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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang.

Nummer 209

Sonntag, 11. August 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Ferusprecher 951 und 952.

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Kein Besuch in Berlin!

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Das Petersburger Rendezvous.

Wie Depeschen aus Petersburg melden, glauben dortige unterrichtete Kreise, daß sich das Hauptinteresse der Besprechung Poincarös mit den russischen Diplomaten, die selbstver­ständlich alle Gebiete der auswärtigen Politik berühren, auf die B a l k a n s r a g e konzen­trieren wird, deren plötzliche Verschär­fung große Sorge erweckt. Poincarö soll eine neue Formel mitbringen, die Itali­en den tatsächlichen Besitz Lybiens und der Türkei einige Schattenrechte sichert, so daß eine Einigung möglich sei. Italien hat angeblich bereits die Formel gebilligt. Wenn darüber hier eine Einigung erzielt werde» könnte, wür­den die Zweibundmächte auf das nachdrücklichste den Friedensschluß beschleunigen. Die griechischen Inseln sollen bedingungslos an die Türkei zurückfallen. Man glaubt, daß daran anschließend weitgehende Vereinbarun­gen über den Balkan bevorstehen, und daß auch das Marineabkommen nach dieser Rich­tung geleitet wird, was darauf hinauslaufen soll, daß Rußland zur Freigebung oder mindestens zur erheblichen Erleichterung der Dardanellen-Durchfahrt Frankreichs Unterstützung erhält.

3nferttonäoretfe: Die fechSgefpaltene gelle für einheimische «etchäste 15 Pfg., für nu$. wattige Inserate 25 Pf., Reklamezeile für einheimische Geschäfte 40 Pf, für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, und der Umgebung sind die 4affetet Neuesten Nachrichten ein vorzüglicher JnferttonSorgan Geschäftsstelle' »ötnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW.. Friedrichstraße 16. Telephon: Amt Moritzplatz 676.

war doch immerhin nicht vollwertig, konnte nicht ein Landungsmanöver mit all seinen interessanten Einzelheiten ersetzen. Doch nun 'ollen wir wirklich dieViktoria Luise" aus nächster Nähe schauen dürfen. Den Bemühun­gen verschiedener Interessenten, vor allem des Automobilklubs, des Luftflottenvereins und der hiesigen Ortsgruppe des Flottenvereins ist es unter großen finanziellen Opfern gelungen,

Willkommen in Kassel!

Der Besuch derViktoria Luise".

Endlich! Ja endlich wird auch in Cassel ein Zeppelinluftschiff einen wirklichen Be­uch machen, nachdem schon so viele andere deutsche Städte vor ihren Mauer» einen der gewaltigen Lustriesen, die das zwanzigste Jahrhundert schuf, begrüßt. Wir haben lange, ehr lange auf diesen Besuch warten müssen. Zwar überflog im letzten Sommer die »Schwa­ben" da Casseler Häusermeer, und vor kurzem noch winkten uns die Passagiere der »Vittoria Luise" aus lustiger Höhe Grüße zu, aber das

antrist, weilt der Reichskanzler in Gastein zu einer Kur, die eine Unterbrechung nicht gut zuläßt, und nach deren Beendigung der Kanz­ler im September den Minister Grafen Bercht told in Buchlau in Mähren besuchen wird, während der Kaiser sich.in Wilhelms- höhe befindet, wo hergebrachtermaßen ani achtzehnten August der Geburtstag des Kaisers Franz Josef gefeiert werden wird.

Präsident Enrico Leeonte.

Präsident Leeonte von Haiti, der durch das vorgostrigeDhnamstattentat ums Leben gekom­men ist, war feit dem sechzehnten August vori­gen Jahres Präsident der Negerrepublik. Vor­her war er unter der Präsidenschaft des Gene­rals Sam Minister der öffentlichen Arbeiten und der Landwertschaft. Er sollte Sams Nach­folger werden, aber eine Revoluitton brachte im Jahre 1902 den Präsidenten Nord-Mexis ans Ruder. Im Jahre 1911 erhob sich Leeonte zugleich mit General Finnin gegen den Präsi­denten; als der Ausstand Erfolg gehabt hatte, wußte Leeonte seinen Rivalen Firmin durch List und Gewalt um seine Aussichten zu brin- gen, das Parlament in Port au Prince durch die Bajonette seiner Soldaten einzuschüchtern und sich zum Präsidenten wählen zu lassen,

Ueberraschungen in Sicht?

