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Seiler*

Casieler Neueste Nachrichten

2. Beilage.

Sonntag, 11. August 191L

Nr. 209.

Zweiter Jahrgang.

Frauenliebe

Roman, von Horst Bodemer.

;ie. Hans Wilhelm, sollten ihm auch recht

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Der Oberst sah seinem Schützling in die Augen. Der war über und über rot geworden.

Na, reden wir nicht weiter drüber, nur Ihr Gedächtnis mutz ich aussrischen, Hans Wilhelm! . . . Also, ich wurde mit der Küh­lung dieses Regiments, als es frei wurde, beauftragt, drei meiner Vordermänner mutzten warten, bis andere Truppenteile ihre Kom­mandeure wechselten. Das war einer von den vielen schönen Zügen unsres kaiserlichen Herrn,

> Lrdgrborm...!

Neber mir in molhigrn Lüften Wagen Lerchen, trsumvrrioren. Tief im hriürkraute lieg' ich, Mhle mich so erügrdarrn.

Gan;, als ob ich ans der Scholle Milürntwachsrn wär', wir Säume, Leicht vom tzridrwinü geschaukelt, Lrür halb ... unb halb auch Traume.

Gan;, als ob ich aus der Schalle -ufgkflogen wär' mit Schwingen, lhoch im Sommerwinb aufstrigrnS, Lrbr halb... unb halb buch klingen.

Karl Hauptmann./

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Gewehre! An die Pferde! An die Ge­schütze !

Die durcheinandergekommenen Verbände wurden wiederhergestellt, denn ein grotzer Teil der Truppen mußte noch heute mit der Eisen­bahn verladen werden; nur die berittenen Waffengattungen und die in der Nähe sichen­den Jnfanterieregimenter benutzten die Bahn nicht zur Erreichung ihrer Garnisonen.

Dre Kritik dauerte lange. Zu beiden Seiten der Landstraße, auf welcher der Kaiser mit sei­nen Gästen und dem glänzenden Gefolge die bereisstehenden Automobile bestieg, hielt abae- festen die Kavalleriedivision, die er zur Attacke geführt. In langen Linien standen sie, die Of­fiziere der einzelnen Regimenter kamen nach Schluß der Kritik anzesprengt, übergaben ihren Burschen die Pferde und setzten sich in den Straßengraben, um den letzten Rest des Früh­stücks zu verzehren.

Da erschollen brausende Hunas, der Kaiser kam im Schritt herangeritten, zu seinen Seite« der Generalfeldmarschall Prinz Georg von Sachsen und der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand. Beide trugen die Uniformen ihrer Ulanenregimenter.

Der Kaiser wandte sich an den Erzherzog und zeigte auf die Ulanen und Kürassiere. Meine eiserne Brigade. Ihr war der Sieg von Vionville zu verdanken.'

Prinz Georg ritt zu seinem Regiment«, den Ulanen, um von ihm Abschied zu nehmen. Auch der Kaiser rief den Reitern zu:Adieu, Ulanen!"

Adieu, Majestät!" schallte es zurück.

Das Offizierkorps der Kürassiere stand an der Straße. Alle überragte ein blonder, bild­schöner Hüne, des Kaisers Blick ruhte mit Wohlgefallen aus ihm.

Adieu, Kürassiere!'

Adieu, Majestät!'

Bitte einen Moment um Verzeihung^' Mit diesen Worten wandte sich der Kaiser an den Erzherzog.Oberst von Seinshcim!'

Majestät!'

..Im Nu schwang sich der Kommandeur der Kürassiere, eine hagere, hohe Erscheinung mit schwarzem, am Kinn ausrasiertem Vollbarte, in den Sattel und setzte über den Straßengra­ben.

Wie heißt dort der große Offizier?' Oberleutnant von Moreth. Majestät.' Morech? Moreth? Den Namen habe ich doch s/on gehört.'

Sein Vater fiel mit der Standarte in der Hand bei der Attache von Vionville.'

Richtig! Ich bin Zufrieden gewesen, Herr Oberst. Im Frühjahr auf Wiedersehen, wenn Sie sich bei mir als Brigadekommandeur mel­den!'

