Casseler Neueste Mchrilhtm
Hesfische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
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2. Jahrgang
Dienstag, 20. August 1912
Fernsprecher 951 imb 952.
Nummer 216
Fernsprecher 951 und 952.
Staatssekretär Sir Edward Grey zu beson
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ter Wahl aus ihrer Mitt« gewählt und Staate besoldet werden, erfüllt werden.
deren Konferenzen in Balmoral ein. Diplomatische Kreise bringen die Reise Ssasanows mit dem Besuch Poincares in Zusammenhang. Sie nehmen an, daß die Begegnung der russischen, englischen und französischen Staatsmänner die Triple Entente i» einen neuen Dreibund umwandeln wird. Der englische Botschafter in Petersburg, Sir Georg Buchana, wird während des Besuches Sfasa- nows in Balmoral anwesend sein. In London wird sich Ssasanow nur auf der Durchreise aushalten.
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3nfertton8preife: LI« fetf)8gefpaUen« gelle für einheimische Geschäfte 15 Pf«., für au», roarttge Inserate 25 Pf., Reklame»«!« für einheimische »eschLfte 40 Pf, sür aulroärtig« Selchlist« 60 Pf. Beilagen für die fflefamtauflag« werden mit 5 Mark vr» Lausend b«. rechnet. Wegen ihrer dichten «erbreitung in der Residenz und der Umgebung sind die Lasseier Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» JnserttonSorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt M-ritzvla» 67«.
bin neuer Dreibund?
Ministerkonferenzen in Balmoral. x (Privat-Telegramm.)
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London, 19. August.
Der russische Minister des Aeutzern, Ssasanow, reist in vier Wochen nach London ab, wo er Ende September als Gast des Kü-
Sie Stützen her Republik.
Maffen-Desertion französischer Matrosen!
Mit ihrer Marine haben die Franzosen wirklich Pech: Erst die Pulver-Skandale, dann der große .Wassersprung" der „Helden von Bouton* und nun gar Massendesertionen von französischen Matrosen im Hasen von Antwerpen! Die neueste Sensation ist offenbar die peinlichste von allen, denn sie zeigt, wie schlecht es um die Mannszucht in der französischen Marine bestellt ist, die der Ma- rincminister Deleafsse noch im letzten Herbst bei der Flottenparade von Toulon die „stärkste Stütze der Republik" nannte. Wir erhalten folgenden Drahtbericht:
Antwerpen, 19. August.
(Privat-Telegramm.)
Am Sonnabend nachmittag ereignete sich im hiesigen Hafen ein peinlicher Zwischenfall. Kurz vcr der Abfahrt des französischen Pan. zerschiftes .Marseille" desertierten^ etwa v.ierria DlatteJ«# de». KMMchiffes
Tausenden zählenden Volksmenge, sowie in Anwesenheit zahlreicher deutscher Matrosen von der »Viktoria Luise". Mehrere der Deserteure rissen ihre Rangabzeichen mit den Zähnen von den Aermeln und schleuderten sie in die Schelde. Das Publikum nahm entschieden Stellung gegen die Deserteure ein, die vielfach bedroht wurden. Einige belgische Matrosen forderten sie heraus und hätten ihnen übel mitgespielt, wenn nicht die Hasenbehörde «ingejchritten wäre. Die „Marseille" dampfte ab unter den Hochrufen der Volksmenge auf Frankreich, auf die „Marseille" und aus die französische Marine, während die Mannschaft der „Marseille", die noch an Bord geblieben war, Hochrufe aus Belgien ausbrachte. Die Deserteure beklagen sich über schlechte Nahrung, über zu strenge Disziplin an Bord und über das Benehmen der Offiz iere ihnen gegenüber. Eine Anzahl der desertierten Matrosen hat bereits an Bord fremder Kriegsschiffe Dienst ge- nommen. Biele von rhnen durchzogen die Straßen der Stadt und die Wirtshäuser und waren gestern zum größten Teil betrunken. Der Zw-schensall hat in allen Kreisen äußerst peinliches Aufsehen Hervorgerusen u»ü die Bevölkerung mißbilligt in scharfen Wortes die Haltung der französischen Deserteure,
Kostewitsch erzählt...!
