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9lt. 225. Jahrgang.__________________

die Regierung in Bern benachrichtigt mit dem gleichzeitigen Hinzufügcn, daß mit Rück­sicht auf die eben erst überstandene Krankheit des Kaisers eine entsprechende Einschrän­kung des Programms stattfinden müsse. Im Laufe des Nachmittags haben dann direkte Verhandlungen zwischen dem Kaiserlichen Hof­lager in Wilhelmshöhe und der Regierung in Bern über den Zeitpunkt der Reise des Kaisers stattgefunden. Diese Verhandlungen sind heute

noch nicht znm Abschluß gelangt, vnd cs wird, bevor eine endgültige Entscheidung darüber fällt, heute nochmals eine Unter­suchung des Kaisers durch die behandelnden Aerzte stattfinden, von deren Ergebnis es ab­hängig ist, ob der ursprünglich in Aussicht ge­nommene Termin des Eintreffens des Kaisers in der Schweiz eingehalten werden kann, oder ob die Ankunft des Kaisers um einen oder zwei Tage verschoben werden wird. Man rech­net allerdings mit einer kurzfristigen Verschie­bung als einer aus den augenblicklichen Ver­hältnissen sich ergebenden Notwendigkeit. Der endliche Umschlag in der Witterung hat auf das Befinden des Kaisers sichtlich gut eingc- wirkt; er unternahm auch gestern nachmittag einen Spaziergang und arbeitete dann längere Zeit allein. Seit dem Tage der Erkrankung war gestern der erste Tag, den der Kaiser gänz­lich außerhalb des Bettes verbracht hat. Am gestrigen Nachmittag gegen fünf Uhr begaben sich der Kaiser, die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise in Automobilen nach dem Reinhardswald. Die Fahrt ging über Sababurg nach Beberbeck. Hier wurde der Tee eingenommen. Auf dem Rückweg ging die Fahrt über Hofgeismar, Grebenstein, Birrguf- seln nach Schloß Wilhelmshöhe, wo die An­kunft gegen acht hUr abends erfolgte. An der Abendtafel nahm das ganze Gefolge teil. Heute früh unternahmen der Kaiser und die Kai­serin mit der Prinzessin VMoria Luise einen Ausritt. Zur Frühstückstafel waren gela­den der Intendant der Königlichen Schauspiele, Graf Bylandt-Rheydt und die Forst­meister Titze und Keßler.

Vorbereitungen in der Schweiz.

lieber die Vorbereitungen für den Kaiserbe­such wird aus Zürich berichtet: Das offi­zielle Diner am Dienstag Abend im Hotel Baur au Lac, für das die Einladungen vom politischen Departement in Bern ausge­gangen sind, ist schon auf halb acht Uhr ange­setzt. Nach dem Essen, das nur eine Stunde dauern darf, wird der Kaiser Cercle halten. Da mit dem Aufenthalt in Zürich der Besuch der Manöver des dritten Armeekorps verbun­den wird, dessen Uebunzen sich in der Haupt­sache am frühen Vormittag abspielen, wird die Reise ins Manövergebiet jedesmal in früher Morgenstunde erfolgen. Am Mittwoch trifft der Kaiser um halb fünf Uhr nachmittags wieder in seinem Absteigequartier ein. Das Diner wird diesmal mehr privaten Charafter tragen. S die Seefahrt wird für den kaiserlichen

t das DampfschiffStadt Zürich* hergerich­tet. Auch dieses wird nur einen einfachen Schmuck tragen.

Sie Dresdner Festtage.

Wie uns aus Dresden berichtet wird, fand gestern nachmittag in den Festraumen des neuen Rathauses ein feierlicher Emp­fang der anwesenden Fürstlichkeiten statt. Die städtischen Behörden waren im Festsaale ver­sammelt, auch die Ehrenbürger der Stadt und die Ehrengäste. Es fanden sich der Großherzog von Baden, Prinz Ludwig von Bayern, der

Kasseler Neueste Nachrichten

Freitag, 30. August 1912.

