Eaffeker Neueste Nachrichtest
ylPT'SlG, — 2. Jahrgang.
mistisch gestinmit. Sic hoffen, daß jeder Versuch, die öffentliche Ordnung zu stören, sofort niedergeschlagen werden wird. Andere Nachrichten besagen, daß der größte Teil der russischen Kriegsmatrosen derartig von umstürzlerischen Ideen verseucht sei, daß die Offiziere es nicht mehr wagen, sie anders als mit Glareehandschuhen anzufaffen.
kin Blumentag in kastel!
Am zwanzigste« Oktober wird in Gaffel für verunglückte Flieger und deren Hinterbliebenen ein Blumentag veranstaltet.
Wie im ganzen Reiche wird voraussichtlich am zwanzigsten Oktober auch in Cassel ein großer Blumentag zu Gunsten verunglückter deutscher Flugzeugführer und deren Hinterbliebenen veranstaltet. An diesem Tage sollen auch besondere Medaillen durch Blumenverkäuferinnen verlaust werden. Der Reinertrag aus dem Verkauf dieser Medaillen kommt zum Teil der Nationalflugspende und zum Teil der Reichsfliegerstistung zu Gute. Fast schien es, als werde C a s s e l in diesem Fahre keinen Blumentag sehen, während überall im weiten Reiche, besonders in den großen Städten, die Wohltästgkeit in die Oeffcntlichkeit ging und für allgemeine oder lokale gute Zwecke an das Herz und Mitgefühl der 'Bevölkerung appellierte. Wie wir heute erfahren, wird Cassel im Oktober dennoch einen Blumentag in seinen Mauern sehen, der allerdings nicht ein geschloffenes Ganzes für die Stadt, wohl aber ein dienendes Glied für das Ganze ist. Die Anregung dazu ist von „oben" gekommen. Es handelt sich um einen allgemeinen Blumentag der Reichsfliegerstiftung, der zu Gunsten verunglückter deutscher Flugzeugführer und deren Hinterbliebenen in sämtlichen Städten des deutschen Reiches veranstaltet werden soll. DaS Reichsamt des Innern bringt diesem Blumentage ein großes Interesse entgegen und hat allen städtischen Behörden im ganzen Reiche aufgegeben, die großzügige Wohltätigkeitssache der Reichsfliegerstistung auf das eifrigste zu unterstützen. In diesem Sinne bat der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, Erzellenz Hengstenberg, heute morgen ein Schreiben an den Magistrat der Residenzstadt Cassel gerichtet, und den Magistrat um Vorschläge ersucht. Natürlich konnte bisher eine Entscheidung noch nicht getroffen werden. Es wird wahrscheinlich eine Kommission gebildet, die den Blumentag vorzu- bereiten hat. Andererseits ist es aber nicht ausgeschlossen, daß das Städtische Der- kehrsamt mH dem Arrangement beauftragt wird. Was den Termin anbetrifst, so hat das Reichsamt des Innern für alle Städte Sonntag
am zwanzigsten Oktobe» vorgeschlagen. Großberlin u. Potsdam werden den Blumentag allerdings schon am ersten und zweiten September abbalten. Diese Tage wären des Sedanfestes halber geeignet als der zwanzigste Oktober, aber die Vorbereitungsfrist wür- de bis zu diesem Tage zu kurz sein. Aus diesem Grunde wird eS hier in Cassel voraussichtlich beim zwanzigsten Oktober bleiben. Dieser Tag soll ganz das Gepräge eines Blumentages haben, wie wir es von dem hier schon stattgefundenen Margareten- und Kornblumentagen kennen. Ueber die Art der durch Blumenverkäuferinnen aus allen Gesellschaftskreisen zum Verkauf gelangenden Blumen ist noch keine Bestimmung getroffen worden. Wir möchten daher die Heckenrose verschlagen, die bei den Blumentagen in Leipzig und Danzig großen Anklang gefunden Hat. Wie in Großberlin und Potsdam soll auch in Cassel eine Gedenkmünze verkauft werden, die das Reichsamt des Innern prägen läßt. Diese Medaillen werden in Banken aufgelegt und außer durch Blumenverkäuferin-
i nen und Blumenverkäufcr auch durch die Vermittlung des Lustfahrtvcreins. deS Lustflostcn- vereins, des Krieger- und Militär- sowie Wehr- Vereine, des Vaterländischen Frauenvereins u. ähnlicher patriotischer Vereine verkauft werden. Der Reinertrag aus dem Verkauf dieser Gedenkmünze fließt zum Teil in die Kassen der R a t i o n a l f l u g s p e n d e und zum Teil in die der Reichsfliegerstiftung. Cassel hat sein mildes Herz bereits bei der Sammlung für die Hinterbliebenen des aus dem Forst verunglückten Gradefliegers Hans S ch m i g u l s k i offenbart, und beim letzten Blumentag war eine große Begeisterung aller.Helferinncn und Helfer vorherrschend: So ist zu hoffen, daß die Anregung des Reichsamts des Innern hier auf fruchtbaren Boden fallen wird! R. H.
