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Wckr Neueste Nachrichten

Nr. 205.

Zweiter Jahrgang.

1. Beilage.

Mittwoch, 7. August 1912.

kine Hochschule in Kassel?

Ctee sechste Technische Hochschule in Preu­ßen mit dem Sitz im Westen der Monarchie.

In Cassel eine Hochschule . . .? So wird mancher Leser kopfschüttelnd fragen. So etwas ist wohl in dem finanzschweren Kom­munalstaat eines Dr. Adickes möglich; aber Cassel ist doch kein Frankfurt! Und dennoch liegt die Errichtung einer Hochschule auch in Cassel im Bereich der realen Möglichkeiten. Es handelt sich allerdings nicht um eine Uni­versität sondern (um es gleich vornweg zu sa­gen) um eine technische Hochschule, die für Cassel in Betracht kommt. Nach einer neu­lich durch die Prefle gegangenen Mitteilung bestehen an maßgebender Stelle Erwägungen über die Errichtung einer sechsten technischen Hochschule in Preußen, und zwar im Westen der Monarchie. Im letzten Jahrzehnt wurden im Osten der preußischen Monarchie zwei neue Schulen dieser Art gegründet, in Breslau und in Danzig. Im industriellen Westen dürfte in nicht zu ferner Zukunft den beiden technischen Hochschulen in Aachen und Hannover sich noch eine dritte zugesellen, falls die oben erwähnte Zeitungsnotiz zutreffend ist. Bei dem gewaltigen Wachstum des Ver­kehrs und der riesenhasten technisch-industriellen Entwicklung in Deutschland haben die techni­schen Hochschulen, die gegenwärtig von sieb­zehntausend Studierenden besucht werden, einen ungeahnten Aufschwung genommen. Der Kai­ser ließ ihnen mit weitschauendem Blick tat­kräftige Hilfe zuteil werden; auch der preußische Ministerialdirektor A l t h o f f machte viele Mittel für sie flüssig. Sollte nun in der Tat das Bedürfnis nach einer neuen Anstalt dieser Art

im Weste« Preußens

vorhanden sein, so wäre Casseldergeeig- n e t st e Ort für eine technische Hochschule. Liegt es doch etwa in der Mitte zwischen Aachen und Hannover und auch in dem gleichen Abstand fast von Darmstadt, wo ebenfalls ein technische Hochschule sich befindet. Zu der günstigen zen- trelen und Verkehrslage kommt noch die herrliche Natur läge, welche ebenfalls man­chen Studierenden veranlassen würde, sein Stu­dium in Cassel zu absolvieren. Auch die in­dustrielle Entwicklung Cassels fiele noch geziemend in die Wagschale. Ja, in dieser Richtung wird sich namentlich Cassels zukünf­tige Entwicklung bewegen, und die Zeit ist nicht fern, wo der Boden desForstes" unter dröhnenden Dampfhämmern großer indu­strieller Ansagen erzittert. Es sind meistens derartige Städte, die dem zweiten Hundetttau- fcnd in der Einwohnerzahl stark sich nähern oder diese Zahl bereits überschritten haben, welche technische Hochschulen in' sich bergen. Auch von einer Konkurrenz für Hanno­ver oder Darmstadt kann keine Rede fein, schon infolge der großen Entfernungen. Wenn auf der kurzen Strecke von Göttingen bis Frankfurt (180 Kilometer) vier Universi­täten (mit dem Jahre 1914) konkurrenz­los bestehen werden, so kann man dies von der Strecke Hannover - Darmstadt (280 Kilo­meter) von drei technischen Hochschu­len erst recht sagen. Außerdem sind fa derar­tige Erwägungen bei der

Beantwortung der Bedürfnisfrage

nie ausschlaggebend. Denn daß ein Bedürf­nis vorlag, gerade in Frankfurt eine Uni­versität zu gründen, wird wohl niemand ernstlich behaupten. Gewiß ist die Er­richtung einer Universität in Frankfurt mit Freuden zu begrüßen. Aber die Wissenfchaft und ihre Lehre wäre auch ohne Frankfurt in ihrem Fottbestande und in ihrer Weiterent-

Das ssleckfirber.

Bitte Skizze, von Ernest Stoll.

Als Frau Küche Sörendsen die Karte des Referendars Hugo Strach überreicht wurde, sah sie einen Augenblick sprachlos auf den klei­nen viereckigen Starten.