Herzog von Sachsen-Altenburg, der Kron­prinz, Prinz Joachim Georg von Sachsen und Prinz Eitel Friedrich von Preußen, ein. Zuletzt erschien der K ö n i g und K r o n p r i n z Wilhelm von Preußen, die bei der Vorfahrt vor dem Rathause von der Galerie des Hauses mit Fanfaren begrüßt wurden. Im Festsaal hielt Oberbürgermeister Beutler eine Ansprache, worauf der König ertoiberte. Der Oberbürger­meister teilte mit, der Rat und die Siadtver- crdncten hätten beschlossen, eine Stiftun g ins Leben zu rufen, die den Namen des Kaisers tragen solle, um den Ucbelständen der Großstadt auf dem Gebiete des Wohnungs­wesens und der Jugendfürsorge entgcgenzutre- ten. Der König ertoiberte:Die Herren können überzeugt sein, baß auch mir der Gebanke bet Stiftung höchst sympathisch toar. Ich glaube, baß (zum Kronprinzen gewendet) Dein Vater damit einverstanben fein wirb. Ich hoffe, bie Stiftung wird reichen Segen unb Nutzen für die Armen Dresdens haben ..." Im Laufe des Nachmittags trafen ferner ein, der Großherzog von Sachsen, die Herzöge von Sachsen-Alten­burg und Sachsen-Koburg-Gotha, der Erbprinz von Sachsen-Meiningen und Prinz Sizzo zu Schtoarzburg.

Sie Politik der Lager.

Veteranenfürsorge" r Ein Musterbeispiel!

Man schreibt uns aus Berlin: Die Vor­kommnisse auf dem Gebiet der Beter a ne n- f ü r f o r g e, bie in der letzten Zeit Anlaß zu lebhaften Klagen boten, werden blitzartig be­leuchtet durch die Klage eines siebzigjäh­rigen Expedienten, der alle drei Feldzüge mitgemackt und unterstützungsbedürftig ist. Auf seinen besonderen Antrag hin wurde ihm nun seit dem ersten April 1907 zu feiner Pension ein jährlicher Zuschuß von 57 Mark bezahlt. Der Veteran konnte bei der Verteuerung der Le­bensmittel mit diesem Zuschuß nicht auskom- men und erwartete die gelegentliche Erhöhung der Zuwendung. Statt der ertoarteten Erhö­hung der Beihilfe soll dieser Veteran aber jetzt an den Staat circa 150 Mark zurückzah - len, denn nach der ihm vom Reichsschatzamt zugeganzenen Mitteilung ist ihm mit rückwir­kender Kraft vom Kaiser nur eine Unterstützung von 27 Mark jährlich zugesagt worden. Durch die rückwirkende Kraft des kaiserlichen Erlasses hat der Arme nun den für fünf Jahre jährlich zuviel erhaltenen Betrag von Mark 30,, also 150 Mark, an das Reichsschatzamt wieder ab­zuführen. Woher der Veteran der bedürftig ist, die Summe Herne h.m e n soll, bleibt dahinge­stellt. Es verlohnt sich aber doch die Frage: Warum erhält der Veteran den amtlichen Be­scheid über die Höhe desEhrensoldes* erst nach fünf Jahren unb nachdem ihm nach anderweitiger Kalkulation bereits mehr be­zahlt war? Die Klage des Veteranen gegen das Reichsschatzamt wird ja wohl die nötigen Aufklärungen bringen.

Eine Kundgebung des Kaisers.