,,Haar,eeaaaenoe» uu6 ü;ut(<yen xertern".
Wie wir gemeldet, ist der spionageverdächtig« russische Hauptman» Kostewitsch, der in Leipzig aus der Untersuchungshaft gegen Kaution entlassen wurde, von Berlin nach Petersburg abgereip. Nach seiner Ankunft in Pe. rersburg hat er sich, wie „berühmte Männer" es zu tun pflegen, interviewen lassen und Da», was Herr Kostewitsch erzählt har. ist wirklich recht originell. Alan höre:
Petersburg, 19. August. .
(Privat-Telegramm.)
Der in Petersburg wieder angelem. mene Hauptmann Kostewitsch er. zählte Journalisten, die ihn ausfragten, haarsträubende Dinge über die B«. Handlung, die man ihm in Deutschland hätte angedrihen lassen, und über die Zustände i» den deutschen Gefängnissen. Dann erklärte er, daß er nicht sein Eh«nwort gegeben hätte, sich den deutschen Gerichten am Berhand' lungötage wieder zu stellen, sondern dass er sein wetzeres Berhalten von feinen Vorgesetzten abhängig machen werde, die darüber zu ent» scheiden hätten, ob er der Aufforderung, sich vor deutschen Gerichten zu verantworten, Folge zu leisten habe oder nicht,
Kostewitsch und die Wirklichkeit.
Die Angaben Kostewitsch's über die „haarsträubenden Dittge" aus deutschen Gefängnissen sind (wie uns aus Leipzig berichtet wird) durchaus unglaubwürdig, denn Kostewitsch hat sich in der Ueiersuchungsyaft selb st beköstigt, und es kann deshalb von schlechter Gefäugnistöst gar keine Rede sein. Zu den problematischen Aeußerungen, die Hauptmann Kostewilsch über seine Gestellungsverpflichiung getan haben soll, sei Folgendes bemerkt: Die von Kostewitsch geleistete Kaution ist von der russischen Regierung eingezahlt uns von der russischen Botschaft in Berlin dem rus- fischen Konsul in Leipzig übergeben worden, damit das Geld bereit liege, sobald die Freilassung erfolge. Bei der gleichzeitig (am zehiu ten August) erfolgten Freilassung des in Ruß. land wegen Spiouagevcrdachis verhafteten Oberleutnants Dahm aus Wolsenbüttel habe» dessen Verwandle die geforderte Kaution hinterlegt. Dem Hauptmann Kostewitsch ist bei seiner Außcrhaftsetzung in Leipzig das Ehrenwort nicht abverlangt worden. Ob Kostewitsch bei der Stellung zur Gerichtsver- Handlung Schwierigkeiten machen wird, muß man abwarten. Da seine Entlassung und die des Oberleutnants Dahm in einer gewissen Wechselbeziehung gestanden haben, so kann nan dem weiteren Verlauf der Dinge mit einigem Interesse entgegenskhen.
Die internationale Aussprache.
„Deutschland nicht allzufreudig l"
Wie aus Berlin berichtet wird, beschäftigt der Vorschlag des Grasen Berchtold, daß die Großmächte in einen Meinungsaustausch über eine An von Hilfeleistung für die Türkei eintreken sollen, die do rügen diplomatischen Kreise unausgesetzt sehr lebhaft, Obwohl der übliche Wochenempfang im Aus- wärügen Amt erst am Sonnabend ftattsindet, sanden sich die meisten der in Berlin weilenden Vertreter der Mächte schon am Freitag nachmittag «in. Es War beinahe eine internationale Diplomatenkonferenz, die sich da im Empfangszimmer des Staatssekretärs versammelte. Der österreichisch-ungarische Botschafter Gras von Szögysny-Marich hatte sich einge- furkden und unterhielt sich sehr lebhast mit dem Botschafter Italiens, den Geschäftsträgern Rußland und Englands und den
Gesandten aller Balkaustaateu.