Gnädig reichte ihm der Kaiser die Hand. Der Oberst begab sich zu seinem Regimen! -urück.

Das glänzende Gefolge ritt an den Küraffie- en vorüber, die berühmtesten Generale der llrmee, jüngere Generalstabsofiiziere, denen die Zukunft gehörte,' die Militärattaches der -remden Staaten, Russen. Türken, Franzosen. Chilenen. Oesterreicher, Nordamerikaner, Ita­liener, Engländer, Svanier, Bulgaren, Portu­giesen, Japaner. Alle waren abkommandiert, um von den deutschen Manövern zu lernen.

gehabt hätte, erscheint mir mehr wie Zweifel« haft. Sie frönen der gefährlichsten Leiden­schaft . . . den Karten! Ihre Verhältnisse sind mir bekannt, durch Ihre Passion ist Ihr väter­liches Gut, daß noch dazu Ihren Marnen trägt, mit Hypotheken überlastet, Ihre Mutter haben Sie in schwere Sorgen gestürzt. Und trotz mei­ner Warnungen haben Sie wieder in diesem Manöver fürchterlich geteurpelt. Sie haben ja Glück gehabt und tragen jetzt ungefähr zwan­zigtausend Mark in der Tasche herum, die Sie einem Gutsbesitzer abgenommen haben, der sie Gott sei Dank, missen kann.'

Herr Oberst"

Herr Oberleutnant von Moreth,' erwi­derte der Kommandeur sehr scharf,bitte, un­terbrechen Sie mich nicht und beschwören Sie nicht von neuem meine Zweifel herauf, ob ich als Ihr Vorgesetzter oder als Freund Ihres Vaters 'handeln muß. Sie haben mein Ge­wissen mehr als einmal in heftige Konflikte ge< bracht.'

Der junge Offizier biß sich auf die Unter­lippe. Der Kommandeur schwieg, als müsse er erst mit seinem Herzen einen Kampf ausfech­ten. Schließlich fuhr er auf.

Der Teufel soll reinsahren, wenn Sie nicht endlich Vernunft annehmen, Hans Wilhelm! Als ich das letzte mal in Berlin war, traf ich imKaiserhof' mit dem Bruder Ihrer Mutter, Herrn von Kovsing, dem Landtagsabgeordne- ten, zusammen.

Moreth sah seinen Kommandeur erstaunt an.

Ha, Sie wundern sich wohl, daß ich Ihne« davon nichts erzählt habe? Hatte seine guten Gründe. Heute, nachdem Sie einen 45tägi- gen Urlaub in der Tasche haben ... ich habe mich selbst dafür verwendet bei der Division... will ich Farbe bekennen. Also Herr von Kor- sing sagte mir, daß auf dem Nachbargut eine gewisse Komtesse Eva Relendorff lebe, die Sie, Hans Wilhelm, obgleich Sie es gar nicht ver- dienm, so ins Herz geschlossen hat, daß sie Korb über Korb austeilt und auf Sie toortet, wenn Sie auch niemals die geringsten Anstren­gungen gemacht haben, der bildhübschen und schwerreichen Komtesse den Kopf zu verdrehen Ich bin der allerletzte, der Sie in eine Geld­heirat hineintreiben möchte, mein lieber Hans Wilhelm, aber ich meine, ein hübsches, reiches Mädel, das Ihre Fehler kennt und Sie den­noch liebt, wird nicht alle Tage für den Ober­leutnant von Moreth in der Welt herumlau­fen. Deshalb ist mir's lieb, daß Sie den lan­gen Urlaub bekommen haben. Prüfen Sie sich, Hans Wilhelm, ein gutes Weib ist das Beste, was uns unser Herrgott schenken kann, und . . . denken Sie an Jbre Mutter!"

Der Oberst reichte ihm die Hand.

Moreth war ganz benommen, er legte nach flüchtigem Händedruck die Hand an den Helm und trabte zu feiner Schwadron zurück, ohne mehr wie einen kurzen Dank gestammelt zu haben. ,

' (Fortsetzung folgt)

Der letzte Tag vom Kaisermanöver war's, di« Entscheidung nahte. Die Mittagszeit kam heran, glühend brannte die Sonne vom Him­mel, als wollte sie nach den anstrengenden Ta­gen die letzte Probe auf di« Manneszucht der kämpfenden Parteien machen.