War es zu glauben, daß dieser Mensch sich schon wieder einfand! So etwas von zäher Dickfelligkeit war ihr noch nicht vorgekommen.

Sie warf die Starte auf den nächsten Tisch.

Sagen Sie dem Herrn, daß ich ihn nicht empfangen könne. Ich fei verhindert oder krank. . . was Sie wollen."

Sehr wohl, gnädige Fran."

Die Zofe ging. Frau Käthe Sörendsen machte eine Bewegung, als wenn sie ihr »och etwas aufzuttagen hätte, aber sie beherrschte sich.

Es war gut so! Mochte er wissen, daß sie dieser nun feit Jahren betriebenen Toggenbär­geres herzlich überdrüssig war. Aber . . . viel­leicht hätte sie ihn wenigstens empfangen sollen...

Und mit der ganzen Unsicherheit ihrer ka­priziösen Statur begann es ihr schon leid zu tun, Herrn Hugo Strach nicht empfangen zu haben, als die Zofe zögernd und verlegen aber­mals das Zimmer betrat.

Ich habe dem Herrn gesagt, daß die gnä­dige Frau krank sei . . ."

Nun und . . .?"

Darauf hat mir der Herr d i ef e Starte ge­geben."

Frau Käthe griff hastig nach dem Blatt, um dann hell aufzulachen.

Also gut," sagte sie dann,führen Sie den Herr» in den Salon."

Jnzwifchen besah Frau Käthe die Karte noch einmal. Und wieder brach sie in ihr per­lendes Lachen aus. Aus demDr. jur. Hugo Strach, Referendar" war in den wenigen Mi. nuten einDr. med. Hugo Strach, praktischer Arzt" geworden . . . und diesem gegenüber hatte sie sich krank sagen lassen! Doch gleichviel . . . in welcher Gestalt dieser Mann ihr auch entgegentrat, heute wollte sie ihm endgültig ihre Meinung sagen.

Kurz darauf betrat sie den Salon.

Hugo Sttach machte seine tadelloseste Ver­beugung und überreichte ein paar lose, sehr geschmackvoll gewählte Blumen.

Wicklung garantiert gewesen. Letzten Endes sind es immer kommunalpolitische Er­wägungen, die in solchen Angelegenheiten die antreibenden Motore bilden. Vor allem aber hat Cassel ein historisches Anrecht auf eine technische Hochschule. In Cassel bestand feit 1832 eineKurfürstliche höhere Gewerbe­schule", spaterPolytechnische Schule" genannt. (Bedeutende Männer wie der Phy­siker Bunsen, der Sptttralanalytiker, sowie der Chemiker Wo edler ufto. haben daran gewirkt ) Rach der Einverleibung in Preußen (1866) wurde die damals bedeutende Anstalt, deren letzter Direttor Dr. Hehl war, aufge­hoben; diePolytechnische Schule" in Hanno­ver dagegen wurde, wie alle Polytechnika, zur technischen Hochschule ausgebaut. Einen halb­wegs vollwertigen Ersatz (wie etwa durch die jetzige hiesige Baugewerkfchule) hat Cassel nicht erhalten. Als die damaligen Stadtverant- wottlichen die Tragweite obiger Maßnahmen in ihrer

Bedeutung für Cassel

erkannten, und für die Erhaltung derPoly­technischen Schule" 'Schritte tun wollten, war es zu spät. Der rechte Augenblick war verpaßt! Sollte nun in nächster Zukunft im Westen eine neue technische Hochschule errichtet werden, so hat also die Provinzial-Hauptstadt Cassel das größte historische Recht darauf, diese Anstalt zu erhalten; damit würde jenePolytechnische Schule" Cassels alstechnische Hochschule" wie­der auferstehen. Unsere Stadtobersten aber, und hinter ihnen eine Vorwärtsstrebende Bür­gerschaft, sollten keine Mittel scheuen, um Ver­lorenes wieder zu gewinnen. Denn darüber muß sich jeder Einflchttge flat fein: Daß Cas­sels Zukunft damit steht und fällt, ob es gelingt oder nicht gelingt, ein wissen­schaftliches Institut zu erhalten. Zu dieser Erkenntnis ist noch nicht einmal ein besonderer Weitblick erforderlich. Und beson­derer Anstrengungen, und fei es auch jahr­zehntelanger, ist die Sache wert, da es sich um Cassels Zukunft handelt. Möchten un­sere Stadtverantwottlichen aus eigener Ge- tStiebte und an Frankfurts Beispiel in dieser Hinsicht lernen: Den rechten Augenblick, den richtigen Zeitpuntt wahrzunehmen. Denn wie Goethe sagt:Der Augenblick nur entschei- det über des Menschen Leben!" Oftmals auch über die Zukunft einer Stadt! P. M.