Ministerpräsident Poincarö in Rußland.

Herr Poincarö, der Ministerpräsident der französischen Republik, ist auf der Fahrt nach Kronstadt vom deutschen Kriegsschiffge­schwader wie ein Polentat mit lautem Kano­nendonner begrüßt worden und in Paris hat man von dieser Artigkeit der östlichen Nach­barn, angenehm überrascht, Notiz genommen. Eigentlich war das Intermezzo für Herrn

me Folgen geblieben, denn der Rußlandfahrer von der Seine fft inzwischen glücklich und wohlbehalten aus russischer Erde «ingetroffen;

Petersburg, 10. August.

(Privat-Telegramm.)

Der französische Ministerpräsident Poin- cars ist gestern an Bord des Panzerkreuzers Conde" in Kronstadt eingestossen, begrüßt vom Salut der russffchen Kriegsschiff« und empfangen von den Spitzen der Behörden und den Verstetern der russischen Regierung. Poincarö wurde an Bord desConde" von dem russischen Marinemiwister, dem französi­schen Botschafter und dem Botschafterpersonal, sowie von dem russischen Marineastachee in Paris begrüßt. Poincarö begab sich sodann an Bord der Jacht des russffchen Marinemi­nisters, wo ihm zu Ehren «in Diner stast- fand.

nach Wutha Vorigefunden. Der Unglückliche hatte die Fahrkar'e nach Wutha offenbar nur in -der Absicht gelöst um aus den Bahnsteig ge­langen zu können. Wie heute im Laufe des Vormittags sestgestellt werden konnte, Ha-Nd-Ät es sich um den fett einiger Zeit hier zur Kur weilenden Generalleutnant Exzel. lenz Georg von Krosigk. Es fft anzu- nehmen, daß er den Selbstmord in einem Zu­stande geistiger Umnachtung beging, wenn nicht doch e-in UngWckssall in Frage kom­men sollte. Dieser Annahme stellen allerdings die Angaben der EifenbahnverwaltUng, die sich auf Mit eiluugen von Augenzeugen stützen, ent­gegen. von Krosigk hatte in der Nervenheilan­stalt Hainstein bei Eisenach gewohnt.

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In der Armee-Rangliste ist nur ein Gene- ralleutnant von Krosigk verzeichnet: Der Kommandeur der achtundzwanzigsten Division in Karlsruhe. Wie uns aber aus Karls­ruhe auf telegraphische Anfrage berichtet wird, ist dost von einem Tode des Generalleutnants von Krosigk nichts bekannt. Außer dem Kom­mandeur der achtundzwanzigsten Division nennt die Armee-Rangliste noch verschiedene Namen Krosigk, unter denen sich aber keiner im Rang des Generals befindet. In Eisenach selbst konnte uns über die Persönlichkeit des Toten weiter keine Auskunft gegeben werden, als daß nach Papieren, die in den Kleidern der Leiche gefunden wurden, der Tote als der General z. D. von Krosigk festgestellt sei.

Präsidenten-Tragödie.

Das Ende des Präsidenten von Haiti.

Wie wir schon mitzeteilt haben, wählte di« Haitianische Nationalversammlüng gestern an­stelle des durch eine Dynamit-Explosion mit nachfolgendem Brande des Nationalpalastes in Post au Pstnce getöteten Präsidenten Le- conte einen Nachfolger. Der neue Präsident der Republik heißt Tancrede A u g u st e. Er steht im fünfundsünfzigsten Lebensjahre und war bisher Minister der inneren Angele- senheitLn. Tancrede Auguste gilt als sehr energischer Politiker und man erwartet von sei. ner Tatkraft eine baldige Unterdrückung der Revolution. Ueber das Ende des Präsidenten Leeonte werden jetzt nähere Einzelheiten be­kannt:

Newyost, io. August.

