Casseler Neueste Nachrichten
Casseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
Nummer 224.
Fernsprecher 951 und SSL
Donnerstag, 29. August 1912
2. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952.
In dem neuesten Artikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung über die Fleischteue- ritng heißt es: Die Viehteuerung sei unbestreitbar, diese aber auf ungenügende Leistungsfähigkeit der deutschen Land-
Dt« Saffeltt Sleuefan jiudjrtdjten «Nchetnen wöchentlich ledjSmal und zwar übend». $er Sbonnement«pret» beträgt monatlich 50 Vfg. bet freier Zustellung in» Hau». Beftellunaen werde» federzeit von der SeschSNrftelle oder den Boten entgegengenommen. $ ruderet. Berlag und Redakttoo: EchlachtdoMraße 28/30 Sprechstunden der Redaltton nur von I di» 3 Uhr nachmittag». Sprechstunden der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch UNS Freitag von » dt« e llbr abend» Berliner Berttetung: SW, Friedrtchslr 16, Telephon: Amt MoriSvla, 676
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Blutige Kämpfe auf dem Libano«.
Em weiteres Telegramm berichtet uns aus Beirut: Im Libanonort Ain Sofar kam es gestern zu blutigen Tumulten. Viele Hunderte der aus den Bergdörfern hrrbeige- eilten Drusen griffen die christlichen Milizsoldaten an. die ihrerseits von der christlichen Be-
Auchckie Stellung des Kaisers zur Kunst wird beleuchtet, und wenn es heißt: »Jeder Künstler war ln Berlin willkommen, wenn auch
völkerung unterstützt wurden. Auf beiden Seiten gab es viele Tote und Verwundete. Das von Europäern und Aegyptern besuchte größte Hotel in Ain Sofar wurde von den Drusen beschossen. Alle Fremden sind geflüchtet.
mente Taten sehen zu lassen. Dieser Auffassung scheint man auch an andern amtlichen Stellen zu sein, denn zu der hochoffiziösen Aus. lassung in der Norddeutschen Allgemeinen Zett tung bemerkt das gleichfalls hochoffiziös< Wolffsche Telegraphenbureau (wie der Ausgabe Nr. 247 seiner Frankfurter Agentur zu entnehmen ist) Folgendes:
Der langen Rede kurzer Sinn ist also, daß die Konsumenten ruhig die hohen Preise zahlen und sich bis zur Rückkehr normaler Preise mit der „Hoffnung" sättigen müssen! Daß das halbamtliche Wolffsche Telegraphenbureau gegen das Kanzlerblatt der Berliner Wilhelmstraße in dieser Weise polemisiert, deutet doch wohl auf einen recht bedeutsamen Mangel an Homogenität im Ministe. rium Bethmann Hollweg. Wer hätte es bisher wohl für möglich gehalten, daß zwei verschiedene hohe Regierungsstellen ihre Meinungsverschiedenheiten über eine der wichtigsten Fragen der inneren Politik in dieser Weise voz aller Oeffentlichkeit durch die ihnen zur V-er. fügung stehenden halbamtlichen Organe aus. tragen? Sollte dies vielleicht die Folge der vertretungsweisen Sommerpolitik in den Berliner Zentralämtern sein? Jedenfalls scheint die Regierungsmaschine bedenklich »heiß gelaufen" zu fein, und es wird Zeit, daß eine starke Hand eingreift, die die aufgeregten offiziösen Geister zu beruhigen und den einheitlichen Willen der Regierung wieder zur Geltung zu bringen vermag.
