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Nr. 228. 2. Jahrgang.________________

$tn. die eben erst erkaltet waren, und die von requirierten Bauern in breite Gräben gewor­fen wurden, um bald mit Kalk bedeckt zu wer­den. Deutsche Schildwachen mit geladenem Gewehr überwachten diese Arbeit und achteten daraus, daß die Toten nicht durch Landstrei­cher und Marodeure ausgeplündert wurden. Verwundete baten flehend mit erhobenen Armen und mit schwacher Stimme um Hilfe. Alle stießen denselben Schrei aus, der wie eine herzzerreißende Klage klang, den Ruf:Zu trinken! Zu trinken!" Deutsche Laza- rettgchilfen schassten auf Tragbahren ihre ver­wundeten Landsleute fort, während freiwillige Krankenträger, zum größten Teil Aerzte, Stu­denten und junge Frauen aus Belgien, mit dem Abzeichen des Roten Kreuzes um den lin­ken Arm, sich (trotz zahlreicher Schwierigkeiten, die ihnen bereitet wurden) eifrig um die Fran­zosen bemühten und sie, nachdem sie sie ober­flächlich verbunden hatten, nach der belgischen Seite hinüberschafften. Von Zeit zu Zeit hörte man einen Schuß: Eine Schildwache schoß aus einen Leichenräuber! Der von Radspu­ren tief aufgewühlte Boden war besät mit Trümmern jeder Art: Mit Tornistern, Helmen, Waffen, Lederzeug, Pferdegeschirr, Pulverka- sten und Lafetten: das alles deutete auf den Standort der Batterien, deren Bedienungs­mannschaft auf der zerbrochenen Bronze ihrer Kanonen

tot am Boden lag.

Ein Leichcnhaufen zwischen Musikinstrumenten, Signalhörnern, Klarinetten, Posaunen und Trompeten, die auf einen Wust von zerstreuten Notenblättern lagen, erinnerte an die vollstän­dige Vernichtung einer von den Granaten zer­schmetterten Musikkapelle. Was besonders auf­fiel, war die große Menge von Papieren jeder Art, die die Erde bedeckten: Da lagen Briefe, Dienstbücher, Zeitungen und Druck­sachen anderer Art. Viele Leichen bewahrten noch genau die Haltung, die sie in dem Augen­blick, da der Tod sie traf, angenommen halten. Auf dem Bauche liegend, den Finger am Gewehrschloß, in der Stellung eines liegen­den Schützen, schien ein Infanterist auf uns zu zielen; wir traten näher und sahen, daß er . . . tot war. In seiner Nähe kauerte auf der Straßenböschung ein Verwundeter, der uns anries. Ich eilte zu ihm und reichte ihm meine Feldflasche, aus der er gierig trank. Es war ein Unteroffizier der Infanterie; er war kreide­weiß, aber man sah keine Wunde. Ich fragte ihn, ob ich ihm helfen könnte:Das lohnt sich nicht mehr, mein Freund," sagte er,Ich bin fertig: ich habe zwei Kugeln im Bauch, aber ich pfeife auf alles. Ich habe vorher noch ein paar Häute durchlöchert. Schau mal, der da ist mein Letzter!" Und er zeigte auf

einen deutschen Soldaten, der steif und starr auf dem Boden lag; Arme und Beine waren insolge des Todeskampfes, der entsetzlich gewesen sein muß, wie Schrau­ben gewunden, und d-r Leib war durch ein Bajonett, das noch im Körper steckte, wie fest­genagelt. Der Tod schien die-Ortschaften ringsum genau so getroffen zu haben wie die Menschen. Die Häuser, deren Türen und Fen­ster weit offen standen, waren leer, und die meisten waren von den Kartätschen durchlöchert. Einige brannten noch. In der Ferne hörte man Militärkapellen, die dieWacht am Rhein" spielten. Mitleid erregten die Vfer- de: die meisten hatten ihr Zaumzeug unter dem Bauch und die Beine waren in den Gur­ten verwickelt; so irrten die Tiere, kläglich wiehernd, truppweise umher und stürzten sich, plötzlich von einer wilden Panik ergriffen, in. einem wahnsinnigen Galopp durch die Reihen der Toten und Verwundeten, hinweg über Wa­gen und Trümmerhaufen, die am Boden lagen.