Khren-Azew in Frankfurt?
Reumütig» Bekenntnisse des Spitzels.
(P r i v a t - T e l e g r a m m.)
Paris, 19. August.
Das Journal schreibt: Man erinnert sich der Enthüllungen des russischen Schriftstellers Burzew über die während der russischen Revolution begangenen Attentate. In ihnen wurde namentlich die Doppelrolle ausgedeckt, die ein gewisser Azew als Mitglied der revolutionären Partei und Polizeispitzel gespielt hat. Azew war seitdem verschollen. Er hat die Rache seiner revolutionären Genossen zu fürchten und man nahm schon an, daß er sich selbst das Leben genommen habe, um ihrer Verfolgung zu entgehen. Jetzt aber erzählt Burzew, daß Azew noch lebe und daß er, Burzew, am vergangenen Donnerstag in einem Cass am SchMerplatz zu Frankfurt a. M. mehrere Unterredungen mit ihm gehabt habe. Auf welche Weise er Azew entdeckte, verschweigt Burzew. Als er Azews angenommenen Namen und Aufenthaltsort in Erfahrung gebracht hatte, schrieb er ihm einen Brief, in dem er um eine Unterredung nachsuchte. Azew antwortete sofort und verabredete mit ihm unter der postlagernden Adresse „N. W. 29, Hauptpost Frankfurt a. M." eine Zusammenkunft in dem Cafs. Burzew hatte brieflich versprochen, allein zu kommen und Azew
keinerlei Falle zu lege«,
da er nur Auskünfte von ihm haben wolle, Azew versicherte, daß er seit seiner vor nun- mehr drei Jahren erfolgten Flucht aus Paris weder jemanden von der russischen Polizei noch ein Mitglied der revolutionären Partei gesehen habe. Er sei auch kein einziges Mal nach Rußland zurückgekehrt. Sein einziger Wunsch sei noch, sich in den Augen seiner Kinder,zu rechtfertigen, da er die ihm angedichtete schmähliche Rolle nicht gespielt habe. Er habe niemals im Dienst der Polizei gestanden; er habe lediglich im Jahre 1908 die Unvorsichtigkeit begangen, dem General Gerstnow den Namen der Revolutionärin Rasputina zu nennen, die daraufhin zum Tode verurteilt und gehängt worden sei. Die anderen ihm vorgeworfenen Derrätereien entschuldigt er mit der Absicht, seine eigenen, nach seiner Ansicht aussichtsreichen Anschläge gegen Plehwe, den Großfüsten Sergius und andere Persönlichkeiten umso sicherer ausführen zu können. Im Verlauf der Unterhaltung gestand Azew allerdings, daß er von der Polilzei zuerst 50, später 500 und 1000 Rubel monatlich bezogen habe. Im Ganzen gab sich Azew im Gespräch als reumütiger Sünder, doch scheint Burzew nicht unbedingt an seine Aufrichtigkeit zu Kauben.
Sie Politik der Tages.
Sommerliches Friedens-Geplauder.
Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Rom: Einer gestrigen Konferenz zwischen dem italienischen Minister des Aeußern San G i u li a n o, und dem russischen Bot
schafter in Rom wird eine gewisse Bedeutung beigcmeffen. Ter Botschafter weilt augenblicklich zur Erholung in Casnalmeli, nährend San Giuliano seinen Urlaub in Vall rm- brosa verbringt. Gestern begab sich der Botschafter im Automobil zu dem italienischen Minister des Aeußern und beide Staatsmänner konferierten bis abends. Man glaubt in Rom, daß die türkisch - italienischen Frie- densverhandlungcn den Hauptinhalt der Besprechungen gebildet haben. Was die Inseln im Aegäischen Meer anbelangt, so wünscht Italien diese unter die Oberhoheit der Mächte zu stellen, beänsprucht für sich jedoch eine -gewisse Suprematie über die Insel Rhodos. Hinsichtlich der Annektion von Tripolis und der Chrenaika kann es sich nur um eine Geldstage handeln, um die Türkei zu bewegen, die Annestion anzuerkennen.
