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Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

2. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 6. August 1912

Nummer 204.

Fernsprecher 951 und 952.

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Hundert Satte Krnvv.

Ein Jubiläum deutscher Arbeit.

In diesen Lagen feiert die Firma Frie­drich Krupp in Essen das Jubiläum ihres hundertjährigen Bestehens. Jedermann weiß (»der kann es leicht Nachlesen), haß diese Firma das größte Gußstahlwerk der Erde besitzt, daß sie vor zehn Jahren schon rund fünfund- vierzigtausend Personen beschäftigte (davon fünfundzwanziigtausend in der Fabrik in Esten), daß außer dieser zu ihrem Konzern zwei andere Riesenwerke, daS Grusonwerk in Magdeburg und die Germaniawerft in Kiel ge­hören, ferner das Stahlwerk vormals Asthöwer und Eomp. in Annen, fünf Hüttenwerke in Rheinhausen, Duisburg, Neuwied, Sayn und Engers, drei Kohlenbergwerre, rund fünfhun­dert Eisenerzgruben in Deutschland und die reichsten Eisensteinfelder der Welt, die von Or- conera bet Bilbao in Nordspanien, daß die Kruppschen Werke 71221 Personen beschäftigen und täglich etwa sechshundert Eisenbahnwagen Kohlen verbrauchen. Das alles verblüfft durch die eindrucksvolle Wirkung der Zahlen, denn wir stnd doch all« mehr oder weniger von dem angesteckt, was der Franzose dierage de nombre" nennt. Aber diese Ehrfurcht vor zro. ßen Zahlen hat ihre Ursache doch nur darin, daß wir dahinter eben die große Leistung ahnen. Wenn man fich vorstellt, daß diese un­geheuren industriellen Anlagen Tag und Nacht im Betrieb stnd, daß ununterbrochen ein Heer von gewaltigen Maschinen rasselt, knirscht, die Arme reckt, die Felgen dreht, daß Dutzende von Essen rauchen, daß Hunderte von Eisenbahn­wagen die Erze und Stahlblöcke heran- und die FertigsaibrUate fortschleppen, daß eine unge- heure Menge von Fabrikaten täglich, stündlich von diesen Werkstätten in alle Winkel des Rei­ches hinaus und in alle Gegenden der Welt gehen, dann dämmert «ine Ahnung leise heraus von der Bedeutung der Firma Friedrich Krupp für Deutschland und für die ganze bewohnte Erde.

Der Energieaufwand, der dieser Riesenarbeit zugrunde liegt, muß auch dann zur Bewunde­rung hinveißen, wenn man im Zweifel ist, ob die Herrschaft der Maschine für die Menschheit «in Glück oder ein Verhängnis bedeutet. Speziell die Kruppsche Fabrik ist aber noch in anderer Hinsicht ungemein interessant. Ihre Entwicklung ist gradezu ein Schulbeispiel dafür, daß die Ausnutzung günstiger Konjunk­turen für den Kaufmann die wichtigste Vor­bedingung großer Erfolge ist. Die Firma Krupp war nicht immer vom Glück begünstigt, ja, sie stand mehrmals vor dem Ruin. Aber in dem offnen Mick ihrer Inhaber, der sie be­fähigte, günstige Gelegenheiten wahrzunehmen, und in dem Wagemut, sie zu ergreifen, lag doch von vornherein der Keim künftiger Größe. Der Begründer der Firma, Friedrich Krupp, der aus einer alten, mäßig vermögenden Kauf­mannsfamilie in Essen stammte und durch die Erfolge der englffchen Stahffabrikation auf den Gedanken gebracht worden war, in Deutschland englischen Stahl herzustellen, lernte gegen Ende des Jahres 1811 in Essen zwei ehemalige nas­sauische Offiziere, die Brüder Kechel von Kechlau, kennen, die angeblich im Besitz des vielgesuchten Flußmittels waren, von dem man damals die Herstellung des Gußstahls abhängig wähnte. Krupp baute «ine primitive Fabrik auf dem Boden der eine Stunde nördlich von Essen gelegnen Walkmühle, während die Brü­der Kechel in einem Anbau des heute noch er­haltenen Hauses Rümmer 17 in der zweiten Weberstraße ihre Schmelzversuche machten.