____________________________Casseler Neues

Ein entfetzlicher Gestank, ein fürchterlicher Ge­ruch von verfaulendem Fleifch, arrgesengtem Leder und Chlor flieg in den Hals und erregte Husten, umso mehr, als die Feuersbrünste von Bazeilles noch nicht erstickt waren und der Rauch sich langsam auf das Schlachtfeld herab- fentte. Givonne, Daigny, La Moncelle waren nur noch Trümmer; in Bazeilles aber war es grauenvoll. . .! Dr. A. D.

Sie Politik des Lager.

Metallarbeiter-Kämpfe im Westen?

Aus Köln wird uns telegraphisch berichtet: In Westdeutschland droht es nunmehr doch zu einer gewaltigen Kraftprobe der Me­tallarbeiter zu kommen, die bestimmte, aus Verkürzung der Arbeitszeit gerichtete For­derungen eingereicht haben. Die dem Arbeit­geberverband der Metalllndustriellen ange­schlossenen Unternehmer erklären sich bereit, ei­nige Zugeständnisse zu machen. Rach ihrer Meinung können jedoch die Hauptforderungen in dem Umfange, wie dkx» Arbeiter sie stellen, nicht bewilligt werden, fifo verschiedenen Ver­sammlungen wurde erkling, daß das Angebot der Unternehmer nicht akzeptabel sei und Laß es deshalb zum Streik und voraussichtlich zu ei­ner großen Aussperrung kommen wer­de. Im Köln-Mülheimer Gebiet kommen al­lein fünfzigtausend Arbeiter in Be­tracht. In den nächsten Tagen sollen mehrere Versammlungen stattsinden, in denen es sich entscheiden wird, ob es zum Kampf kommt oder ob im Wege der Verständigung ein Kompro­miß zwischen den Arbeitern und den Werken möglich sein wird.

Heilbronner Intermezzo.

Ein Privat - Tel eg ram'm meldet uns aus Stuttgart: Aus der sozialdemokrati­schen Landesversammlung, die am Sonnabend und Sonntag in Heilbronn stattfand, und zu der aus Berlin die Mitglieder des Zentral­vorstandes der Partei, Ebert und Braun dele­giert waren, kam es zwischen dem Führer der Revisionisten im Landtage, Hildenbrand, und dem Führer der Radikalen. Westmeher, zu einem heftigen Zusammenstoß. Den Höhepunkt erreichte der Tumult, als dem Revisionisten Heimann bei der Begründung ei­ner Resolution, in der Westmeher wegen seiner verhetzenden Tätigkeit die Fähigkeit zur Ke- kleidung von Ehrenämtern in der Partei aber­kannt wird, durch Schimpfworte, wie Lunch, Strolch, Lügner und so weiter andau­ernd am Sprechen verhindert wurde. Die revi- sivnisttsche Mehrheit nahm die Resolution mtt großer Majorität an. was mit Pfuirufen auf Seiten der Radikalen beantwortet wurde. Die Wahl des Landesvorstandes ergab am Schluffe einen großen Sieg der Revisio­nisten mit dreihundert Stimmen über die Radikalen mit achtzig Stimmen.

Politische Chronik.

Diplomaten-Empfang beim Kaiser. Wie aus Berlin gemeldet wird, empfing der Kai­ser am Sonnabend in Gegenwart des Staats­sekretärs von Kiderlen-Waechter den neuer­nannten russischen Boischafter S w e r b e j e w zur Ueberreichunq seines Beglaubigungs­schreibens und später die dänische Mis­sion zur Ueberreichung der Notifikaton der Thronbesteigung und die luremburgisch« Mis­sion aus dem gleichen Anlaß.