Sonntags-Abenteuer in Genua.
Depeschen aus Rom zufolge erregte es gr- stern in Genua großes Aufsehen, als ein Kapitän der österreichischen Marine, der einen Spaziergang durch die Straßen von Genua unternahm, plötzlhh Hochrufe auf die Türkei und Rufet „Nieder mit Italien!" ausstieß. Die Passanten nahmen sofort eine feindliche Haltung ein und versetzicn dem Kapitän Faustschläge und Fußtritte. Die Angelegenheit hätte für den österreichischen Offizier einen üblen Ausgang genommen, wenn nicht eine Anzahl Soldaten eingeschriten wären und ihn aus seiner Lage befreit hätten. Der Kapitän wurde zur Polizeiwache gebracht, wo er in Hast genommen wurde, da er.sich im Besitz eines großen Messers befand. Ueber die Persönlichkeft des Verhafteten macht die Polizei keinerlei Mitteilungen. ... Ferner wird aus Sofia berichtet: Hier eingetroffene Flüchtlinge aus Macedonien berichten, daß albanefische Trupps von mehreren hundert Mann unaufhaltsam nach Süden Vordringen. Sie seien bereits in Koprülü, Uesküb und Kotschana eingetroffen und man spreche unter ihnen auch von einem Zug nach Saloniki.
Politische Chronik.
Ein Kongreß des Hauptverbandes Deutscher Ortskrankenkassen. Unter zahlreicher Beteiligung der Ortskrankenkassen und in Gegenwart mehrerer Regierungsvertreter wurde gestern in Köln der neunzehnte Kongreß des Hauptver- bandes deutscher Ortskrankenkassen eröffnet, der auch über das Verhältnis der Ortskrankenkassen zu den Aerzten verhandelt.
Landtagsabgeordneter Wodarz mandatS- müde. Der Landtagsabgeordnete Wodarz (Zentrum), der als Kompromitzkandidat von Polen und Zentrum aufgestellt war. und mit dem Abgeordneten Kapitza (Pole) den zwesten Oppelner Wahlkreis im preußischen Abgeordnetenhaus vertrat, bat infolge Streitigkeiten zwischen den beiden Parteien sein Mandat niedergelegt.
Bulgarien dementiert. Nach einem offizi- ösen Dementi aus Sofia sollen die von dem Korrespondenten des „Matin" dem bulgarischen Unterrichtsminister Bobschew in den Mund gelegten Aeußerungen keineswegs zutreffen. An zuständiger Stelle wird erllärt. der Bericht des „Matin" entspreche in keiner Weise den Anschauungen des Ministers.
Der Wirrwarr im Reich der Mitte. Der Sunhatsen ist nach Peking abgereist. General H u a n g t s i n s i n g, der ihn be-zleiten sollte, weigerte sich im letzten Augenblick mit« zufahren, um gegen die Hinrichtung der Han- kauer Offiziere durch Nnanschikai zu protesste- ren. Sunhatsen selbst wurde durch anonyme Schreiben dringend aufgefordert, die Reise aufzugeben.
Senes Dom hwie.
(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)
r» Die Tragödie einer Ehe. In Eisenberg in der Pfalz hat sich eine entsetzliche Ehetragödie abgespielt. Dort erschoß gestern
Dtenstag. zv. August 1913
abend der fünfundzwanzig Jahre alte Kaufmann Rudolf Müller seine einundzwanzig- jährige Frau, mit der er in Ehescheidung lebte, und dann sich selbst. Beide waren sofort tot. Die Eheleute Müller waren erst seit kurzer Zeit verheiratet, lebten aber in sehr unglücklicher Ehe.
Vier Opfer einer Explosion. Eine folgenschwere Explosion benzinhaltiger Dämpfe ereignete sich in den Siemens Schuckert - werken in Berlin beim Ausprobieren eines Vakkumapparates, der mehrere Jahre außer Betrieb gewesen war. Vier Schlosser erlitten schwere Brandwunden, sodaß sie sofort ins Krankenhaus geschafft werden mußten. Bei zweien der Verletzten besteht Lebensgefahr; doch hoffen die Aerzte, sie wieder Herstellen zu können.
