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Hessische Abendzeitung

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Nummer 206. Fernsprecher 951 und 952. Donnerstag, 8. August 1912.

2. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Set Fall Michaelis.

Randbemerkungen zu einer Tragödie.

Am Dienstag In der Morgenfrühe zog man bei Paris ans den gellben Fluten der Seine die Leiche eines Mannes, dessen Persönlich­keit bald darauf als die des feit einigen Tagen aus Berlin verschwundnen Justizrats und No. tars Michaelis festgeftellt wurde. Ein Brief an die hinterbliebne Gattin des ans dem Leben Geschiodnen, ein paar Stunden vor der Aus­führung der Verzweiflungtat geschrieben, brachte die Aufklärung über die Ursache der Lebensendung: Erdrückende Spielver­luste, Furcht vor Schande und Verzweiflung am eignen Sein! Eine Menschentragödte also, . eines jener Dramen menschlicher Irrung, wie sie in den verschwiegnen Annalen der Glücks- temprl von Mo ne Carlo und Ostende im La­pidarstil zu Dutzenden verzeichnet stehen; eine Alltag-Geschichte, die im Fall des Justizrats Michaelis nur dadurch ihr charakteristisches Moment erhält, daß der vom Verhängnis Be­troffne einer der geschätztesten reichshauptstädti- fchen Juristen, ein in der besten Gesellschaft Berlins gern gesehener Gast und ein Mann von allgemein als tadellos anerkannten Cha­raktereigenschaften war. Die Leidenschaft fürs Spiel, die schon Größre, Stärkre und auch menschlich Hervorragendere auf den Weg zum Abgrund gedrängt, hat den Siedenundsünfzig- jährigen von Heim und Familie hinweg in die Welt hinausgetrieben, und in den gurgelnden Fluten der Seine endete di« Tragödie, wie Tra­gödien zu enden pflegen: Mit dem Verbrechen am eignen Leben!

Der RechrSbelstand der Berliner Aristokratie (als der Michaelis feit fast zweieinhalb Jahr­zehnten tätig war) bezog ein durchschnittliches Jahreseinkommen von rund hunderttau­send Mark, «ine Summe, die auch einem Günstling des Glücks und einem im Genuß des Lebens Verwöhnten ausreichende Mittel in die Hand gab, sich sein Dasein behaglich und le­benswert zu gestalten. Der Justizrat machte ein .großes Haus", gab alljährlich in der .Dai. son" die borgeschriebne Zahl Gesellschaften und pflegte ausnahmslos in denjenigen Kreisen zu verkehren, die hinsichtlich der äußern Formung ihrer Lebensgewohnheiten und der Auswahl ihrer Genüsse nicht an di«Proleten-Rücksicht" aufdes Pfennigs Ehrung" angewiesen sind. Man darf sagen: Das alles überstieg nicht die Leistungmöglichkejt eines Mannes, der Jahr «m Jahr hunderttausend bare Silberlinge aus einer nie versiegenden Praxis bezog und außerdem noch über ein ansehnliches Privat- vermögen verfügte. .Erst die Leidenschaft für's Spiel unterwühlte den Boden dieser äußerlich glänzend scheinenden Existenz: Der scharfsinnige Jurist, der in langer Praxis sich Wm klugen Menschenkenner entwickelt hatte, der erfahrne Rechtsanwalt, an dessen Auge das Leben in allen seinen Licht- und Schatten-Re­flexen vorübergehuscht, der pflichteifrige Notar und Sachwalter unterlag schwächlich und wi- derstanblos einer Neigung, deren Gefahr ihm aus täglicher Erfahrung bekannt sein mußte!