Als sich herausstellte, daß es mit ihrer Er­findung nichts war, kündigte ihnen Krupp Stellung und Wohnung und tat sich mit einem Erfinder Friedrich Nicolai zusammen zur Firma Nicolai und Krupp. Das Patent, das Nicolai auf ein Verfahren Mr Herstellung von Gußstchl hatte, erwies sich als wertlos und auch Nicolai mußte die Fabrik verlassen. In­zwischen hatte aber Friedrich Krupp immerhin soviel gelernt, daß er nach einem eignen Verfahren zur Gußstahlgewinnung schreiten komue. Er blieb nicht lange genug am Leben, um zu wirklichen Erfolgen zu gelangen. Als er am achten Oktober 1826 starb, war die Fabrik soweit heruntergekommen, daß Krupp aus der Zahl der steuerpflichtigen Gewerbe­treibenden gestrichen wurde. Dennoch waren wenigstens die Gebäude noch vorhanden und somit ein Grund und Boden, auf dem Frie­drichs Sohn, Alfred, weiterbauen konnte. Die­ser Knabe (denn beim Tode Friedrichs war er erst vierzehn Jahre alt) vefftaud es meisterhaft, zu hören, zu sehen und zu lernen. Er wanderte

bei allen Fabrikanten der Gegend umher, um neue Kundschaft zu suchen, aber auch um ihnen ihr« Fertigkeiten abzulauschen. Derselbe Zweck führte ihn später nach Frankreich und England. Und ebenso, wie er auf einer kurzen Reife in England im Handumdrehen englisch lernte, so lernte er auch in technischer Hinsicht, wie's ge­macht wird.

Daß dann in den vierziger Jahren die Er­findung der nahtlosen Bandagen für Eisen- bc-hnräder seine Fabrik schnell in die Höhe brachte und daß schließlich der Eintritt Preu­ßens in die Reihe der Weltmächte und der da­mit verbundene Bedarf an Kriegsmate­rial Alfred Krupp zumKanonenkönig" mach­te, ist bekannt. Nicht so bekannt ist aber, daß dieser Herrenmensch von feiten seiner Mitarbei­ter feinen Widerstand vertragen konnte. Obeffte Richffchnur für seine Arbeiter war ihm die Treue zur Organisation, die er straff in der Hand hielt. Wollte er doch im Sommer 1872, als die Zeche Graf Beust in den ersten deut­schen Bergarbeiterstreik mit hineingezogen wurde, sofort jede Verbindung mit der Zeche lösen. So tief verletzte dieTreulosig­keit" der Streikenden seine Empfindungen. Und es ist wohl in der Hauptsache richtig, wenn behauptet wird, Alfred Krupp habe bei der Gründung der in der Welt einzig dastehenden Wohlfahrtseinrichtungen seiner Fabrik sehr wohl auch die F e f f e I int Auge gehabt, die er mit diesen Wohltaten seinen Arbeitern aufer­legte. Das ändert aber nichts an der Größe dessen, was er erreicht hat. Friedrich Alfred Krupp hat das Gebäude des Millionenbetriebes fertig vorgefunden und nichts mehr nötig ge­habt, als darin zu wohnen. Er war mehr Gelehrter als Kaufmann, mehr stiller Arbeiter im Dienst seiner Ideale als Pionier industriel­ler Entwicklung, aber das vom Vater überkom­mene Erbe hat er treu verwaltet, und als er aus dem Leben schied, hinterließ er das Riesen­werk, das in der Welt fast nicht seinesgleichen hat, in mustergiltiger Verfassung. Krupp von Bohlen und Halbach, der gegenwärtige Inha­ber der Firma, ist der Träger alter Krupp'scher Tradition und seine ganze Persönlichkeitsart berechtigt zu der Hoffnung, daß er die ihn über­kommene Aufgabe, Krupps Lebenswerk fortzu­führen, restlos erfüllen wird. -v.

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Der Beginn der Hundertjahrfeier.