Nur noch einige hundert Meter lagen die Schützenzüge einander gegenüber, das Kleinge- wchrfeuer knatterte ohne Unterbrechung, di« Reserven traten mit fliegenden Fahnen unter den Klängen der Regimentsmusik zum Sturme an. Ein kurzes Signal lief di« Reihen ent- sima: Seitengewehr pflanzt auf!

Von den Höhen donnerten die Geschütze, von ferne grollt« es wie Gewitter. Das kam von den schweren Haubitzen, die unsichtbar, mehrere tausend Meter entfernt, ihren tiefen Baß fan­gen.

Einige Feldbatterien preschten nach vorn, dickt an den Schützenlinien protzten sie ab, um von dort aus den letzten Granatenhagel in die Feinde ru schleudern. Die Luft und der Erd­boden schienen zu zittern, «in Getöse war's, daß man kaum fein eigenes Wort verstehen konnte. .

Auf einem Hügel den ein« Feldbatterie honte, stand der Hauptmann mit seinem Ober­leutnant zwischen den Geschützen; sie beobach­teten den Fortgang der Schlacht durch ihr« Gläser.

Gott sei Dank, Herr Hauptmann, daß wir uns die Geschichte von hier oben ansehen kön­nen, denn unsere Pferde sind arg mitgenom­men. Wenn wir auch 'ran müßten an die . Schützenlinie der Infanterie, könnten uns die alte Senta und der Torrero liegen bleiben.'

Die werden ja ausrangiett," erwidert« der Daü«iechef und sah durch das Glas rechts seitwärts. Dann kommandierte er:Schnell­feuer!"

Jungens, 'rin mit den letzten Manöver­kartuschen!' rief der Oberleutnant.

Das ließen sich die Kanoniere nicht zwei- I mal sagen. Ein rasendes Feuer wurde aus der ganzen Front eröffnet, die Sturmkolonnen hat­ten die Schützenlinien erreicht, die sich mit auf- gepflanztem Seitengewehr erhoben, sobald die geschlossenen Verbände heranwaren

Der Hauptmann ergriff den Oberleutnant berm Arme.Sehen Sie da, rechts s«it- wätts!'

Aus einer breiten Talsenkung brachen zwei Regimenter Kavallerie hervor. Husaren und . Dragoner. Der Hufschlag von Tausenden von Pferden ließ den Boden ztttern, denn hinter : diesem ersten Tressen spie die Mulde Regiment auf Regiment aus.

-Herr Hauptmann, da. vor unsrer glorreich- f sten Brigade die Kaiserstandarte!'

M Der Kaiser fühtte mit gezogenem Pallasch er trug Kürassieruniform di« acht Regi-

R meuter starke Kavalleriedivifton gegen den Feind.

Deutlich waren di« Signale hörbar. In ge strecktem Galopp mit eingelegten Lanzen feg teu die Reiter auf den Gegner. Die Sturm kolonnen der Infanterie erreichten ihn mit der Kavallerie fast zu gleicher Zeit. Mtt Surre batte man den Angriff bis auf hundert Meter herangettagen. Da ertönt« das Signal: Da- Ganze haft!

Nach und nach schwieg der Geschützdonner, zuletzt bei den schweren Haubitzen.

Gleich darauf ein neues Signal: Offiziers ruf.

Die Offiziere sprengten nach dem Hügel, auf welchem die gelbe Kaiserstandatte mit dem Reichsadler wehte, um die Kritik anzuhören Bei den Mannschaften aber war im Nu alle Müdigkeit, die Anstrengungen der letzten Tag« vergessen, sie sangen Reservelieder:

Wer treu gedient hat seine Zeit, Dem sei ein volles Glas geweiht!'

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Eben noch war der Kaiser so gnädig zu ihm gewesen, und doch schien Sorge auf ihm zu la­sten.

Lieber Graf,' wandte «r sich an feinen Ad­jutanten,rufen Sie Moreth zu mir und lassen Sie mich, bitte, mit ihm allein!'

Zu Besohl, Herr Oberst!'

Der Adjuiant warf das Pferd herum und sprengte zur dritten Schwadron.