Das zweilinder-System.

Der Anthropologentag in Weimar; Geheim­rat Lttschau über das Zweikinder - System.

(Von unferm Mitarbeiter.)

In der alten Goethestadt Weimar be­gannen gestern die diesjährigen Verhandlun­gen des Deutschen Anthropologen­tags, die dadurch eine besondere Bedeutung gewinnen, daß bl'e Tagesordnung mehrere Re­ferate von attnellster Bedeutung aufweist. In erster Linie interessiert der am gestrigen Eröff­nungstag von Geheimrat von Sufdjau, dem Direttor des Berliner Museums für Völ­kerkunde, gehaltene Vortrag über das Z w e i - kinder-System. Geheimrat von Lufchan führte aus: Die Entartu.ngderKultur- völker beschäftig heute mehr denn je alle Streife. Das elende Zweikinder. Sy­stem üst längst nicht mehr auf Frankreich be­schränkt. Mehr und mehr breitet sich die be­wußte und absichtliche Beschränkung der Kin- derzähl über alle Kulturvölker aus, und wenn sie bei uns noch vor wenigen Jahren aus die oberen Zehntausend beschränkt war, so greift sie jetzt auch auf die breiten Massen über, eine

Sie dankte und wies auf einen entfernter stehenden Sessel. Hugo Strach hatte aber in­zwischen bereits auf einem andern Platz ge­nommen. Sein frisches, von einem starken Schnurrbart und einer Tiefquart pointiertes Gesicht verzog keine Miene, als er schließlich den Sessel dicht an die Causeufe zog, aus der Frau Käthe Platz genommen, und aufmerksam ihren Puls fühlte.

Ehe sie sich noch entscheiden konnte, ob sie lachen oder sich entrüsten sollte, hatte er feine Diagnose beendet . . . wenigstens blickte er sie jetzt mit tiefinnerlichem Verständnis an.

Eigentlich, gnädige Frau, müßten Sie mir jetzt noch die Zunge zeigen. Da ich aber ein empfindlicher und mißtrauischer Mensch bin, so fürchte ich, daß .iSe das besonders gern tun würden und deshalb .. ."

Herr Doktor, ich muß bitten .. .* wies ihn Frau Käthe mtt schwer bewahrtem Ernst zu­rück.

Ihr Leiden ist unbedenklich, gnädige Frau. Es ist die alte Geschichte, die ich beobachte, seit ich die Ehre habe, Sie zu kennen: Antipathia Strachiana . . . gesliffenrlich und unvorsichtig genährt, daher augenblicklich gesteigett; aber ... nicht unheilbar.^

Darf ich fragen, Herr Doktor, was Ihnen das Recht gibt, in dieser Weise mit mir zu sprechen?" fragte die schöne Frau, nun wirklich geärgert.

Das ist schwer zu beantworten," erwiderte er mit einem tiefen Ausatmen. Es ist das Recht jedes Menschen, sich zu beNagen, wenn er schlecht behandelt wird. Sie werden mir zu­geben, daß Sie recht unfreundlich zu mir sind .. . auch heute wieder, wo ich mich so sehr dar­auf gefreut habe, Ihnen mit einem erfüllten Wunsche unter die Augen zu kommen."

Einem Wunsche . . . von mir . . .?

Ganz recht. Sie scheinen sich dessen aber nicht mehr zu entsinnen. . .'

Allerdings."

In diesem Falle muß ich allerdings etwas weiter ausholen, gnädige Frau. Genau ein Jahr, nachdem mein Freund Sörendsen, Ihr Herr Gemahl, das Zeitliche gesegnet, wagte ich zum erstenmal eine Andeutung, daß ich Sie liebe, und daß ich ein unvernünftig glücklicher Mensch werden würde, wenn Sie mir Ihr Händchen fürs Leben reichen wollten Sie

w ah re P eft, deren Gefährlichkeit sich bis jetzt leider nur die wenigsten bewußt geworden sind. Wtt haben das beste Heer und die fchim- mcrnbfte Rüstung, unser Handel und unsere Industrie erobern Jahr für Jahr immer glänzendere Positionen, wer will da von Entattung reden? Viele Kinder verlangen die einen, gute Kinder die anderen: Wir brauchen aber beides. Die Mittel zur Abhilfe können nur auf Grund sorgfältiger Untersuchung ge­schaffen weiden, und hier erwächst der sozialen Anthropologie

eine wichtige Aufgabe.