™ Schwerer Unfall beim Autorennen. Bei der vom Magdeburger Automobilklub aus Anlaß des Kronprinzenrennens ausgeschriebenen Sternfahrt erlitt zwischen Gardelegen und Salz wedel ein Auto, in dem sich zwei Offiziere und zwei Chauffeure befanden einen Achsenbruch. Der Wagen überschlug sich und die Insassen wurden herausgeschleudert. Die beiden Chauffeure wurden tödlich verletzt, wäh. ren'd die beiden Offiziere mit Hautabschürfungen davouk.amen.
«r Die Polizei im Spielklub in Ostende. Der Spielklub im Kursaal zu Ostende wurde gestern abend vom Staatsanwalt und von mehreren Gendarmen mit den Worten: „Jede? Spiel ist beendet" geschlossen. Ein Teil de- Publikums flüchtete durch das Fenster. Wi< verlautet, sollen im Ostender Spielklub ganz fabelhafte Summen in recht eigentümlicher Weis, verjeut worden sein; infolgedessen sah sich di, Staatsanwaltschaft zum Einschreiten veranlaßt
rr Das Domkapitel als Steuerdrückeberger. Großes Auffehen erregt eine Privatklage des ehemaligen Sekretärs des Olmützer Domkapitels, Ludwig Cigna. Wie verlautet hat die Staatsanwaltschaft die in dieser Privatklage angeführten Tatsachen zum Gegenstand einer Untersuchung gegen das Domkapitel ge. macht, dem Steuerhinterziehungen in großem Stile vorgeworfen werden. Es handelt sich um eine Gesamtsumme von 1000 000 Kronen.
LA Die Schreckenstat einer Mütter. Die Hausmeisterin Therese Hammberger ans Preßburg hat ihre drei außerehelichen Kin- der ermordet. Gestern fand man die beiden zehn- und fünfjährigen Töchter der Hamntber- ger erschossen und den zehn Monate alten Sohn erdrosselt auf. Auf dem Tisch lag ein längeres Schreiben, worin die Frau cfls Motiv der Tat großes Elend angibt. Die unnatürlich« Mutter konnte verhaftet werden.
rrr Der Selbstmord eines Agitators. Der italienische fozialdemostatische Agitator Valentin B a z z i, der besonders in Parma und Umgegend sich vielfach mit der Organifa- tion von Streiks beschäftigte, hat gestern Selbstmord begangen, in dem er sich in den P o stürzte. Seine Leiche ist bei Polesine aufgefischt worden. Bazzi litt seit einiger Zeit am Ver- folgungswahnsinn; ch dürfte die Tat in einem derartigen Anfall ausgeübt haben.
Rr AuS dem dunkelsten London. Ein drei» zehnjähriger Knabe wurde in B a ck h a m im Süden von London mit durchschnittener Kehl» aufgefunden. Der Knabe konnte nur noch angeben, daß ihm ein fremder Mann den Hals durchschnitten habe; dann starb er. Der Täter ist unbekannt, ebenso die Ursache des grausigen Mordes. Man vermutet jedoch, daß es sich um einen Lustmord handelt, da alle Anzeichen darauf hindeuten. Ganz Backham ist in großer Erregung.
Sos Neueste aus Gaffel
Das Kaiserpaar im Hof-Theater.
Von den Weißen Flaggenmasten, die läng? der Königsstraße und um den Friedrichsplatz herum prächtige Alleen bildeten, flatterten gestern die Fahnen aller Bundesstaaten im leichten Sommerwinde. Ein wunderschöner Som
ThMtre pure.
Das Kaiser paar im Hoftheater; Neueinstudierung: „Das Nachtlager von Granada".
Eine festlich gestimmte Menge füllte gestern abend die Räume des Hoftheaters. Die Damen in lichten Toiletten (mit denen in Cassel freilich kein Luxus getrieben wird), die Herren im zumeist eleganten Frack oder in tadellos sitzender Uniform. Als ich etwa zehn Minuten vor acht Uhr das Theater betrat, gehörte ich bereits zu den Letzten, die ankamen. Das Publikum war fast vollzählig und sehr erwartungsvoll versammelt. Das Haus war mit festlicher Anmut geschmückt: Die Beleuchtung hatte voll eingesetzt, rote Blumenguirlanden zogen sich an den Decken der Ränge hin, ein Blumenarrangement schmückte auch die Ballustrade des Orchesterraumes. Kurz nach acht Uhr betrat das Kaiserpaar in Begleitung der Prinzessin die große Kaiserloge. Der Kaiser trug österreichische Generalsuniform zu Ehren Kaiser Franz Josephs, die Kaiserin eine Brokatrobe. Die Musik intonierte die österreichische National- Hymne, die stehend angehört wurde, worauf Oberbürgermeister Dr. Scholz das Kaiserhoch ausbracbte. In der Kaiserloge nahm noch der österreichische Gesandte Platz." Die Aufführung nahm dann sofort ihren Anfang.
