eingreifen der Stadtbehörden, «ine Beseitigung des alten Schlendrians Besse­rung herbeiführen kann. Durch dieses Fort­ziehen der besten Steuerzahler sinkt das Er­trägnis der Steuerguelle Berlins mehr und mehr, trotzLem sich die Ausgaben für Armen­pflege fortwährend in aufsteigender Linie be­wegen. Berlin hat im Lauf der Zeit durch seine Riesenausdehnung für das ganze Land eine solche Bedeutung gewonnen, daß der Pro­vinz die kommunalen Verhältnisse in der Reichs Hauptstadt nicht gleichgültig sein dürfen. Zehntausende von jungen arbeitskräftigen Menschen männlichen und weiblichen Ge­schlechts tauchen alljährlich in Berlin unter, werden dort im Massengetriebe verarbeitet und durcheinander geworfen und ihr Schicksal ist sehr verschieden: In den meisten Fällen aber nicht erfreulich. Die Millionenstadt ist nur dann in der Lage, Ersatz für ihren riesigen Krästeverbrauch zu schaffen, wenn ihr aus der Provinz dauernd neues Menschenmaterial zuftrömt. In der Abendzeit der Kirschncr-Re- gierung ist nichts getan worden, um den Ersatz der Leh.enskrsil.der Millionenstadt aeiund und

stark zu erhalten: Der junge Riese Berlin, dessen wafferkopfartige Entwicklung seit einem Jahr­zehnt die erste Sorge aller Kommunal^Prak- tiker ist, ermangelt der natürlichsten Fort­schritts-Voraussetzungen; der limonadehaft verwässerte reichshauptstädtische »Kommunal- Freisinn", dessen Paladine und Heroen an den Vorstandstischen weltstemder Bezirkvereins- politik chrönen, schuf Verflachung und müde Resignation; die Finanzwirtschast wurde zur Etatkünstelei und in der Stadtverwaltung schwangen die »Fraktions-Manager" das Zepter. Herr Kirschner hat dies alles auch er­kannt; er hat die Schäden gesehen, aber er fühlte sich nicht stark genug, sie zu bekämpfen, und sein Trost und seine Freude blieb schließ­lich nur noch der Ehrenplatz am Brandenburger Tor.

*

Die Exzellenz im Rathaus.

Mit Herrn Wermuch kommt nun ein neu« Mann und ein neuer Kurs. Es sind keine leichten Aufgaben, die auf dem Stuhl des Oberbürgermeisters feiner harren, und er wird der ganzen Kraft seiner schöpferischen Persön­lichkeit bedürfen, um den Hoffnungen gerecht zu werden, die sich an seinen Eintritt ins Rote Haus knüpfen. In erster Linie wird es not­wendig sein, die Finanzlage Berlins zu verbeffem, das hereits drohende neue Anziehen der Steuerschraube zu verhindern, und der Flucht aus dem Zentrum Einhalt zu tun. Es stehen zur Zeit in Berlin mehr als dreißigtau­send Wohnungen leer, und der Ausfall, der den Hausbesitzern und Grundstücksspekulanten er­wächst, fällt letzten Endes wieder auf den Stadt­säckel zurück, weil die Leistungsfähigkeit der noch in Berlin verbleibenden Steuerzahler ständig abnimmt. Man hat von Wermuth nicht mit Unrecht gesagt, daß er der befähigtste Reichsschatzsekretär gewesen sei, den das Deut­sche Reich bisher besessen: Er hat nach langen Jahre wirkungsvoller und unermüdlicher Ar­beit der Ungunst der Verhältniffe weichen müs­sen, nicht weil es ihm an der nötigen Energie fehlte, seine Pläne durchzudrücken, sondern grade, well er ein Mann der festen Ueberzeu- gung war. Vielleicht wird diese Stärke in der Ausprägung der eignen Persönlichkeit nun in andrem Wnrzelboden reichere Früchte tra­gen. Das Verhältnis zwischen Stadtoberhaupt und Stadtverordnetenversammlung ist unter Kirschner nicht sonderlich erfteulich gewesen. Kirschner sank mehr und mehr zu einer deko­rativen Persönlichkeit herab, derenleiten- der Wille" kaum noch zu verspüren war. Dafür öffneten die Fraktionen und Frattiönchen im Roten Haus umso ungenierter den Mund, und manches wäre wohl anders geworden, wenn Kirschner die Autorität besser gewahrt hätte. Wird Wermuth auch hier die Zügel stramm in die Hand nehmen und zu alten, bessern Zei­ten zurückkehren? Auf dem Tisch der Exzellenz häufen sich die Gesuche, Vorschläge, Bittschrif­ten und Klagen aus allen Kreisen des reichs­hauptstädtischen Bürgertums. Es ist, als ob alle Sorgen und Kümmerniffe der verfloflnen Jahre auf die kräftigen Schullern des neuen Oberbürgermeisters abgeladen werden sollten: Neberall grünen neue Hoffnungen, und man glaubt nun wirklich an das Heraufdämmern einer neuen, bessern Zeit, die ihre Ideale nicht im Schatten des Brandenburger Tores sucht, sondern nach Zielen langt, die h ö h e r e Werte bergen. «an.