Das offiziöse Wolff'sche Äepeschenbüro ver­öffentlicht folgende Mitteilung: In vielen Krei­sen der Bevölkerung ist bie Absicht geäußert worben, anläßlich bes bevorstehenden fünfunb- zwanzigjährigen Regierungsjubilä­ums des Kaisers die Verehrung für den Mo­narchen und die Freude über das Fest durch Geschenke unb Darbietungen verschiedener Art auszubrücken. Durch mehrfache Anfragen kamen biefe Wünsche auch zur. persönlichen Kenntnis bes Kaisers. Wie bie (ministerielle) Berliner Korresponbenz hört, möchte inbeffen der Kaiser bei aller Anerkennung der hierin ausgebückten Gesinnung sich bie Annahme von persönlichen Geschenken aus dem erwähnten Anlaß versagen. Dagegen würde cs einem Wunsche des Kaisers entsprechen, wenn die hierfür etwa in Aussicht genommenen Mittel wohltätigen, gemeinnützigen oder

patriotischen Zwecken unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse der betreffen­den Bevölkerungskreise zugewendct werden... Aus London erhalten wir folgendes P r i vat-Telegramm: In Kreisen, die mit dem Hofe Fühlung haben, tritt hier erneut das Gerücht auf, die Kaiserin werde in der zweiten Hälfte des September zu einer Nachkur nach der Insel Wight kommen, um sich dort vierzehn Tage aufzuhalten. An Berliner maßgebender Stelle ist (wie uns ein Telegramm u n- scrs Korrespondenten meldet) bis zur Stunde eine Bestätigung des Gerüchts nicht zu erlangen gewesen: dennoch scheint cs, daß die Meldung den Tatsachen entspricht, da der Ge - s u n d he i t s z u st a n d der Kaiserin die Kur auf Wight erforderlich macht.

Politische Chronik.

Bethmann Hollweg in der Sommerfrische. Aus Gastein berichtet uns ein Telegramm: Der Reichskanzler von Bethmann Hollweg, dem die Kur in Gastein außerordentlich gut be kommt, wird anfang nächster Woche das Bad verlassen. Trotz des schlechten Wetters unter­nahm er gestern eine Partie auf den 2500 Meter hohen Raukogel.

Jüdische Offiziere in der bayerischen Armee. Bei der Beratung des Militäretats gab gestern in der Abgeordnetenkammer der Kriegsminister die Erklärung ab. daß in der bayerischen Armee der mosaische Glaube kein prinzipielles Hin­dernis für die Ofsizierskarriere sei. Das bewei­se wohl die Tatsache, daß die bayerische Armee 88 Offiziere und 193 Sanitätsoffiziere jüdischen Glaubens zähle.

Ein Reichsdeutscher in Nicaragua crmordet. Das vorgestern verzeichnete Gerücht von der Ermordung eines Reichsdeutschen inRicara- a u a bestätigt sich. Der Ermordete heißt Albert Nielsen. Der Täter ist bereits ermittelt. Von der deutschen Vettretunq ist die fofortige Verhaftung und Bestrafung des Mörders ver­langt worden.

Frankreichs Marine. Wie aus Toulon be­richtet wird, sind infolge der am dreizehnten August an Bord des PanzerschiffesPerits" vorgekommenen Panik sechzig Deckoffiziere und hundert Matrosen kriegsgerichtlich bestraft worden. Bekanntlich waren die Bestraften, in der Meinung, daß an Bord derBerits" Feuer ausgebrochen sei. einfach ins Wasser gesprun­gen. um sich zu retten.

Gcacn bie Pankers! Nach einer Depesche aus Havanna hat ein kubanischer Journalist ben amerikanischen Geschäfts­träger Gibson tätlich angegriffen unb schwer verletzt. Der Angriff dürfte ein Ausfluß der Mißstimmung gegen Gibson fein, der sich durch seine energische Vertretung der amerikanischen Ansprüche unbeliebt gemacht hat.

Neues WM Tme-

(Dcpcschcn der Casseler Neuesten Nachrichten.)

ru: Selbstmord im Zuge. Bei der Revision eines von Koblenz eingetroffenen Personen- zuges auf dem Bahnhof Gießen wurde int Klosett eines Wagens der zweiten Klasse die Leiche eines gut gekleideten Herrn gefunden. Neben der Leiche lag ein Revolver, so daß aller Voraussicht nach Selbstmord vorliegt. Es han­delt sich um einen Herrn aus Düsseldorf, der jn Bad Ems zur Kur weilte. Ueber die Ursache des Selbstmordes ist nichts bekannt.