(Privat-Telegramm.) >

Einer Depesche aus Post au Prince zufolge verlautet, daß die Explosion des Pulvermaga­zins, durch die der Präsident L e c o n t« gctö- tet wurde, von Rebellen aus San Domingo herbeigefühst worden sei. Unter der Bevölke­rung herrscht große Erregung. Seitenz der Regierung fft das Kriegsrecht verhängt worden. Alle dem Palast benachbarten Häuser sind beschädigt worden. Eine Anzahl Geschütze wurden durch die Gewalt der Explosion weit fostgeschleudert. Alle Angehörigen des Präsi­denten sind gerettet. Die Zahl der To len uni Verletzten wird auf vierhundert an­gegeben. Präsident Leoonte befand sich im Regierungspalast, als die Explosion erfolgte, die den größten Teil des Palastes in einen einzigen Trümmerhaufen legte. Der Präsident wurde unter einMrzenden Holz- und Stein­massen samt seinem Adjutanten begraben, und eS ist bisher nicht gelungen, feine Leiche aus den Trümmern zu bergen. Sofost nach der Explosion entstand in dem noch stehengebliebe­nen Teil deS Palastes ein Brand, der auch die Trümmer ergriff. Man nimmt an, daß die Re­bellen mit der Herbeiführung der Explosion ei­nen Putsch geplant hatten, dessen Ausfüh­rung aber an der entschlossenen Haltung der Regierung scheiterte, die sofost das ganze Stadtviertel mit Gendarmerie und Truppen besetzen ließ. Die Zahl der Toten und Ver­letzten fft deshalb so groß, weil sich im Augen­blick der Katastrophe zahlreiche Menschen in de« Nähe des Regierwngspalastes aufhielten, die fast ausnahmslos zu Schaden gekommen sind.

Der Selbstmord eines Generals?- Generalleutnant z. D. von Krofigk f.

Wie wir bereits in unfern heuttgen Mor­gen-Depeschen berichtet haben, hat der Gene­ralleutnant z. D. Georg von Krosigk, der sich seit einiger Zeit als Kurgast in Eise­nach aufhtelt, gestern nachmittag ein tragisches Ende gefunden. Der General ging am Freitag nachmittag nach dem Bahnhof in Eisenach und löste sich eine Fahrkarte nach Wutha, der ersten Station nach Eisenach. Auf dem Bahnsteige angekommen, warf er sich vor den letzten Wagen des Zuges, mit dem er eigentlich fahren wollte, auf die Schienen, so daß der Leib mitten durchschnitten wurde. Generalleutnant von Krosigk war sofort tot. Die Leiche wurde in den Bahntunnel geschafft. Man nimmt an, daß er die Tat in geistigerUmnachtung ausgeführt hat. Ueber den tragischen Vorfall werden uns folgende Einzelheiten berichtet:

Eisenach 10. August.

(Telegramm unsers Korresvondenten.)

Gestern nachmittag wurde auf dem hiesigen Hauptbahnhof von dem vier Uhr fünf Minuten nach Wutha abgehenden Personenzug ein in den fünfziger Jahren stehender, gutgekleideter Herr überfahren und sofort getötet. Die Leiche des Gstöteten wurde in ein?m Tun­nelgewölbe untergebracht, denn seine Persön­lichkeit ließ sich im ersten Augenblick nicht fest- siellen. Ein Siegelring, den der Tote an der Uhstette trug, zeigte die Buchstaben G. v. K. Man nahm ursprünglich an, daß es sich um einen UnMcksfall Handke, denn der Unbekannte hatte eine Fahrkarte nach Wutha gelöst. Nach einer andern Darstellung aber scheint Selbst­mord vorzuliegen. Ein Augenzeuge schildest den Vorgang, der auf dem Bahnsteig große Er­regung hervorrief, wie folgt: Der Herr tand vor der Abfahst des Zuges in dessen Nähe aus bem zweiten Bahnsteig. In dem Augenblick, als der Zug abfuhr, warf er einen Regenschirm bei Seite, lief dem Zuge ein Stück nach und warf sichunterdenletz- ten Wagen des Zuges. Ein Rad ging ihm quer über den Leib. Eisenbahnbeamte eilten hinzu und trugen den Schwerverletzten vom Geleise weg. Nach wenigen Augenblicken ver- chied er. Bei der Durchsuchung seiner Kleider wurde eine Geldbörse mit neunundvierzig Mark

uns gekommen ist. Lieber, um ihn zu befrie- digen, Stück für Stück ein Möbel nach dem andern verkaufen!Was machen Sie denn mit Ihren Möbeln, Frau Dr. Hagemann? Ta wird ja jede Woche bei Ihnen etwas hinaus­getragen. . .?"Ach nichts, liebe Frau Nach­barin. Ich will demnächst mit meinen beiden halberwachsnen Kindern ins Ausland zie­hen, . Und dann, als sie den Erlös des letz­ten Möbelstücks aufgezehst hatten, war ... die Katastrophe da:Aus Nahrungs­sorgen!", so steht es in dem Abschiedsbrtts an die Menschheit zu lesen, der über den Selbst­mord dieser Frau und ihrer beiden sechzeün- und siebzehnjährigen Kinder Aufschluß gibt!