Die Tragödie eines Prinzen.

Prinz Georg von Serbien irrsinnig!

(Priv at°Telegramm.)

Bukarest, 6. September.

Die hier erscheinende, angesehene Zeitung Diminitea bringt aus Paris folgende sen­sationelle Meldung: Prinz GeorgvonSer- bien (der frühere Kronprinz, der später zugunsten seines Bruders Alexander auf feine Thronfolger-Rechte verzichtete) fiel in Paris bei der Aufnahmeprüfung in die Militärakademie von St. Ehr durch. Infolge des Eingreifens des Zaren der Bulgaren und des damaligen Ministerpräsidenten Milowanowitsch gelang cs aber trotzdem, die Ausnahme des Prinzen zu erwirken. Als er aber begann, den Vor­lesungen beizuwohnen, da erkannte Prinz Ge­org, daß er so geringe Vorkenntnisse habe, daß er nicht imstande war, den Borträgen zu folgen. Infolgedessen trat er aus der ge­nannten Militärschulc wieder aus und lebte ganz seinen Vergnügungen. Es stellte sich bei ihm

eine große Nervosität

ein, die auf sein ausschweifendes Leben, andererseits auf seinen Aerger über das Fiasko in der Milllärschule zurückgcsührt werden muß.

Sem nervöses Leiden steigerte sich von Tag

Tag und wurde sogar zu einer Gefahr für seineAmgebung. Als ihm beispielsweise sein Ordonnanzoffizier Major Paulowie Vor­stellungen über feine Verschwendungssucht machte, kam es zu einer erregten Szene. Prinz Georg griff zu einem Revolver und feuerte einen Schutz aus den Major ab, ohne glücklicherweise diesen zu treffen. Rach diesem Vorfall mußte er wieder nach Belgrad zurück­reisen. Von dort aus ist der Prinz nun «ach Glarus in die Schweiz in eine Heilan­stalt gebracht worden.

Manöverschluß in der Schweiz.

Der Kaiserbesuch und diedeutsche Sache".

Die Züricher Sonderkorrespondenten der Pariser. Morgeuzeitungen stimmen ausnahms­los darin überein, daß die Persönlichkeit des Kaisers in feiner für den Zweck so vorteil­haft gewählten Gardeschützenuniform überall den besten Eindruck hervorruft, und daß die allseitigen lebhaften Zurufe durchaus dem Empfinden der gesamten Schweizer Bevölke- rung entsprechen. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß selbst Korrespondenten ausge­sprochen nationalistischer Blätter nicht den Ver­such machen, die Wahrheit zu verschleiern, daß dieser Kaiserbesuch für die deutsche Sache in der Schweiz von großer Bedeutung sei. lieber den Kaiserbesuch selbst liegen uns folgende Meldungen vor:

Der Kaiser als Gast Zürichs.

(Privat-Telegramm.)

Zürich, 6. September.