Das Geheimnis einer Mordtat. Vor ei­nigen Tagen wurde bei B r e ch t e n, nicht weit von Dortmund, im Walde unter dichtem Gestrüpp die Leiche eines zwanzigjährigen Mannes aufgesunden, an der deutliche Würg- merfmale zeigten, daß der Mann erdrosselt worden war. Die Leiche war bis auf das Hemd unbekleidet. Die Staatsanwalt bat jetzt eine Belohnung von tausend Mark für die Er­greifung des Täters ausgesetzt. Die sofort an­

gestellten Nachforschungen der Kriminalpolizei sind ergebnislos verlaufen.

~ Immer neue Pilzvergiftungen. Drei Pol- nische Arbeiterinnen im Sliter von fünfzehn bis neunzehn Jahren, die auf dem Ritterguts Holzhausen bei Köln beschäftigt waren, erkrankten nach dem Genuß von selbst gesuchten unb zubereiteten Pilzen sehr schwer. Innerhalb vierundzwanzig Stunden starben alle drei un­ter großen Qualen. Eine bierte Person, auch eine Polin, liegt in bedenklichem Zustande am Krankenhaufe.

Ein Revolvcrattentat auf einen Hoch­bahnzug. Zwischen dem Halleschen Tor und der Möckernbrucke in Berlin wurde gestern abend plötzlich die Scheibe eines Abteils eines Hochbahnzuges zertrümmert. Die durch das ganze Wagenabteil zerstreuten Splitter, durch die glücklicherweise niemand verletzt wurde, las­sen darauf schließen, daß auf den Zug geschos­sen worden ist. Man hat jedoch vorläufig noch keine Spur von dem Täter, trotzdem fofort Er­mittelungen angestellt wurden.

~ In einer Baugrube verschüttet. In einer Baugrube in Neukölln spielten gestern die vierjährige Tochter Gertrud und die sechsjäh­rige Tochter Marie des Bauarbeiters Pfei­fer. Plötzlich rutschen die ausgehobenen Sandmassen ab unb begruben bie Kinder unter der Last. Der Unfall war glücklicher­weise von Passanten bemerkt worden, bie die beiden Verunglückten aus ihrer entsetzlichen Lage befreiten. Sie liegen jetzt int Kranken­hause schwer krank darnieder.

rrr Eine Schlacht zwischen Waldarbeitern. Im Waldrandgebiet bei Schw erin an der Warthe kam es zwischen ben bort mit bet Abholzung beschäftigten Arbeitern zu einer förmlichen Schlacht, bei ber nicht weniger als acht Personen durch Messerstiche schwer verletzt würben. Der Hauptattentäter, ber auch durch Messerstiche arg zugerichtet ist, wurde verhaftet. Zwei Arbeiter sind so arg zugerichtet, daß sie nicht mit dem Leben davonkommen dürften.

ur Zwei Kinder unter bet Mähmaschine. In bem Dorfe Dreiähren bei Saarburg ereignete sich gestern ein schrecklicher Unglücks­fall. Dort toar ein Lanbtoirt bannt beschäftigt, mit einer Mähmaschine Hafer zu schneiben. Zwei seiner Kinber kamen ber Maschine zu nahe. Dem sechsjährigen Knaben würbe bet Kopf vom Rumpfe abgetrennt, bas Mäbchen büßte beibe Arme ein. Beibe Kinber starben bald nach dem Unfall.

ur Bom Schicksal ereilt. Der Kommis Al­bert Scheide, ber am sechzehnten August auf Grund einer gefälschten Quittung der Kleie­handlung Oppenheim unb Golbschmibt in Breslau bei ber Schlesischen Hanbelsbank Aktiengesellschaft in Berlin ztoölftausend Mark erhoben hatte unb geflüchtet war. wurde gestern in Bremen verhaftet. Fünftausend Mark wurden noch bei ihm vorgefunden. Scheide war int Begriff, die Reise über den großen Teich anzutreten.