Weltwunder werten müssen. Aus einem andauernd uneinigen, durch lange Kriege vollständig verarmten Land sei das Deutsche Reich schneller zu einer Großmacht geworden als England und Frankreich. Und dabei hätten w i r Zeit, uns um andre zu kümmern; denn der Prozentsatz der Deutschen, die englisch sprächen und verständen, stehe in keinem Verhältnis zu der Zahl der Engländer, die der deutschen Sprache mächtig seien. In der Tat hat man kürzlich durch eine Anfrage im englischen Unterhaus festgestellt, daß höchstens zwölf englische Marineoffiziere fähig sind, als Dolmetscher im Verkehr mtt Deutschen zu dienen; und deuffche Zeitungen stellten dem gegenüber, daß es wohl keine zwölf deutschen Marineoffiziere gebe, die nicht englisch sprächen. Die typischen Vorstellungen der Mehrheit des englischen Volks von den Deutschen (so liest man weiter) seien ein Halbjahrhundert alt, seien also Erinnerungen aus der Zeit der Grimmschen Märchen! Bei dieser Vorstellung zu beharren und sich dem Deutschen Reich gegenüber abzusondern, das sei deshalb für England gleichbedeutend mit Dummheit. Zwei deuffche Städte werden als Beispiele genannt, die trotz ihrer Nähe von den Engländern viel zu wenig gekannt seien: Köln und Essen: Die meisten Engländer würden sehr wahrscheinlich gar nicht wissen, daß in wenigen Stunden der Zug den Reisenden aus dem wundervollen Kölner Bahnhof, einem der schönsten Europas, nach Essen bringe, daS von der Firma Krupp beinahe aus der Erde gestampft wurde.
Deutschland und der Kaiser.
Das interessanteste Kapitel in dem »Sammelbuch englischer Erkenntnis" ist zweifellos dasjenige über den Kaiser. Der Verfasser der Abhandlung sucht den Kaiser in feinen ver- schiednen Tättgkettgebieten zu effassen und er kommt dabei zu manchmal recht eigenarttgen Schlüssen. Wir erfahren da, daß dem Kaiser in seiner Jugend das Ideal einer von den Germanen ausgehenden Reform der Welt vorgeschwebt habe: Die Erfüllung der Mission des Germanentums. Er habe aber immer mehr eingefehen, daß feine Absichten vollständig verkannt würden, wie er es Ganghofer gegenüber ja auch ausgesprochen. Die Vergangenheit habe großen Anteil an der Bildung der Ideale des Kaisers, die Zukunft werde ihn aber als einen Fürsten sehen, dem die geistige und industrielle Entwicklung des Volks mehr am Herzen liege als eine gewaltsame Erobrungspoli- tik. Allerdings leite ihn der englische Grundsatz: »Der Handel folgt der Flagge" mehr als der deutsche: »Die Flagge folgt dem Handel". Interessant ist die Bemerkung, daß der Kaiser den englischen Behörden den Weg gezeigt habe, wie man die Flotte volkstümlich mache. So habe der Besuch der englischen Flotte in der Themse ein interessantes Vorbild in dem Besuch der Torpedoboote im Rhein 1900 gehabt. Was die Tätigkeit des Kaisers für das Heer anlangt, so wird grade in diesen Tagen interessieren, was über die Kaisermanöver gesagt wird. Der Verfasser spricht von den großen Kavalleffeangriffen gegen Artillerie- und Jnfantenefeuer, die der Kaiser immer noch liebe, obwohl sie die fachliche Kritik für nutzlos halte. Diese ganze Entfaltung von Pracht und Kriegsmaterial aber diene nur der Absicht, den Zuschauern ein Bild zu geben von der großen und staffen deutschen Armee. Die ernste kriegsmäßige Ausrüstung geschehe ja nicht im September gelegentlich der Kaisermanöver, sondern in harter Arbeit in Divisionsund Brioademanövern. die nur kurz in den
seine künstlerischen Ansichten nicht mit denen des Kaisers übereinstimmten, französische, amerikanische, australische, italienische und englische Künstler," so folgt bald darauf die nötige
Kaiser nicht beachtet, in dieser Beziehung bege- schafts-politifch, sondern auch ... regie- he er sicher einen großen Fehler, der sich daraus rungs politisch! Wir behandelten in un- erkläre, daß er den brennenden Wunsch habe, ferm gestrigen Leitartikel die seltsamen Rand- einen kaiserlichen Stil zu schaffen, der seine Zeit bemerkungen der hoch-offiziösen Norddeuffchen verherrlichen solle: »Diese Tatsache illustriert Allgemeinen Zeitung zur Frage der Fleisch- den Egoismus des Kaisers, unter dem dann Teuerung, die eigentlich mehr Befremden als Männer, die vielleicht «in neues Zeitalter der Beifall geweckt haben. Offenbar bat das Kunst herbeigeführt hätten, leiden müssen Man bU Regierung (in diesem Falle also Herr von denke nur an die Berliner Denkmäler, pie S<h°rle mer-Lieser, der Minister für meistens von geringem künstlerischem Wert Landwirtschaft) erkannt, denn das offiziöse sind. Seine berühmte Galerie deutscher Für- Blatt bringt jetzt eine »Ergänzung" feiner ften in der S i e g e s a l l e e befriedigt wohl vorgestrigen Mitteilungen, die ebenfalls sehr niemand, ihn selbst vielleicht ausgenommen..." | charakteristisch ist.