Diese Untersuchungen müssen auf statistischer Grundlage an gestellt werden. Alle Behörden sind bereits für diese Idee gewonnen und sehen die Nützlichkeit einer Massenuntersuchung ein. Nur die Mittel fehlen noch; es handelt sich um hunderttausend Mark, die in zehn Jahren aufzuhringen sind. Mer angesichts der günsti­gen Reichssiuanzlage undher großen Bedeu­tung dieser Frage müssen die Mittel aufge­bracht werden. Zu den Verhandlungen war auch der Großherzog von Sachsen- Weimar in Begleitung des Staatsministers Dr. von Rothe erschienen. Der Vortrag von Professor Neuhaus.Berlin über Schillers Schädel und Totenmaske ist von der Tagesordnung abgesetzt worden, da man die Frage nicht zum Gegenstand eines öffentlichen pietätlosen Gelehrtenstreits machen will. Neu­haus ist der Meinung, daß die Behauptung Professor FroriepS, der von ihm (Froriep) ge­fundene Schädel fei der authentische, irrig fei. Er hat auch allerlei Material gesammelt und Frorieps Anschauung (der allerdings auf den Kongressen mehrere Stoa tonten und An­thropologen beigetreten waren) sachlich wi­derlegt. Auf Neuhaus' Vorttag war man auf dem Anthropologentag sehr gespannt und eine große Anzahl von Gästen war gerade dieser Debatte w egen nach Weimar ge­kommen. Nun verlautet, da Froriep, der in Weimar sehr einflußreich ist, Neuhaus durch dritte Personen bestimmen ließ, von diesem Vorttag abzusehen. Ob das letztere zutrifft, kann natürlich nicht festgestellt werden, Tatsache ist indessen, daß der Vorttag noch im letzten Augenblick von der Tagesordnung abgesetzt wurde. --

Am aller West.

Di« Nolf-Lenzer-Affäre.

Wie wir schon telegraphisch berichtet haben, ist man in der Deutschen Kanzlei, Hauptstelle für Vaterländisches Vereins- und Schristwesen in Berlin, umfangreichen Un­terschlagungen und Urkundenfäl­schungen auf die Spur gekommen, hie der Geschäftsführer, Schriftsteller Rolf, begangen hat. Gleichzeitig wurde die Entdeckung ge­macht, daß der feit längerer Zeit der Kanzlei vorstehende Rolf in Wirklichkeit ganz anders heißt, nämlich Lenzer, und bereits wieder­holt mH dem Strafgesetzbuch in Konflikt ge­kommen und schwer mit Zuchthaus vor­bestraft ist. Die Deutsche Kanzlei umfaßt eine ganze Anzahl von wohltätigen und vater­ländischen Stiftungen und Vereinen. So ge­hören beispielsweise der Flottenverein, die Bismarck- und die Felix-Dahn-Stistung und andere gemeinnützige Vereinigungen zu ihrer Zentralstelle. Vor zwei Jahren wurde der Po­sten eines Geschäftsführers für die Kanzlei frei, und die Wahl fiel auf den Schriftsteller Rolf, der von einflußreichen Personen warm empfohlen wurde. Seit einiger Zeit erschien

wiesen mich damals ab . . . und Sie hatten recht. Ich war ein Flaneur, ein Nichtstuer, der dem lieben Herrgott" den Dag stahl. Sie sagten mir rund und offen, was ich wett war, und ich habe mir das zu Herzen genommen. Nach drei Jahren angestrengter Arbeit hatte ich meine medizinischen Studien in abgekürz­tem Verfahren beendet, und als ich hoffmmgs- ftoh mich Ihnen wieder zu nähern wagte, er. Qärten Sie mir, daß Ihnen ein Mediziner von Beruf wegen unsympathisch sei. Dabei hatten Sie die Güte, mir anzudeuten, daß die Juri­sterei Ihnen viel besser gefalle . . ."