Der Kaiser verbrachte den gestrigen Nachmittag in seinem Absteigequartier, der Mlla Nieter, in heiterem Gespräch mit den zu seinem Gefolge abkommandierten Offizie­ren. Am Abend brachte ihm der Deutsche Männergesangverein ein Ständchen dar. Der Kaiser ließ den Dirigenten zu sich bitten und bedankte sich für die Aufmerksamkeit aufs herzlichste. Gestern mittag ließ der Kaiser durch den Militärattache« in Bern Hauptmann von, Bismarck, dem Kommandanten der Ehren­kompagnie eine bronzene Medaille mit seinem Bildnis und dem Leutnant der Ehrenkompag- nie und dem Wachtko mmandanten je eine gol­dene Busennadel mtt seinen Initialen und mit Brillanten besetzt, überreichen. Am Züricher Hauptbahnhof ereignete sich bei der Rück­kehr des Kaisers aus dem Manövergelände ein niedlicher Vorfall. Ein Soldat wollte, La es regnete, Las kaiserliche Automobilschlie. ß en, verstand aber nicht, mit dem Wagen- schlag umzugehen. Da legte der Kaiser selbst Hand an und machte gemeinschaftlich mit dem Soldaten Len Wagenschlag zu.

Rach de« Manöver«.

(Privat-Telegramm.)

Zürich, 6. September.

Die schweizerischen Manöver haben mit dem gestrigen Tag« ihr Ende erreicht. Der Kai­ser, der mit seinem Gefolge den Manöver« bis zum Schluß beiwohnte, zog sich, nachdem das Gefecht abgebrochen war, in ein auf dem Oelberg errichtetes Zelt zurück, wo ihm von der St. Gallener Regierung ein Frühstück serviert wurde. Der Kaiser sprach sich (soweft verlautet) namenttich am letzten Manövertage sehr lo­benswert über die Schweizerische Armee und insbesondere auch über die Arbetten der Genietruppen aus, die eine tüchtige Aus­bildung erfahren haben. Pariser Blätter wissen vom Kaiserbesuch in der Schweiz noch folgende Episo-de zu erzählen: Inmitten der dichten Volksmenge in den Straßen Zürichs befand sich auch Prinz Adalbert von Preußen, der dritte Sohn des Kaisers, der aus Bern im Automobil gekommen war und sich unauffällig unter die Menge gemischt hatte. Als sich der kaiserliche Wagen nahte, beteiligte sich der Prinz an den Hochrufen der begeisterten Vollsmenge. Als Ler Kaiser ihn bemerfte, fuhr er überrascht zusammen und machte den an seiner Seite sitzenden Präsidenten der Schweiz darauf aufmerksam, daß sich einer fei­ner S ö h n e unter der ihm huldigenden Bevöl­kerung befinde.

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Bei der Frühstücrstafek.

Ein Privattelegramm meldet uns aus Paris: Pariser Blättern wird von einem Gespräch bei der Frühstückstafel, das Kaiser Wilhelm mit dem französischen Ge­neral Pau hatte berichtet. Präsident For- rer, der anfangs zwij chen dem Kaiser und dem ftanzösischen General saß, begab sich bei dem dritten Gang an eisen Nebenttsch. Der Kaiser und Ler General waren dadurch unmittel­bare Sitznachbar«. Der Kaiser zeigte sich über die militärische Laufbahn Paus feit 1870 vollkommen unterrichtet und hob hervor, daß er wiederholt Gelegenheit gehabt habe, von dem hohen Ansehen,zu vernehmen, in

dem Pau nicht bloß bet feinen ftanzösischen sondern auch bei seinen ausländischen Waffe«' genoffen stehe.

Ser Msenvrozeß Sattler.

Seit zwei Jahre« in Untersuchungshaft!

Der erste Teil eines Monstre-P roz es­se s, wie er in solchem Umfange auch in unse­rer angroßzügigen" Bettugsaffären nicht ge­rade armen Zett zu den Seltenheiten gehört, wird (wie wir schon berichtet haben) im Laufe dieses Monats vor dem Schwurgericht des Berliner Landgerichts I zur Verhandlung kom­men. Es handett sich um die Affäre des Ban, kftrs Otto Sattler, der bis zu feiner nun schon zwei Fahre zurückliegenden Verhaftung als Inhaber desBank-Kommissions- und Finanzierungsinstituts Merkur" fungierte und dem die Anklageschrift eine ganze Reihe rafft- niert ausgeklügelter Betrugsfälle zur Last legt, durch die namentlich kleinere Leute um ihr ganzes Vermögen gebracht worden sind.

Zweitausend Seiten Anklage.