X Ein Zusammenstoß zweier Automobile. In N o ri t i r o I stießen zwischen Kitzbühl und Mittersill zwei Automobile infolge falschen Ausweichens zusammen. Beide Wagen wurden vollständig zertrümmert. Die Insassen des et» nen Wagens, zwei Herren und eine Dame, er­litten bei dem Zusammenstoß so schwere Ver­letzungen, daß man an ihrem Aufkommen zwet- feit, die des zweiten kamen mit leichteren Ver­letzungen davon.

rs Aus Rache ...? InOrangein Frank­reich explodierte gestern früh vor der Wohnung des Bürgermeisters, der zu gleicher Zeit Abge­ordneter ist, eine Höllenmaschine. Glücklicher­weise wurde durch bie Explosion nur erheblicher Sachschaben angerichtet: Menschen befanben sich zufällig nicht tn ber Nähe. Der Urheber des Attentats ist unbekannt; man glaubt jedoch, daß «s sich um einen Racheakt handelt.

ur Unterschlagungen beim österreichischen Roten Kreuz. Die österreichische Gesellschaft

Goethes Geburtstag.

Sreueinstudierung derGeschwister" und desClavigo" im Casseler Hoftheater.

Zur Feier von GoetheS Geburtstag wurden gestern zwei Werke exhumiett, die dem Dra­menkreise der Frankfurter unb ersten Weimarer Zeit Goethes angehören. Im Inhalt sind diese Dramen dadurch verwandt, daß Irrungen und SBirrungen der Siebe und des Herzens das Leitmotiv ber Hanblung bilden, in ber Form bevorzugen sie meist einen leichten Aufbau, ei­ne klare, natürliche, lebenbige Entwicklung ber Handlung. Dem großen Publikum sind diese Stücke, bie teils wie Clavigo, enger mit dem Leben und Werk-, Goethes verwachsen sind, teils zu seinen improvisierten Gelegenheitsarbeiten gehören, ziemlich unbekannt unb fremd. Dem Goethefreunde werden sie natürlich des Inter­essanten genug bieten. Von den beiden Werken des gestrigen Abends werden unsDie Ge­schwister* am meisten ansprechen. Nicht we­gen der Behandlung des dramatischen Pro­blems. Die Geschwisterliche wird aus bem Tragischen ins Heiter-Versöhnliche umgebogen, da Marianne entdeckt, daß sie ihrem Wilhelm auch Gefchlechterliebe entgegenbringen darf, weil er gar nicht ihr Bruder ist, sondern wegen der großartigen Kunst, mit ber Vorgänge und Menschen des Alltags mit liebevoller Beobach­tung unb feinem Wirklichkeitssinn geicfetlbert worden sind. Wenn man gesagt hat, daß das Stück an Frische nichts eingebüßt hätte und sei­nen Wert behielte, solange sich menschliches Empfinden nicht von Grund ans ändere, so ist dies jedenfalls für das moderne Theater rich­tig Der Moderne, ber burch bie Dramatik der Seelenmystiker hinburchgegangen ist, ber bie norbische Literatur erlebt bat, die sich in die verschlungenen Gänoe der Einzelpsvche hinein« gegrübelt hat, wird Mariannens seelische Eigen­tümlichkeit in Goethes Einakter besonders tief erfassen können. ...

Gerade bas moberne Hinableucyten m bie dunklen, unterirdischen Regionen des indivi­duellen Ick! mit dem Grubenlicht bohrender Deelenanalyse hat in uns Sinn und Verständ­nis für Mariannens helldunkles Gefühlsleben für das Unbewußte ihrer Triebe erst eigentlich entwickelt. Wir bewundern besonders tote Goethe nach stürmender Dramatik und heißer Pathetik hinter dieser schlichten Redeweise des Allraas tiefe unb weite Ausblicke auf Geheim­