Frau Käthe Sörendsen errötete . . . und nicht nur unter dem seltsamen Blick ihres Be­werbers, den sie in intimem Kreise als ihr Fleckfieber" zu bezeichnen pflegte, sondern na­mentlich auch in Erinnerung daran, daß sie wirklich eine folche, immerhin ermunternde Be­merkung gemacht hatte.

Ich begriff das voWommen," fuhr Hugo Strach fort .Ihr Gatte war auch Juttst. In weiteren drei Jahren habe ich nunmehr die erste Staffel zu dem ehrenwetten Stande eines Ministers erklommen.

Ich habe nicht geglaubt, daß Sie aus einer nichtssagenden Bemerkung derartige Schlüsse ziehen würden," warf Frau Küche ein . . . und doch schon etwas tiefer berührt von dieser eher- nen Beharrlichkeit.

Hugo Sttach bemerkte das nicht. Er zeich­nete mit seinem Stock die Arabesken des Tep­pichs nach. Erft nach einer Pause antwortete er:

Diesen Fehler habe ich ein bißchen spät eingesehen . . . nämlich erst vor vierzehn Ta­gen, als mir Frau Geheimrat Michels erzählte, daß Sie eventuell nur einem Landwirt die Hand reichen würden. . ."

Wieder eine Pause, die Frau Käthe Sörend­sen geradezu qualvoll empfand.

Endlich fuhr er fort, indem er sich aus der gebückten Stellung aufrichtete und sie mit einer eigenartig indifferenten Freundlichkeit ansah.

Die Erfüllung des Wunsches, mit der ich Sie heute überraschen wollte, ist . . daß ich seit gestern Landwirt bin."

Herr Doktor . . .!"

Wie mit Purpur übergossen erhob sich die schöne Frau. Auch Hugo Sttach stand auf.

Es ist das eigentlich die leichteste und am tortatefrt leitraubenbe Metamorphose, die Sie

dem Aufsichtsrat die Geschäftsführung Rolfs nicht einwandfrei, und eine nähere Prüfung ergab ein wenig erfreuliches, aber umso über­raschenderes Ergebnis. Rolf hatte sich nicht nur wiederholt der schweren Urkundenfäl­schung dadurch schuldig gemacht, daß er an Stelle des Syndikus notarielle Handlun­gen vorgenommen und Unterschriften geleistet hat, sondern auch durch direkte Unterschla­gung der Kanzlei eine größere Summe hin­terzogen hatte. Rolf recte Lenzer ist flüchtig, und es ist bisher nicht gelungen, ihn zu ver­haften.

Der Gerichtsvollzieher... im Löwenkäfig.

Aus Berlin wird uns gefchrieben: Es ist gewiß schwer, wilde Bestien im Zaum zu halten und sie mit den Künsten der Dressur gefügig zu machen. Aber felbst der mutigste Dompteur muß vor dem schlichten Mann wei­chen, der einen Vollstreckungsbefehl vorweifen kann. Das hat sich wieder in jenem indischxn Reich erwiesen, das auf Tempelhofs noch un­bebauten Geftlden liegt. Der Dompteur Marti F o l i o t i, der in Hagenbecks Indien täglich mit seinen Löwen die schwierigsten Dressuren vorfühtt, schuldet einem Berliner Agenten die Summe Von siebenhundert Mark, wegen deren gegen ibn bereits ein vollstreckbares Urteil er­gangen ist. Der Vertrag Foliotis, der inzwi­schen prolongiert worden ist. lief jetzt ab, und infolgedessen batte der Rechtsbeistand des Agenten eine Pfändung gegen den Löwenbän­diger erwirkt. Di« Erekution follte vollstreckt werden, und zwar wollte man die Löwen des Dompteurs mit Beschlag belegen. Von der Pfändung der Löwen wurde aber zunächst Abstand genommen, da Folioti versprach, die Angelegenheit zu regeln. Dagegen wurde die Gage Foliotis für die nächsten Tage gepfän­det. Trotz feiner Versprechungen hatte Herr Folioti indessen noch immer nicht gezahlt und er wird jetzt wobl der Pfändung seiner Löwen kaum noch entgehen können.

Die Tragik, des Lebens.