Den einzigen Gegenstand der Konversation bildete die Zirkulardepesche des österreichischen Ministers des Aeußern, und Gras von Szöghönh wurde mit Bitten um nähere Aufklärung über Motiv und Ziel der Anregung seines Ministers bestürmt. Aber er sowohl wie Herr von Kiderlen waren dazu außerstande. Es ist nun sicher, daß die deutsche Regierung an dem vorgeschlagenen Meinungsaustausch sich beteiligen und auch diesmal wie in der Annexionskrise an die Seite Oesterreichs treten wird, aber man hat in diplomatischen Kreisen die sehr bestimmte Empfindung, als ob dies nicht allzusreudig geschehe. Man sieht daher mit großer Spannung einer näheren Angabe über das Programm des Meinungsaustausches seitens des Grafen Berchtold entgegen, da die Zirkulardepesche keinerlei bestimmte Vorschläge enthält.
Graf Berchtold und die Mächte.
Im Anschluß an vorstehende Mitteilungen berichtet uns «in Privat-Telegramm aus Berlin: In einem auffallenden Gegensatz zu der Meldung aus Wien, die bereits am Sonnabend von Zustimmungserklä- rungen Rußlands in Italien zu der An. regung des Grafen Berchtold zu melden wußten, stehen die heute hier vorliegenden Nachrichten aus Petersburg und Paris, die erkennen lassen, daß von einer formellen Zu- stimmungserllärung der russischen Regierung noch nichts bekannt ist. Auf eine Anfrage an zuständiger Stelle in Wien ist gestern allerdings allermals erklärt worden, daß die zustimmende Erklärung Rußlands ebenso wie die Deutschlands und Italiens eingetrosfen sei.
treffen auch Premierminister Asquith und urtb b esch impften die Offiziere von
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Die Anklagen gegen Lothringen.
(Privat-Telegramm.)
In seiner Rede über di- Katastrophe auf der Zeche „Lothringen" und deren Ursachen protestierte der Bergarbeiter-Vertreter Löffler aus Bochum energisch gegen die durch die Presse gegangene Meldung, nach der di- Zeche „Lothringen" eine der „sichersten und bestausgerüsteten Gruben des Industriegebiets" fei: die Erfahrung habe längst das Gegenteil erwiesen. Es mangele grade auf der Zeche „Lothringen" an einem ausreichenden Schutz der Arbeiter und die Lage der Bergarbeiter sei im Betrieb der Zeche „Lothringen" eine derart ungünstige, daß wiederholt Beschwerden vorgebracht werden mußten, um die allerbescheidensten Zugeständnisse zu erlangen. Löffler machte auch für die jüngste Katastrophe in erster Linie die G rub e n v er wa ltun g verant- wortlich.
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dies- R"-'e 2tutf<6Tanti*ur Anerkennung, einer..Schottland «eilen wird. Äu diesem Zeitpunkt
Nach dem Lothriugen-Drama.
Schwere Anklagen gegen die Verwaltung!
Der Alte Bergarbeiterverband hielt gestern in Bochum und Dortmund eine Reihe hon Bergarbeiterversammlungen ab, in denen die Redner über das Thema: Das Massen- unglück auf der Zeche „Lothringen" und der Bergarbeiterschutz, sprachen. In der von mehreren Tausend Personen besuchten Versammlung im Bochumer Schützenhof erhob Löffler- Pochum schwere Anschuldigungen gegen die Verwaltung der Zeche „Lothringen", die es an ausreichendem Schutz der Bergarbeiter habe fehlen lassen. Wir erhalten darüber folgende Meldung:
Bochum, 19. August.
(Privat-Telegramm.)
Der Alte Bergarbeiterverband hielt gestern im Industrie-Revier eine Reihe von Versammlungen ab, in denen die Redner über das Thema des Schachtungilücks auf der Zeche „Lothringen" und den Arbeiterschutz sprachen. Es wurde «ine Entlschließung angenom- men, in der unter anderem gesagt wird: Das furchtbare Unglück aus der Zeche „Lothringen", dem wieder über hundert Bergleute zmn Opfer gefallen sind, hat aufs neue die U n z u l ä n g - lichkeit des Bergarbeiterschutzes bewiesen. Es hat gezeigt, daß die Sicherheitsmänner außerstande sind, einen wirklichen Bergarbeiterschutz hekbeizuiführen. Di« Behandlung, die die Verwaltung der Zeche „Lo. thringen" den auf dieser Zeche beschäftigten oder beschäftigt gewesenen organisierten Sicherheitsmännern hat angedeihen lassen, bestatt" in fortgesetzten Schikanen und Be. d r ü ck u n g e n, die sie haben erdulden müssen. Die heutige Bergarbeiterversammlung fordert daher die Staatsregierung auf, schleunigst einen Gesetzentwurf dem Parlament vorzu. legen, durch den die seit längerer Zeit von den meisten Bergarbeitem erhobenen Forderungen nach Einführung von Grubenkontrolleuren, die von den Arbeitern mittels geheimer und direk-
Wilhelmrhöhe und Ml! Die gestrige Geburtstagstafel auf Wilhelms- HSHs u.Berchtolds Schlag gegen Deutschland.