Eine beträchtliche Aenderung im Auftreten des Kaisers glaubt der Verfasser seit den No-
Zeitungen erwähnt werden, und von denen die große Menge nichts effährt.
Kaiser, Kunst und Volk.
Anbestreitbar... unberechtigt!
Unsre Bettemund wir.
-Wir Deuffchen und unser Kaiser": Wie die Engländer die Deutschen beurteilen.
»Wir rotff en voneinander ju wenig," das ist her Antrieb gewesen, der ein englisches Buch entstehen ließ mit dem Titel Our German Cousins; tu der deutschen Uebertragung nennt es sich: „Wir Deutschen und unser Kaiser". Cs ist geschrieben von den hervorrngendsten Londoner, Berichterstattern der großen englischen Zeitungen und von der Tailly Mail herausgegeben. Die deutsche Uebersetzung ist soeben im Berlag von Kühtmann in Dresden erschienen und es ist in. terestant, aus diesem Buch zu ersehen, daß das englische Urteil über uns mehr naiv als fing mehr oberflächlich als tiefgründig ist Nach, folgend einige der charakteristischsten Proben
Die Verfasser der einzelnen Abschnitte des Buches beklagen es übereinstimmend, daß man in England zu wenig von deutscher Art und von deutschem Wesen wisse, trotzdem grade England von den Deuffchen in Politik, Handel und Kunst manches noch zu lernen habe. Dieses Unbekannisein des englischen Volkes mit Dem, das heute England am meisten interessieren müsse, sei eigentlich erstaunlich, denn man werde das rasche Aufftreben Deutschlands zu einer ersten Großmacht später einmal als «in
wirtschaft trotz allerschwerster Schädigung der Viehzucht durch die Mißernte des Jahres 1911 in allen, als Viehfutter in Betracht kommenden Früchten und trotz ungeheurer Verluste durch die Maul- und Klauenseuche doch mehr Schlachtvieh auf den Martt brachte, als im Vorjahr. Di« Linienbewegungen der Vieh- und Fleisch- preife sind keine einheitlichen. Die Fleischpreise sind fett Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fast ununterbrochen hinauf- gegangen, bei fallenden Vie-Hpreisen aber nur zögernd und niemals in vollem Umfange zurückgegangen. Die Ursachen hierfür sind mannigfach. Die Unkosten des Fleischergewerbes sind verhältnismäßig in erheblich größerem Maße gestiegen, als die Viehpreise. Es fei nur erinnert an die erhöhten Ladenmieten, !an die Steigerung der Gefellenlöhne, an die Ansprüche der iSanitätsPolizei und des Publikums. Dazu kommt die vielfach beobachtet« Borgwirtschaft der Konsumenten beim Fleischer, häuftg auch eigene finanzielle Abhängigkeit vom Großfchlächter, Kommissionär oder Händler. Die V i e h e r z e u g u n g ist immer kostspieliger geworden. Die fozial-en Lasten, I Lohnsteigerungen, Leutemangel und vieles ander« zwingen den Landwirt, sein Schlachtvieh höher zu verwerten. Daß di« Behauptungen der Fleischer über
Kleischnot und Mehmangel
von der poliffschen Presse für Parteizwecke auf» I genommen und ausgebeutet wurden, trug sicher
auch dazu bei, daß die Viehpreise immer mehr I anzogen, denn efft dadurch wurde dem
Landwirt klar gemacht, daß sein Vieh begehrte I Ware sei und er dabei mehr als bisher auf den
Preis halten könne. Eine weitere Folge der höheren Preise war die Vermehrung insbesondere der Schweinehaltung, die zeitweise eine Neberfüllung der Märktemit Schweinen verursachte. Die Preise erreichten im Frühjahr und Sommer 1911 einen Tiefstand, [bei die Schweinehaltung zeitweise unrentabel | machte. Ferkel waren in manchen Gegenden | überhaupt unverkäuflich. Von billigen Schweinefleischpreisen merkte aber trotzdem in den Großstädten niemand etwas. Die Steigerung der Schlachtviehpreise ist darauf zurückzuführen, daß die ungewöhnlich günstige, sich noch aufwärts bewegende allgemeine wirtschaftliche Konjunktur die Kaufkraft der Bevölkerung und damit die Nachfrage nach Fleisch höher als frü. her gehalten hat. Dies ist «in sehr erfreuliches Ergebnis der Wirtschaftspolitik, gleichzeitig auch das sicherste Mittel für die Rückkehr zu normalen Viehpreisen. Die günstige diesjährige Rauhfutterernte und die
I Aussichten auf gute Hackfruchternte bieten (so schließt diese offizielle Auslassung) die Gewähr, daß die Landwirtschaft alle Kräfte anspannen wird, die ungünstige Einwirkung des Jahres 1911 auf die Viehhaltung zu beseitigen. Die staffe und rasche Vermehrungsfähigkeit der Schweineproduktion gestattet angesichts der diesjährigen guten Ernte die Hoffnung auf eine nicht allzu lang hinausgeschobene Rückkehr zu niedrigeren Preisen.