In Bischheim war kürzlich Meßti, die elsässische Kirchweih, KarussÄs, Schießbuden. Zuckerstände ... das gewohnte Bild. An be. sonders freiem Platze, damit das Publikum recht 'm Scharen herbeiströmen tarnt, thront das Käschperle-Theater. Hier oben aber wohnen heute lustiger Uebermut und bleierne Traurigkeit eng beieinander. Zu den Hauptdar­stellern. die hinter der Bretterwand die Mario, nettenfiguren im tollen Allotria tanzen, singen, schreien und sich prügeln lassen, zählt in dem kleinen Ensemble der achtzehnjährige Sohn desTheaierdirektor". Mit noch einem Fami- mienmitglied wird der gesamte Personenappa­rat des Theaters beftritten ... Asst Samstag ist nun der Sohn in den vorüberfließenden Rhein-Marne-Kanal baden gegangen und er­trunken. Am Sonntag liegt er aufgebahrt in dem Wanderkarren. In dem davorstehenden Käschperle-Dheater agiert mit zerrissenem Her. zen der Vater, wiederholt fast ohne Besinnung all die grotesken Witze Käsperles und seines Gegenspielers, wobei er die Stimme des Soh­nes nachahmen muß, der hinter dem Zaun kalt und tot daliegt! Die Bischheimer Kttchenglocken läuten dem ertrunkenen jungen Menschenkind das Sterbegeläut, indes der Vater mit der Trompete das letzte Zeichen zum Beginn der Vorstellung gibt. ... Am Abend hatte die Kasse die höchste, je erreichte Einnahme zu verzeich­nen. Teilnahmsvolle Menschen hatten sine Sammlung veranstaltet, die hundettzwei Mark ergab. Die Kosten der Beerdigung des jungen Menschen übernahmen die vereinigten Buden besitzer der Bischheimer Meßti.

mir auferlegten, gnädige Fmu," sagte er mit einfacher Verbindlichkeit,und deshalb glaube ich em Uebttges tun und als Draufgabe noch einen andern Wunsch erfüllen zu müssen, den Sie recht häufig geäußett . . . daß nämlich das Fleckfieber" sich doch endlich verheiraten möchte. Ich bin . . . feit gestern mit Fräulein von Rossberg, der ältesten Tochter meines Gutsnachbarn, verlobt..."

Lsisrr SAilhrlms Mrmoirru?

Man schreibt uns aus Paris: DerCris de Paris" will auS guter Quelle wissen, daß Kai­ser Wilhelm der Zweite feit feiner Thronbesteigung an seinen Lebenserinne­rungen arbeite, und daß er diesem Werke jeden Tag eine halbe Stunde widme. Angeb­lich hat der Kaiser die Bestimmung getroffen, daß seine Erinnerungen, falls er sie nicht vor­her vernichtet, erst zehn Jahre nach seinem Ab­leben veröffentlicht werden dürfen. Einige Vertraute sollen gelegentlich in manche Teile des Werkes Einsicht erhalten haben, und diese heben als fein hauptsächlichstes Kennzeichen die Freimütigkeit der kaiserlichen Ettnnerun- gen hervor. Mit völliger Offenheit fpreche der Kaiser von seinen Ministern, von den gekrön­ten Häuptern seiner Zeit, von seinen Ver­wandten und seinen Verbündeten. An mehr als einer Stelle soll die Zärtlichkeit und Ver­ehrung, die der Kaiser für seine Gemahlin empfindet, zum Ausdrucke kommen, aber, auch in dieser Hinsicht offen, schildert der Kaiser (so­fern die Mitteilungen des französischen Blat­tes Vertrauen verdienen) auch solche Züge der Kaiserin, die ihm Schwierigkeiten be- reftet haben. Er erkennt offen an, daß sie durch ihren Rat ihm m^t als einmal von Nutzen ge­wesen ist. hebt aber auch ihre Abneigung gegen die großen Hosempfänge und ihre Vorliebe für die Intimität her­vor. Es soll daher geschehen fein, daß die Kai­serin bei den großen Hoffesten und Hofemp­fängen die ihr dargebrachten Huldigungen nicht immer fo warm und liebenswürdig aufgenom­men und beantwortet habe, wie es erwartet Würbe. Die interessantesten Kapitel der kai­serlichen Erinnerungen sind nach dem Pariser Blatt diejenigen, die sich auf Eduard den Siebenten beziehen und in denen der Kai­ser das Verhältnis zu seinem Onkel in allen charakteristischen Einzelheiten beleuchtet. K. F.