nisse und Abgründe des Seelenlebens eröffnet. Die Psychologie Mariannens erscheint wie eine schön geträufelte Mecresfläche, die Helles Son­nenlicht überstrahlt, die aber Tiefe und Uner- gründlichkeit verbirgt. Hinter der spielenden Oberfläche liegt «s wie stark verhaltene Erre­gung, wie schwere Innerlichkeit, wie seltsame Dunkelheit, in der Rationales und Jrrattona- les des Menschenwesens eigentümlich durch­einander schwingen. Wie eine Nacht dunkler Bäume tut sich die Serie Mariannens auf; ja sie scheint so ganz unflächenhaft, so merkwürdig verborgen, so überaus verwickelt angelegt, daß man fast erstaunt ist, wie Goethe den gordischen Knoten des tragischen Problems kurzerhand zerhaut und das Werk schnell in ein Lustspiel- finale ausklingen läßt! Eine wahrhaft lebens­volle Gestaltung der Marianne wußte Fräulein Storm zu geben. Diese innerliche Verhalten­heit, dieses Seelenspiel gleichsam hinter Schlei­ern, kurz das ganze Ahuungsrciche Marian­nens war so fest und energisch im Kern ersaßt, daß man der Künstlerin wirklich große Ausga­ben in der Darstellung der Seelenproblematik zutrauen darf. Die Dame müßte, wenn man hiernach urteilen darf, große Befähigung zur Jbsendarstellenn besitzen. Die Rolle des schlich­ten Kaufmann gab Herr Bohns mit warmer und reicher Empfindung, den mehr farblos ge­haltenen Fabrice Herr Z s ch o k k e sehr ange­messen.

Clavigo, der tragische Held, dem Goethe auch so viele eigene Lebenszüge geliehen hat, weist bann toieber zurück in bas Reich ber lau­ten, effektvollen Bühnendramatik, die sich Szene für Szene klar unb fchnell ohne Beimischung jcbweben Episobenwerks abrollt. Clavigo, der in ber ursprünglichen Erzählung von Beaumar­chais ber ungetreue Liebhaber, Intrigant unb Ränkeichmieb war, ist bei Goethe in feinem ganzen Wesen, seinen Willensantrieben u. Ta­ten gereinigt, künstlerisch gesteigert und in bie Svbäre bes Tragischen erhoben worben. Wenn Mitleib bem tragischen Helden zuteil werben soll so ist es Clavigo nicht zu versagen: Unbe­stimmt. haltlos unb schwankenb ist ber Charak­ter bes Hochbegabten; sein liebenswürbiges Wesen ist sinnlich reizbar unb nervös, rasch wirft ihn bas Sviel ber wcchfelnben Einbrücke umher, benn im feftumriffenen Kreis ber Pflich­ten öermaa er nicht ben Schwervunkt zu fin­den. So ist zu verstehen, daß ihn bie kranke, entstellte Braut abftößt. baß er ber klugen Be­einflussung bes Willensstärken, vrrstanbesfchar-

fen Freundes unterliegt, ber aufrichtig fein Heil will. Alle biefe Momente, bie Krankheit ber Geliebten, ber zielbewußte Wille des stär­keren Freundes, die eigene Schwäche, lassen Clavigos Schuld in milderem Lichte erschei­nen. Der tragische Schluß nimmt bann eine Wenbung zu Hamlet hinüber, als Clavigo am Sarge ber Braut kämpfend stirbt unb mit feinem Uebertoinber letzte Worte der Versöh­nung austauscht.

Die Darstellung Clavigos durch Herrn Zschokke bewegte sich in sicheren und festen Linien: Sic gab ben Helden richtig in der selt­samen Mischung von Größe und Niedrigkeit, von Stärke und Schwäche, in dem ganzen Zwiespalt seines Mesens, an dem er schließlich zerschellen mußte. Fräulein Mayfarth wußte das Innige und Rührende. Zatte und Lieb­liche, das Goethe in die Gestalt der Maria ge­legt hat. mit Geschick zu zeichnen. Herrn Al­bertis Beaumarchais war erfüllt von natür­licher Leidenschaft und freimütiger Unerschrok- kenbeit, sodaß er der Gefahr des Bramarbasie­rens völlig aus dem Wege ging. Herr Jür­gensen gab ben Carlos als schlangenkluaen Berater, dessen suggestive Att auf ben unbe­stimmten Clavigo von unfehlbarer Wirkung ist. Öh in biefem Carlos nicht auch bie Züge zum menschenfeindlichen Herrentum liegen? Die kleinen Rollen würben von Fräulein Gör - fing (Sophie Guilbert), ben Herren Hell­bach (Kuilbert), Siri al (Buenco). Bar­tels (St. George) bargestellt. Im Publikum war natürlich bie weibliche unb männliche Ju­gend stark vertreten. -er-