Vor zwei Jahren schon drohten die Wellen des Verhängnisses einmal über ihm zusammen­zuschlagen: Große Spielverluste schienen ihm den freiwilligen Abschied vom Leben zur Mannes-Pflicht zu machen. Ein vorzeitig ent­deck er Abschiedsbrief an die Gattin vereitelte damals die Ausführung des Mons, hilfsbereite Freunde sprangen ein, ordneten die durch Spiel zerrütteten Vermögensverhältnisse des Justiz rats und griffen dem Verzweifelnden mit hun­dertachtzigtausend Mark unter feil» hilfeheischend ausgereckten Arme: Die Klippe war überwun den! Aber der Dämon des Spiels ist stärker als Menschen Energie. Der aus dem Abgrund der Verzweiflung Errettete sucht abermals sein Heil beim .Glück im Winkel", verliert abermals und immer wieder, stehl sich schließlich zum zweitenmal dem Ruin gegenüber und findet nun keinen andren Ausweg mehr als die Flucht vorm Leben. Er enteilt dem Schauplatz des Verhängnisses, reift fluchtartig ins Bad, wird von der Furcht vor der Nemesis ins Ausland getrieben und landet schließlich im Spielbad Enghien bei Paris mit dem festen Entschluß, ui« mehr als Lebender heimzukehren. Ein Zu­fall führt .'hm auf der Kurpromenade eine Be­kannte entgegen: Noch einmal winkt das Glück; £ versetzt Juwelen und Geschmeide der Hilfs- Breiten, um im Spielsaal, zum letzten Mal, um Ehre und Leben zu würfeln. Die schwarze «ugel rollt: Tas Schicksal heischt Erfüllung, Seint^ zum nahen User der

Das alles klingt so alltägfich, so nüchtern, und birgt doch «in Menschenschicksal von erschüt­ternder Tragik: Nicht das Schicksal des Ein­zelnen, der sein Verhängnis mit dem Leben besiegelte, sondern das Schicksal des Spie­lers, des rettunglos vom Dämon blinder Lei­denschaft Beherrschten, dessen Hirn der natür­lichen Hemmungen ermangelt und dessen Emp- findunzleben nur noch die einzige Hoffnung ausfüllt: Sich vorm Arm des Schicksals zu er­retten! Würde der Mann, dessen Leiche man gestern aus den Fluten der Seine zog, den Niederungen des Lebens entstammen, würde fein Weg durch Not und Glend, durch Schicksalhärte und Entbehrung hindurch geführt haben, dann würde mandas Ende eines Ver- kommnen" registrieren, der, ein Opfer der Lei­denschaft, von Stufe zu Stufe sank, bis fein Schicksal sich erfüllte. Und man würde viel­leicht im Ausklang seines Lebens einenUr­teilspruch ausgleichender Gerechtigkeit" er­blicken. Nun aber hat das Verhängnis ein Le­ben gefordert, das vom Strahlenkranz des Glücks vergoldet fchien, einen feingeschlisfnen, glänzenden Geist, der nie Not und- Elend, nie Schickfalhätte und Entbehrung lähmend seine Krafl beschweren fühlte. Und der Endakt der Tragödie ist hier wie dort der gleiche: Im Kampf mit dem Schicksal brechen die Schranken der Aesthetik und die Grenzpfähle des Rechts wie morsche Fesseln unterm ungestümen Drang des Ur-Menschlichen und Allzu-Menschlichen zusammen, und wir sehen iU ein dunkles Grab, in dem in Staub und Erde sich Gut und Böse einen! F. H.

*

Zas Ende der Tragödie. (Privat-Telegramm.)

Paris, 7. August.