Gefrorenes Fleisch für Dresden! Der Rat von Dresden hat (wie uns unser dortiger Mitarbeiter berichtet) sich mit der Flei­scherinnung in Verbindung 'gesetzt, um der Fleischteuerung wirksam zu begegnen. Die Innung 'hat sich bereit erklärt, gefröre-

e Nachrichten

ues Fleisch zu beziehen und ihren Mttglie. Lern zum Selbstkostenpreise abzugeben. Der Stadt rat hat seinerseits zugesagt, Kühlräume für das Fleisch zur Verfügung zu stellen.

Oesterrcichisch« Kabinettskrise. Ein Pri. vat-T ekegramm meldet uns aus Wien : Für den Fall, daß die Aerzte erklären sollten, daß Ministerpräsident Graf Stürckh, der bekanntlich au einer schweren Augenkrankheit leidet, nicht mehr dienstfähig werden kann, wird Baron von Hein old an die Spitze der gegenwärtigen Regierung treten.

Neuer vom Tage.

Derbrecherjagd im Elsaß.

(Privat-Telegramm.)

Mülhausen- 2. September.

Jui benachbarten Niedermorschwei­ler spielte sich gestern ein aufsehenerregender Vorfall ab. Der neunzehnjährige Arbeiter Baumann belästigte aba»»-S das Dienstmäd­chen des Oberingenieurs, worauf er aus dem Hause gewiesen wurde. Gestern lauerte nun Baumann, in der Absicht, sich zu rächen, der Frau des Oberingenieurs auf und feuerte zwei scharfe Schüsse auf sie ab, ohne sie jedoch zu treffen, worauf Baumann flüchtete und sich umkleidete, um sich unkenntlich zu ma. chen. Dann lauerte er dem Oberinge­nie u r selbst auf und feuerte auf ihn ebenfalls zwei Schüsse ab, die aber gleichfalls fehl gingen. Auf den in die Rittgärten geflüchteten Täter veranstaltete die Polizei nunmehr ein Kesseltreiben, aber erst nach zweistündigen Be­mühungen gelang «s, Baumann zu stellen. Als der Verbrecher sah, Laß er nicht mehr entrinnen konnte, erschoß er sich.

Die Sensation von Rom.

(Privat-Telegramm.)

Rom, 2. September.

Die aufsehenerregende Fälscheraffäre in Italien, in der (wie wir berichtet haben) vorwiegend Angehörige der Aristokratie R o m s verwickelt sind, zieht immer weitere Kreise. Die Polizei entdeckte auch in Neapel und Avelino weitere Arbeitsstellen der Fäl­scherbande für Papiergeld und Wertpapiere und nahm daraufhin neue Verhaftungen vor, sodaß die Zahl der Festgenommenen bereits vierzehn, darunter zwei Frauen, be­trägt. Die Hauptschuldigen leugnen noch, doch ist das Belastungsmaterial erdrückend. Mit Be­zug auf die Affäre des in die Fälscherangele­genheit verwickelten Grafen Falcacappa wird mitgeteilt, daß er die Mitgift seiner Frau vergeudet und dann große Schulden gemacht hat. Er hat auch mehrfach Wechselfäl­schungen verübt und sich an der Fälschung von Wertpapieren aktiv beteiligt. Sämtliche in der Affäre bisher Verhaftete sind Angehörige des Adels.

Ein Autounfall des Prinzen August Wil­helm. Gestern mittag stieß das Automobil des Prinzen August Wilhelm in Steglitz bei Berlin mit einem Straßenbahnwagen zusammen. Das Auto, das infolge starken Bremsens ins Schleudern geraten war, erlitt einige Beschädigungen; auch ein Straßenbrun­nen wurde durch den Anprall arg mitgenom­men. Der Prinz blieb indessen unverletzt; er setzte in einem anderen Wagen feine Fahrt fort.