Mit der Hoffnuvg sättigen...!
Es läßt sich wirklich nickt behaupten, daß der neueste Trost aus der Berliner Wilhelm- straße erfreulicher ist, als der erste; im Gegen- < teil: Das krampfhafte Mühen, die „Ursachen" der Teuerung aus Nebenumständen zu 1 erklären, wirkt nachgerade peinlich, und es . wäre sicher besser, statt der papiernen Arau- i
August-Spuk in der Wilhelmstraße?
Die „Kabinetts-Homvgr nttät" in Gefahr!
Einschränkung für die deutschen Künstler:! Die Geschichte der Teuerung beginnt, inter- Klinger, Hofmann und Thoma würden vom essant zu werden, und zwar nicht nur wirt-
wirffchaft zurückzuführen und' Abhilfe nur in erweiterter Grenzöffnung und Erleichterung der Fleischeinfuhr zu erblicken, fei unberechtigt. Die Zahlen über die Schlachtungen in Deutschland beweisen vielmehr, daß die Laud-
3er Hexenkessel am Balkan.
Kämpfe «nd Plünderungen überall!
Während die europäischen Großmächte sich in sichtlichem Wettbewerb um die Ordnung der Dinge im Türken reich und um das Zustandekommen des Friedens Mischen Türken und Römern mühen, geht am Balkan selbst der Kleinkrieg munter weiter. Es wird geschossen und gehauen, geplündert und gemordet und das Revolutionsgespenst kommt immer näher. Die letzten Meldungen berichiten von bluttgen Kämpfen zwischen Türken und Montenegrinern, di« für di« allgemeine Kriegs, und Kampfstimmuna am Balkan bezeichnend sind.
Eingeaschert und ausgeplüudert!
(Telegraphische Meldung.)
Saloniki. 28. August.
Di« von Mohammedanern bMohnte Ortschaft Zovice ist von Montenegrinern ein. geäschert und ausgeplündert worden. In der Gegend von Elbassan hat ein heftiger Ka m p f zwischen türkischen Truppen und Ma-1 lissoren stattgefunden. Die Truppen hatten drei Tote und mehrere Verwundete. Die Malissoren zogen sich zurück, nachdem sie siebzehn Mann verloren hatten. Eine bulgarisch Band«, di« aus zwanzig Mann bestand, drang in die Ortschaft Lrnischre ein, warf eine Bombe in das Amtslokal, das durch Feuer zerstört wurde und enttarn.
Jas Befinden der Kaisers.
Die Besserung «acht Fortschritte!