Einige Arbeiter entdeckten gestern früh in der Seine die Leiche eines etwa fünfzigjähri­gen Mannes. Die tadellose Kleidung war an verschiedenen Stellen zerrissen, doch zeigte das Gesicht keinerlei Spuren von Wunden. Das Portes«Me, daS-««n in der Tasche des Toten fand, enthielt verschiedene Papiere, die in deutscher Sprache geschrieben waren und auf den Namen Paul Michaelis, Justiz­rat und Notar in Berlin, lauteten. In einem Briefe erklärte der Tote, daß er infolge großer Verluste beim Spiel beschlos­sen habe, seinem Leben ein Ende zu machen. Die Familie des Toten ist telegraphisch benach­richtigt worden. Michaelis soll in Enghien täglich Summen von 15 bis 20 000 Francs ver­loren haben. Er spielte mit andauerndem Mißgeschick und versetzte, um sich Spiel­geld zu verschaffen, alle seine Wertsachen, so­wie diejenigen einer Bekannten, die er zufällig in Enghien getroffen hatte. Die Wirttn des Hotels, in dem Michaelis zuletzt gewohnt hatte, erklärte: Wir wußten, daß er dem Spiel hul­digte, aber seine Mienen verrieten niemals, ob er gewonnen oder verloren habe. Als er am Freitag erklärte, er reise ab, lasse aber sein Gepäck hier, weil er im Laufe der nächsten Woche wiederkommen wolle, sagte er das so ruhig und gelassen, daß man unmöglich auf den Gedanken kommen konnte, er habe mit dem Leben abgeschlossen und gehe aus dem Hotel hinaus, um nie mehr zurückzukehren. Herr Michaelis schien sich körperlich sehrwohlzu fühlen. Er verkehrte nicht viel mit anderen Personen, aber er war munter und ge - sprächig, und nichts ließ die traurigen Ge­danken ahnen, die ihn in den letzten Tagen seines Lebens bewegt haben müssen.

Ne Rächerin ihres Balers.

DieAffäre Härtel" vor Gericht.

Wie aus Budapest berichtet wird, ist in der Angelegenheit des Fräulein Luis« Härtel, der Tocher des Oberstleutunants Adolf Härtel, die iwie wir berichteten) vor einigen Wochen in Munkäcs den Kommandan­ten des Kaschaucr Korps, Feldmarschall-Leut- nant Boroevics von Bojna, weil dieser ihrem Vater kränkende Zurücksetzungen zufügie, tättich 'insultierte, auf den vierzehnten August ein neuer Termin in Kafchau anberaumt, nachdem die erste Verhandlung resultatlos ver­lausen ist. Zu dieser Verhandlung ist auch Feldmarschall-Leutnant Boroevics vorgeladen, der im Sinne der bisher ergangenen «hrenrät- lichen Entscheidung durch den Anfall des Mäd­chens nicht beleidigt worden ist. Oberstleutnant Härtel hat um seine Pensionierungange- ücht und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eine Kinder noch vor dem Eintteffen des Be- chlusses in der Pensionierungsfrage legiti- niercn und ihnen auf diese Weise die Pen- ion sichern zu können. Bisher blieben diese Bemühungen erfolglos. Auch Luise Härtel hat ohne Wissen ihrer Ettern Ende Juni und Mitte

Juli Bittgesuche an den Kaffer abgeschickt, in denen sie das Elend ihrer Eltern und ihrer Geschwister schildert^die in der Aufregung begangene Tat bereM und bittet, ihren Eltern noch vor der PenWnierung die Heiratserlaubniz zu erteilen. Eine Erledigung dieser Gesuche ist bisher nicht erfolgt. Oberst­leutnant Härtel ist durch die Ereignisse der Verzweiflung nahe, und vor einigen Ta­gen traf er alle Vorbereitungen, gemeinsam mit seiner Frau zu sterben. Luffe Härtel fand die Abschiedsbriefe der Eltern, und es gelang ihr gemeinsam mit ihren Geschwi­stern, die Tat zu verhüten.

Wirrwar und Zkandal.

Die Situation im türkischen Reich.

Die türkische Kris,« gestaltet sich immer bedrohlicher. Zwar ist der gestrige Tag in Kon­stantinopel ruh.g verlaufen, aber es scheint, daß die augenblickliche Ruhe die Stille vor dem Sturm ist, und daß die Türkei dicht vor Ereig­nissen von weittragendster Bedeutung sicht. Leitende Jungtürken hielten gestern in Pera eiNe längere Sitzung in der Freimaurerloge ab, in der die gegenwärtige Situation beraten wurde. Einige andere versammelten sich im Jungtürkischen Klub in Stambul. Es heißt, daß auch der frühere Kriegsminister, Mahmud Schewket Pascha, an dieser Konferenz teilgenommen habe. Zum allgemeinen Wirr­warr kommt nun jetzt auch noch der politische Skandal:

Konstantinopel, 7. August.

(Privat-Telegramm.)