Lsfiziäse Meldung: Um ein Uhr Nachmittags sand gestern auf Schloß Wilhelmrhöhe au« A» lab be« Geburtstages des Kaisers Fran, Josef beim Äaiferpaar Frühstück täfel statt. ,u der bte Herren der österreichisch.ungarischen Bot- schäft gelaßen waren. Im Verlauf des Mahles brachte der Kaiser, der österreichische Feldmar. f 4 aU. Uniform trug, folgende» Trintspruch auS Ich bitte Sie, Ihre Gläser zu erheben. Es gilt Seiner Majestät dem Kaiser von Oesterreich. König von Ungarn, dem wir alle auch außer» halb der Grenzen seines Landes von Herzen Verehrung und Liebe zollen. ES gilt meinem t reu en Freunde und meinem festen Verbündeten und Waffenbruder, dem Vor. bild und dem verkörperten Psttchtgefühl tn der Arbeit für sein Volk und sein Land. Gott schütze erhalte und segne SeineMajestät denKatser n.Köntg! Hm Schloß zu Wilhelmshöhe hat man gestern in der Mittagsrunde, altem Brauche folgend, den Geburtstag Franz Josefs von Oester- rtlch an festlicher Tafel gefeiert und der Trink- spmch des Deutschen Kaisers galt seinem „treuen Freunde, festem Verbündeten und Waffenbruder", der am achtzehnten Augusttag in der Still« von Ischl das zweiundachtzigste Wiegenfest beging. Rechts vom Kaiser saß bei der Ge- -'wttstagiafel im Wilhelmshöher Schloß Franz Josefs Botschafter in Berlin, Graf von SzZgyeny-Marich, links der Staatssekretär des deutschen Auswärtigen Amts, Alfred von Kiderlen-Waechter, der am Sonnabend in der Morgenfrühe zusammen mit dem Botschafter Oesterreichs die Fahrt von Berlin zum Hessenland unternommen. Die beiden Herren werden auf der Reis« von der Spree zur Fulda vermutlich keine Langeweile erduldet bade«: Im Vordergrund des politischen Jnter- «ssez steht seit drei Tage» der Plan des österreichischen Außenministerß, durch einen „europäischen Meinungsaustausch" di« schwebende Gefahr der türkischen Krise zu Lannen, und Propheten, Seher und Deutler sind sich einig darüber, Laß dieser Schachzug des ruffophilen Grafen Berchtold gleichbedeutend sei mit einem gegen Deutschland und insonderheit ge- gen Herrn von Kiderlen-Waecht«? geführten Schlag!
In Ischl hat am vergangnen Freitag tag Franz Josef (am Vorabend des zweiund- achtzigsten Geburtstags) seinen Minister der äußern Angelegenheiten mit dem hohen Orden vom Goldnen Vließ dekoriert und damit vor aller Welt offenbart, daß er in Berchtolds Trick ein der Krone Habsburgs wertvolles Verdienst erkennt. Was ist nun geschehen? Der österreichsche Auslandminister hat die Mächte aufgefordert, «inen Meinungsaustausch darüber herbeizuführen, wie es zu ermöglichen sei, di« Gärung unter den der türkischen Oberhoheit unterstehenden Balkanvölkern zu dämpfen. Das soll nach der Anregung des Grafen Berchtold etwa in der Form geschehen, daß die türkische Regierung veranlaßt wird, ihren unzufriednen Balkanvasallen die Selbstverwaltung zu geben. Mit andern Worten: Die Türkei (die heut« noch ein e i n z i g e r Staat ist) soll eine Art B u u - desstaat werden, in dem die Os man en die l Führung haben. Das bedeutet auf alle Fälle, daß di« Osmanen einen Teil ihrer heutigen absoluten Macht zugunsten der Nationalitäten oufaeben müssen. 'Man muß sich nun klar macken, was das für D« u t s ch l a n d bedeuten wird. Deutschlands Stellung in der Levante beruht lediglich auf Beziehungen zum Os- manentum, während uns mit den Nationalitäten keine Fäden verknüpfen.