Wie wir schon gestern andeuteten, ist die geplante Schweizerreise des Kaisers durch die Erkrankung des Monarchen ernstlich in Frage gfftellt worden, und wie wir heute von zuverlässiger Sette erfahren, ist bereits der Entschluß gefaßt, di« Reise aufzugeben, da so kurz nach überstandenem Krankenlager dem Kaiser bi« mit einer solchen Reise verbundenen Anstrengungen möglicherweise chaden könnten. Eine offizielle Meldung über die Aufgabe der Reise liegt zwar noch nicht vor, doch dürfte im Laufe des heutigen oder morgigen Tags die amtliche Bekanntgabe der Aenderung in den Reisedispositionen des Kaisers effolgen. Mit Rücksicht auf bi« nur langsam fortschreitende Besserung des Kaisers ist auch die für Donnerstag geplante Abreise der kaiserlichen Familie von Wilhelmshöhe nach Potsdam vorläufig auf Freitag früh um halb elf Uhr verschoben w-rden. lieber das
Fortschreiten der Besserung im Befinde» des Kaisers erhalte» wir folgende Mitteilungen: Die offizielle« Nachrichten Wer die Besserung im Befinden des Kaisers lauten zwar sehr zuverfichtlich, doch hat es sich nach Mitteilungen von unterrichteter Seite herausgestellt, datz die Genesung des Kaisers nicht in dem Maße fortschreitet, wie angenommen und von den behandelnden Aerzten auch erwartet worden war. Die Erkältung des Kaisers ist hartnäckiger» als es an- anfänglich schien und es ist kaum anzu» nehme«, daß vor Ende der Woche die Nachwirkungender ErkrankungWerwunden sei« werde«. Ans diesem Grunde ist auch gestern nach einer Beratung der Aerzte auf Vorschlag des Leibarztes Dr. Junker Sie Verschiebung der für Donnerstag ge> planten Abreise von Wilhelmshöhe nach Potsdam auf Freitag beschlossen worden, und es liegt sogar die Möglichkett, oder (besser gesagt) die Wahrscheinlichkeit vor, datz auch dieser Termin noch eine Verschiebung erfahre« wird. Offiziell wird heute vom Sberhofmarschallamt nur mitgeteilt, datz „die Besserung im Be.
finden des Kaisers befriedigende Fortschritte mache". Der Kaiser verbrachte den größten Teil des Vormittags autzer Bett. Er erhob fich beretts gegen neun Ahr, »m an der gemeinschaftlichen Frühstückstafel teilzunehmen. Bis heute abend soll die endgültige Entscheidung darüber falle», ob die für Freitag gepla»te Abreise der Kaiserlichen Familie, Lr die seit Montag bereit« alle Vorbe- reitungen gettoffe» find, am Frettag früh bestimmt erfolgen kann. Heute früh weilten owohl der Leibarzt Dr. Junker als auch Oberstabsarzt Dr. Riedner längere Zeit im Schloh. Am die Mittagsstunde un ternabm der Kaffer einen kurzen Spasisw.
vembcrbebatten feststellen zu können. Der Kaiser sei feitbem ein in mancher Beziehung enttäuschter Mann. „Er war ein interessanter unb bedeutender Reimer. In einem traurigen Gegensatz zu seinen früheren Reben stand die nach dem November 1908 gehaltene Rede in Hamburg; es war keine Kaiserrebe, sonbern eine von der Regierung verfaßte Ansprache." Dennoch fei der Kaiser immer noch der alte, vielleicht etwas zurückhaltender, aber immer bereit, sich zu äußern; er möge wohl fühlen, daß seine Worte jetzt mehr Gewicht hätten und ein noch stärkeres Echo hervorriefen „als in den Tagen, wo er bei jeder Gelegenheit manchmal auch ohne eine solche, sprach."
Das Gesamt-ttrteil.
Der Verfasser des Kapitels über den Kaiser kommt dann zu einem nicht uninteressanten Schluß-Urteil, indem et ausführt, daß grabe die Vielseitigkeit des Kaisers den Träger der Krone oft in einen Gegensatz zu einem Kroßen Teil des Volks gebracht habe: „Der Kaiser soll nicht über alles reden und sich selbst als eine Autorität auf allen Gebieten bewachten., Das ist so undeutsch, daß Deutschland Verwahrung dagegen einlegt. Seines Amtes ist es, zu regieren, nickt zu malen, zu modellieren oder zu komponieren. So denkt der Deuffche." Aber nicht minder richtig ist, wenn der Veffaffer den ganzen Abschnitt über den Kaiser mit den Worten schließt: „Aber die Deutschen sind tief überzeugt von ihres KaiferS Vaterlandsliebe, von seinen Vesten A b s i ch t e n für Deutschlands Zukunft und der Hochherzigkeit aller seiner Handlungen, mögen sie impulsiv oder überlegt sein."