Zwei STOinuten später meldete sich der Ober­leutnant von Mo rech gehorsamst zur Stelle.

Der Oberst legte einen Finger der rechten Hand an den Helm und schwieg.

Der lange Moreth schien kein gutes Gewis­sen zu haben, denn er warf seinem Komman­deur einen flüchttgen Blick aus seinen blauen Augen zu, strich seinem hohen Braunen über die Mähne, klopfte ihm dann den Hals und rückte sich auch noch den Helm zurecht. Kein Wunder, daß er dem Kaiser ausgefallen war, denn,er war eine männliche Erscheinung, ge- .wachsen wie eine Tanne, das Gesicht ebenmä- ßig und braun gebrannt, das Kinn breit, über cent kleinen Mund lag ein kurzgehaltener, blon­der Schnurrbart. Eine richtige Hekdenfigur.

Endlich brach der Oberst das Schweigen, ich muß mit Ihnen ein ern- stes Wort sprechen. Sie wissen, ich bin kein habe es immer für meine vfW gehalten, ,eden meiner Offiziere indi­viduell zu behandeln. Und da muß ich weit ausholen, damit Sie mich ganz verstehen, auch auf Ihnen bekanntes zurückgreifen. Ich wreche utzt zu dem Sohne meines besten Freundes. Als Ihr Vater den Heldentod starb, war er erst wenige Monate verheiratet. Wir hießen im Regiment dieUnzettrennlichen'. Nimmt s wunder, daß ich im Hause Ihrer El­tern verkehrte wie ein Bruder? . . . Als Sie das Licht der Welt erblickten, deckte Ihren Va­ter die kühle Erde schon wochenlang; nach ihm wurden Sie Hans, nach unserem Könige Wil­helm getauft. . . . Im Jahre dreiundsiebzig war s, da trat ich vor Ihre gute Mutter, mit der ich in steter Verbindung geblieben, wenn sie auch droben in Pommern auf dem Gute still ihrer Pflicht, Sie zu einem tüchtigen Men­schen zu erziehen, lebte, und bat um ihre Hand. Ich hab' mir einen Korb geholt, Hans Wil- belm, und hab« lange dran zu tragen gehabt. Nun, St« wissen, seit zehn Jahren bin ich glück­lich verheiratet. Ihre Mutter bat mich, ihr nicht gram zu fein, sie könne nach Hans Moreth keinem anderen angehören, aber wachen möchte ich über ihren wilden Jungen. Ich glaube, bis heute habe ich meine Pflicht erfüllt. Als ich io weit war, ein Regiment zu bekommen, frag­te mich der Kaiser eines Tages:Nun, Seins- beim. haben Sie besonder« Wünsche?' Und ich antwortete:Majestät, wenn ich ein Regiment bekommen dürfte, mtt dem ich bei Vionville geritten.' ... Ich habe diese Bitte nicht allein um meiner selbst willen getan, obgleich ich na­türlich mit jeder Faser meine Herzens an un­serem glorreichen Regiment« hänge, sondern auch weil Sie, Hans Wilhelm, bei ihm stehen und mir Ihre Mutter mehr wie einmal Ihren Leichtsinn schriftlich geklagt hat, denn gesehen haben wir uns feit jener Zeit nicht wieder. Daß eines Tages di« Schlinge fchon ziemlich test um Ihren Hals lag, wissen Sie wohl noch?'

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Di« Kürassiere waren nur fünfzehn Kilo­meter von ihrer Garnfion entfernt. Sie traten ?fort ben Heimmarsch an, nachdem das kaiser­liche Gefolge die Straße freigegeben hatte.

An der Spitze ritt der Oberst mit seinem Adjutanten. Hinter ihnen erklangen fröhliche Lieder. Aber das Gesicht des Kommandeurs blieb ernst. Scharf hob sich von seinem weißen mich hat er dadurch doppelt verpflichtet^und Koller das Eiserne Kreuz erster Klasse ab, die Sie, Hans Wilhelm, sollten ihm auch recht braunen Augen blickten starr geradeaus, die dankbar sein, denn ob ein andrer Komman- Flügel der großen Adlernase zitterten leise, deur so viel Nachsicht mit Ihrem Leichtsinn