Achrhunderteinundzwanzig H u b i I« r e der Kruppschen Betriebe aus den beiden letzten Jahrgängen waren am Sonnabend nachmittag in die Villa Hügel bei Essen geladen, wo in der neuerbauten Festhalle bie Feier für die Jubilar« stattfand. Nachdem Herr und Frau Krupp von Bohlen und Halbach mit ihrem Sohne Alfred und die übrigen Mitglie­der des Hanfes sich cingefunden hatten, erklang das Vorspiel zu der OperDie Meistersinger". Rach der Rezitation eines FestgedichtesAn die Jubilare" ertönte dasGroße Hallelujah" aus KlopstocksWelten" 'von Hummel, worauf Herr Krupp von Dohlen und Halbach eine An­sprache an die Jubilare hielt, in der es unter anderm hieß: Können wir uns einen schöneren Eingang in das neue Jahrhundert Kruppscher Geschichte gedenken, als den, über dessen Bozen unseres Deutschen Kaisers schirmvolle Hand sich breitet? Unseres Kaisers Majestät will ez sich nicht nehmen lassen, als oberster Ar­beit e r int Deutschen Reich auch hier unseren Festen Kruppscher Arbeit persönlich beiz'twah­nen.

Kostewltsch Md Nikolski.

Die Haftentlassung der beiden Spione.

Die Spionageaffäre Kostewitsch-Ri- kolski ist durch die Voruntersuchungen Leip­zig jetzt so weit geklärt, daß eine H aftent- lassung der beiden Verdächtigen gegen Kau­tion möglich geworden ist. Beide sind bekannt­lich erft vor kurzem (der eine von Berlin, der andere von Köln) nach Leipzig übergeführt worden. Wie wir erfahren, ist Oberleutnant a. D. Nikolski, dessen Verteidigung in den Händen der Rechtsanwälte Dr. Felix Zehme, Tr. Hezel, Dr. Hahnemann und Dr. Kirchberger lag, bereits am Sonnabend gegen Stellung einer Kaution von fünftausend Mark a u s d e r Haft entlassen worden. Aufenthaltsbe­schränkungen sind Nikolski nicht auferlegt wor­den. Die Haftentlassung des Hauptmanns Kostewftsch scheint nahe bevorzustehen. Sie er­folgt voraussichtlich im Laufe des heutigen Ta­ges. Kostewitsch hätte wahrscheinlich auch schon am Sonnabend entlassen werden können, wenn die Stellung der geforderten Kaution von dreißigtauseud Mark möglich ge­wesen wäre. Da der Hinderungsqrund aber nur äußerlicher Art war, kann mit der Haftent­lassung am Montag gerechnet werden. Auf der russischen Botschaft in Berlin ist man mit den Angaben über die Wend'mg in der Affäre Ko­

stewitsch noch vorsichtig und zurückhaltend. Wie ein Privattelegramm aus Berlin mel­det, ist die Summe von dreißigtausend Mark für eine eventuelle Freilassung des Hauptmanns Kostewiffch von der russischen Regierung zur Verfügung gestellt und bereits nach Leipzig überwiesen worden. Diese Kauttonsstellung soll aber angeblich nichts mit der Frage zu tun ha­ben, ob Hauptmann Kostewftsch tatsächlich freigelassen werden wird. Die Verhandlungen darüber feien noch nicht abgeschlossen. Die russische Regierung habe die Kaution nur für alle Fälle bereitgestellt.

Maflenverhaftunq englischer Spione!

(Privat-Telegram m.)

Eckernförde. 5. August.

Fünf längere Zeit hier weilende Englän­der, in deren Besitz Aufnahmen hiesiger K ü - stenbefestigungen und Schietzstände ge- ftmben wurden, sind unter Spionageverdacht verhaftet worden. Bei Altenhof an dDßEckern- förber Bucht beobachtete der Zollaufseher Kie­sel zwei Fremde, die photographische Aufnah­men von dem im Bau begriffenen Torpedo- schiessstand der deutschen Marine machten. Er nahm die beiden Herren, zwei Engländer, fest und übergab sie der Polizei in Eckernförde. Diese nahm auf der Lustjacht, aus der die Her­ren gekommen waren, eine Untersuchung vor und beschlagnahmte eine Reihe von Auf­nahmen von Küstenstrichen und Kriegsschiffen Deutschlands. Es wurden noch drei wei­tere Personen, die sich an Bord befan­den, verhaftet. Die Verhafteten erklärten, sich auf einer Vergnügungsreise zu befin­den ustd von Kopenhagen nach Kiel gekommen »u sein, wo sie sich am Tage vorher aufgehalten batten. Bon Kiel aus waren sie um Bütt herum nach Eckernförde gefahren. Sie bestreiten, Spionage betrieben zu haben. Am Sonnabend vegab sich der Erste Staatsanwalt von Kiel nach Gif entfärbe und unterzog die Berhafteten einem eingehenden Verhör, worauf sie in das Untersuchungsgefängnis zu Kiel gebracht wur­den. Der eine der Verhafteten heisst Robinson. Dieser gibt sich als Arzt aus, während ein anderer Rechtsanwalt sein soll. Die fünf Verhafteten sind inzwischen nach Kiel in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert worden.