XX Auf der Jagd tödlich verwundet. Auf einer Jagd, die auf dem Rittergut Prötzel bei Freienwalde an der Oder abgehatten wurde, bestieg die Jagdherrin Freifrau von E ck h a r d st e i n die Wildkanzel und zielte von

______________Dienstag, 3. September 1913 dort aus eine Sau, auf die gleichzeitig Graf Finken st ein fchoß. Der Schuß des Graser ging fehl und drang der Baronin in den Unter­leib. Schwer getroffen brach sie zusammen; sie ist durch den Schuß lebensgefährlich verletzt. Die Jagd wurde sofort abgebrochen.

«r Maffenvergistungen durch verdorbene Wurst! Dreißig Bewohner des ^Dorfes Schwiegershaufen im Kreis »Osterode am Harz sind gestern unter Vergiftungserschei­nungen erkrankt. Es wurde sofort ärztliche Hilfe herbeigeholt, und man hofft, daß sie er­folgreich eingreifen kann. Die Vergiftungser­scheinungen werden aus den Genuß verdorbener Wurst zurückgeführt. Von den Behörden sind fofort eingehende Ermittelungen eingeleitet über deren Ergebnis jedoch noch nichts be- kannt ist.

~ Bei einer Segelbootfahrt ertrunken. In der Sonnabendnacht kurz nach zwölf Uhr ken­terte auf dem Rummelsburger See ein mit acht Personen besetztes altes Segelboot, in dem sich sieben Mitglieder Les Märkischen Rudervereins und ein Gast befanden. Alle Insassen stürzten ins Wasser. Der Gast und zwei Mitglieder cr- tranken, die übriaen konnten mit großer Müde gerettet werden. Die Leichen sind noch nicht ge­borgen.

Renn Opfer einer Einsturzkatastrophe. Aus Kitzwarda in Ungarn wird berichtet: Bei der im Bau begriffenen Theisbrücke hat sich ein schweres Unglück ereignet. Aus bisher unbekannter Ursache ist der bereits fer­tiggestellte Teil der Brücke «ingestürzt, neun Arbeiter fielen dabei im die Theis und ettrau- ken. SeKs weitere Arbeiter haben schwere, drei leichtere Verletzungen erlitten. Die Behör­den haben eine Untersuchung in die Wege ge­leitet. da Unregelmäßigkeiten vorgekommen sein sollen.

Typbus im Manöverlager. Im Manö­verfelde bei T e t s ch e n in Böhmen ist tzesterr eine Typhusepidemie ausgebrochen. Acku Artilleristen des fünften Beldhaubitzenregi- mertts wurden auf dem Marsche von Typhus befallen und in das Garnisonsvital zu Teischcn gebracht. Die ganze dritte Batterie ist unter den bösartigen Erscheinungen erkrantt. Gesten nachmittag wurde sie nach Olmütz gebracht, toi sie in einer Kaserne interniert wurde.

«r Opfer der Hitze. In Europa weiß man vor Kälte und Regen nicht aus noch ein, unid in Amerika ist es zu heiß. So wurden in Columb ia während eines Schauturnens sechzig Kinder und vierzig Erwachsene von der Hitze übermannt, so Latz die Veranstaltung abgebrochen werden mußte. In Chicago war gestern mit vierzig Grad Celsius der heißeste Tag Les Sommers, in New York dagegL» könnte man noch etwas Wärme gebrauchen.

Las Neueste aus Kassel.

Hundert Fahre Jean Müller.

Ein seltenes Fest konnte am Sonnabend die allen Caffelanern und auch gar manchem Fremden wohlbekannte GastwirtschaftJean Müller" in der Wolssangerstraße begehen: Das Fe st des hundertjährigen Be­stehens. Eine Gastwirtschaft hundert Jahre in einer Familie, das ist ein Fall, der nicht sehr oft vorkommt. Pflegt doch grade im Gastwirts­gewerbe ein Wechsel der Geschäftsinhaber recht häufig zu fein, zumal in unserer schnellebigen Zeit. Diese Hundertjahrfeier ist ein überaus ehrendes Zeichen für die Besitzer, beweist sie doch nicht mehr und nicht weniger, als daß das Bestreben der Müllers, in diesen hundett Jah­ren stets in allererster Linie ihren Gästen das Beste zu bieten und sie an ihr Haus zu fesseln,

Dir Hugenotten.