Wer hat an solchen Katastrophen innerhalb dieser Kreise, in denen die Armut heimlich wie eine Schande getragen wird, schuld? Die öffentliche Fürforgetätigkett? Nein. Sie hat von dem Schicksal dieser Menschen selbst- vefftändlich nichts gewußt, und ebenso selbst­verständlich bat sich die bemitleidenswerte Frau nicht an diese gewandt. Es ist leicht gesagt, daß das ein falsches Schamgefühl ist. Aber man wird dies Schamgefühl nicht aus der Welt schaffen. Die verschämten Armen der ge­bildeten Stände gehen eben eher in den Tod. als daß sie das Asyl für Obdachlose, oder die öffentlichen Garküchen aufsuchen. Aber wenn man von dieser Frau hött, daß sie Arzt- witwe gewesen, so wird dies Menschenschick­sal zu einer Schuld der Stan des o r gani- sation der Aerzte. Kümmett diese sich nicht um die Witwen ihrer einstigen Berussange­hörigen? Oder glaubt jemand im Ernst, daß diese Frau, ehe sie sich und ihre an der Schwelle des Lebens stehenden Kinder in den Tod schick­te, nicht als Arztwitwe bei diesem oder jenem Arzt angeklopst hat, der (man denke an die Koryphäen in Berlin!) vielleicht das Einkom­men eines Bankdirektors hat? Wenn diese drei verlornen Menschenleben wirklich (tote das anders gar nicht sein kann) wieder einmal eine Tragödie der verschlossenen Tü­ren ist, das heißt der Türen, die nicht ein­mal von den gut situietten Kollegen des ver­storbnen Mannes aufgemacht wurden, dann wäre es wirklich an der Zett, daß auch der Stand der Aerzte endlich anfängt, aus sich her­aus eine Instanz für die Hilfe in drin­gender Not zu schaffen und sich hierin nicht von den Angehörigen pekuniär viel schlechter gestellter Berufsklassen beschämen zu lassen!

Dr. J, H.

Seine Mmacht:Irr Hunger!

3m Kampf um Leben und Dasein.

S8te n>tr mitgetettt haben, beging vor einigen Tagen in Berlin eine in den ärmlichsten Ber< hältniffen lebende Arzt-Wttwe, eine Frau Tr Hagemann, mit ihren beiden erwachsenen Töchtern Selbstmord, wett fte die Not. tn der fte sich fett Monaten befand, nicht länger ertragen konnte. In einem hinterlassenen Briefe gab die llnglückltche an, daß ste aus dem Leben scheide, nm der schrecklichen Nahrungssorgen enthoben zu fein. Zu dieser furchtbaren Men- schentragödte, aus sozialem Glend geboren, nimmt jetzt ein mit den Verhältnissen vertrauter Akademiker das Wort, indem er unS schreibt:

Roch hartt der Fall jener unglücklichen Steglitzer Pottierfrau, die, von Nahrungs­sorgen und den Mißhandlungen eines Trunkenbolds von Mann zum Aeußersten ge- ttteben, ihre fünf Kinder mit eignen Händen ertränkte, um dann an sich selbst einen mißlun­genen Selbstmordversuch zu machen, der richter­lichen Auseinandersetzung, und schon berichtet die Berliner Selbstmordchronik von einer zwei­ten Mutter, die sich und chren Kindern den fteiwillig-unfreiwilligen Tod gegeben. Leute, die an diese immer toiederkehrenden Menschen- ttagödien der modernen Großstadt, mit ihrer sozialen Patteibrille behaftet, Herangehen, tun immer so, als wenn der wittliche leibliche Hu n g e r nur bei den sogenanntenkleinen Leuten" so intensiv zu Gast sitzt, daß es zu wirklichen Hungerkatastrophen kommen kann. Das ist aber nicht wahr. Das Schreckgespenst des leiblichen Hungers ist wie Seine Majestät der Tod. Er kennt keinen Klassenunterschied und sucht sich seine Opfer ohne Rücksicht auf Herkunft Bildungsgrad. Rang oder Titel, wo er sie findet. Der wittliche, leibliche Hun­ger! Der Theotte nach hat der moderne Kul- tufftaat diesen ungebetnen Gast längst aus dem Bannkreis des zivilisierten Landes verwiesen. In unsren Kulturzentren läßt man keinen Menschen mehr verhungern ...", so sagt be­ruhigt und nicht ohne Stolz jeder Mitteleuro- | päer, der überhaupt für das Schicksal seiner Mitmenschen Interesse hat. Und es sei zugege­ben: Eine Zeit, in der durch staatliche, ftäbtiW" und private Wohlfahrtpflege so viel und mtt so schönem Erfolg gegen das Hungerelend ver­armter Menschen gekämpft ward, ist, seitdem es Satte und Hungernde gibt, noch nicht dage­wesen!