Wird das Osmanentum zugun- sien der Nationalitäten geschwächt, so wird auch die ganze Basis entkräftet, auf der unsre Stellung int Orient fußt. Wohin also die Verwicklichtmg der Berchtoldschen Anregung letzten Endes führt, das ist schon heut klar: Haben die Nationalitäten einmal die S e l b st v e r w a l t u n -z, so werden sie später einmal auch das Selbstregime erkämpfen. Sie werden sich zu selbständigen Staaten machen und losgelöst von ihnen wird das Osma- nentum selbst nur noch ein wertloser Torso fein. Dieser Torso wird dann DeuffchlandS einziger Verbündeter Staat int Orient werden. Das ist das Ende des Wegs, den Graf Bechtold, der mit dem Goldnen Vließ gezierte Minister Franz Josefs, soeben beschritten. Aber auch vom politisch-internationalen Standpunkt aus betrachtet, läßt sich bi« Gegnerschaft des Berchtold'schen Vorschlags zu den Interessen Teuffchlands nicht leugnen. Oesterreich ergreift int neuen Balkanwirrwarr urplötzlich die Initiative, ohne sich durch die Rücksichtnahme auf den Verbündeten in seinen Absichten und Hoffnungen irgendwie bestimmen zu lassen; es rollt das Balkanproblem in kritischer Zeit vor Europa auf und zwingt «ruf
diplomatischen Methode, deren praktische Wirkungen gleichbedeutend mit einer schweren Schädigung des deutschen Einflusses am Goldnen Horn sein müssen.
Das enge Bundes-Verhältnis zwischen Deutschland und Oesterreich scheidet die Möglichkeit einer deutschen Opposition gegen den Plan Berchtolds von vornherein aus, und so sieht sich denn Deutschland (das sich vor noch nicht langer Zeit des „schneidigen Sekundanten" Oesterreich rühmen durfte, und das beim letzten Balkanbrand 'durch das Vermächtnis der „Nibelungentreue" sich mit dem Schwert in der Hand an Oesterreichs Seite gerufen sah) durch die Politik des verbündeten Reichs in ernt Situation gedrängt, deren Unbehaglichkeit selbst in allen Winkeln offiziöser Geschichtschreibung bitter beweint wird. Das alles kommt indessen nicht von ungefähr: In Oesterreich regt sich feit den Tagen, da Franz Ferdinand ins Licht der Sonne trat, eine neue Zeit, eine Periode neuerwachter Tatkraft, die das Ziel ihrer Sehnsucht auf den ragenden Höhen österreichischer Weltpolitik sucht und dem stillen Friedenstraum aus FranzJosefs Greisentagen längst entfremdet ist. Der müde Träger der Krone Habsburgs hat gestern sein zweiundachtzigstes Lebensjahr vollendet; wer weiß, wie lange noch der Herrschaft Bürd« Franz Josefs Schulter drückt; nut das Eine weiß man: Daß an dem Tag, da Franz Ferdinand seiner Väter Thron besteigt, die WeA Habsburgs neuen Inhalt, neue Kraft und neue Ziele gewinnen wird. Und Berchtolds vließ-gekrönter Schachzug läßt uns ahnen, was im neuen Oesterreich an Sehnsucht und Hoffnung wohnt.,.l F. H.
Vor einer neuen Revolution?
„Anruhen find täglich zu erwarten"!
(Privat-Telegramm.)
Petersburg, 19. August.
Tie Blätter beschäftigen sich mit der Verhängung des Belagerungszustandes über Kronstadt und Sewastopol und gebe« übereinstimmend der Ansicht Ausdruck, daß Rußland am Vorabend einer neuen Revolution stehe. Der Ausbruch blutiger Unruhen sei tägkich zu erwarten. Trotzdem feien die mastoLbwwen Kreise in Rußland ew.