Die alte romantisrbe Oper Conradin Kreutzers „Das Nachtlager" war für diese Festaufführung gewählt worden. Wenn wir auch heute musikalisch ganz andere Bahnen wandeln, so übt dock, Kreutzers Musik noch immer ihre alte Anziehungskraft aus. Und das liegt mit Reckt in den bewährten Eigenschaften Kreutzers: In dem Reichtum volkstümlicher Melodien, in der gemütvollen Innigkeit und dem deutschen Frohsinn, in den besten Eigenschaften also, die diesem Komponisten eigen sind. Furchtbar schön ist natürlich das Libretto des Werkes, das seinen Ursprung in der alten, ehrlichen Banditenrom-antik sentimentalen Gepräges gefunden hat! (Eigentlich ein Pleonasmus. denn Banditenromantik ist immer sentimental.) Diesem romantisch - sentimentalen Wirrwarr ein Paroli zu bieten, ist für die Aegie die schwierigste Aufgabe. Nun. die Regie
des Herrn E h r l hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt, sie ging ihnen kräftig und zielbewußt zu Leibe und vermochte deshalb die Klippen der Aufführung -ganz ausgezeichnet zu vermeiden.
Gleich die erste Szene bot dafür Beweis: Alles war mit Kraft und gesunder Natürlichkett angefaßt, jeder romantisch - sentimentalen Macke war Feindschaft angesa-gt worden. Das Stück gesunden Realismus des ersten Aktes hatte man auf diese Weise nicht verwischt, nicht unterschlagen, wie es meist geschieht, sondern in flaren Linien berausaearbeitet. Fein wurde dann durch die Verwandlungsszene der nun einmal unvermeidliche große „romantische" Sckluß vorbereitet. Hier kamen natürlich die reiche, sehr stilvolle, maurische Dekoration sowie das schwärmende Violinsolo dem Regisseur zu Hilfe: Und die Wirkungen der Dekoration waren dem Stimmungsgehalt der Musik so köstlich angepaßt, so trefflich damit verwachsen, daß mau alle Sentimentalität vergaß und wahrhaft mitfühlte. Herr Ebrl kann mit der ersten Inszenierung dieses Jahres außerordentlich zufrieden sein. Das war wirflich ein erster Regieerfolg? Die Gabriele, eine rein ivrische Partie, wurde von Fräulein von der Osten gesungen. Sie gab durch die Bewältt- gung dieser Ausgabe einen neuen Beweis ihrer künstlerischen Vielseitigkeit. Es schien übrigens, als ob einige Stellen der Parfte dem Organ der Künstlerin entsprechend tiefer transponiert worden wären.
In der kleinen Partie des Gomez kam das Organ des neuen lyrischen Tenors, Herrn W i n d g a s s en s . sympathisch zur Geltung, obgleich sich der Sänger von einer offenbaren Befangenheit nickt ganz zu befreien vermochte. Herr Wuzäl als.feiner Liedersänger war für die Partie des Jägers besonders "am Platze. Die frei und frisch vorgetragene Romanze „Ein Schütz bin ick", das innige, resignierende Adagio „Ich muß sie einem andern geben", ferner das balladenhaft angehauchte Allegro des zweiten Aktes „Es rausckit der Strom der Zeit" wa, ren Blüten feiner Liederkunst. Von ausgezeichneter Abrundung war auch der Gesang der drei Banditen, die die Herren Bartram, UIrici und Taubert nahen. Das zeigte
besonders das Terzett, in dem des Prinzregenten Tod beschlossen wurde, vor allem aber das Quintett. Zur Gesamtwirkung trugen natürlich die Chöre, die trefflich geschult waren, überall durchaus präzise einsetzten, sehr erheblich bei. Der Chor am Schluß des ersten Aktes: „Schon die Abendglocken klangen", wußte Wirklich Andachtsstimmung zu erzielen. Herr Dr. Zulauf endlich verstand durch straffe, männliche Art die Musik kraftvoll zusammenzuhalten, was der ganzen Aufführung das ,beste Fundament gegeben hat. ... Die Majestäten fuhren bald nach Schluß der Aufführung unter den Hockrufen des Publikums, das die umliegenden Straßen dicht besetzt hielt nach Wtl- helmshöhe zurück. -er.