Frl. Preißmann als Valentine; Frl. Maher- Olbrich als Margarethe von Valois.

Giacomo Meyer beer ist bekanntlich wie­der der erste eigentliche Dramatiker, der nach­romantischen Zeit. Als sich der Geist der Ro­mantik in der Musik offenbart hatte, entfaltete sich auch die schönste und reifste Blüte dieser Be­wegung in der romantischen Oper. Dem heiße­sten Sehnen der Romantiker war Erfüllung geworden: Die Musik thronte als Königin in der Mitte, alle anderen Künste, vor allem die Dichtung, wirtten in ihren Diensten mit. In der Hingabe an die Leidenschaft des Gefühls ver­wirklichten sich die Träume der Romantiker in sehnsüchtig-weichen Stimmungsbildern und in zarten Tonmalereien. Meherbeer aber ist eine zwiespältige Natur! Velleitäten romantischer Verschwommenheit liegen in ihm mit der Ver­standsschärfe des Charatteristikers in stetem Kampfe. Zwischen der alten Romantik und Meyerbeer steht Spontini und das ganze na­poleonische Zeitalter mit seinem Glanz, seiner Pracht und seiner Entfaltung großartigster Massenwirkungen! Meyerbeers Charakteristik ist die Charakteristtk eines Barockmeisters, et­wa in der Art eines Rubens: Wie in purpur­ner Pracht, wie im impcratorischen Siegestau­mel steigen die majestätisch-glanzvollen Tonge­bilde aus dem Orchester empor. Aber alles löst sich schließlich auf im sinnfälligen Pomp, in dekorativer Pose, in fortreißender Verve, im Superlätiv des Sensationellen.

Sckon Berlioz, der französische Romantiker, bann Spontini, der Schöpfer der großen, heroi- fchen Oper, bedurften aanz neuer musikalischer Ausdrucksmittel. Spontinis Vestalin ist typisch für die Geistesrichtung im ersten Kaiserreiche: Ueberladen, bis in die Fingerspitzen effektvoll mußte die Instrumentierung sein, was durch übermäßige Verwendung der Blechinstrumente erreicht wurde. Das Libretto hatte, wie schon eben uefagt, alle Sensationen des Pompes und des Machtgefühls zu entfalten. Die vielerlei Fäden ließ nun Meyerbeer in seiner Virtuosen- hand zusammenlaufen. Damit ist schon gesagt, daß Meyerbeer nicht zu d e n Genien gehört, die der Menschheit neue Bahnen wiesen, wie nach ihm Richard Wagner, sondern daß er nur einer jener genialen Köpf« war, die in der Geschichte des menschlichen Geistes von Zeit zu Zeit auftauchen: Einer jener gro­ßenProfiteurs", wie beispielsweise in der Geschichte hex Malerei Rafael, die nicht iu

wahrhaft neuen schöpferischen Synthesen im Reiche der Kunst führen, wohl aber vorausge­gangene Meister für ihren bedeutenden, deko­rativen Eklekticismus' eigentümlich umbilden Allerdings: Rafael ist ein Schlußstein in dem wunderbaren Bau italienischer Renaissance- kunst; sein Madonnentypus ist von ewiger, un­übertrefflicher Schönheit; Meyerbeer aber bat «ine Dopvelstellung in der Geschichte der Kunst: Er ist eklektischer Virtuose und Uebergangs- mei'fter zugleich. Der geniale Vollender seiner Richtung "ward Richard Wagner. Die Musik war da in ihr romantisches Heimatland zu- rückgekehtt. Ans der romantischen Oper war über Meyerbeer hinweg der strahlende Bau des Musikdramas emporgestiegen . . .!