Das Schicksal des Berliner Neuen Sckau- sviclhauscs. Das Schicksal bes Neuen Schauspielhauses am Nollenborfplatz in Berlin ist setzt entichieben. Direttor Halm wirb in ber Wintersaison nicht mehr bem Un­ternehmen vorstehen. Ter Münchener Drei- Masken-Verlag wirb bas Theater pachten unb darin vornehmlich die von ihm verlegten Stücke aufführen. Auch ber neue Direktor wirb be­reits genannt, unb zwar soll ber Wiener C b a rl 6, der als Schausvieler in Berlin nickt unbekannt ist. ber Auserkorene sein. Damit dürfte auch das Schicksal ber Bühne besiegelt fein: benn Charls ist Lperettenschaufpicler unb Bonvivant.

Der Kaiser als Sammler. Der romani­sche Schmuck einer Kaiserin, der vor dreißig

Jahren in Mainz gefunden wurde, und der tn der Düsseldorfer Ausstellung so großes Auf- fehen erregte, ist jetzt in den Besitz des Deutschen Kaisers übergegangen. Der Vorbesitzer, Ge­neral von H e y l, der als Sammler bekannt tft, hat die glänzendsten Anerbietungen, die ihm vom Auslande und insbesondere von Ame­rika gemacht wurden, abgelehnt, um diesen einzig dastehenden Profanschmuck aus der Ho- henstaufenzett für Deutschland zu erhalten unb ihn dem Deutschen Kaiser zu überlassen.

bfij DerParstfal in England. Man schreibt uns aus Lonbon: Die Freiwerbung des Parsifal" erregt auch hier bas Interesse so­wohl des Publikums wie ber Theaterleute. Es sind schon Bestrebungen im Gange, den Parsifal" in London im Jahre 1914 zur Auf­führung zu bringen unb zwar kommt die Co- vent-Garben-Oper in Betracht. Die Auffüh­rung wirb daburch erleichtert werden, daß schon eine englische Uebersetzung desParsifal* vor­handen ist. Man wird versuchen, möglichst deutsche Künstler und auch einen beut, schen Dirigenten bazu heranzuztehen. DerParstfal" würbe bann also ber Clou bei Lonboner Saison von 1914 werben...

König Milans Memoiren. Wie von gut unterrichteter Seite aus B e I g r a b gemel­det wird, sollen in nächster Zeit die Memoiren König Milans veröffentlicht werden. Die Me­moiren sind von einer politischen Persönlich­keit, einem intimen Freunde des verstorbenen Königs, herausaeaeben worden unb werden in deutscher, französischer unb serbischer Sprache erscheinen. Der Verfasser hat sie während des Aufenthalts Milans in Biarritz mit dem König zusammen niebergesckrieben. Sie sollen interessante Enthüllungen über österreichisch- russische Jntriguen auf dem Balkan enthalten.

Eine Polar Expedition in Schwulitäten. Die Weiterfahrt ber Polarexvedition des russi­schen Marineleutnants Ss e b o w ist, wie auS Archangel berichtet wirb, burch unerwartete Hindernisse in Frage gestellt: Die Gläubiger wollen den DampferFoka". an dessen Bord die Expedition sich befindet, nicht frergeben. D«r Reeder will bie Verantwortung für bie Fahrt pes Damvsers. der altersschwach unb untaug­lich ist, nickt übernehmen, unb keine Versiche­rungsgesellschaft nimmt das Risiko der Ver­sickerung derFoka" auf sich. Arme Nordpol­fahrer!