Der Wirrwarr in der Türkei.

Kammerauflösung und Albanesenanfstand.

Sett einer Woche ringt die ottomanische Nation um die Lösung des durch Albanesen und politisierende Offiziere hervorgerufenen inneren Konfliktes. Die Frage des Tages ist die Auflösung der Kammer. Gegen diese, als die hervorragendste jungtürkische Vereinigung, richtet sich die Wut der Opposttton. Die Jungtürken haben sich die Siebe eines sehr großen Teiles der Natton nicht zu erwerben gewußt. Ihr natürlicher Wider­sacher war die Legion derjenigen, die unter dem Regime Abdul Hamids als dessen Ver­traute und Svione eine durchaus befriedigende Existenz geführt hatten. Sie waren die Be­herrscher des gewaltigen Reichs und wußten abwechselnd ihrem hoben Auftraggeber und der Bevölkerung die gewünschten Summen abzu­pressen. Diese Tausende zum Teil recht vermö­genden Leute führten seit der Absetzung ihres Chefs einen geheimen, aber dafür umso er­bitterteren Kamvf gegen das Komitee, der endlich so weit gediehen ist. daß dieses nunmehr, wenigstens für eine Zeit, von der Macht zurücktreten muß. Dann aber traten bei den Jungtürken noch einige Mängel und ein iu großer Eifer für die Sache hinzu, die das Werk der Gegner beschleunigen halsen. Durch den siegreichen Marsch des Saloniker Armee­korps auf Konstantinopel und die Einnahme der Hauvtstadt wurde eine verhältnismäßig we­nig Zahlreiche Gruvpe von Leuten an die ©bitte des Staates gestellt. Was Wunder, wenn diese im Geftibl der mangelnden Erfahrung und der geringen Zabl fich den Rucken dadurch m stär­ken suchten, daß sie alle staatlichen Stellen mit den Bekennern ihrer Ideen besetzten und von diesen Leuten zwar die Erfüllung ihrer dienstlichen Funktionen, vor allen Dingen aber eine eifrige Politische Wirksamkeit im Sinne des Komitees verlangten. Jetzt bat nun der Kampf der Barteien untereinander zu einem Gewalt ft reich geführt: Die Kam­mer i ft aufgelöst! Es liegen darüber fol­gende Meldungen vor:

Die AuMmky der Kammer.

(Privat-Telearamm.)

Konstantinopel, 5. Auaust.

Völlig überraschend ist gestern die Auf­lösung der Kammer durch ein kaiserliches Jrade erfolgt. Gestern mittag erschienen die Minister im Senat, der zu einer außerordentli­chen Sitzung einberufen worden war. Die Sit­zung war geheim. Die Regierung berichtete zunächst über die Lage und ersuchte dann um Annahme der Aenderungen des Artikels drei­

undvierzig der Verfassung, der bestimmt, daß bei einer Auflösung des Parlaments die neu» zusammentretende Kammer nur als Fort­setzung der alten Kammer anzufehcn sei. Von den vierunddreißig anwesenden Se­natoren waren achtundzwanzig für, fünf gegen die Verfassungsänderung bet einer Stimmenthaltung. Nach der Annahme der Aenderung durch den Senat beschloß das Ka­binett die Auflösung der Kammer, die so­fort nach Albanien gemeldet wurde, nachdem her Sultan das betreffende Jrade unterzeichnet hatte. In der heutigen Kammersitzung wird der Großwesir das Jrade über das Ende der Legislaturperiode verlesen. Die Bevölke- rung der Hauptstadt wußte bis abends acht Uhr noch nichts von der Auflösung. Der Mi­nisterrat dauerte gestern bis in die späten Abendstunden hinein. Es verlautet, daß ernste Nachrichten aus Albanien eingetroffen seien.

BorbereMmgerr $um Battankrieg!