(Von unserm.Korrespondenten.)

Berlin, 6. September. X

Die Anklageschrift im Monstreprozeß Satt­ler wirft dem Angeklagten vor, mit Hilfe tö­nender Prospekte spekulationssuchtige Leute an- gelockt und bettogen zu haben. Er soll unzäh. lig viele seiner Kunden um ihre Spargroschen gebracht, einen Riefengewinn einge­strichen und auf Kosten anderer auf sehr gro­ßem Fuß gelebt haben, bis die Staatsanwalt­schaft zugriff und ihm (am dveiundzwanzigste« September 1910) Quartier im Untersuchungs­gefängnis Moabit bestellte. Die «un bevorste­hende Schwurgenchtsverhandlung dürste zwei Tage dauern, obwohl nur fünf Zeugen und ein Sachverständiger geladen sind. Ob der zweite Teil des Strafverfahrens, bei welchem Satt­ler und sechzehn Genossen wegen Be- trnzs unter Anklage stehen, noch in diesem Jah­re zur Hauptverhandlung reif werden wird, ist mehr als zweifelhaft. Diese ganze Straffache, zu deren Verhandlung etwa bundertsech. zig Zeugen vorgeladen werden sollen, ist so verwickelt, Laß der Antrag gestellt worden ist, -die Frist zur Auslassung auf die riesig um- fangreiche Anklage um 'einen Monat zu ver­längern. Es wurde schon mttgetefft, daß die vom Staatsanwalffchaftsrat Schwickerath ver­faßte Anklageschrift ein Unikum darstellt, da sie in vier dickleibigen Bänden etwa zweitau­send Druckseiten umfaßt. Der erste Band ist der Hauptsache nach der Darstellung des Treibens in den Büroräumen desMerkur" in der Oranienburger Straße gewidmet und schildert, wie derBankdirektor" als' Lebe­mann in den Berliner Nachtlokalen eine bekamtte und beliebt« Persönlichkeit war. Die übttgen Bände behandeln die einzelnen An­klagefälle. Der HerrDireftor" sitzt jetzt, wie gesagt, seitzweiJahreninHaft. Jn- tereffant ist, daß Sattler während der Untersu­chungshaft eine längere Freiheitsstrafe abge­büßt hat, nämlich zweihunderteimmdvieiyig Tage Hast, die ihm nach und nach wegen seines unsinnigen Autofahrens, gegen das mit Geldstrafen vergeblich angekämpst worden war, zudittiert worden waren.

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Ei« OpferBerlins bei Nacht".

Wie aus Berlin berichtet wird, wird von der dorttgen Kriminalpolizei und den Mitt- tärbehörden nach einem fahnenflüchtig geworde­nen Leutnant des 58. Infanterieregiments in Glogau, Georg Brose, gefahndet. Bro­se, der auch Bataillonskommandant gewesen ist, und im kommenden Herbst wahrscheinlich zum Regimentskommandanten ernannt worden wä­re, ist vor acht Tagen fahnenflüchtig geworden, nachdem er eine für seine Verhältniffe unge­heure Schuldenlast ausgenommen und ver­schiedene Betrügereien begangen hatte. Er war ständiger Gast der Berliner Nacht­lokale und hat dort enorme Summen ver­geudet.

Das Kaiserreich stirbt...! Die Geburt der französischen Republik.

<- Im Pariser .Malin* schildert der Schrift, geller Maxime Buillaume soeben in knapper und gerade darum um so eindringlicherer Weise die am vierten September 1870, »ach der Kata­strophe von Sedan, in Paris erfolgte «erkün. dtgung der Republik, das unvergeßliche Schauspiel, das die Stratzen und die Boulevard« boten, das aufgeregte Geschrei der Menge und die bald grandiosen, bald kindischenWutauSbrüch, der «olkSmasten. die herbeigeströmt waren, um ei, Kaiserreich zu stürzen. ES heistt in diesen Aufzesch. nungendeS Augenzeugen, der Mttwtrkender war

Elf Uhr. Unter den Galerien des Odson, wo wir uns schon im Januar anläßlich dxr Beisetzung Victor Roirs versammelt hatten.' Ein Dutzend Freund« «twa. Einer erzählt, daß er am vorigen Abend au! hem Boulevard'