Im Augenblick des höchsten Wirrwarrs in der Lage des Osmanischen Reichs kommt die Kunde von großen Betrügereien, die sich Würdenträger der Türkei zuschulden kom. men ließen. So ist Telegrammen aus Saloniki zufolge der oberste Leiter des Gefängniswesens, Salem Effendi, dem Kriegsgericht über­geben worden. Auch Ismail Hacki, Gene­ralintendant des Heeres, wurde dem Kriegs­gericht unter schweren Anschuldigun­gen überwiesen. Es ist festgestellt worden, daß er viele Militärpferde für untauglich erklärte, sie an einen Händler v e r k »von

diesem wieder au das türkische Heer verkaufen ließ. Auf diese Weise verschaffteer sich etwa sechshunderttausend Mark. Weitere zahlreiche Skandale im Kriegsdepattement werden ange- kündigt, und der öffentlichen Meinung hat sich infolgedessen einer allgemeinen Beunruhigung bemächtigt. Der neue Minister des Auswärti­gen beabsichtigt, als seine erste Aufgabe um­fangreiche Veränderungen in der türki­schen Diplomatie vorzunehmen.

Shristerrmafsakre in Kotschana!

Fünfzig Christen getötet, viele verletzt.

(Privat-Telegramm.)

Saloniki, 7. August.

Infolge der (bereits gemeldeten) Explosion zweier Bomben in Kotschana hat dort ein Massakre stattgefunden, das sieben Stunden dauerte und bei dem fünfzig Christen getütet und mehrere Hundert ver­letz t wurden. Die Regierung ist der bis zum äußersten erregten Volksmenge gegenüber machtlos, und es steht infolgedessen zu befürch­ten, daß die Angriffe auf die Christen sich Wie­de r h o l e n werden. Es sind Truppen in das Gebiet von Kotschana abgegangen, um die Ord­nung wiederherzustellen.

Hlobspsst aus China.

Depeschen aus Nanking berichten über blutige Christen-Verfolgungen in China. Der Pater Jldenphone (Heiligenstein) von der Katholischen Mission in Nord-Schan- tung hat die Nachricht erhalten, daß in Scheust ein chinesischer Pater ermordet, dreißig Christengemeinden zerstört und fünftausend Christen ausgeplün­dert worden sind. Bei der jetzigen Anarchie nimmt dies aber fein Wunder. Em Mandarin versucht seit einiger Zeit, eine Mutter, die mit ihrer Tochter zum Christentum übergetreten ist, vom christlichen Glauben wieder abzubringen. Jetzt hat er ihr sogar mit dem Tode gedroht. Auf die Einwände her Mutter erklärte der Mandarin, daß zur Zeit des Kaisers die Christen zwar einen Schutz genossen hätten, jetzt aber die alten Gesetze keine Geltung mehr hätten. Ter Pater bezeichnet die Lage im Nord- Schantung-Gebiet als sehr ernst.

Die Spione von SckemfSrde.

Die deutsch-feindliche Stimmung wächst!

(Privat-Telegramm.)

London, 7. August.

Die in Eckernförde erfolgte B erhaf. tung der fünf Engländer unter dem Verdachte der Spionage hat in Lon- don einen geradezu ungeheuren Ein»

druck gemacht. Der deutsche Geschäftsträger sprach gestern im Auswärtigen Amt vor und machte offiziell Mitteilung über diesen neuen Fall. Es kann nunmehr als sicher gelten, daß die Angelegenheit vor dem Unter- und Ober- Hause zur Sprache gelangen wird. Die deutsch-feindliche Stimmung jenseits des Ka­nals hat neue Nahrung erhalten.

Reue Maroks-Menteper.

Panik in Mazagan; Unruhen überall l

Wie Depeschen aus Tanger berichten, ist es in der marokkanischen Stadt Mazagan und in deren Umgegend zu Unruhen gekom­men, die durch den Kaid Triahi verursacht worden sind, dessen franzosenfeindliche Gesin­nung bekannt war. Triahi hatte sich geweigert, in die Stadt zu kommen, um mit dem Ober­sten Mangin die Sicherstellung der Ruhe in der Gegend zu besprechen. Für die Europäer soll teilte Gefahr bestehen. Der KreuzerFri- ant ist nach Mazagan abgegangen, lieber die Unruhen selbst liegen folgende Meldungen vor:

Tanger, 7. August.