(Privat-Telegrcimm)

Depeschen aus Belgrad zufolge werden hort infolge der beunruhigenden Nachrichten aus dem albanischen Aufftandsgebiet feit zwei Ta­gen fortwährend Mtnisterkonferenzen abgehalten, auch der abwesende Ministerpräsi­dent und der Kriegsminifier find telegraphisch ausden Bädern zurückberufen wor­den. Heber die Ursachen der Beunruhigung verlautet, dass eine Meldung nach Belgrad gelangt sei, nach der die meuternden Albanesen die gefangen genommenen türkischen Sol. baten christlicher Konfession, zweihundert an der Zahl, niedergemetz elt hätten. Diese Meldung bedarf jedoch noch der Bcstättgung. Ferner heisst es, dass die Revolte längs der serbischen Grenze immer weiter um sich greife. ...Im Zussmmenhang hiermit meldet uns ein Privat-Telegram m aus Sofia: Der Ministerrat hat di« Einberufung zu dreiwö- chenttichen Waffenübungen von zehn Reserve­jahrgängen bei der Infanterie, zehn bei der Ar- tillerie und sechs bei der Pioniertruppe be, schlossen. Die Hebungen finden nahe der türkischen Grenze statt.

Ein Bauern Aufruhr in Russland.

Ein Privat - Telegramm meldet uns aus Petersburg: In Miropolje bei Kurts sind aus Anlaß einer zwangsweise durchzeführten Agrar-Reform Bauernun­ruhen größten Umfangs ausgebrochen. Als die staatlichen Landmesser eintrafen und mit der Austeilung des Gemeindelandes gegen den Willen der Bauern begannen, versammelten sich unter dem Geläute der Sturm­glocken über zehntausend Bauern, die die Landmesser mißhandelten und gewaltsam ver­trieben. Erst dem herbeigehoften Militär gelang es, die Aufständischen zu vertreiben. Viele Verhaftungen wurden vorzenommen.

Bitt Abenteurer-Leben.

Verhaftung des Reichsgrafen Arz zu Dasegg; das Abenteurer-Leben eines Hochstaplers.

Wie wir an andrer Stelle berichten, hat die Wiener Polizei den österreichischen Reichs- grasen Johann Emanuel Maria Arz zu V a s e g g unter der Anschuldigung großer B e - trügereiett verhaftet. Graf Arz hat :n Deutschland schon zwei längere Gefängnisstra­fen abgebüßt. Vom Landgerichte zu Berlin ist er einmal zu einem und einmal zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Johann Emanuel Graf Arz ist am achtundzwanzigsten Dezember 1878 zu Patschendorf bei Bozen ge­boren. Er entstammt einer alten österreichischen Adelsfamilie und war seinerzeit in einer Ka­dettenschule erzogen worden. Er wurde aber im Jahre 1898 entlassen, ohne den Offizersgrad erreicht zu haben. Obgleich er vollkommen ver­mögenslos war, hat er es stets verstanden, auf Kosten Anderer zu leben, wobei ihm sein Grafentitel als Schrittmacher diente. Schon in den Jahren 1899 bis 1904 sind gegen ihn meh­rere Anzeigen wegen Kreditschwindels, Zech­prellerei und Diebstahls erstattet worden. Im Jahre 1904 ist er wegen Diebstahls eines Bril­lantenringes in Wien mit zwei Monaten Kerker verurteilt worden, mit welcher Strafe der Adelsverlust verbunden war. doch ist das Urteil von der zweiten Instanz aufgehoben worden. Graf zu Arz trieb sich in der Folge viel in Luxusbädern herum, hielt sich in Nizza, Wiesbaden, London und Paris auf und lebte als Grandseigneur. Die Mittel hierzu be­zog er von einem Herrn aus Wien, dem er sei­nen Plan unterbreitet hatte, eine Millio­nen b r a u t zu suchen und dann mit einem Schlage aller irdischen Sorgen enthoben zu sein. Der hilfreiche Herr will dem Grafen im ganzen hundertvierzigtausend Mark vorgeschossen haben. Im Jahre 1906 erließ Graf Arz in einer Berliner Zeitung eine Heirats­anzeige, in der er eine reicheDame als Le­bensgefährtin suchte. Durch diese An­nonce kam er mit einer Frau Lew an- dowski in Berührung und zog zu ihr nach