chu Der Kaiser und die Züricher Glocken. Bei der demnächstigen Anwesenheit des Kaisers in Z ü r i ck während seines Aufenthaltes in der Sckweiz dürfte eine besondere „Hörens- Würdigkeit" der Stadt wohl die Aufmerksamkeit des Monarchen erregen. Zürich ist mit Recht stolz auf den eindrucksvollen Zusammenklang seiner zahlreichen Kirchengeläute. Tie harmonische Klangwirkung beruht nickt auf dem Wohllaut einzelner hervorragend schöner oder großer Glocken, sondern auf dem seit etwa dreißig Jahren planmäßig durchgeführten Zusammenstimmen aller Geläute.
Ter neue Sudermann. Sudermanns neuestes Stück wird, wie wir bereits meldeten, den Titel „Der schlechte Ruf" tragen. Die Uraufführung findet, wie uns aus Berlin berichtet wird, im Dezember im Komödienhaus von Dr. Rudolf Lothar statt. Sollte es noch dazu kommen, daß Dr. Rudolf Lothar als Leiter oder Mitdirektor von Alfred Halm in das Rene Schauspielhaus am Nollendors-Platz einzieht, so ist das Sudermannsche Stück als Eröfsnunasvorstellung des neuen Regimes vorgesehen. Sudermann kehrt mit dem Werke, einem realistischen Drama, zu dem dramatischen Schassen zurück, dem er feine großen Erfolge verdankt.
Wie Kapellmeister Muck den Rate» Adlerorden bekam. Beim Scheiden Mucks von der Berliner Hofc ce sei eine reißende Szene in die Erinnern«-: .aurückaerufen; Ka-1
pellmeister Muck dirigierte vor einigen Jahren das Hofkonzert in Potsdam. Der Kaiser hatte an jenem Abend die Absicht geäußert, Herrn Muck den ihm verliehenen Roten Adlerorden selbst zu überreichen, und ersuchte den Oberhof- marschall Grasen von Eulenburg, ihm die Insignien des Ordens zu bringen. Auf die Erwiderung Eulenburgs, daß das in Potsdam nicht so schnell möglich fei, gab der Kaiser Auftrag, einem der Adjutanten den Orden abzn- nehmen. Er überreichte ihn darauf Muck mit den Worten: „Ich habe ihn vorläufig einem Adjutanten abknöpfen lassen, denn ich wollte Ihnen doch den Orden persönlich übergeben."
ar- Cnglifcher Schauspieler-Humor. Von einem bekannten englischen Schauspieler erzählt eine Londoner Wochenschrift eine luftige kleine Geschichte. Ter Künstler probte in einem neuen Stück, das er für recht armselig hielt; im Verlaufe der Probe änderte er einige Repliken, um wenigstens ein wenig Humor in das langweilige Lustspiel zu bringen. Der Dichter wobnte den Proben bei und war entsetzt darüber, daß der Schauspieler fein Werk „verstümmelte". „Mein lieber Freund," sagte er mit dem Unterton beleidigten Dichterstolzes, „sprechen Sie die Sätze genau so, wie sie in der Rolle stehen und warten Sie darauf, daß das Publikum lacht." „Schön," meinte der friedlich gestimmte Sckau- spieler. „ich werde warten. Aber mein letzter Zug' fährt um Mitternacht!"
iO- Ohne Gottesdienst ... keinen Grog! Ein amerikanischer Seeoffizier erhielt von der britischen Regierung die Erlaubnis, eine Kreuzfahrt von einer Woche auf einem englischen Schlachtschiff mitsturnachen. Unter andern Dingen, die großen Eindruck auf den amerika- nrschen Seemann machten, war es besonders der Gottesdienst am Sonntag morgen. Jeder Matrose an Bord ohne Ausnahme beteiligte sich daran. Am Schluß des Gottesdienstes konnte sich der Amerikaner nicht enthalten, eine der Stau jaden zu fragen: „Sind Sie gezwungen, jeden Sonntag morgen am Gottesdienst teilzunehmen?" „Nein, Sir," faxt: der Matrose, „es besteht kein Zwang. Abc: ivon« wir nicht da sind, gibts auch keinen . . .1"