Die Hugenotten! Das Leitmotiv ist in der Ouvertüre gegeben. Der Religions­kampf zwischen Katholiken und Protestanten, der Frankreich erschütterte, bildet ihr Grund- thema; durch die Variationen der Violinen kehrt es immer wieder, bis es am Schluß sieg­haft und rein zum Durchbruch kommt. . . Die gestrige Aufführung, die verschiedene Neubesetzungen bot, war übrigens nicht in allen Teilen gleichwertig. Auf eine gewisse Hast in der Einstudierung ist es wohl zurückzuführen, daß die Chöre anfangs noch etwas unsicher waren, daß sich auch in einigen Hauptparfien eine gewisse Befangenheit geltend machte. Erst nach der Mitte, vor allem im vierten Akt, hatte die Aufführung ibre höchsten Momente. Als Margarethe von Valois hörten wir Fräulein Mayer-Olbrich als Gast. Gesanglich war die Künstlerin (genau wie am Abend vor­her) durchaus auf der Höbe. Die Dame zeigte, daß ihre Stinunc einen Umfang hat, der auch größeren AEaben gewachsen ist; sie überrasch­te ferner wieder durch ihr Können und ihre große Vielseitigkeit im Koloraturgesang.

Darstellerisch liegt die Sache freilich noch anders: Wenn auch Meyerbeer die Gestalt der Margarethe etwas farblos-schemenhaft ge­halten hat, so ist doch die Sängerin verpflich- tet, ihrer Charafteristik scharfumriffene Züge zu verleihen. Margarethe gewinnt aber doch nur Leben, wenn man sie als eine jeneramou- reufen" Frauen aufsaßt, die durch alle raffinier­ten Mittel der Koketterie und des bestrickenden Leichtsinns ihre Stellung behauptet. Und von diesen Eigenfchasten der Margarethe muß in der Darstellung unbedingt etwas durchschim- mern. Fräulein Mayer, die eine Charakteristtk wie gesagt noch vermissen ließ, entschließ; sich vielleicht in Zukunft zu einer bestimmteren Auf­fassung der Maraaretbe: das würde ihrer Par­

tie nur förderlich fein. Die Valentine des Fräulein Preißmann entfaltete im Gesang wie in der durchseelten Darstellung, die sich be­sonders im vierten Akt zu großer Leidenschaft erhob, reiche Schönheiten. Denn die hohe dra­matische Veranlagung, die Fräulein Preiß- manns besondere Eigenart ist, konnte erst hier ihren Höhepunkt erreichen. Im Duett mit Raoul kam ihr sonores, klangreiches und schö­nes Organ erst zur vollen Geltung, wie über­haupt dieses Duett zum Glanz- und Mittel­punkt der Aufführung wurde.

Recht vorteilhaft erschien der Page des Fräulein Bake, die gesanglich und darstel­lerisch eine wirklich feine und fvmpathische Leistung zu geben wußte. Schließlich ist auch noch des St. Bris des Herrn Wuzsl zu geden­ken, der in der Verschwörungsszene musikalisch glanzvoll hervortrat. Leider wurde der de­korative Aufbau in der Szene vor der Kirche durch eine perspektivische Unmöglichkeit seiner Tiesenwirkung beraubt. Es war nicht recht ersichtlich, warum man in den Vordergrund der Bühne eine viel zu kleine Sosfite gestellt batte, die vielleicht in der Mitte der Bühne gut ihren Platz hat. Der größere Ausschnitt eines Hau­ses wäre hier doch viel mehr am Platze ge­wesen.

Der Barbier von Sevilla.