.Die tn der Presse aufgetauchte Rachttcht von emem bevorstehenden Besuch des Premier­ministers Poincarö in Berlin ist von uns bereits gestern als unwahrscheinlich be­zeichnet worden. Wie jetzt auch aus Berlin be­tätigt wird, entbehren alle darauf bezüglichen Gerüchte der Begründung. Die ganze Ausma­chung, die der Petersburger Reise des franzö- tschen Kabinettschess gegeben worden ist, chließt einen Besuch in Berlin aus. Zu der

Wer hat früher an eine Altersversicherung, wer an eine so streng gesetzlich geregelte Für­sorge für die Angestellten und Arbetter gedacht, wie sie heut besteht? Aber gegen eine Klasse von Verarmten kämvst die heut von Staat und Stadtgemeinde zweifellos sehr ernst genommene soziale Fürsorge ganz oder beinah vergeblich. Es ist die Klasse der verschämten Armen aus den gebildeten Ständen! Es wird es niemand als Gemütsroheit empfinden, wenn man sagt, daß der kleine, mittellose Pro­letarier, bei allem Mitleid, das seine Lage heischt, in dieser Hinsicht doch noch besser ge­stellt fft. Er braucht sich seiner Armut nicht zu schämen, denn sie ist ihm oft genug als einziges Besitztum einfach in die Wiege gelegt. Und kommt der ungebetne Gast, der Hunger, zu ihm ins Haus, so braucht er nicht sorgsam die Tür hinter ihm zu verschließen, denn in diesen Vier­teln der Armen und Aermsien bewegt sich der Hunger ja doch so ungeniert, daß es für den Heimgesuchten keinen Zweck hat, erst noch lange mtt ihm Versteck zu (vielen. Und deshalb ist es der sozialen Fürsorge etwas verhältnis­mäßig Leichtes, hier Abhilfe zu schaffen. Hier in diesen Vietteln der Aermsten. wo der Hun­ger und seine Opfer deutlich fichtliche Arme­leutekleider tragen, ist Hilfe twenn das Elend nicht etwa wie im Fall der Witwe Fttedttch. durch die breite Gestalt eines eigentlich ar- beitstäbiaen Mannes und die Gleichgiltigkeit der Hausbewohner gedeckt ist) wenigstens in­sofern möglich als Hilfsbedürftige und soziale Fürsorgetätigkeit sich beide auf halbem Wege entaegenkommen.

Aber anders steht es mit der verschämten Armut, für die der erschütternde Fall der Frau Dr. Hagemann mit ihren beiden nun dem Leben entrissnen Kindern so über­aus charatteristisch ist. Anders, wenn sich der Hunger mitten im Viettel der bessersituietten Stadtbewohner, bei Angehörigen des gebil­deten Mittelstands seine Opfer sucht. Hier kommt der Hunger nicht (wie in den Vier­teln der Annen) in weithin sichtbarem Bettler, kleid. Hier, bei dieser Frau Dr. Hagemann und ihren bedauernswetten Kindern hat er selbstverständlich (im Viettel der guten Gesell­schaft hält der Hunger auf distinguiertes Aeußere!) als ein für die übrigen Hausbe- wohner durchaus nicht auffälliger Gast an die Tür gepocht. Und verschämt hat ihm dann die arme Frau geöffnet. Um Gotteswillen, daß niemand davon weiß, daß der Hunger zu