(Telegraphischer Bericht.)

Der franzosenfeindliche Kaid Triahi hatte sich gestern früh in die Villa eines Spa­niers geflüchtet, die von der Polizei umzingelt wurde. Um sieben Uhr begaben sich mehrere Spanier in das Haus, in dem der Kaid Triahi sich aufhielt. Bald darauf wurden aus dem Hause auf die einschließenden Truppen S ch ü s- f e abgegeben, die niemanden verletzten. Gleichzettig wurden an die Mitglieder der fran- zösischen Kolonie von dem französischen Kon­sul Waffen und Munitton verteilt. Um Mit­ternacht holte der spanische Konsul sei- ne Landsleute aus dem Hause ab. Um ein Uhr nachmittags gelang es dem Kaid Triahi, die das Haus umgebende Kette zu durchbrechen. Ein Unteroffizier derPolizeiab- teilung tötete das Pferd des Kaid. Triahi schoß ebenfalls und verwundete einen eingeborenen Unteroffizier schwer. Mehrere Einge­borene wurden gelötet und zahlreiche verdächtige Personen verhaftet. In der Stadt herrscht Panik. Das Zollamt, die Ban­ken und sämtliche Geschäfte sind geschlossen. Kavallerie verfolgt den Kaid. Die Europäer sind geflüchtet.

Auch Marakesch im Aufruhr!

Ein Privattelegramm meldet uns in Ergänzung der vorstehenden Nachrichten aus Paris: Auch in der Nähe von Marakesch sind neue Unruhen ausgebrochen, die die Ent­sendung eines französischen Kreuzers notwen­dig gemacht haben. Die aufständischen Einwoh­ner haben sich in ihren Häusern verschanzt; si« leisten verzweifelten Widerstand und die Lage wird infolgedessen als sehr kritisch be­trachtet. j

Ser Kaiser in Cassel.

Ankunft des Kaisers auf BahnhofWilhelrnS- höhe und der Empfang durch seine Familie. (Von unferm Mitarb eiter.)

Kaiser Wilhelm traf, vo« Swine münde kommend, gestern abend 10 Uhr 50 Minuten mit Ge­folge auf dem Bahnhof Wil. Helmshöhe ein, wurde hier von der Kaiserin, Prinzessin Vittoria Luise und Prinz Joachim empfangen und begab sich dann nach Schloß Wilhelmshöhe. Die Kaiserfami­lie wurde auf dem Wege zum Schlosse von einer zahlreich versammelten Menschenmenge herzlich begrüßt. Ein wunderbarer Dommerabend ging zur Neige, lieber die Berge her Wilhelmshöhe zogen hie Nachtschatten zu her im Lichterglanze ruhenden ©iaht, und am nachtschwarzen Him­mel erschien das Millionenheer her Sterne. Hoch oben aber stand hie schmale Silbersichel des Mondes. Da hob ein großes Wandern an. Im schwärzlichen Gewimmel kam es daher, auf allen Wegen, die zum Bahnhof Wilhelms­höhe führen. Die Straßenbahn machte ein glän­zendes Geschäft, denn jeder Wagen, der zur Höh« ging, war überdicht besetzt. Alles strebte zum Bahnhof, um bei her Ankunft des Kai­sers in Wilhelmshöhe zugegen zu sein. Lange vor her festgesetzten Zeit war hie Straße vor dem Bahnhofsgebäude her Kleinbahn Cassel-Naumburg, von wo aus man einen aus­gezeichneten Blick auf den Bahnhof Wilhelms, höhe hat, wie durch eine Mauer abgeschlossen. Mit mehr als Tuchfühlung standen hie Men- schien beieinander und beobachteten die Vor. gange, hie sich auf dem Bahnhofe abspielten. Nicht minder belagert war die Wilhelms- höher Allee, die wieder ihren reichen Flaggenschmuck an hohen grünumschlungenen und mit va'.eiländischen Emblemen gezierten Casselaner kamen »ur Wilhelmshöhe. je näher