Am Sonnabend kam der Rivale Meher- beers, der virtuose Melodiker Rossini mit sei­nem bei uns populärsten WerkeDem Barbier von Sevilla" zu Worte. Daß das Merkchen mit seinem gesunden Humor, seiner sprühen­den Laune und tänzelnden Leichtigkeit nie veraltet, am wenigsten aber, wenn es in so fein abgerundeter Aufführung geboten wird wie am Sonnabend, durften wir wieder kon­statieren. Zwei Sänger waren neu: Fräulein Mayer - Olbrich (in ihrem ersten Gast­spiel) als Rosine und Herr Windgassen als Almaviva. Fräulein Mayer war sogar eine beste Rosine. Gesang und Darstellung deck­ten sich vollkommen. Das Spiel war so an­mutig wie die Koloraturen perlend waren. Wie Arabesken waren diese Koloraturen, wie Filigranarbeiten: sie schienen sich immer neue Ausdrucksmöglicbkeiten ,n suchen. Auch die Schulung der Stimme ist ausgezeichnet; bet Ansatz ist spielend und leicht; Überhaupt traJ ten die stimmlichen Vorzüge viel günstiger her­vor. als in der Partie dci»Margarethe. Herr W i n d g a s s e n findet sich sehr günsttg in die Partie des Almaviva hinein: er scheint ein« gewisse Vorliebe für diese Art des Gesanges zu haben: Denn das Lyrische seines Organs tritt.

hier sehr gut zutage. Die etwas burschikos- draufgängerische Note des Almaviva entspricht der darstellerischen Individualität des Künst­lers außerordentlich. Zum Schluß sei noch be- mertt, daß Herr Groß den besten Figaro seit einer ganzen Reihe von Jahren auf die hiesige Bühne gestellt hat. "er-

, Intendant von Speidel f.

Ein Privat-Telegramm meldet unS aus München: Generalintendant Ba­ron von Speidel ist gestern mittag an den Folgen einer Gallensteinope- ration, der er sich in der vorigen Woche unterziehen mutzte, im neunundfünfzig­sten Lebensjahr gestorben. Als Nach­folger von Speidels soll Kammerjun- ker Graf Courten ausetfehen sein. Gestern vormittag ist der Leiter der Mün­chener Königlichen Theaters seinem schweren Gallensteinleiden erlegen, nachdem er sich kurz zuvor einer Operation unterzogen hatte. Frei­herr von Speidel gehörte zu den nicht allzu zahlreichen Hoftheaterchess, die tatsächlich be­fruchtend und stets anregend auf das ihnen unterstellte Jnftttut zu wirken wissen; die stets Männer heranzuziehen versuchen, die selbständig« und eigene Wege zu gehen bemüht sind. Dem Schauspielrepertoire wurden unter seiner Leitung neue Wege eröffnet; die Regie wurde erneuert und vertieft durch Berufung tüdrttger Künstler. So wurde erst in jüngster Zeit Dr. Kilian, der Vielgenannte, gewon­nen; ein zweifellos sehr feinfühliger Drama­turg und Regisseur, der auch fähig ist. dem Schauspiel weitere Perspektiven zu eröffnen. Auch foust sind (und wohl zumeist durch seine Initiative) in den leitenden Stellungen Leute tätig, die für den weiteren guten Ruf der Münchener Theater Gewähr bieten. In der Oper hatte er Mottl berufen, dessen Plötz-' lieber Tod für das Münchener Musikleben einen schweren Verlust bedeutete. Speidel, 8er damit wieder vor die heikle Kapellmeisterfrage gestellt wurde, sollte ibre endgültige Regelung nicht mehr erleben. Auch die berühmt gewordenen Münchener Festspiele in ihrem guten Rus zu erhalten, ist stets sein Bestreben gewesen. Frei­herr von Speidel, der seine militärische Kar­riere im vierten bayrischen Chevauleger-Regi. ment begonnen hat, erhielt den Posten eines Generalintendanten Oktober 1905. In Künst- lerkrcisen hat er sich im Laufe der Zett manche Sympathien erworben. Der Armee gehörte er glS Generalleutnant k U anita an.